Sex/Fire

Öhm. Wieso habe ich den Moment verpasst, als Caleb Followill, Lead Sänger der Kings of Leon, von dem hier (Bild hab ich rausgenommen, datt kann ich mir einfach nich jedes Mal angucken wenn ich aufn Blog gehe).

… zu dem hier wurde:

Caleb Followill, Sexsklave weiblicher Gedanken

Und viel wichtiger: Warum hat mir keiner Bescheid gesagt?!

Ich sollte wohl wieder öfter mal ein paar Musikvideos laufen lassen. Seit das M in MTV für Müll steht klappt das aber nicht so wirklich. Jedenfalls werde ich Caleb (und eigentlich hatten alle Bandmitglieder so eine männliche Ausstrahlung, ich bin total überwältigt und habe wieder Hoffnung für die Menschheit) nun eine Rolle als Hauptdarsteller in meinem nächtlichen Kopfkino zuteilen. Jetzt, wo MJ tot ist, haben wir sowieso wieder einen Platz frei.* Ich hab auch eben gerade diese außerordentlich amüsante Timeline seines Aussehens entdeckt. Hallo? Aus welcher Zeit kommt denn der Typ! Der sah im Jahre 2000 aus wie ein Pornodarsteller aus den Siebzigern! Das nenn ich mal Vintage.

… nehm ich natürlich trotzdem.

Das Konzert. Paradoxerweise war ich so gespannt und voller Vorfreude, dass ich mich auf eine kleine Enttäuschung einstellte. Kings Of Leon sind die größte musikalische Inspiration in meinem Leben seit Radiohead und The Knife; das kann live einfach nicht so gut sein wie in meinem Kopf. Dachte ich.

Tatsächlich jedoch ist während des Konzerts mein Schädel einige Male explodiert, weil so viel Zauber und Energie und Euphorie und Hysterie einfach nicht reinpassen wollte. Zeitweise lag ich breitbeinig auf dem Boden und ergab mich dem auditiven Orgasmus. Ich habe vergessen zu atmen und die Uhr ging scheinbar rückwärts. Ich war tot und wurde wiederbelebt. Mein Leben macht wieder Sinn. Es war großartig.

Ich bin ja kein traditioneller Konzertefan, vergleichen kann ich also nicht so gut. Ich weiß, dass die Red Hot Chilli Peppers Show größer und schöner war. Da waren ganz viele bunte Lichter und viel mehr Platz für “Spaß” auf der Bühne, was aber auch mit dem Image der Band zusammen hängt. Wenn Flea da im Skelettkostüm abkackt hat das einen ganz anderen Effekt als die bitterernsten Whiskey-Leons. Deshalb waren die regungslosen Posen und die ernsten Gesichter keineswegs langweilig oder trocken. Stattdessen gaben sie der Spannung und der Stärke der Musik nochmal eine abschließende Würze, die das Bild perfekt machte.

Völlig entsetzt und fast schon peinlich berührt war ich von Mew. Ich bin ja normalerweise nicht so der Fan und kenne nur wenige Tracks, aber JesusMaria, was war das bitte schön für eine Scheisse? War das Muse auf Crack? War das M83 im Autotune? Man weiß es nicht. Es hat irgendwann so in den Ohren wehgetan, dass wir unsere (ja, ich gebe es zu:) Sitzplätze auf den oberen Rängen verließen um einfach in der Ecke zu stehen, weil selbst das besser war, als da zuzuhören.

Ja, Kings Of Leon. Jeder Song berührte das Herz, die Mimik des Leadsängers perfekt, jeder Griff, jeder Ton einfach so, wie er sein sollte. Diese Stimme ist nicht von dieser Welt. Auch dass er sich während eines Songs mehrmals bekreuzigte werde ich ihm verzeihen, dem alten Säufer.

Noch eine kleine Enttäuschung gab es allerdings doch irgendwie. Ich hatte das Gefühl, von ungefähr 10.000 Besuchern, waren drei tatsächlich über Only By The Night hinaus gekommen. Ja, auch ich finde, dass es das stärkste Album der Kings Of Leon ist. Aber es ist nicht das einzige, und das schienen viele gar nicht zu wissen. Mit Fragezeichen in der Birne drehten sie sich jeweils zu aneinanderum, “hää?”. Das hat die Stimmung manchmal ein bisschen von “Ausrasten” auf “mittlere Freude” zurückgeschraubt, das macht bei so vielen Leuen auch was aus. Mitsingen konnte ich auch nicht ausnahmslos jeden Song, ich hab natürlich trotzdem aus Prinzip mitgegröhlt.
Schön war die heterogene Masse trotzdem. Von alten Menschen bis hin zu Eltern, die ihre Kinder im Schlepptau hatten, war alles dabei. Deshalb war es auch glaube ich extrem ruhig im Saal, als die Jungs ein paar agressivere Töne ansagten. Ich kann mir gut vorstellen dass das in einer kleineren Location mit dem Fokus auf “den gewohnten” Rockfans noch intensivere Auswirkungen auf das Publikum gehabt hätte. Vielleicht ist das aber auch schwer zu sagen, wenn man oben sitzt und auf gefühlte drei Millionen Leute runterblickt.

Über Sitzplätze kann man jetzt auch noch sagen was man will, sie erlauben es einem wenigstens, die Musik richtig zu verinnerlichen. Wenn ich in der Crowd stehe, habe ich meistens das Problem, dass ich überhaupt nichts sehe und außerdem für mein Leben kämpfen muss. Ich wäre glaube ich tausend Tode gestorben, hätte ich auch nur einen Moment von der Bühne wegschauen müssen. Spätestens aber bei Sex On Fire, als einfach mal Ausnahmezustand in der Arena war, hatte ich nicht wenig Lust einfach komplett die Ränge runter zu springen und mit zu rocken. Kann man aber nicht alles haben, deshalb war es so schon ganz okay. Nach dem Konzert habe ich eine halbe Stunde überlegt, wo die Band wohl zum Feiern hingehen würde, um sie zu stalken; aber dann dachte ich fuck it und bin auf eine Party, wo ich jedem nochmal mein Ticket ins Gesicht gehalten und mich im Neid anderer gesuhlt habe.

Und weil es so schön ist, hier der Track, bei dem ich bis heute nicht verstehe, was der Typ eigentlich singt:


Kings of Leon – King Of The Rodeo (Official Music Video)

*immer diese Mediendramatik. Auch ich habe eine Vergangenheit, die MJ beeinflusst hat, auch ich habe als Kind dazu getanzt und auch ich habe mir Gedanken zu den Entwicklungen seiner Persönlichkeit und seines Aussehens gemacht. Fakt ist aber, dass er seit zehn Jahren keine gute Musik mehr gemacht hat. Für mich war er die ganze Zeit schon tot, nur dass jetzt die Wahrscheinlichkeit auf ein (erfolgreiches) Comeback nicht mehr gegeben sind.

King Of The Rodeo

Die Welt geht unter, mein Arsch tut weh vom Sitzen und bald gibt’s das Internet nicht mehr, IST ABER ALLES SCHEISS EGAL DENN ICH GEH AM SONNTAG AUF DAS KINGS OF LEON KONZERT!

SO LONG SUCKERS!

Zensursula

Ich hatte mir vor einigen Tagen überlegt, ob ich nicht – aus Solidarität mit den Protesten im Iran – mein Theme in Grün kleiden sollte. Ich war bisher nicht dazu gekommen und wollte das dieses Wochenende nachholen.

Das spar ich mir jetzt allerdings, weil ich feststellen musste, dass mein Heimatland – Deutschland – in Sache Regierungswillkür und Grundrechtsverletzungen auch kein Vorbild ist. Mit dem einzigen Unterschied, dass sich hier keine tausend Leute versammeln, um zu protestieren. Nicht, weil es das nicht wert wäre- sondern weil die Mehrheit überhaupt nicht versteht, worum es geht.

Andere Menschen haben schon viel besser ausgedrückt, als ich es je könnte, wieso Netzsperren im Internet lediglich ein Schritt in eine ungewisse, aber definitiv undemokratische Zukunft sind. Jetzt kann ich mit dem Finger auf alle Politiker zeigen und schreien: Du bist Deutschland. Ich nicht.

Die Dreizehn Lügen der Zensursula auf Netzpolitik
Der letzte Tag bei Anke Gröner

Vier Gründe gegen Netzsperren auf N-TV
Kommentierte Zensursula Linkliste auf Netzpolitik

Sportsgeist

Ich halte nichts von dem Mythos der sexuellen Entlastung bei sportlicher Betätigung. Der gute Sigmund mag mit seiner These vielleicht einigen Frauen einen Gefallen getan haben, die nun keine Vergewaltigung mehr fürchten müssen, wenn sie mal wieder eine Migräne vortäuschen; allerdings kann man ja nur allzu gut beobachten, wie sich Männer abreagieren. Kriege, Amokläufe und Filesharing. Und das alles nur wegen unzureichender Geschlechtsverkehrsversorgung.

Deshalb kann ich auf eine Historie der Ablehnung meinerseits zurückblicken. Meine Faulheit überzeugte mich schon in meinen jungen Jahren davon, dass Hungern um einiges angenehmer ist als Bewegung; das geht sowieso Hand in Hand, eine Mahlzeit bereitet sich ja auch nicht selbst zu. Mama hatte auch nicht jeden Tag Zeit, sich um ihre verwöhnten Kinder zu kümmern. Anders ausgedrückt: Es muss etwas Schreckliches passiert sein, damit ich mich dazu entschließe, Sport zu machen.

Zehn Kilo in fünf Monaten dürften wohl ein guter Grund, und das, obwohl ich nicht mehr oder weniger esse als vorher und definitiv keine anderen gesundheitlichen Probleme habe (leider), die darauf zurück zu führen sein könnten. Das Arbeitsleben verändert mich und zerstört mein tief verankertes Prinzip: Was du heute kannst besorgen, das sollte in Armlänge erreichbar sein.

Nun ist es also soweit. Ich bin im Fitnessstudio angemeldet und darf Markus Kavka und Till Lindemann beim Pumpen zugucken. Das beschränkt sich meistens auch wirklich nur darauf, da Aktivitäten meinerseits in Schweißbädern und Atemnot enden. Die lässigen Kippen, die mir seit knapp fünf Jahren aus dem Mundwinkel hingen und es ab und zu immer noch tun, sind nicht mehr ganz so lässig, wenn ich rückwärts vom Laufband fliege und den dritten Stock runterkrache. Dabei grunzen sich die Latte Machiatto Muttis, die gerade ihren achten Wurf Kinder hinter sich haben, mehrere Stunden den Stepper belegen und dabei genüsslich die Gala verzehren, zustimmend zu, weil sie sich in ihrer Fitness bestätigt wurden. Ich werde von Sabine und Michaela ausgelacht. SABINE UND MICHAELA!!

Man kann richtig sehen, wie die Muttis nach so-und-so vielen Jahren endlich wieder soziale Kontakte knüpfen, Gott Dank dem Fitnessstudio! Yoga Kurse mit gleichgesinnten Frauen, die ihre Männer leider nicht den ganzen Tag lang in den Hobbykeller verbannen können und selbst eine Flucht vor Kind und Haushalt suchen, Pilates, und abschließend werden die übrigen Zelluliteringe gezählt. Best. Friends. Forever.

Ich kriege schon den übelsten Achselterror und fange an auf 45 Kilometer gegen den Wind nach Angstschweiß zu riechen, wenn ich dem Crosstrainer überhaupt nur näher komme. Nach knapp einer Stunde des übelsten Terrors, Folter, Hohn, Spott und Gewalt an meiner unschuldigen Seele, weine ich Tränen der Freude, weil ich zwischendrin mit einem kurzfristigen Exitus gerechnet hatte. Und das, obwohl ich noch die meiste Zeit den Widerstand bei den Ausdauergeräten so niedrig schraube, dass es so aussieht, als wäre ich Marathonsportlerin.

Aber die sind ja nicht dumm. Die blicken komplett durch, diese Gebärmaschinen, die sich gegenseitig Tipps für das aktuelle Brot-Angebot beim Bäcker nebenan geben (per Email mit PPS Anhang, versteht sich). Die signalisieren sich in einer mir unverständlichen Muttersprache, dass sie die Konkurrenz (”junge Hüpfer”) nicht fürchten müssen. Das tut mir irgendwie fast schon Leid, dass ich diesen Frauen etwas vormache, nur weil ich ein wirklich ganz schlechtes Exemplar für die holde und geile Weiblichkeit bin, die ihre Männer so anziehend finden (auch ein Grund dafür, warum sie im Hobbykeller mit Bar und Dartspiel an der Wand festgehalten werden). Wenn die wüssten, was sonst noch so auf den Straßen rumläuft, die würden gleich mal schneller steppen.

Wo wir gerade bei Männern sind: Ich hatte mir fest vorgenommen, mich als vollständig Sex-Neutrales Wesen zu betrachten, wenn ich in der Foltergerätekammer bin, und zwar nur, um mir nicht ständig Sorgen um die fettigen Haare und die exorbitanten Achselschweißflecken zu machen. Das ist allerdings wirklich schwer, wenn ein gutaussehender Typ nach dem anderen den Raum betritt, sich mit seinem Herkules-Oberkörper erstmal einen Überblick über die Geräte verschafft und dann fast zusammenbricht vor lachen, wenn er Schweinchen Babe beim Sterben zusieht. Übertrumpft wird das nur noch davon, dass man konzentriert so tut, als würde man auf den Fernseher glotzen und dabei vom Fahrrad fällt. Könnte vorgekommen sein.

Dennoch ist das (wie ich mir ständig wieder in den Kopf rufe) wirklich das kleinere Übel. Schlimmer ist nur, wenn der Schwabbel keine Intimrasur mehr zulässt und die Oberschenkel sich trotz Grätsche an jeder Stelle berühren, weil sie so fett geworden sind. Das würde dann in etwa auch die Frage klären, warum der Sex ausbleibt. Freud kann mich mal. Sport ist kein Sexkompensator, sondern Vorraussetzung dafür, auf ein Bett zu passen und seinen Liebespartner nicht zum Opfer einer widerwärtigen Schlacht zu machen.

… was jetzt nichts über mein Sexleben aussagen soll. Wirklich.

Sasha Don’t Sleep

Es folgt ein verworrener Artikel, der nicht so durchdacht ist, wie er sein sollte. Aus Zeitgründen und aus Gründen der Frustration und der Ärgernis wird er trotzdem veröffentlicht, sonst erleide ich eine Gedankenexplosion.

Ich hatte mir ja geschworen, nicht mehr so auszurasten, und einfach mal alles im Leben etwas ruhiger und abgeklärter zu betrachten, aber ich scheiss einfach drauf; es geht nicht mehr. Jeden Tag schleichen diese Money-Fashion-Fotzen an mir vorbei, drücken sich in der U-Bahn zwischen mich und die Rentner und stehen im Raum wie ein einziges Statement:

“Ich bin’s, und jeder sieht’s.”

Vor ein paar Wochen war ich auf einer Party. Ein altes, abgeranztes Haus, ein DJ-Pult, einige verranzte Couches – die it-Location Berlins, zum tausendsten Mal. Fuck Minimal, mir macht das noch nicht mal mehr Spaß, wenn die Musik gut ist! Mit Beamer wurde da “Christiane F.” an eine Wand projeziert während sich Typen in smarten Schals und Röhrenjeans mit Uschis des gleichen Kalibers über Drogen und ihre “Lächerlichkeit” unterhalten. Man hat das Gefühl, hier studiert jeder die Urbanität des Daseins.

Diese verdammten Stricher, Konsumjunkies, geben ihre Meinung zu Drogen ab als wären das Zeug Plastikbesteck. Stammtischgespräche der Sternenstunde. “Ach, Drogen. Mein Gott, sollen die doch endlich legal werden, dann haben wir wenigstens ab und zu Spaß”, sagt die größte Missgeburt unter ihnen und schmiss sich die zweite Pille des Abends. Später sieht man ihn in Trance zu Technomusik wanken. Noch einige Stunden später will er sich in der U-Bahn mit einem Süchtigen prügeln, weil er nicht schick genug ist. Original so:

“Ey Alta du bist nüsch schick jenuuug für mich, haha, ick fick dich ma jetzt ein bisschen von hinten, ja!” Ich dachte ja noch, es ginge um Stil und Party – zumindest sah es so aus. Tatsächlich geht es immer nur um Auffälligkeit, es geht darum, YouTube Videos am nächsten Tag rumzuschicken – “ey guck ma da hat XY, Fister des Jahrhunderts, nen Penner verprügelt, alter wie geiil”.

Was ist los mit diesenverhurten Menschen? Was ist los, gibt’s jetzt noch nicht mal mehr Respekt vor den beschissenen Sachen der Welt? Verdammt, schmeisst euch die Poppers und die Chemie, wenn ihr euren Spaß habt, aber was seid ihr deshalb? Seid ihr genauso dramatisch wie Christiane F. oder genauso verlorene Seelen wie Pete Doherty? Ihr seid nichts, nichts wert, habt nichts im Kopf und habt niemals etwas gelernt. Alle eure Väter haben die BMWs vor der Haustür, alle eure Mütter sind kleine Sekretärinnenschlampen und alles, was ich an euch hasse, wird mir jeden Tag der Welt klarer und klarer.

Die haben keine Angst, und da ist der Fehler. Mich erschüttert es bis ins Knochenmark, wenn ich einem Drogenabhängigen die Spritze aus dem Automaten ziehe, weil er so druff ist, dass er’s selbst nicht mehr packt und schon nach Nadeln auf dem Boden sucht. Nicht, weil ich so unberührt und unschuldig bin, sondern weil ich Leute gesehen habe, die wirklich da waren, wo dieser Trend-Abschaum gerne wäre. Und ich frage mich: was ist los? Was ist los mit euch Spasten, dass ihr alles so in den Dreck zieht? Und ihr macht euch darüber lustig indem ihr den Scheiss selber schluckt und spritzt und glaubt das müsste man tun, wenn man in das Paradies der Sophistication gehört? Weil alle jungen Künstler früh gestorben sind– einen Grund hätte ich gerne.

Motto des Abends? Wer kann die meisten Fotos schießen und damit beweisen, dass man hier war? Wer kann am schnellsten am nächsten Tag über dieses glorreiche Event bloggen? Wer kann die geilsten Understatement-Klamotten haben, die so schön alles betonen was es zu betonen gibt? Wer kann am wenigsten Spaß haben auf so einer Kackveranstaltung, wo es nur darum geht, sich selbst zu präsentieren.

Ich verstehe es nicht, und was ich am ehesten nicht verstehe, ist warum ich mich anscheinend mit Leuten umgebe, die genau da hingehören. In Berlin merke ich zum ersten Mal, dass das Leben anscheinend ein Wettbewerb ist- und zwar nach beiden Extremen hin. Entweder man ist super Standardkonform im konservativen Sinn, dass man super erfolgreich, super reich und super integriert ist, oder man ist Standardkonform in Stil eines Abseilers, ein Aussteiger, ein Außenseiter, der sich mit seiner kleineren Gruppe als Arbeiterpulk einer anderen Zeit sieht und nun gegen die alten Wege rebelliert. Ich möchte laut schreien: Das hier is nich 69, das hier is nich das, zu dem ihr es machen wollt. Ihr habt keine Politik, ihr habt keine Seele, ihr habt nur Facebook und Twitter und die Partys, von denen ihr erzählen könnt- und die Aufmerksamkeit eurer Peer Group.

Scheisse, ist die Realität denn jetzt nur noch so, dass man sich in deren Nacherzählung  flüchten muss?

Danke.

Es fiel mir eben auf:  2.400 Kommentare, 250 Artikel (nach dem Großen Putz im Dezember 2008, wo mehr als 200 Artikel entfernt wurden). Danke für eure Hilfe, für eure Unterstützung, für eure Anmerkungen, für eure Kritik, für eure Aufmerksamkeit und für euren Humor.

Außerdem renn ich jetzt mit Titten raus und ner Dose Faxe über’n Berg und gröhl “Wir fahrn in Puff nach Barceloohhhna”, weil man sich ja sonst nichts gönnt.

Geldloses Glück

Ich bin nicht arm. Ich bin auch nicht unglücklich, weil ich nicht viel Geld habe. Ich habe genug von allem und sogar noch mehr. Warum können andere Leute das nicht verstehen?

Nur weil ich mir nicht alle zwei Woche ein neues paar Schuhe kaufen kann, nur weil ich keinen Spiegel in meinem Zimmer habe, nur weil ich bei Netto einkaufen gehe und auch da rumgeize, nur weil ich schon mit dem Rauchen aufhören will, weil ich es mir nicht mehr leisten kann– ich bin nicht arm. Echt nicht.

Aber es ist grausam, es sich anhören zu müssen. Von Menschen, die ihre 2000 Brutto verdienen und sich ein Auto leisten können, drei Mal die Woche schick essen gehen und nicht auf die Telefonrechnung achten. Ich bin davon nicht persönlich angegriffen. Ich beglückwünsche jeden, der sich mit harter Arbeit materielle Wünsche erfüllen kann. Trotzdem sehe ich in ihren Blicken, dass sie mich bemitleiden, und dass sie mit Blick auf mein leeres Konto erstmal aufatmen, weil sie es besser haben.

Ich bin kein Dagobert Duck. Wenn ich kein Geld habe, heisst das nicht, dass ich es mir nicht gut gehen lasse. Ich könnte, rein theoretisch, in ein kleineres Zimmer in Marzahn ziehen, und dafür bei Edeka einkaufen. Ich könnte auch einen anderen Job annehmen, bei dem mehr Geld, aber auch mehr Monotonie einhergehen würde. Ich könnte vieles tun, um die Situation zu ändern. Tatsächlich ist es aber so, dass ich meine Prioritäten anders setze. Wäre es angenehm finanziell abgesichert zu sein und nicht auf den Preis gucken zu müssen? Ja, das wäre es. Ist es notwendig, um glücklich zu sein? Ich glaube kaum. Und es würde nichts für mich ändern, wenn ich jetzt mehr Geld hätte. Ich würde genauso nur das billige Bier kaufen, ich würde genauso da wohnen, wo ich jetzt wohne, ich würde auch trotzdem nur bei H&M kaufen, weil mich alles andere überfordert und ich würde mir kein Zeitschriften-Abo anleiern lassen, weil ich es eh nicht lesen würde. Und ich würde mir trotzdem keine Musik kaufen, weil ich die Künstler lieber durch Konzerte unterstütze. Ich könnte vielleicht größere Investitionen tätigen, aber ich lebe doch auch ohne, und ich bin auch ohne glücklich! Ich hab auch so meine Freunde, und für die brauche ich nicht reich zu sein, oder besonders schick angezogen. Darunter sind durchaus betuchte Leute, die gerne ihre VIP-Shuttles aufziehen, aber hey, wisst ihr was? No Hard Feelings, wenn ich nicht am Start bin. Und mir tut das auch nicht weh, weil ich wirklich nichts verpasse. Wenn ich doch mitmachen will- dann gibt’s halt mal ‘ne Woche nur Fünf Minuten Terrine. Gut, aber ist auch nicht schlimm.

Ich hatte als Kind alles, was ich mir wünschen konnte. Dafür haben meine Eltern gesorgt. Erst, als ich etwas älter wurde, kamen die finanziellen Probleme. Mein Vater verlor seinen Job, meine Mutter fing an zu studieren und damit war das glückliche Familiendasein auch begraben. Das lag aber auch weniger an Geld, sondern an dem, was man sich unter Geld vorstellt.

Es läuft gewissermaßen so ab: Alle sagen, wenn man Geld hat, muss man sich ja keine Sorgen mehr machen. Ergo: Wenn ich kein Geld habe, habe ich sehr viele Sorgen, und kann sie nicht mehr bewältigen. Das Geld, oder der Mangel daran, ist schuld. Und so verbringe ich den Rest meiner geldlosen Tage in einem ewigen Teufelskreis des Unglücks, wo alles auf die soziale Ungerechtigkeit geschoben wird. Scheiss Geld, scheiss Kapitalismus.

Meine Eltern hatten irgendwann weniger Geld, richtig. Aber es hat sich effektiv nichts mehr geändert. Wir mussten auf den Preis gucken, wir haben weniger Taschengeld bekommen, wir mussten für noch härtere Zeiten sparen und es gab zum 18. Geburtstag nicht den Audi, sondern den alten Opel. Oh, oh, welche Schmerzen! Es wäre meinem Vater nie schlecht gegangen, er wäre nie zu so einem schizophrenen Psychopathen geworden, wenn er nicht einfach eins gerafft hätte: Geld macht vielleicht ein paar Dinge leichter, aber nicht besser. Er hat nie verstanden, dass es zwar angenehmer ist, jedes Jahr in den Urlaub zu fliegen als regional wandern zu gehen, und dass es schön ist, immer die aktuelle Hardware zu haben, aber dass es dem Glück keinen Abbruch tut.

Und das merke ich hier gerade: Dass ich alles habe. Ja, verdammte scheisse, ich will irgendwann Geld verdienen, und zwar richtig gut. Aber nicht um glücklich zu sein, sondern um extra-schnell auf der Autobahn zu cruisen und um nicht mehr selber meine eigene Wäsche zu waschen, weil ich faul bin. Diese Jahre, die ich jetzt mit Studium und “arm sein” verbringen werde, werden vielleicht nicht easy-peasy, aber ich kann unter einer Brücke leben und wissen: Ich hab mich, ich hab Liebe, und ich hab alles, was ich brauche, nämlich einen Verstand und ein gebärfreudiges Becken. Und vor allem habe ich Kapital, das viel mehr wert ist; meine Fähigkeiten. Ich kann jetzt, wenn ich will, sofort ein berufsbegleitendes Studium aufnehmen, ohne auch nur eine Wimper zu zucken zwei Jahre lang nur durchpauken. Aber ich muss nicht. Ich liebe das Leben so, wie es ist, ich muss mich nicht darauf trimmen, für immer dem Wirtschaftskarussel hinterher zu rennen.

Mein Vater ist heute nicht mehr unglücklich, sondern zerstört. Er dachte, es liegt am Geld, aber es lag an ihm und an seiner Vorstellung von Geld. Es lag daran, dass er nicht mehr beschäftigt war, dass er keinen finanziellen Erfolg mehr hatte. Dabei war ich teilweise richtig stolz auf ihn: er lernte, richtig zu kochen, er lernte es, den Garten umzugraben, das Auto zu reparieren. Aber irgendwann war das nicht mehr genug, und nun vegetiert er vor dem Fernseher, weiß nichts, ist cholerisch, beisst sich in dubiose “Aufträge” als “Selbstständiger” fest und streite sich auf Teufel komm raus mit dem Arbeitsamt. Er ist kaputt, weil er nicht wusste, das Geld nichts wert ist.

Spam, II

Ja, ich weiß, ich weiß. Jemand sollte mal die Sekte vernichten, für die ich arbeite. Aber langanhaltend erfolgreich ist man dann doch nur mit guter PR und diese versuchen wir gerade zu etablieren.

Deshalb würde ich mich freuen wenn ihr die zwei Klicks investiert, um auf den Seiten der Wirtschaftswoche für Käuferportal abzustimmen. Lohnt sich auch. Wenn KP gewinnt erhöhe ich die Postfrequenz auf einmal am Tag. Druck machen!

Und danke.

Light My Fire

Weil ich vor einigen Nächten im komatösen Zustand mein Mobiltelefon regelrecht von innen heraus zerfetzt habe*, musste ich mir übergangsweise ein altes Nokia-Feuerzeugfake ausleihen. Das aber auch hoffentlich nur bis nächste Woche, da müsste mein Sony Ericsson nämlich ankommen (nachdem mir die kleine ostsibirische Trümmerlotte von T-Mobile eigentlich ein iPhone zu traumhaften Konditionen versprach, nur um mich am nächsten Tag vom Rindvieh-Kollegen anzurufen und das Angebot zurückzuziehen, weil “ein interner Fehler vorlag”).

Anyway. Das Nokia Feuerzeug Modell ist ein Urgestein aus der Zeit des Handy-Hypes unter Jugendlichen, Kleinkindern, Yuppies und BCL**. Außerdem habe ich es nun so getauft, weil es tatsächlich Feuerzeuge in dieser Form gab (oder schändlicherweise irgendwo, vermutlich in Korea oder Taiwan, immer noch gibt) und ich im Übrigen keine Ahnung habe, wie das Teil wirklich heisst.

Da ist Snake drauf! SNAKE! Ich habe das letzte Mal Snake gespielt, da gab es noch nicht mal den Euro (achtung, hier wird schamlos übertrieben)! Und ich meine nicht das schäbige und völlig überbewertete Snake II, nein, ich meine das Originale Snake, das Snake. SNAKE! Ich raste gleich aus vor Freude!

Snake, man. Reiht sich direkt in die glorreiche Reihe der Spiele, die zu langen Toilettensessions führen: Tetris, Pacman, Minesweeper… Legenden in einer Jugendkultur, ein Muss für alle, die sich keine “richtigen” Konsolen (N64, ach du scheisse) leisten konnten… Ein Rekord nach dem anderen wurde im trägen Unterricht der achten Klasse geknackt, eine Liga der Profis, Freundschaften zerbrachen an dem riesigen Erfolgsdruck.
Jeder trug seine Zahl stolz auf der Brust. In den 69ern wurde mit Gewalt rebelliert. Wir erschufen neue Dimensionen der Langweile.

Als eben eine SMS ankam und dieser berühmte Nokia SMS Ton erklang, fühlte ich mich sekundenlang wieder wie fünfzehn: ich liege in der Sonne am örtlichen Skate Park, unter der Quarter Pipe, neben mir die Bong und meine Freunde, in meinem Gesicht ein verzocktes Grinsen und in meinem Magen absoluter Hunger-Aufstand. Die Skater skaten, wir rauchen und trinken, aus den Boxen dröhnt Ska- und Punk Musik oder die neue Aggro Platte (ich höre sie tatsächlich noch gröhlen… “Westberlin, West-West-Berlin”, “Wer hat das Gras weggeraucht? Der Neeee..”, “Dapdapapadaaadaaaa, dapdapapadapaaaaadaaa”, “Carlo Coxxx Nutten, du Opfer musst dich ducken”, “Ich mach dich nebenbei klar wie Snake, da wird gar nicht überlegt..”), und ich überlegte mir, welchen verpickelten Teenager-Typen ich wohl heute gut fand.

Es ist schon seltsam, was dieses Handy eben mit mir angerichtet hat. Eine verrückte Zeitreise in meine Vergangenheit; vielleicht das erste Mal, dass mir das bewusst passiert. Klar habe ich eine Vergangenheit, aber das mieste, an das ich mich erinnere, liegt nicht so weit zurück. Ein paar Jahre. Diese ganz besondere Erinnerung, an eine völlig andere Zeit, die ist irgendwie anders. Das ist nicht wie “letztes Jahr”, wo man sich noch in die Situation reinversetzen kann, nee. Das ist wie, als würde man sich selbst von außen betrachten, ohne wirklich einen Einblick zu haben.

Das ist einerseits schade, weil man tatsächlich nie wieder jung sein wird. Weil man doch nicht seine Versprechen sich selbst gegenüber hält- weil man irgendwann halt so wird wie seine Eltern, weil man doch nicht so cool ist, weil man nicht bis man 40 wird nur von Cornflakes zum Frühstück lebt und weil man nicht Skateboarder, Rockstar oder Tauchlehrer wurde. Sucks.

Aber es ist auch irgendwie gut. Tatsächlich erinnere ich mich nur noch an ein bestimmtes Bild, aber es ist ein schönes Bild. Weil ich mich selbst kenne, weiß ich dass es nicht so idyllisch gewesen sein kann. Trotzdem fühle ich das nicht. Und das heisst, ich bin nicht unzufrieden mit dem, was war. Und das heisst, dass ich vielleicht heute wegen etwas scheisse drauf bin, mich aber in vier Jahren nur noch an die guten Momente erinnere, oder zumindest an die, die es wert sind. Eine Ansammlung an Dingen, in denen die guten überwiegen und die schlechten vergessen lassen. Ein Freifahrtsschein zum Scheisse bauen.

Dieses Handy schickt mich echt auf Drogen. Jeder bräuchte mal in seinem Leben ein kleines und unbedeutendes Nokia, dass für einen Moment den Boden komplett wegzieht, einem ‘ne dicke Tüte in die Hand drückt (mit VORgebauten Blunts… VORGEBAUT!), einen falschen Ausweis in die Hosentasche steckt und Schule schwänzen lässt.

Tütütüt-tütüt, tütütüt.

*im Halbschlaf schön das Aufladekabel falschherum in das Handy gesteckt. Nachdem ich merkte, dass das Teil nicht richtig reinpasst, hab ich es einfach mit Anlauf bis zum Anschlag reingeballert. Das Kabel ist ganz, das Telefon ist quasi völlig traumatisiert nach diesem Angriff.

**Besonders Coole Leute

Berlin Calling

Gestern habe ich mir, als ungefähr letzter Mensch auf diesem Planeten, auch endlich mal Berlin Calling angesehen. Nachdem ich ja schon seit Monaten den (überaus) großartigen Soundtrack besitze und Paul Kalkbrenner schon live erlebt habe, kam die Gelegenheit per Instant Messenger und einem Wochenende in Langweile zu Hause.

Um es kurz und knackig zu machen: So genau verstehe ich den Hype nicht. Lernt man einen Cineasten, Druffie oder einfach nur Berliner kennen, alle sind sich einig, dass dieser Film eine gewisse Bedeutung für die Berliner Techno-Subkultur trägt. Ich vermute dahinter allerdings blinde Loyalität zu einer sehr gerne gesehenen und vor allem auch erlebten Bewegung. Egal ob in den Clubs, auf den diversen Freiluft-Raves oder in der U-Bahn. Die Kids wollen Techno, auch wenn ich mich manchmal frage, ob sie es wollen, um eine Rechtfertigung für chemische Zusatzstoffe zu haben oder ob diese tatsächlich nur ein Mittel zum Zweck sind. Die Grenzen verschwimmen da sehr häufig.

Und so ging es mir auch mit diesem Film. Zugegeben, er war mir nicht unsympathisch, was wohl an der beruhigenden Deutsch-Film-Dramatik liegt, die nicht versucht, etwas aufzubauschen, das es nicht gibt (wie es etwa die amerikanischen Dramen gerne tun). Nein, die Geschichte war eigentlich recht langweilig, unspektakulär und vor allem: nichtsaussagend. Oder?

Noch mal von vorne: DJ Ickarus schiebt sich ein paar böse Teile in der Produktionszeit seines neuen Albums. Man sieht ihn in der Klapse auf einem Egotrip, er versaut sich seine Freundin, sein Label, sein Leben. Nach der Intervention seiner Familie und Freunde (die im Film recht kurz, bündig und selbstverständlich abläuft) geht es aber wieder bergauf, er stellt sein Album fertig und rockt alle weg. Und wenn ich das jetzt so trocken erzähle, dann nicht, weil ich zu einem Punkt kommen will, sondern weil der Film tatsächlich genau so gerade erzählt wurde. Drei Sätze. Das war es eigentlich auch schon.

Der Film überzeugt in seiner Schönheit, aus seiner Perspektive; ein Film, der auch ein großes Bild sein könnte. Auch wenn der Unterhaltungsgrad bei Berlin Calling nicht wirklich existent war, geben die Bilder vielleicht ein bisschen das Spiegelbild einer hedonistisch-ausgelassenen Kultur wider, welches sogar recht akkurat ist. Welche Stadt könnte da am ehesten als Sammelbecken für etwas so großes/gefährliches dienen?

Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte- man hätte auch beim Soundtrack bleiben können. Paul Kalkbrenner tanzt morgens wie in Trance zu Sky & Sand. Diese Szene alleine kompensiert die Schlichtheit des Filmes und ergreift mit einer Sehnsucht das Herz jedes Nachtmenschen, der sich für den Moment fallen lassen kann. Deshalb lege ich Berlin Calling denjenigen ans Herz, die beim Feiern mal ganz kurz die Luft anhalten sollten, bevor der Beat wieder losgeht.

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Definitionen

moxy
n. When someone has guts or balls, they have moxy.
She sure does have a lot of moxy, telling her boss to go fuck herself.

woe
n. Ill fate. A bad thing to happen to someone or something.
Woe to you o earth, for the devil sends the beast with wrath