Das galvanische Element, oder: Being Someone Else.
27/12/2006Endgültige Entscheidung: Ich kapituliere.
Mir hilft einfach nichts mehr weiter und ich musste zwangsweise eingestehen, dass sich etwas ändern muss. Und weil ich (leider noch) nicht die Macht dazu habe, die Welt zu verändern und unter meine Kontrolle zu zwingen, muss ich (leider mal wieder) bei mir selbst anfangen. Denn so ein Leben wie meins braucht man ungefähr genauso sehr wie ein Fahrrad im Zwölffingerdarm.
Ich werde mich also verändern. Ich werde netter sein. Ihr wisst schon, spendabler, großzügiger, insgesamt freundlicher. Und versuchen, mehr darauf zu achten, wie ich mit anderen Leuten umgehe: Kein Gepöbel, keine Stammtischparolen um den Rest der Welt zu provozieren.
Selbstdisziplin ist hier das Thema. Nicht mehr mit offenem Mund kauen. Nicht mehr unnötige Beschwerden über kleine, unwichtige Details loslassen und schon gar nicht jedem erzählen, welcher meiner Zehen heute schon wieder taub ist oder welche Oma letzte Woche gestorben ist. Einfach nett lächeln und die Klappe halten.
Ich muss geheimnisvoller wirken. Ernsthaft und lustig gleichzeitig sein- ernsthaft, wenn es ernst ist, und lustig, wenn es lustig ist. Ich denke, das könnte funktionieren.
Dringend aufhören, anderen Menschen auf die Nerven zu gehen. Keine perversen Sprüche klopfen, die von pre-pubertären, rotärschigen Affen stammen könnten. Nicht mehr fluchen. Nicht mehr einen auf Gangsta-Rapper machen, sondern weiblichere Tonart anstimmen.
Ganz grober Fehler: Sich über andere Lebensstile oder Freundeskreise oder [unzählige andere Beispiele] auszulassen, nur weil man selbst innerlich total zerfressen ist und die ganze Sache nur zynisch betrachtet, um nicht neidisch sein zu müssen. Fakt ist: ICH BIN NEIDISCH. Nicht unbedingt insofern, als dass ich es den anderen missgönne- ich will es einfach selbst haben. Egal was es ist. Es ist wahrscheinlich mehr, als ich habe.
Mein Aussehen hat ganz schreckliche Auswirkungen auf andere Menschen. Der Gesichtsausdruck mancher Menschen drückt eine Reflektion von Vergewaltigung und Mitleid aus. “Man gewöhnt sich dran” zählt, ist aber gelogen. Und ja, es tut immer noch weh. Also: Aussehen ändern. Haare anders. Klamotten anders. Mehr Pflege und nicht mehr so viel Schlamperei mit den Fingernägeln.
(Aber das mit den Klamotten muss halt echt etwas distanziert betrachtet werden; meine Schuhe sind mein ein und alles; und vom Geld ganz zu schweigen!).
Dinge, die definitiv nicht geändert werden können:
- Intelligenz. Ich werde mehr lesen, aber versprechen kann ich nichts.
- Geld. Und wenn ich darin schwimmen würde, ich könnte es nur verprassen.
- Physik. Ja, ich bin fett und unbeweglich und behaart. Ich kann nichts tun.
- Talent. In jeglicher Hinsicht hat Gott mir einfach nichts zugestehen wollen.
- Rauchgewohnheiten. Will ich gar nicht ändern.
- Musikgeschmack. Das ist das einzige, was ich an mir selbst noch zu schätzen weiss.
Gut. Der Plan lautet also: Komplett jemand anderes sein in der echten Welt. Das Ziel: MEHR ACTION; MEHR FREUNDE; MEHR GUTE LAUNE! — und das, obwohl sich das alles gerade für mich sehr, sehr, sehr, sehr viel langweiliger anhört als mein jetziges Leben.
Aber man muss es zumindest versuchen! Und deshalb, Ladies & Gentlemen, werde ich es tun, ein Experiment wie kein anderes je zuvor. Deadline: nach den Ferien muss alles einstudiert sein. Self-Made, die Show.
Wünscht mir Glück.
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