Familienporträit

24/02/2007

“Lieber Gott. Mein Leben soll für immer so sein, wie es jetzt ist. Ein Chaos. Ein ständiges Auf und Ab. Egal, wie gelangweilt ich bin. Egal, wie sehr ich mich nach dem Standardscheiss sehen. Bitte lieber Gott, vergiss nicht: Ich brauche diese Anspannung. Bitte, bitte, bitte.”

Meine Nachbarn sind unheimliche Menschen. Wirklich unheimlich. Wie aus einem Psychothriller. Aber nicht diese offensichtliche Mysterie, weder ein Hauch von Darkness noch irgendwelche beunruhigende Aktionen ihrerseits. Es ist etwas anderes. Es ist… Normalität.

Ich weiß das. Ich bin nämlich häufig bei ihnen zu Hause, auf den Sohnemann aufpassen. Der zweijährige Scheisser ist das hässlichste Kind, das ich je gesehen habe, und ihr wisst, wie das ist, mit hässlichen Kindern: Man entwickelt ganz automatisch eine Abneigung. Das hindert mich nicht daran, meinen Job professionell zu erledigen: “Kind, Maul jetzt!”, South Park angeschaltet und Chips her. Aber die Brut ist gar nicht das Problem, obwohl seine nahe Zukunft leider das gleiche Schicksal verspricht wie das seiner Eltern…

Um nicht die Chronologie der Auffälligkeiten zu unterschlagen, sollte ich doch bei Adam & Eva anfangen. Der Leichtigkeit halber nennen wir meine Nachbarn die Lessing’s. Die Lessing’s zogen eines Tages in unsere Straße. Reihenhäuser. Babyspielplätze. Eine Idylle im Vorort. Perfekt für Familien. Perfekt, um kleine, drogenabhängige Kriminelle großzuziehen. Denn bei der Perspektive, jemals aus diesem Gefängnis entkommen zu wollen, verliert so mancher leicht die Hoffnung. So ist es hier eben: Die Eltern freuen sich. Die Kinder sterben innerlich.

Und so war es nun mit den Lessing’s. Zogen hierher und spielen seitdem jeden morgen mit ihrer Plage in unserer Straße. Ich weiß das. Ich bin immer hautnah dabei. Mein Fenster besteht nämlich nicht aus Panzerglas, nein… es lässt nämlich die kreischend hohe Stimme eines kleinen Jungen auf ‘nem behinderten Spielauto durch. Jeden. Morgen. Ja. Auch am Wochenende.

Mama ist natürlich immer dabei. Papa manchmal, wenn er von der Arbeit kommt. Irgendwann muss mein Alter wohl die Aufmerksamkeit der Lessing’s erregt haben:

“Hey, willst du mal auf unseren Sohn aufpassen? Du kriegst auch Geld!”
“… okay.”

Obligatorische Zustimmung, da ich eine Hure bin und mir gerne die Patte in den Arsch stecken lasse. Ja. Es ist ungemein wichtig, sich seine Schwachstellen zu nutzen zu machen.

Aber es war mir auch damals schon unangenehm. Ich sah die leeren Augen der Mutter. Das blasse, blonde Aussehen des Sohnes. “FAUERWEEEHR!!” Oh je. Was war hier nur falsch?
Als ich das erste Mal die Wohnung besagter Nachbarn betrat, wurde es mir klar. Normalität. Akuter Fall. Bösartig. Tödlich.

Perfekt eingerichtet, deutsche Wohnung, gefliester Boden mit Ikea Familien-Einrichtung, Kinderspielzeug, Fotos an der Wand, eine stinknormale (wenn auch verkrüppelte) Hauskatze, CD’s von Simply Red im Regal und der passende Wein im Schrank. Für jede Gelegenheit ein Haushaltsratgeber. Bio-Apfelschorle. Namensbestickte Handtücher im Badezimmer. Familienauto. Oh, herrlich. OH HERRLICH.

Mutter Lessing erzählt mir bei Gelegenheit wie schrecklich es doch ist, nie Zeit für etwas anderes zu haben als für den Junior. Nicht mal ein Arzttermin ist drin. Ob ich nicht kommen kann? Aber man liebe den Kleinen ja über alles, und eine Tagesmutter kommt nicht in die Tüte. Seit einem Jahr nicht mehr richtig aus gewesen, Parties gehören der Vergangenheit an. Jetzt wird genäht. Und gekocht. Viel gekocht, denn auch das Babyfutter wird selbst gestampft. So viel Mühe muss man sich ja machen.

Papa ist immer lustig, wenn er von der Arbeit kommt. Nicht mal ein Bier, sondern der schöne Abendsport. Es wird gelächelt, die Nachrichten geguckt, das Essen gelobt, den nächsten Urlaub geplant.

Eine herrliche Bilderbuchfamilie. Ein bisschen unordentlich, das Leben, aber es kann ja nicht perfekt sein. Klar, hier und da ein paar Zankeleien… aber wenn man jeden Tag einen Liter Wasser trinkt und lang genug an der frischen Luft ist - Papa inklusive - dann bleibt alles in Ordnung. Das ist doch perfekt. Einmal Pleasantville und zurück, bitte.

There are 5 comments in this article:

  1. 24/02/2007Caipi say:

    Gruselig… Bestimmt entpuppen die sich irgendwann als Psychopathen. Glaub mir…

  2. 24/02/2007Andreas say:

    Das glaube ich auch. Jede Familie hat eine Leiche im Keller.

  3. 24/02/2007McMarcDeluxe say:

    Ich find das toll so. :0

  4. 24/02/2007torschtl say:

    hihi solche gibt’s hier auch

  5. 24/02/2007Sancho Panda say:

    ich glaube viel mehr scheint alles wunderschön perfekt als dass es dann wirklich ist. wobei… was ist perfekt?
    meistens beneidet man leute die man und deren leben man nicht kennt. am lustigsten is dann, wenn man gerade am spinnen suizidaler gedanken ist und einem gesagt wird, wie super das eigene leben doch wäre und was dieser mensch nicht dafür geben würde das und jenes zu haben/tun zu dürfen/können….

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