Von Lügen
10/03/2007Perfektes Abendkleid. Ein Glas Champagner. Es blubbert. Lächeln. Canapés. Vogue, alles Vogue. Luxuriöse Autos. Lachende Gesichter. Diamanten, funkelnde Steine. Wunderschön, diese wunderschönen… Menschen. Alles ist perfekt. Fingernägel. Krawatten. Konversationen. Begrüßen wir die Gastgeber. Standardtänze. Oh, diese minimalistische Musik, eine Untermalung wie im Himmel. Kunst. Duft. Geld.
Sag ja! Sag ja! Ja, ja, ja. Das ist es. Das ist meins. Das ist alles. Alles… alles..
Und sie sehen mich an. Sie berühren mich. Sie lächeln, ihre Münder verziehen sich bananenförmig. Aber ihre Augen sind leer. Ihre Augen sind tot. Keine Falten. Keine Makel. Keine einzige Zigarette. Sophisticated, baby. Ja, ich sage ja, leere Augen!
Jetzt sterbe ich auch, und während ich meine letzten Atemzüge mache, denke ich daran, wo ich war, bevor ich hierher gekommen bin. Ich hatte nichts. Nicht mal einen Traum. Und dann sehe ich diese Müllhalde, wo wir als Kinder gespielt haben. Alles verdreckt, und die Leute haben uns ausgelacht. Meine Klamotten waren dreckig und zerrissen, meine Ansichten pseudo-philosophisch und alles an mir war falsch. Komplett falsch. Dann sehe ich dich, dich und das Licht, dass mich umbringt… ich laufe auf dich zu… oh, du warst auch dreckig. Traurig, manchmal. Ich sehe deine Tränen und wie wir uns gegenseitig wieder auf die Beine stellen, wie diese Stehaufmännchen aus der Junior Tüte. Keine Perspektive, keine Aussicht, keine Zukunft, keine Familie, nur du und ich und diese beschissene Welt, die uns alle Türen vor der Nase zugeknallt haben.
Ich sage ja, ich will sterben, ich will jetzt endlich raus, ich will all das, ich will diese Schönheit, ich will ausbrechen aus meinen Ketten und es so haben, wie ich es schon immer haben wollte. Alles. Alles in meiner Hand. Alles ist tot, wenn es schön ist. Alles ist so unendlich belanglos, wenn es Kunst wird. Wenn es Geld wird. Wenn es Existenz ist… ein Traum, oh, ein Traum.. mein Traum..
In meinem Traum bin ich tot.
Und während ich also so da liege und sterbe und mich zurückerinnere, muss ich weinen, denn das ist mein letztes Lebenszeichen. Warum weine ich? Ich muss lachen, endlich bin ich tot, endlich, endlich vorbei diese Jahre der Anstrengung, diese Jahre der Illusion, der Hoffnung! Im Grab ist alles still. In meinem Kopf, kein tosendes Gewitter. Die Sonne scheint an jedem Tag. Ja, ja, ja… das will ich.
Das will ich…
und ich weine.
Das will ich. Und ich weine einfach. Ich weine und weine und weine und ich schwebe jetzt hier, zwischen Tod und nicht tot, und ich weine, denn ich wusste nicht, dass tot sein so traurig ist, und dass tot sein so leer ist, ich wusste nicht, dass tot sein ohne dich ist. Ohne dich. Ohne dich.
Ich sage ja, und weine, und sterbe. Und dann kommst du und flüsterst “Komm..”, und der Schmerz von diesem Leben, dass du mitbringst, ist so unerträglich, eine Folter und ich sage ja, und ich komme, und ich wälze mich im Dreck, und ich weiß jetzt, dass ich leben muss, denn alles ist so schlimm, wenn man lebt, und ich sage ja, ich will leben, und es ist so eine Qual, aber ich sage ja. Ich sage ja. Dann ist es halt schlimm.. in der Müllhalde ist es schlimm. Dreckig zu sein ist schlimm. Und ich muss lachen. Ich muss so laut lachen, ich kann nicht mehr. Jetzt lache ich.
There are 4 comments in this article: