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(Semi-) Fiktiv

Pour Oublier Je Dors

04.16.07 | 5 Comments

Ich krame das alte Foto aus meiner noch älteren Brieftasche, die schon fast auseinanderfällt. Ich muss es erst suchen- das Foto. Es ist zwischen vielen anderen, zwischen Adressen, Geldscheinen, Notizen, Schecks, Karten, Quittungen, meine Brieftasche ist Schuld an der Regenwaldausrottung, so viel Papier steckt da drin. Aber ich finde es, und halte es zwischen meinen schmutzigen Fingern.

“Hier, da, das ist sie.”

Ich reiche ihm den alten Fetzen, dieses verknitterte Foto, dass ihr Gesicht fast schon bis zur Unkenntlichkeit entstellt hat. Aber das ist egal, ich würde es nie wegschmeissen, denn es ist das einzige, was ich je hatte. Und ich weiß auch nicht, ob ich je ein neues kriegen könnte. Woher auch.

“Mon Dieu”, sagt er, und pfeift durch die Zähne. Dann strahlen mich seine hellen Augen an, und er grinst von einem Ohr zum anderen. “Das ist echt ‘ne Bombe, die hätte ich gerne kennengelernt”.

Früher hätten mich solche Kommentare noch eifersüchtig gemacht, hätten mich innerlich vielleicht zerfetzt- immer sie, nie ich. Aber jetzt, wo ich so neben ihm in der Sonne liege, empfinde ich nur noch ein bisschen Wehmut, ein bisschen Sehnsucht, ein bisschen Nostalgie, ein bisschen Melancholie- alles überdeckt von einer großen Zufriedenheit, die es nicht zulässt, dass ich mich jetzt schlecht fühle. Nie wieder wegen ihr.

Er kneift die Augen zu, immer noch grinsend, und sieht aus wie ein Japaner auf dem Klo. Die Sonne ist von ihrem Wolkenmantel hervorgetreten, weshalb er eine Hand über unsere Gesichter hält.

“Erzähl mir etwas von ihr”, flüstert er. Dabei schaut er mich ernst an, als ob er wüsste, was dahinter stecken würde.

Ich hatte ihm bisher nur erzählt, dass sie jetzt dabei sein müsste, dass wir das zusammen geplant haben, und dass sie jetzt neben mir liegen müsste anstatt von ihm. Was könnte ich ihm noch sagen? Dass wir uns lange gekannt hatten, dass sie mein Engel war, mein Schutz, meine Freiheit, mein Traum in Fleisch und Blut? Dass unsere Wünsche und Anstrebungen identisch waren, dass wir uns auf unsere eigene, verquerte Art liebten und halfen, dass wir alles zusammen geteilt hatten, dass wir uns gegenseitig ergänzten, dass wir perfekt füreinander waren? Alles gelogen.

Zwei Staubkörner im Wind, zwei verrottete Blechdosen in der Mülltonne oder zwei Grashalme, die zufälligerweise nebeneinander standen. Das waren wir. Und die Planung, dass wir irgendwann so weit kamen, war lediglich das, was uns zusammenhielt.

Dass ich sie wirklich schätzte und auch wirklich liebte, das wurde mir erst klar, als wir uns zerstritten hatten, und ich durch die Gegend ging und so tat, als ob nichts wäre. Das passierte öfter, dass wir uns zerstritten. Wir schrien uns nicht an, wir kämpften nicht, wir diskutierten nicht einmal. Wir empfanden nur eine Kälte zwischen uns, die erst unerklärlich schien. Irgendwann würden wir darüber reden und es aus der Welt schaffen. So gingen wir an diesem Tag auseinander. Und ich saß zu Hause, und überlegte, was ich wohl essen sollte. Ich tat all das, was ich jeden Tag machte, wenn sie nicht da war, und wenn ich das schlechte Gefühl in mir überschatten wollte.

Aber ich konnte nicht. Ich fraß und stopfte alles in mich hinein, aß und aß und rauchte und kiffte und saufte und machte meine Hausaufgaben, und aß noch mehr, und hörte Musik, und lenkte mich ab, und guckte einen Film, und rief Freunde an, und aß. Mein Bauch tat weh, es schmerzte so sehr, ich dachte kein einziges Mal an sie, und doch war sie überall, und ich wusste in meinem Herzen, dass sie die gleichen Schmerzen empfand, dass sie jetzt da lag, blutüberströmt, da lag und diese Schmerzen empfand, weil wir nicht die Chancen genutzt hatten, die uns gegeben wurden. Ich wusste, dass sie nicht nach rechts geschaut hatte, als sie die Straße überqueren wollte, wusste, dass der Fahrer nicht rechtzeitig abbremsen konnte, wusste, dass der Krankenwagen im Stau stecken sollte, wusste, dass ihre Eltern erst viel später davon erfahren würden.

Doch ich dachte kein einziges Mal an sie, und so verging der restliche Tag, die Nacht, und ich sah sie am nächsten Tag, in meinem Traum, in meinen Gedanken, und so verging ein weiterer Tag, und ich rief sie nicht an, ich ignorierte sie, und es war mir egal. Ich spürte den Schmerz immer heftiger, wusste, dass es vorbei war. Wusste, dass ich nicht mehr weiter konnte.

Dann kam der Brief, die Beerdigung. Was sollte ich schon sagen? Wie konnte ich ihren Leuten gegenübertreten, die mich nicht kannten, die ich nicht kannte- was waren wir schon gewesen? Zwei Menschen, die sich für einen Augenblick lang betrachtet hatten, die sich gegenseitig benutzt hatten. Nichts waren wir, nur zwei Grashalme, die zufälligerweise nebeneinander standen. Ich erinnerte mich noch daran, wie wir das Foto gemacht hatten, sie ließ sich so gerne fotografieren, in den seltsamsten Posen, in den verrücktesten Klamotten. Doch auf diesem Foto lag sie auf der Wiese hinter meinem Haus, und sie lachte, weil ich ihr einen Witz erzählt hatte, und es war das erste Mal, dass ich ein Foto machen durfte, auf dem sie aussah wie sie selbst. Wir fanden es beide hässlich, sie war auch so keine Schönheit, aber ich bemerkte zum ersten Mal, dass sie wirklich überhaupt nichts Hübsches an sich hatte. Nicht auf dem Foto. Nicht in ihr selbst. Sie starb so, wie man sterben muss, wenn man innerlich tot ist, wenn man Ekel und Angst in sich trägt. Und da ist dieses alte, kaputte Foto, an den Seiten verknickt und zerrissen, und er konnte wirklich behaupten, dass sie hübsch war, obwohl ich genau weiß, dass es an seiner angeborenen Mentalität liegt- er muss es sagen. Sie war nicht hübsch.

An all das dachte ich nun, während er vor mir liegt, seine Hand immer noch über unsere Gesichter, mit dem Wind, der das Meer bewegt, und der Sand, der unter mir ein eigenes Leben führt. Ich bin so glücklich, hier zu sein, hier mit ihm, mit diesem schönen Mann, an diesem schönen Ort.

“Es gibt nichts zu erzählen. Wir waren ganz gut befreundet”, antworte ich. Ich weiß, sie wäre jetzt gerne hier. Ich drehe mich zur Seite, buddel ein Loch in den feuchten Sand, und stecke das Foto dort rein.

“Jetzt kannst du sogar für immer hier bleiben”, flüstere ich ihr zu, und schaufel wieder einen Haufen Sand auf das Bild. Er berührt mich an der Schulter, als ob er mich aufwecken möchte, zieht mein Gesicht an seines heran und ich weiß, dass er versteht.

Ich würde noch gerne etwas zu dieser Geschichte sagen. Obwohl ich eigentlich mehr der Typ Geschichtenerzähler bin, der alles gerne auf sich wirken lässt bzw. andere gerne gewisse Interpretationsfreiheiten gibt, gibt es immer noch Menschen, die mich kennen, aber immer noch nicht verstanden haben, dass ich mich zwar gerne durch das “reale Leben” inspirieren lasse, aber meistens keine eigenen, echten Gefühle oder Dinge in meine Stories einbaue, sondern versuche, gewisse Gefühle einfach nur durch fiktive Situationen auszudrücken, sodass sie für den objektiven Leser vielleicht verständlich gemacht werden. Natürlich muss ich dafür manchmal meine eigene Lebensgeschichte berücksichtigen, und dass sie mich dazu verleitet, überhaupt gewisse Geschichten zu schreiben, dürfte eine Vorraussetzung für alle Künste dieser Welt sein- trotzdem möchte ich noch mal ausdrücklich dazu sagen, dass es bei dieser Geschichte anders ist als sonst.

Der Unterschied ist nämlich, dass ich eigentlich vor einigen Stunden einen Traum hatte, der im Großen und Ganzen mit der Geschichte übereinstimmt, ausgehend von der Ausganssituation zumindest. Auch die Szenerie und die Unterhaltung sind in meinem Traum vorgekommen, der Rest, so wie der Hintergrund und die “Gefühle”, die ich versucht habe, zu vermitteln, sind aber frei erfunden. Normalerweise reicht es mir, einen Traum zu überdenken, bei diesem hatte ich aber ein komisches Gefühl, weshalb ich ihn gerne zu etwas “Handfestem” gemacht habe. Vielleicht liegt es doch daran, dass er mich ein bisschen erschrocken hat.

Man kann diesen Traum, bzw. die Geschichte auf viele Arten interpretieren. Was ich absichtlich nicht dazugeschrieben habe war die Tatsache, dass der Mensch auf dem Foto für mich im Traum nicht erkennbar war zu Anfang, ich jedoch eine bestimmte Vorstellung von der Person empfand. Am Ende des Traumes verbuddel ich jedoch ein Foto mit meinem eigenen Gesicht. Sorry wenn ich euch die Interpretationslust genommen habe. :D Naja, so viel dazu.

Das mit dem neuen Theme war eher unabsichtlich, aber irgendwie gefällt’s mir und ich bin sogar schwer am überlegen, ob ich den Header nicht behalten sollte, der ist irgendwie cool.

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