Durch und durch durchdacht
Posted: September 28th, 2008 | Author: septemberRAVEr | Filed under: Sperrmüll | 11 Comments »Ich werde mich einmal wieder dazu erdreisten, über etwas zu schreiben, wovon ich keine Ahnung habe. Das macht mich höchstwahrscheinlich zu einer ignoranten, voreingenommenen Person. Aber verdammt nochmal, ich steh auch auf Schoko-Bananen-Shampoo ausm DM für 1,70 €. Da werd ich ja wohl mal auch so tun dürfen als ich wäre ich genau diese Person, die man sich am Regal sabbernd dabei vorstellt, wie sie sich zu Hause mit einem so wohlriechenden Duft einschäumt.
Jedenfalls.
Die Lust zu reisen sollte kein kulturelles Muss sein. Keine gesellschaftliche Pflicht. Sich den Rucksack umzuschnallen sollte etwas von Neugier haben, von Unruhe, von Intensität, von Abenteuer, von Ungewissheit, von Lust, von Temperament, von Größenwahn und außerdem machen Rucksackreisen wohl nur Spaß, wenn man dabei Pearl Jam im Hintergrund hören kann. Als eigener Film, sozusagen.
Aber das ist gelogen. Bei solchen Reisen, in fremde Welten, durch den Dschungel, sollte es nicht mal Pearl Jam geben, die einen dabei begleiten, wenn der Penisfisch sich schmerzhaft einnistet. An dieser Stelle gibt es nur Gott, einen kleinen, armen Mann, der sein Pipi nicht mehr halten konnte und einen machtbesessenen Penisfisch, dem ich jeden Respekt zolle, denn ich weiß, dass dieser Fisch sicher auch ein Pendant für die Weiblichkeit hat, und– naja, ihr wisst schon.
Wo das jetzt ausgesprochen ist, kann ich euch auch genau erklären, was ich überhaupt nicht ausstehen kann. Das sind Leute (insbesondere Typen, bei Frauen ist das mehr oder weniger entschuldigt weil sie ab und zu ihre Tage kriegen und emotionale Kriesen in dramatischen Ausführungen durchstehen müssen, schwanger werden und diesbezüglich sowieso unfähig sind irgendetwas richtig zu machen) , die ein Jahr im Vorraus sich erstmal 4 Monate frei nehmen vom Job. Dann sitzen sie mit ihrem Weib oder der Affäre des Tages oder irgendeiner anderen fickbaren Muschi am Esstisch zu Hause und überlegen, ob nicht Thailand die richtige Wahl wäre! Weil Mama und Papa auch gerne pampern, muss man sich gar nicht zurückhalten bei den Ausgaben- hier ein Hotel, da ein Hotel, da die Führung, da dies, da jenes, und weil das Budget eigentlich unbegrenzt ist, kann man doch gleich noch drei, vier andere angrenzende Länder mit einbeziehen. All inclusive, versteht sich.
Da werden Reiseführer studiert (und zwar nicht nur einer oder zwei zum jeweiligen Land; nein, man kauft sich auf jeden Fall mal von jedem wichtigen und von einem unwichtigen Verlag drei oder vier Ausgaben, um auch alles abgedeckt zu haben); Erfahrungsberichte werden auswendig gelernt und den Freunden, die es noch interessiert, zum Sonntagsbrötchen aufgetischt. Wusstet ihr, dass es in Vietnam keine asphaltierten Straßen gibt? (Anmerkung: Ich hab keine Ahnung, ob das stimmt, es soll nur meinem Beispiel dienen.) Nein? Ich weiß alles darüber!
Man tastet sich langsam an die Kultur heran, indem man schon alle lokalen Restaurants in der Umgebung ausprobiert, um eine Ahnung davon zu kriegen, woran man sich gewöhnen muss. Man packt die ganz wichtigen Medikamente natürlich ganz oben rein, man weiß ja, dass es am Anfang schwierig wird. Schließlich kauft sich unser Freund noch den richtig teuren Rucksack, die teueren Trekking Klamotten, die teuren Schuhe, die mittel-teure Uhr und die mittel-teure Sonnenbrille (könnte ja geklaut werden), noch eine richtig teure Digitalkamera (SPIEGELREFLEX), manchmal macht man davor am besten noch einen Crash-Fotokurs, einfach gut, einfach strukturiert, völlig geplant.
Kotzen.
Ja, ich krieg das Kotzen. Und ja, ich weiß dass ich noch nie so eine Reise gemacht habe, aber verdammt noch mal, wisst ihr, was das für Leute sind, die ihr Leben so aufziehen? Das sind Leute, die Golf spielen (nicht, weil es Spaß macht, das soll’s ja auch angeblich geben, sondern weil man sich dadurch ganz leicht das Gefühl geben kann, ein bisschen in die besser verdienende, schöner aussehende Klasse gerutscht zu sein)! Das sind Leute, die nicht mal in einer deutschen Großstadt einen Stadtplan oder irgendwelche Sehenswürdigkeiten in Erwägung ziehen würden, weil es Deutschland ist. Das sind Leute, die eine Reise machen, um eine Reise gemacht zu haben- um am Ende der Familie und den Freunden die Dias auf den Tisch zu knallen und die lustigen Geschichten zu erzählen.
Aber was für eine Art von Erfahrung ist das? Das sind Typen, die nicht ohne ihre Muschi reisen können, denn alleine macht’s keinen Spaß. Das sind Leute, die sich das nicht erarbeitet haben, sondern sich so eine “dreckige” Reise als Statussymbol, als ein Prestige gönnen- wow, sie haben sich dazu erniedrigt, mit dem einfachen Volk durch den Sumpf zu stampfen.
Und wenn mir dann auch noch jemand ganz stolz was davon erzählt, nur um es zu erzählen (da liegt der Knackpunkt)- dann beeindruckt mich das nicht. Erfahrungen sind nicht für andere. Die sind für einen selbst. Und dieser Reisewahn, dieser verfluchte Mainstream, dieses “Into-The-Wild”-Phänomen– alle wollen Aussteiger sein, alle wollen sich gesellschaftlich abheben, aber sehen sie denn nicht die Ironie dahinter? Diesen großen Witz, dass es eben nicht darum geht, mal woanders gewesen zu sein, und eine andere Kultur beobachtet zu haben, sondern dass man sie erlebt? Wirklich fühlt, so gut es geht, und den Konflikten nicht aus dem Weg geht sondern etwas neues zu finden, dass einen selbst bereichert.. der Reiseführer, die Bustouren und die finanzielle Ungebundheit (über die ich mich gerade eigentlich gar nicht beschweren will- ich stells mir nur nicht wirklich spannend vor, wenn man sich aus allem rauskaufen kann) lenken einen vom Wesentlichen ab. Das ist nicht nur in fremden Ländern so- es ist auch so wie im ersten Teil von Harry Potter, als Hermine feststellen musste, dass sie nur durch das Bücher wälzen niemals lernen wird, wie man einen Besen fliegt. Man muss sich darauf einlassen. Man muss darin aufgehen.
Wenn man das weder in Bremen, Darmstadt, Wanne-Eickel noch irgendeiner anderen Puffstadt kann, dann wird das in Alaska, Südafrika oder Bolivien wohl auch nichts mehr. Vielleicht bin ich ungerecht, voreilig, abstempelnd- vielleicht haben diese Menschen, die diese Sache so angehen, das gleiche Recht auf eine Rucksacktour wie der verdreckte Typ der es sich hart und mit leidenschaft erarbeitet hat. Dennoch bin ich nicht überzeugt davon, dass es die gleiche Qualität hat. Nun gut, vielleicht braucht es der eine mehr als der andere- als Impuls und als Wegweiser.
Seht ihr, ich würde auch niemals einen belämmerten Club-Urlaub machen, oder nach Malotze an den Ballerman fahren um mal so richtig durchgetestet zu werden- oder an irgendeinen Strand in Ägypten mit All-Inclusive Paket für die ganze Familie, und das einzige, was man vom Land sieht ist die hässliche Wüste auf der Strecke Flughafen-Hotel. Es gibt aber Menschen, die machen das gerne, die wollen nicht mehr und nicht weniger und dagegen habe ich absolut nichts- jeder so, wie er es braucht. Aber diese verschissenen Lackaffen, die eigentlich genau in diesen Cluburlaub gehören, denken sich: Oh nein, oh nein! Cluburlaub ist was für die Mittelschicht (oder was weiß ich wie und ob das überhaupt rationalisiert wird)! Es ekelt mich an. Rucksackreisen für die Schickeria.. nicht ernst gemeint, nicht vom Herzen aus, sondern nur die Grundausbildung zum Posen..
Und deshalb können mich diese braungebrannten Gigolos in Polohemd und Tennisattitüde mal ganz dezent am Arsch lecken.