Posted: March 17th, 2009 | Author: septemberRAVEr | Filed under: Metropolis | 6 Comments »
Es gibt viele Dinge an der Berliner U-Bahn, die mich zur Weißglut bringen. Es fängt an mit den Umbauarbeiten, die anscheinend willkürlich von Linie zu Linie wechseln. Manchmal dauern die Arbeiten sechs Monate, manchmal gefühlte zweihundert Jahre.
U-Bahn fahren in Berlin kann übrigens durchaus lebensgefährlich sein. Wer den Nahverkehr im zivilisierten Westen gewohnt ist riskiert nämlich nichts wenn er mal hektisch in die Bahn springt; Türen gehen ja notfalls wieder auf. In Berlin sollte man solch waghalsige Stunts nicht unbedingt nachahmen, da sie meistens dafür sorgen, dass man mit einem Facepalm in die volle U-Bahn kracht, weil man mit dem Hosenzipfel in der Tür hängt- die überraschenderweise nicht wieder aufgegangen ist. Schließlich kriegt man noch einen Pöbel vom Fahrer, der die Türen mühevoll wieder aufmachen musste. Mindestens 20 Sekunden Verspätung, aber mehr Entertainment als das Berliner Fenster.
Das gute an Berliner Nahverkehr ist jedoch, das eigentlich immer irgendwas fährt. Rikscha, Opel Astra und hirnrissige Fahrradfahrer inklusive. Trotz regelmäßiger Fahrten im drei-Minuten-Takt schaff ich es trotzdem nie rechtzeitig in die U-Bahn, was zum größten Teil an den Schlaftabletten liegt, die die schmalen Treppen einfach versperren.
VERSPERREN. Die SCHLENDERN ja die Stufen runter! Im wahrscheinlichsten Fall handelt es sich um kaffeeschlürfende Businessmenschen, die noch ihr Blackberry in den Krallen balancieren. Will man überholen, kriecht einem ein Rentnerehepaar entgegen, das zu guter letzt noch eine Stadtkarte inspiziert. Bahn verpasst.
Morgens will ich eigentlich nur vor mich hinvegetieren, bis ich um die Mittagszeit herum endlich aufwache. Kontraproduktiv sind da die ewigen gleichen Bahnmusikanten. Ja, es hört sich super schön und ermunternd an, deine Klarinette und das Akkordeon in Harmonie- IN DER HÖLLE VIELLEICHT. Ich würd denen sogar einen Fuffi in die Hand drücken, wenn ich wüsste, dass die sich dann eine andere Uhrzeit und eine andere Bahn suchen würden, aber nein, pünktlich wie immer stehen die um halb neun morgens an der Bahn, während ich verzweifelt das Abteil suche, wo sie nicht reingehen werden, um genau da rein zu gehen, wo das nächste Amateurorchester nach Kleingeld jammert.
Heute gab es ein besonderes Spektakel, als eine alte Dame, die wohl in der Kreidezeit schon ungefähr 60 Jahre alt war, mit einem Tempo von -10 km/h herum lief und unverständliche Sachen nuschelte. Sie erinnerte mich mit ihrem Kopftuch und dem Stock an eine böse Hexe aus dem Märchen. Die fehlenden Zähne trugen ihren Teil besonders dazu bei. Ich dachte erst, das sie Geld sammelte für den Automat- wie ungefähr alle anderen Anwesenden, die sie mit missachtenden Blicken straften – bis ich endlich raffte, dass sie eigentlich nur jemanden bitten wollte, für sie eine Karte zu ziehen. Ich schämte mich ein bisschen, weil ich sie genauso strafend angeblickt hatte. Richtig verstanden hatte ich die Situation nämlich erst, als jemand anderes ihr behilflich wurde.
Aber das ist dann halt Berlin, und was in der U-Bahn passiert, bleibt in der U-Bahn.
Posted: March 12th, 2009 | Author: septemberRAVEr | Filed under: Weltkulturerbe | 8 Comments »
Entrüstung, Aufruhr, politische Phrasendrescherei und kleine Amokläufe in den Redaktionen: So oder so ähnlich wollte ich meinen persönlichen Winneden-Spektakel-Tag über mich ergehen lassen, nämlich nur vollgespamt mit hirn- und herzlosen Kommentaren von Schaulustigen und Klugscheissern, die mit ihrer moralischen Schwertspitzen jetzt die jugendliche Szene mit ihren Gewaltfilmen, Gewaltspielen und Gewalattitüden zerreissen möchte.
Herzlichen Glückwunsch. Jetzt redet man über verschärfte Kontrollen an deutschen Schulen, während U.S. Amerikaner sich wohl ein bisschen ins Fäustchen lachen, weil das Ausland sie immer für ihre unkontrollierbaren Kinder kritisiert hat. “Guckt euch erstmal selbst an”, werden sie sagen, “eure Waffengesetze haben euch auch nichts gebracht!”.
Tja, und jetzt gucken die ganzen Rentner und Pseudo-Intellektuellen (inkl. meine Wenigkeit) ohne jegliche Kritik in den Augen solch wahnsinnig aufklärende Sendungen wie “HartaberFair” oder die SternTV EXTRA EXTRA Reportage. Was will die Politik nun tun? Wie kann man den Täter “profilen”? Charakteristiken, Statistiken, Konsequenzen, Wortkotze von verkotzten Menschen.
Statements, die ich gerne korrigieren würde mit anderen Statements (wenn sie nicht von mir sind, dann kenne ich zumindest keine Quellen):
“Gewalttätige Videospiele müssen verboten werden. Natürlich wird nicht jeder, der Counter Strike spielt, zu einem Amokläufer- aber die labilen, schwachen und abgeschotteten Menschen unter denen werden es sein.”
Wenn es keine Spiele wären, wären es die Filme. Oder die Musik. Oder vielleicht auch die Küchenmesserdauerwerbesendung, die mich Tag für Tag daran erinnert, was das hier eigentlich für ein Drecksladen ist.
Wer labil genug ist, um jemanden umzubringen, braucht mit Sicherheit keine Inspiration mehr durch Spiele, weil er sich in die Rolle versetzen kann; der wird nämlich alternativ dazu auch einfach malen, wie er Leute umbringt, oder Cowboy & Indianer spielen, oder Katzen quälen. Aber es war ja bisher immer hilfreich, beim letzten, anstatt beim ersten Dominostein anzufangen.
Und von wegen, Counter Strike verführt zu Gewalttaten: Stellt euch vor, die dicken und hässlichen würden kein Counter Strike spielen! Wie würden die denn ihren Frust abbauen? Wir sollten uns eigentlich dafür bei den Produzenten bedanken! DANKE, Valve, dass ihr den Jungs virtuelle Knarren in die Hand drückt, um dem Großteil der abgesonderten und labilen Typen wenigstens im Internet ein zu Hause zu geben!
“Amokläufe passieren nur in Nordeuropa und Nordamerika, sonst nirgendwo. Das liegt daran, dass die Südmenschen (!!) ihre Emotionen rauslassen können, während wir darauf getrimmt werden, dies nicht zu tun.”
Genau. Südmenschen sprengen ja auch keine Häuser in die Luft, oder töten sich einfach TÄGLICH auf der Straße. Woran das liegen könnte? Gesellschaftliche Zustände. Oder politische (siehe Afrika?). Könnte sowas hier auch der Fall sein? Empörter Aufschrei! Niemals! Wir sind doch zivilisiert. Man beachte bitte nicht die zunehmende Individualisierung (ja, das konnte es unter Hitler noch nicht geben, weil es auch keine Außenseiter gab. Und wenn doch, dann gab es die jedenfalls bald nicht mehr).
Entschuldigung, wo haben diese Typen ihre Informationen her? Aus dem Erfurter “oh wir sind so schockiert” Müll, der seit 2003 noch aufbewahrt wird? Vielleicht liegt es an dieser ganzen Medienaufpeitscherei, dass hier weiterhin Amokläufe stattfinden. Klar haben sich die Täter an Vorbildern á la Columbine orientiert, oder an Erfurt, oder den zig anderen Amokläufen. Haben sich das angeguckt, haben sich irgendwie Waffen besorgt, und sind zu genau dem gleichen traurigen Ruhm aufgestiegen- sind ein Mysterium für die Ewigkeit geworden, die Hall of Fame der unverstandenen Generation. Unser Kandidat dieses Jahr hat sich das ganze auch noch zum Spaß gemacht und sich seine eigene Real-Life-Map erstellt (wo wir wieder bei Videospielen wären)- ist durch die ganze Stadt gerannt, hat Leute abgemetzelt als wäre es ein einziges Abenteuer, und dachte sich bestimmt: “Ich knack den Rekord, ich hau mehr um!”.
Falsche Idole, die wir erschaffen haben. Wie wäre es denn, wenn man von einem Amoklauf berichtet, ohne den Namen des Täters zu nennen, ohne ihn zu charaktersieren. Ohne übertriebene Berichterstattungen? Ohne dieses ganze “WARUM?” (übrigens mit ziemlicher Sicherheit ein Relikt aus Journalistenspässchen, diese ganzen Zettel und Kerzchen am Tatort- wer zur Hölle ist davon denn so unbetroffen, dass er da eiskalt einfach Stunden damit verbringt, ein Blutbad zu dekorieren?), ohne die Schreie, die Nacherzählungen und das Echo, das jedes VERDAMMTE Mal folgt.
Ich sage nicht, dass es damit vorbei wäre- ja, vielleicht gibt es in Zukunft Drive-By Shootings, oder andersweitig tragische Situationen. Aber letztendlich wäre dieser Ruhm kein Anlass mehr, sich zum Opfer und Täter seiner eigenen Gesellschaft zu degradieren. Dieser Typ, der diese Waffen nahm und damit seine ehemaligen Mitschüler und Lehrer abknallte um dann seinem eigenen Leben ein Ende zu machen- ist jetzt unsterblich geworden. Und dafür sind nur wir selbst verantwortlich zu machen.
Videospiele sind der Sündenbock für die Politik, die augenscheinlich nichts falsch gemacht hat. Die ganzen Hetzer werden jetzt auf “diese verkommene junge Kultur” blicken und sich fragen, was eigentlich in unseren (ja, in UNSEREN, immerhin gehöre ich auch noch in die Reihe verdorbener Jugendlicher) Köpfen vorgeht, was schief geht.
Ich weiß es nicht. Aber ich will es mir auch gar nicht anmaßen, irgendwelche Interpretationen rauszuhauen. Letztendlich kann das auf so viele Dinge zurückführen, die wir alle nicht verstehen können. Aber wenn wir es schon zulassen, dass so viel darüber geredet wird, dann müssen wir es uns auch eingestehen, dass jeder genau das bekommen hat, was er wollte.
Außer die Toten.