Kellnern ist wie Sex. Alleine. Ohne Hände.
24/04/2007Kellnern ist total der lustige Job. Ich meine, ich arbeite in einer guten Gegend, nicht in irgendeiner Studententränke und auch nicht in einer Asiabsteige, und auch nicht in der örtlichen Puffbar. Es ist ein Restaurant mit gutem Ruf, in einer sauberen Gegend mit anständiger Kundschaft. Trotzdem bleibt es überall das Gleiche. Man ist temporärer Sklave für Menschen, die ständig Sprüche raushauen. Sprüche, die teilweise gut, und teilweise schlecht sind. Manchmal verstehe ich sie nicht, die Herren. Es sind meistens Herren. Dann kommen so Sachen wie:
„Hier wird nüschd weggehaun!”
oder
„Mach ma Luft naus.”
Letzteres heisst so viel wie: “Ey du, du arbeitest doch hier, füll ma’ mein Glas auf!”. Ja, das wusste ich vorher auch nicht.
Wirklich interessant wird es, wie ich letztens merken durfte, wenn das T-Shirt um einen Spalt nach unten verrutscht. Besonders an der Bar, wo die Herrschaften beim Fußball gucken, Bier saufen und Spare Ribs verdrücken sich am meisten wie Subproletariat benehmen. Jedenfalls, wenn dieses katastrophale Ereignis wirklich stattfinden sollte - oh mein Gott, 5 cm Dekollté bei einer richtigen Frau mit richtigen Titten die nicht nach 40 Jahren Kampf mit der Schwerkraft aufgeben mussten - herrscht plötzlich Stille im Laden. Nun ja, eigentlich hört man nur leises Frauengemurmel, das normalerweise von den tiefen Bässen der Kneipenkaiser übertönt wird. Und auf einmal ist es scheiss egal, welche Mannschaft verliert, denn das Team besteht jetzt nur noch aus zwei Spielern: Meinen Titten.
Dann gibt es noch Gesellschaften, die besonders hohe Ansprüche haben. Wie zum Beispiel: Bitte im Salat keinen Salat, das Dressing in einer extra Schüssel, Tomaten bitte schälen und die Gurken ohne Kerne. Oder: “Ich würd mir mein Bier gerne selbst abzapfen, ihr Leute hier macht’s ja nimmer so gut.”
JA NE IS KLAR.
Mit Pipi in den Augen musste ich später feststellen, dass mein Trinkgeld ungefähr doppelt so hoch ist wie mein Gehalt und plötzlich ist mir klar geworden, warum man sich Erniedrigungen wie “Sind sie zu dumm um eine Apfelschorle gescheit zu mischen/Haben sie nie gelernt, wie man ein Hefe zapft?!” (WEIL ES IM LEBEN NICHTS WICHTIGERES GIBT, ALS ZU LERNEN, WIE MAN HEFE ZAPFT, DENN WENN MAN DAS NICHT WEISS KANN MAN DIREKT VOR DEN ZUG SPRINGEN, ABER SELBST DER WIRD EINEN BOGEN UM MICH HERUM MACHEN, WEIL, OH MEIN GOTT SIE KANN KEIN HEFE ZAPFEN, SIE VERDIENT NOCH NICHT MAL DEN TOD, SIE MUSS DIE HÖLLENLEIDEN IHRER SCHAM DURCHSTEHEN BEVOR SIE STERBEN DARF!) antun will, ja fast schon MUSS.
Denn am Ende des Tages, wenn der Jungesellenabschied den Synapsenfasching feiert und später noch laute Parolen durch den Laden schreit, sowas wie “Und wirft der Arsch auch falten, wir bleiben doch die Alten” und ich in der Ecke stehe und mich fremdschäme für solches Affengedöns und warum ich jetzt auch noch deren Geschiss wegräumen muss, UND KANN MAN EIGENTLICH AUCH IN DIE ASCHENBECHER ASCHEN ODER IST DAS ZU SCHWER FÜR EUCH IHR PENNER, tja, am Ende des Tages gehe ich nach Hause mit richtig vielen Geldscheinen und wunder mich, was ich dafür eigentlich gemacht habe- ich habe Essen und das Trinken serviert. Manchmal hab ich es auch nicht serviert, weil mich meine Chefin betrunken gemacht hat und ich den Scheiss natürlich fallen lassen musste. Und manchmal muss ich fast lachen, wenn meine Kollegin an der Bar steht, spaßeshalber “Geschüttelt oder gerührt?” fragt und als Antwort vom Stammidioten “Ich wäre gerührt, wenn du mir einen schüttelst” kommt. Ansonsten: Besteck polieren und Getränke auffüllen. Und Aschenbecher auswechseln.
Ich bin noch nicht halb so gut in meinem Job, wie ich es gerne wäre. Ich vergesse ständig, welche Gläser für welches Getränk sind, ganz zu schweigen von den Tischnummern (die alle 3-stellig sind, ALS OB MEHR ALS HUNDERT TISCHE IN EINEM RESTAURANT ZU FINDEN WÄREN WO IM HOCHSOMMER TROTZ MASSENANSTURM NUR 3 BEDIENUNGEN GLEICHZEITIG ARBEITEN), und außerdem kann ich noch keine Fragen zur Speisekarte beantworten, weil ich bei der Hälfte noch nicht einmal weiß, wie man das Gericht ausspricht. Wenigstens weiß ich jetzt, was Strammer Max ist, und welche Unterschiede es bei guten und schlechten Weinen gibt.
Ich dachte früher immer, Kellnern wäre der erste Schritt zum Hartgeldstrich, mittlerweile glaube ich aber, dass es genau andersrum der Fall ist. Wer gekellnert hat, freut sich auf’s huren, weil es leichter ist, da zu liegen, penetriert zu werden und dann als Abschaum, aber wenigstens reich, wieder fallen gelassen zu werden. Im Restaurant? Tja, da ist man nur Abschaum, wird von allen Seiten zusammengekackt, kann sogar was falsch machen und hat meistens auch noch Achselkaffee unter’m Arm. Zwischenzeitlich wurde man dann auch noch von einem bellenden Tischfeuerzeug am Schnürsenkel gepackt, dessen Besitzer Mooshammermäßig, möge er in Frieden ruhen, “Trixxie, nicht an dreckigen Hosen kauen” rief und sich dabei legèr die Eier schaukelte.
Das Problem bei der ganzen Demütigungsgeschichte ist aber eigentlich nur, dass ich mich selbst wiederfinde. Die Drecksteenager, die ihr in den Arsch geschobenes Geld ihrer hart arbeitenden Eltern jetzt für ein paar Colas und ein Garnelenpfännchen (”Bitte ohne Knoblauch, man weiß ja nie welchen Traumprinzen man noch trifft, HAR HAR HAR”) ausgeben, dabei genüsslich unter dem strahlend weißen Sonnenschirm faulenzen und ihre Malboro’s rauchen, die behandeln den Kellner vom Dienst, außer er sieht außerordentlich gut aus (”oh Gott, das ist ein Arschpirat, HUNDERPRO, schwul, definitiv, egal, ich himmel ihn trotzdem bis ins Verderben an!”) am schlimmsten, weil sie meinen, sie werden niemals so landen, oh Gott, wie kann man nur anderen Menschen DAS ESSEN AN DEN TISCH BRINGEN ICH GEH LIEBER KLEBER INHALIEREN. DAS, meine lieben Leute, DAS bin ich. Dekadenz in Form von Pseudo-Getue. Ich glaube, ich werde auch weiterhin so mit meinen Kollegen umgehen, natürlich wenn ich selbst nicht arbeiten muss, einfach nur, weil der Kellnerjob etwas so besonderes ist, ein Einblick in die Psyche der Menschheit, wenn man will. Einfach für einige Stunden eine so mittelalterliche Rolle einnehmen und feststellen, dass man nichts anderes ist als das einfach Proletariat. Sara, die Bierschubse.
Ich kann gar nicht so viel fressen wie ich kotzen möchte.
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