Mathe
15/05/2007Ich sitz da also und starre auf meinen Tisch. Genauer gesagt starre ich auf das Blatt, das auf dem Tisch liegt. Das verhängnisvolle Papier, das mir den Tag versaut. Den Tag und vielleicht auch meine Zukunft. Wie viel davon abhängt ist mir bewusst. Und trotzdem kann ich nichts anderes tun, als es anzuglotzen. Ich bin extra aufgestanden, zur Arschlochzeit der Dämmerung, und was bringt es mir? Ein beschissenes Blatt, das jetzt mit Zahlen, Worten und Symbolen gefüllt werden muss.
Meine Gedanken kreisen plötzlich um alles, nur nicht um das, worum sie eigentlich kreisen sollten. Beispielsweise muss ich darüber nachdenken, wie viel Papierverschwendung das eigentlich ist. Könnte man das nicht alles an der Tafel abhandeln? Ist Zeit nicht weniger kostbar als Ressourcen? Denkt eigentlich jemand an die Bäume, daran, dass wir irgendwann ohne Sauerstoff auskommen müssen weil nicht mehr genug Photosynthese stattfindet? Und für was eigentlich? Die können sich das ganze WWF-Gelaber in die Kimme schieben, es scheissen doch anscheinend sogar die Intellektuellen auf den Urwald. Urwald, vor allem, wenn man nicht direkt davon berührt ist interessiert es einen höchstens, weil man prahlerisch seine Spendenurkunde an die Wohnzimmerwand hängt.
Als mein öko-bewusstes Ich sich endlich verpisst hat, merke ich, wie heiss und stickig es eigentlich in diesem Raum ist. Mir läuft der Schweiß schon den Nacken herunter. Mit meinen schweißigen, klebrigen Händen berühre ich das Blatt. Ich wünsche mir es würde verschwinden. Ich mache die Augen zu und frage mich, an welchem Ort der Welt es jetzt schöner ist: Im Dschungel von Australien oder am Strand von Sharm Al-Sheik? Dann muss ich mir die ganzen Bilder im Kopf herbeirufen, die ich im Internet gesehen habe und mache eine Pro und Contra Liste. Kann ja nie schaden, wenn man weiß, was einem besser gefällt.
Das Blatt ist immer noch da, als ich die Augen aufmache. Aber ich sehe nicht, was drauf steht. Ich sehe nur verschwommen, dass ETWAS drauf steht. Unleserlich. Ich drehe es um, aber zu meinem Verdruss ist die Rückseite auch bedruckt. Ich muss innerlich bei dem Gedanken lachen, dass mein Vater sich jedesmal beim Kopieren die Finger schwärzt, weil der Mann zu debil ist um sich zu merken dass man das Papier erst trocknen lassen sollte. Ach ja, mein eigener Stromberg. Es ist nicht oft so, dass ich ihn mir herwünschte, aber in diesem Augenblick wären mir alle nervlichen Strapazen seiner Art lieber, als dieses Blatt vor mir zu haben.
Ich betrachte das Blatt eindringlich, und vielleicht löst es sich ja auf, durch reine Gedankenkraft. Konzentration! Konzentration! Ich sehe, es hilft nichts. Ich drehe mich zu meinem Nachbarn herum, der anscheinend weiß, was er tut, denn auch sein Blatt liegt vor ihm- aber im Gegensatz zu mir schreibt er hektisch und konzentriert in sein Heft. Schön, wie er seine Finger bewegt. Kurz überlege ich, ob ich auch schreiben sollte, und ich fange auch tatsächlich an, ich nehme den Stift und das Heft und mach es auf und mach es zu und mach es auf und mach es zu und mach es schließlich auf, schreibe das Datum und meinen Namen und mache es zu, weil mir der Rest nicht einfällt.
Ich glaube, das Blatt ist größer geworden. Es schwillt förmlich an. Ich muss mir vorstellen, wie es den ganzen Raum einnimmt, ein großes Blatt mit einem Gesicht in der Mitte aufgemalt, und einem großen Mund, und dieser Mund verschluckt die Leute im Raum und zerkaut sie und spuckt sie aus. Nur die leckeren schluckt er genüsslich herunter. Bei dem Gedanken muss ich fast lachen, das hätte die Stille im Raum ganz schön umgeworfen. Gleichzeitig kriege ich Gänsehaut, weil so ein Monster-Papier ist nicht wirklich etwas zum Lachen. Dann denk ich darüber nach und komme zu dem Schluss, dass ich so ein Monster echt gerade vor mir habe.
Die Größe des Blattes erdrückt mich, und ich glaube, ich muss jetzt hier raus. Ich packe meine Sachen ein und lege das Papier so, wie es ist, in mein Heft. Nehme mein Heft. Nehme meinen Rucksack. Stehe auf und schiebe den Stuhl an den Tisch. Schlängel mich durch die anderen Tische hindurch. Komme vorne an. Lege mein Heft auf die Sammelstelle. Lächle noch mal und nicke, mein Job hier ist erledigt. Stolz trete ich aus dem Raum heraus. Ich atme ein. Ich atme aus. Ein erfolgreicher Tag. Wie oft kann man schon sagen, dass man als erster fertig war?
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