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(Semi-) Fiktiv, Selbstanalyse

Ausgetrocknet

05.18.07 | 7 Comments

Nachtleben ist schon etwas faszinierendes. Da tanzt du dich dumm und dämlich in einem abgedunkelten Schuppen mit verschwitzten Menschen, trinkst Alkohol ohne Ende und schaust dir selbst beim Kotzen zu, wenn es sein muss. Du bist irgendwie hingekommen und musst nun krampfhaft auf den Beinen bleiben, damit du auch nach Hause kommst, irgendwann. Du schnorrst dir von irgendwelchen Menschen Geld zusammen, um dir das S-Bahn Ticket leisten zu können- und eventuell noch einen Burger bei McDonalds. Du bist da und irgendwie doch nicht. Dein Gehirn kriegt keine Luft mehr, dein Körper hält nicht mehr durch, du denkst dir: Mehr Alkohol, dann kommt der Spaß, doch die Nacht macht gar keinen so großen Spaß, im Gegenteil, es ist anstrengend. Alles, was passiert: Du vergisst.

Und zwar alles.

Du liebst alles und jeden und die ganze Welt, du hast vergessen, warum du sie verabscheust. Du vergisst die alltäglichen Probleme- wer tanzt, hat keine Probleme. Es zählt nur noch der nächste Track und vielleicht die Kopfschmerzen und der Muskelkater, weil du ja nicht der sportliche Typ bist.

Es wird kalt draußen und der Laden macht zu und du hast völlig vergessen, dass du jetzt heim musst, und du machst dich auf den Weg und triffst zwei dir völlig fremde Gestalten, die sich auf dich einlassen, zwei Karikaturen des Nachtlebens, genauso geprägt und geschlaucht aber unwillens, aufzuhören. Wir wissen nämlich alle, dass das aufhören das schwierigste ist, ein Testament an die Kapitulation, du rufst “Hör auf, Stopp, ich will nicht mehr, nur noch die Augen zu und weg von hier”, aber du sagst es nicht laut, denn die Stadt ruft.

Ohne Geld und mit einer vollgekotzten Jacke, in einem zugemüllten, völlig verdreckten Fiat Panda mit 4 anderen Menschen ohne Grund und ohne Ziel, stinkend und schwitzend auf der Suche nach irgendetwas, was die Nacht noch länger macht. Vielleicht ein Flirt, vielleicht mehr, vielleicht überhaupt nichts, aber egal- irgendwas findet sich immer. Da, die Pommesbude, die einzige, die in dieser großen Stadt um diese Uhrzeit überhaupt noch geöffnet hat. Rumalbern, aufgedreht sein, kein Kaffee kann dieses Gefühl erzeugen, kein noch so starker Adrenalinstoß kann gezwungene Energie je ersetzen. Letzte Reserven. Die Füße brennen, du kannst nicht mal mehr rauchen. Der Alkohol lässt nach, du spürst den Schmerz wieder, der Kater setzt vor dem Schlafen gehen ein. Deine Augen werden schwer und glasig, und ein Blick in den Spiegel verrät dass du eine grauenvolle Grimasse trägst.

Das ist das Nachtleben, eine dreckige Angelegenheit und eine lange Autofahrt bei dichtem Nebel heimwärts, scheiss auf die S-Bahn, unsere Bekanntschaft erledigt das. Zwei völlig fremde Gestalten, genau aus dem gleichen Holz geschnitzt.

Du merkst, dass es dir nicht um die Disco geht, um die Lichter, um die Musik- es geht um alles, was danach kommt, es geht um die Dämmerung, um die kühle Luft und das Abenteuer, das folgt, das dich völlig davon trägt in deinem dösigen Zustand. Ein bisschen Freiheit, ein bisschen “nicht wissen was kommt” und ein bisschen laute Elektromukke die aus dem Soundsystem des Fahrers dröhnt, die dich wach hält, dumme Witzchen, und wenn ich jetzt noch Geld hätte in den nächsten Club, auf ein weiteres Abenteuer hinzusteuern, die Nacht zum Tag werden lassen und weiterleben, und etwas spüren, das nicht hierher gehört…

Doch ich merke, dass diese Zeit vorbei für mich ist, dass das Risiko jetzt zu hoch ist, dass mich das Geld abhält, dass mich meine Freunde abhalten, dass ich nicht mehr in den Dreck gehöre und auch nicht auf der Straße lebe, nicht mehr, ich bin da jetzt raus und nur noch Beobachter eines Szenarios, das ich nur allzugut kenne. Und manchmal sehne ich mich danach, aber so weit kommt es nicht. Ich ende im eigenen Bett, im eigenen Leben, in meinem, und alle Erinnerungen kommen zurück und die Müdigkeit erschlägt mich, vielleicht bin ich zu alt, vielleicht habe ich alles schon gemacht, was man machen muss, und jetzt gibt es nichts mehr zu tun für mich hier. Vielleicht ist es nur noch das Discolicht und die Musik und die Freunde, und das wahllose besaufen und abdancen. Vielleicht ist diese Suche nach dem Abenteuer einfach nur eine Suche mit der Hoffnung, nichts zu finden.

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