Paranoiattacke.
24/05/2007Hand auf’s Herz: Ich bin eine notorische Schulschwänzerin.
Ich weiß nicht, wann das angefangen hat und wieso ich nach 12 Jahren permanenter Anwesenheit (bis auf Physik in der 11. Klasse, wer kann es mir schon verübeln) auf einmal ständig fehlen muss- aber so ist es nunmal. Seit 3 Monaten war ich nicht eine komplette Woche in der Schule, das heisst: Mindestens eine Stunde wurde geschwänzt, maximal 3 Tage (in Stunden). Scheisse, was?
Für mich gibt es viele Gründe, wieso meine Lustlosigkeit auf einmal JETZT auftritt. Endspurt, höchstwahrscheinlich, aber dazu kommen noch einige andere Faktoren. Um mich mal “anderweitig” umzusehen nach eventuellen psychologischen Begründungen, habe ich die Google-Machine angeschmissen um zu sehen, was die gescheiten Leute so davon halten.
Und war schwer enttäuscht.
Ja, klar- Schulabstinenzler sind meistens Ausländer aus der sozialen Unterschicht, Hauptschüler und werden später zu Serienmördern und Kinderschändern. Sie haben eine schlechte Erziehung gehabt, wohnen in einem sozialen Brennpunkt, Eltern Alkoholiker, Lehrer Arschlöcher, Psyche im Arsch, das ganze Programm.
Sagt die Statistik zumindest.
Aber was ist mit mir? Schon immer gute Noten, Freunde, relativ geregeltes Leben, keine großartigen Probleme- weder mit Schule als Institution noch mit Lehrern als Authoritäten - mir macht das Lernen sogar Spaß, abgesehen von Mathe vielleicht. Sogar in meinen härtesten Zeiten habe ich es geschafft, die Schule zu verfolgen, es sind Menschen gestorben, teilweise bin ich gestorben und ich war auch ziemlich oft verdammt krank- aber ich war da, weil Schule ist nunmal Schule. Und trotzdem schaffe ich es das alles einfach fallen zu lassen.
Man muss bedenken, dass ich keineswegs vollständig aufgehört habe, in die Schule zu gehen- ich bin eigentlich jeden Tag da. Allerdings habe ich nach 2 Stunden meistens schon keine Lust mehr und schwänze also. Dann komme ich vielleicht für das Fach danach noch mal zurück. Und das variiert dann, je nach dem, wie oft ich welches Fach geschwänzt habe, wie lange es her ist, und so weiter. Das ist schon so eine ausgeklügelte Strategie, dass es weniger Kraft in Anspruch nähme, wenn ich einfach den scheiss Unterricht besuchen würde.
Hm, und jetzt? Jetzt sitze ich hier und denke mir aus, was das alles für Gründe haben könnte. Vielleicht liegt es an der Versagensangst vor dem Abitur. Oder: Erfolgsangst vor dem Abitur! Angst, nicht gut genug abschneiden zu können- warum also überhaupt abschneiden? Generelle Zukunftsangst: Ich weiß doch gar nicht, was ich NACH dem Abitur machen möchte, also zögere ich es so lange hinaus, wie ich nur kann. Ich bleibe dieses Jahr nicht sitzen und werde mein Abitur wohl auch noch bestehen, wenn ich nur 3 Mal die Woche in die Schule ginge, aber trotzdem ist es für mich nichts anderes als “Aufschiebung”. Nichts anderes.
Dann ist da der ewige Drang, fortzugehen. Meine Motivationen und Ambitionen noch ein weiteres Jahr hierzubleiben und meine Zeit in der Schule abzusitzen sind auf dem Nullpunkt angelangt. EIN JAHR WARTEN. Ich weiß natürlich, ganz rational, dass ich mein Abitur brauche um diverse Träume zu verwirklichen, bzw. mich ihnen zu nähern- aber scheisse, ein Jahr ist halt echt lange, und es juckt mich in den Füßen hier zu verschwinden und woanders neu anzufangen, etwas komplett neues aufzubauen. Ohne zurückzudenken. Ohne Noten, ohne Klausuren, ohne Referate und mit Menschen um mich herum, die ich mir aussuchen kann.
Tja. Und was gibt’s dann noch? Leistungsdruck, klar- die Eltern werden auch ganz angespannt, wenn sie daran denken, dass ich ja bald Ärztin sein werde. Shit! Mir fallen so endlos viele Sachen ein, so viele Gründe. Meine Entscheidungsträgheit, die ich so gerne an anderen Menschen kritisere. Meine Faulheit, die mich daran hindert, etwas zu lernen dass ich nicht schon längst kann. Meine Arroganz, die mich davon überzeugt, dass ich den Stoff nicht zu lernen brauche- ich kann’s ja eh schon.
Ich falle aus dem Durchschnittsgitter der Schulschwänzer ganz klar heraus. Meine Noten bleiben trotz der Fehlstunden gut, nicht unbedingt besser als vorher, aber auch nicht merklich schlechter. Dafür muss ich auch gar nicht viel machen, außer ab und zu eben anwesend sein um zumindest mitzubekommen, worum es geht. Den Rest kann man sich (bis in Ausnahmefächern wie Mathe und Geschichte) meistens noch dazudenken. Aber wirklich lernen? Eigentlich nicht.
Und da haben wir auch schon das nächste Problem: Schule macht keinen Sinn mehr für mich. Ich will den ganzen Scheiss doch gar nicht mehr wissen. Allgemeinbildung, schön und gut, und gegen Deutsch und Geschichte und Biologie kann ich nichts einwenden, ich finde es interessant, und außerdem gibt mir das die Grundlage für meinen 250.000 € Sieg bei Wer wird Millionär?, aber Mathe? Sport? Powi? Kunst? … Ja, ja, ich übertreibe. Jedes Fach hat seine Vorteile und trägt zur Allgemeinbildung bei. Okay, verstehe schon. Aber trotzdem, Mathe juckt mich nicht.
Ich habe ein fundamentales, prinzipielles Problem mit der Mathematik, fällt mir gerade auf.
Ich werde die Schule auf jedenfall beenden- wie erfolgreich wird sich wohl noch herausstellen, aber hoffentlich besser als ich es mir jetzt vorbereite. Ich habe einfach nur tierische Angst auf weitere Konflikte meinerseits. Ich muss das jetzt packen und mich zusammenreissen, aber kein einziges Argument bringt mich dazu, in die Schule zu gehen, obwohl ich genau weiß, dass ich MUSS.
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