Ein Telefonat
5/07/2007Spätestens, wenn man im Regen steht und der Himmel seit Stunden von schwarzen, dunklen Wolken bedeckt ist, sollte man vielleicht anfangen darüber nachzudenken, ob man sich nicht unterstellen möchte.
So ist es im Leben, zumindest meiner Erfahrung nach. Erst, wenn man wirklich mitten drin steht, völlig durchnässt ist und merkt, dass man plötzlich alleine auf der Straße steht, fängt man an, sich umzusehen, ob’s nicht was besseres als diesen ganzen Scheiss gibt. Ich bin auch so ein Kandidat, renne ständig gegen verschlossene Türen, aber anstatt sie aufzubrechen und die Leute auf der anderen Seite davon zu stoßen, gebe ich einfach auf, knie mich davor und fang an, zu betteln- das typische Opfer der Gesellschaft, oh, ich bin so gepeinigt, ich werde geschlagen, alle sind so fies zu mir!
Ich lass es aber auch mit mir machen. Es stimmt. Das ist einfache Psychologie, nicht wahr? Das LAMM ist schuld, was begibt es sich einfach so in die Wolfsgrube und erwartet auch noch, dass der Wolf nett zu ihm ist? Oder das 15-jährige Mädchen, das sich so aufreizend angezogen hat- es ist seine Schuld, dass der mental erkrankte Typ sie erst mal in den Arsch bumsen wollte. So und nicht anders läuft es ab im Leben. Und irgendwann gibt man sich zufrieden mit seiner abgefuckten Opferrolle.. irgendwann will man ja auch keine Verantwortung auf sich nehmen, egal was ich mache, es ist sowieso falsch, also liegt es doch nicht an mir, oder, oder?
So ist es nunmal im Leben. Ich trage die Schuld dafür, dass alles im Arsch ist. Keiner will mir was böses. Ich bin verantwortlich für das, was ich mache und das, was mit mir passiert. Nur ich. Keiner kann mir helfen. Keiner in dieser Welt will sich einmischen. Niemand möchte mich umbringen, mich weinen sehen, mich am Boden kriechend bettelnd haben. Niemand. Und trotzdem tu ich es. Trotzdem heul ich, jammer ich, kriech vor den Leuten rum und lass mir die Fresse einschlagen, nur um ihnen in ein paar Jahren mit meinem Selbstmord, dem endgültigen Coup, ein schlechtes Gewissen zu machen, um ihnen unter die Nase zu reiben dass alles falsch war, dass es ihre Schuld war.
Nur deshalb, und selbst wenn ich glücklich wäre. Aber ich habe schon lange aufgehört, glücklich zu sein- es überhaupt zu versuchen. Das passt ja nicht zur Opferrolle. Deshalb such ich mir ja auch immer die beschissensten Freunde- damit ich weiterhin mein Image pflege und als abgefucktes, zerbrochenes, zynisches und unheilbarkrankes Mädchen in die Arme von jemand anderem gestoßen werden kann, der mich dann zusammenflickt.
Aber bloß niemals selber was machen, selbst mal ein paar Hände schmutzig machen, auch wenn’s ums eigene Leben geht. Nein. Ich bin das Opfer.
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