Mein schrumpeliger, kleiner Pimmel (mit Vorhaut)
16/07/2007Kennt ihr das, wenn ihr zwischen lieben Menschen und Freunden sitzt und alle haben eine herrliche Zeit, kloppen Sprüche raus und es geht ihnen gut beim neuesten Fäkalslangaustausch? Und hier wird Bier rumgereicht, es werden Zigaretten geraucht, das Wetter genossen, der neueste Tratsch diskutiert, welche Musik aktuell am besten ist, welche Filme man gucken sollte, was in der Zukunftsplanung ansteht- naja, die normalen, alltäglichen Dinge eben die man mit seinen Freunden macht. Und ihr, ihr sitzt dazwischen, und es geht euch eigentlich echt gut, alles hat seinen Platz gefunden. Die Geldsorgen sind erst mal gestrichen, ihr habt gegessen, aufgeräumt, und könnt euch entspannen- und trotzdem. Ihr sitzt da und es scheint so als würde die Welt sich nicht weiterdrehen um euch herum, ihr seid irgendwo stehen geblieben und beobachtet alles. Und während man so hineinblickt in das Leben empfindet man eine tiefe, traurige Leere und die Hoffnungslosigkeit, weil man genau weiß, dass man keinen Grund hat. Nichts. Nada. Man ist alleine.
Ja, ich habe einen Grund. Und nach dem Schmerz und der Trauer und der leidenschaftlichen Wut, die man hineininvestiert hat, mit der Hoffnung, es würde dann bergauf gehen, kommt tatsächlich nur noch eine Leere und Einsamkeit. Als ob man einem kleinen Kind das Essen weggenommen hat, das einzige, worauf es sich bei großem Hunger konzentrieren kann. Als ob der Sinn meines Lebens weg wäre. Als ob es jemals einen gab und der nun nicht mehr greifbar ist. Und nun sitze ich da, und es müsste mir gut gehen und ich müsste schreien und mich freuen und abgehen und– aber dem ist nicht so.
Wisst ihr, ich wäre gerne ein Einzelgänger. Ich weiß, dass ich keiner bin, obwohl ich mir das früher so einreden wollte. Aber ein Einzelgänger redet sich ja wohl kaum ein, dass er einer ist, frei nach dem Motto “Hui cool ich kann mir am eigenen Pimmel rumspielen toolllll…”. Und das macht man dann auch den ganzen Tag: Sich am Pimmel rumspielen. Was bleibt schon viel anderes übrig.
Ich bin keiner. Aber ich wäre gerne einer. Introvertiert, schüchtern, egozentrisch. Unaufgeschlossen, mysteriös, neurotisch aber irgendwie charmant. Vergessen wir für einen Augenblick die Romantisierung dieses Charakters: Ich wäre gerne einfach nicht mehr so aufbrausend und temperamentvoll und gestört, wie ich es bin, und ich hasse mich selber dafür, dass ich mich daran erfreue mit anderen Menschen zu kommunizieren, sozialisieren und zu vögeln. Es reicht eben doch nicht. Manchmal muss ein anderer Pimmel her.
Damit möchte ich keineswegs implizieren, es wäre doch sooo viel leichter, ein emotional abgekoppelter Mensch zu sein. The grass is always greener on the other side, ich sehe das schon. Und ich kenne auch Menschen, die sich gerne von mir eine Scheibe abschneiden wollen, weil sie sich selbst im Wege stehen und ihr Glück nicht greifen können, zumal da Zwischenmenschlichkeit anscheinend einen großen Stellenwert hat bei den meisten. Ist ja auch so. Rudeltier, das Homo Sapiens, oder wie war das?
Aber ich glaube, ich habe meine Un-Einzelgängerigkeit zu einem Exzess gemacht. Ich kann mich nicht mit mir alleine beschäftigen, irgendwas muss da sein, irgendeine Form von Kommunikation. Irgendjemand. Keine 10 Minuten ohne zu wissen, mit wem ich die nächsten verbringen werde. Alleine ist scheisse. Immer. Wenn mir langweilig ist, rufe ich wahllos irgendwen an, selbst wenn ich keine Lust auf den Menschen habe. Selbst wenn alles dagegen spricht. Aber ohne irgendjemanden bin ich nicht zufrieden zu stellen, niemals. Mein einziger Lebensorgasmus ist es, wenn ich jemandem der meine Zuneigung genießt einen Gefallen tun darf, jemanden glücklich machen kann. Das ist das einzige, was mich glücklich macht. Und jetzt kommt nicht mit “aber so ist es gut”, nein, verdammte verkackte superscheisse, das ist nicht gut und verachtungswürdig. Was ist das? Ein Schrei nach Aufmerksamkeit, nach Dankbarkeit? Die Bestätigung dafür, dass ich gebraucht werde, ja, mein Sinn des Lebens- andere Menschen?
Nehmen wir an, ich gebe alles, was ich habe- aber es funktioniert nicht. Nicht emotional, nicht praktisch, was weiß ich- und was habe ich dann noch? Dann ende ich hier. Am Anfang. Wo nichts steht. Zu oft habe ich mich wieder aufgebaut und wieder alles reingeholt um genau den gleichen Fehler zu machen. Irgendetwas in mir bestätigt vor allem die Wahrsagung, dass es niemals anders sein kann. Was hätte ich dann noch, das mich glücklich macht? Ich selbst? Mein eigener kleiner verschrumpelter Pimmel, der niemals von mir berührt wurde und kaum von irgendjemand anderem?
Superpimmel, hey. Den will auch mittlerweile keiner mehr. Schön und gut, die Pimmelmetapher ist echt scheisse, aber versteht ihr was ich meine? Natürlich kann ich versuchen, ein bisschen mehr an mich zu denken. Ich sag ja jetzt auch nicht, dass ich ein selbstloser, aufopfernder Mensch bin. Um Gottes willen. Ich sagte ja schon, ich bin so jemand der ständig die Bestätigung sucht, und zwar nicht (wie es andere machen) auf sexuelle Art und Weise, sondern auf eine ganze andere. Ich bin derjenige, der sich bei dir einschleicht und dich dazu bringt, von ihm abhängig zu sein, damit ich was habe, worum ich mich kümmern kann.
Ich habe realisiert, dass das mein Problem ist. Dass die Abhängigkeit von anderen Menschen mich genauso abhängig macht. Das muss aufhören. Ich will daran arbeiten. Ich will mich nicht mehr für andere aufopfern und mich zwischen meinen liebsten Freunden alleine fühlen, weil mein Spielpimmel weg ist. Ich will einfach nicht mehr so krass zerstört werden, so krass berührt werden, weil ich mir mein eigenes Fiasko aufgebaut habe. Und ja, es stimmt- es läuft immer darauf hinaus, dass sie mich verlassen, weil ich selbst niemals jemanden verlassen könnte- damit könnte ich ja jemanden unglücklich machen.
Es ebbt ab, ich bemerke es schon. Es geht schneller, wenn man sich daran gewöhnt hat, auch wenn es noch dauern wird und ich hart arbeiten muss, mir wieder etwas aufzubauen, mich für etwas oder gar jemanden begeistern zu können. Ich geb mir diesmal diese Zeit. Und beim nächsten Mal werde ich Ansprüche stellen, Erwartungen hegen. Nur, damit ihr schon mal bescheid wisst.
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