Beim täglichen Entertainment-Durchzapp der deutschen Fernsehverblödung bin ich auf eine ziemlich interessante Dokumentaion bei arte gestoßen. Jaha, arte. So bildet man sich weiter! DAS ist Fernsehen für die Zukunft, Leute. Schneidet euch alle eine Scheibe bei mir ab und guckt mehr arte. Wobei ich an dieser Stelle ehrlich sagen muss, dass ich noch nie in die Fernsehzeitung geblickt habe und mir dachte “Oh, was kommt den heute spannendes auf arte? Aaah, der 2. Weltkrieg aus Sicht der russisch-orthodoxen Juden! Interessant, muss ich aufnehmen!”. Eigentlich kenne ich keinen, der das macht. Es sind immer nur diese Zufallszappgeschichten, die einen weiterbringen. Das ist wie mit den Parties: Die spontanen sind die besten, besoffensten und vor allem die mit dem meisten Erinnerungswert, selbst wenn man total den Filmriss hatte und zu spät gekommen ist und den Rest verpennt hat, während die lang geplanten einfach nur schnöde nach Schema F ablaufen und keinen wirklich zufrieden stellen.
Ja, so ist arte.
Anyway. Um auf das Thema zu kommen, die Doku behandelte “Das andere Amerika”; das Amerika der Punks, der Künstler, der Outsider und auch der Politik. Es wäre jetzt sehr anmaßend von mir zu behaupten, ich hätte alles nachvollziehen können. Aber zumindest kann ich behaupten, ich hätte den Kern der Reportage verstanden und mich sehr amüsiert, als Dave Eggers und die Gründer der “Vice” sich zu den einzelnen Themen in Amerika so wie den Stätten geäußert haben. Es gab kein Thema - von Gangs bis zur Musik über Wirtschaft - das nicht zumindest angesprochen wurde und alleine diese Vielfalt macht für mich eine Reportage aus, selbst wenn sie manchmal nicht bis zum innersten Kern vordringt.
Egal wie- diese halbe Stunde fernsehen hat mich plötzlich auf etwas gebracht, das mir vorher so deutlich noch gar nicht aufgefallen ist. Nämlich meine unermessliche Zuneigung zu diesem Land. Versteht mich nicht falsch- Amerika hat ein genauso arrogantes und oberflächliches Gesicht wie die Typen, denen ich meistens verfalle (die mich nie beachten und mich einsames dummes Ding belächeln); aber das Innere ist viel mehr wert. Ich war noch relativ jung als ich die USA besuchte, von San Francisco bis hin zu New York, aber nichtsdestotrotz bleibt der Eindruck als wäre es gestern gewesen.
Was mir im Sinn bleibt sind vor allem die Menschen. Nicht die High School Protagonisten, sondern die Art, die Mentalität- etwas völlig anderes als wir in Europa gewöhnt sind. Ich möchte mir gar nicht herausnehmen, das zu beschreiben, das könnte ich überhaupt nicht. Es ist einfach anders. Auch anders als in meiner Ursprungsheimat, Syrien oder den anderen (ähnlichen) arabischen Ländern. Man fühlt die Freiheit. Man spürt die Kunst, die Talente, dieser Haufen von wahnsinnigen Lifestyles. Die Obsession mit der Jugend, mit der Schönheit. Natürlich ist vieles artifiziell, und wenn man erst von der Politik anfängt heisst es sowieso “Amerika, scheissen wir bitte mal auf dieses ursprünglich tolle Land, das sich selbst zerstört hat”. Aber mich fasziniert es immer noch, alles.
Wisst ihr, ich bin aufgewachsen mit Nickelodeon und Mickey Mouse, aber hab dafür nie Löwenzahn geguckt. Meine Eltern gingen mit uns in Freizeitparks wie Disney World, zum Frühstück gab es Cornflakes und mein Vater fährt bis heute einen Chrysler. Meine Mutter heisst “Mom” seitdem ich 8 bin, und mein Englisch ist zeitweise besser als mein Deutsch (mit einem eigens antrainierten New England Accent, obwohl das eher aus Faulheit als aus Ästhetik; alles andere war aber zu schwer). Ich stehe auf amerikanische Musik, amerikanisches Fast Food, amerikanische Sportarten, amerikanische Klamotten, fast schon prinzipiell.
Nur konnte ich mir nie erklären, wieso. Ja, wieso eigentlich? Als Deutsche und als Tochter von Arabern sollte ich Amerika und seine Korruption hassen, die Leute für ihre Oberflächlichkeit und Naivität verurteilen, die ganzen Schafe, die blind irgendwelchen Trends und der Manipulation der Medien folgen verachten und mich und mein Land selbst in den Himmel loben, weil wir gebildet und fortschrittlich sind und keine kirchlich-dummen Gesetze oder das Kyoto-Protokoll nicht unterschrieben haben. Ich mag Elektromusik und Filme, die außerhalb von Hollywood ihren Erfolg feiern.
Also warum diese Faszination? Vor allem weiß ich, das ich da kein Einzelfall bin- ich kenne viele meiner Freunde, die auch so eine unglaubliche Zuneigung zu Amerikanern haben. Dabei sind die uns doch gar nicht so fremd, oder? Die sind nur irgendwie lässig und cool und… ja. Was eigentlich?
Ich kann es nur für mich rechtfertigen. Die Männer dort sehen besser aus, oder zumindest die Männer, die auch international Beachtung finden. Die Happy Endings in den ganzen Filmen sind alle in den USA gedreht. Bei Starbucks gibt’s den besten Kaffee und bei McDonald’s den billigsten Burger. Das Land ist groß und deshalb spannend; man kann aufsteigen und Geld machen, man kann aber selbst als armer Schlucker noch einem Lifestyle nachgehen, den man hier noch nicht mal zu träumen gedenkt. Wo sonst hocken Skater neben Punks neben Goths neben Emos neben Nerds neben Rentnern, und wo sonst kann man vom Strand in die Mall auf’s Land durch die Lüfte über’s Wasser unter Asphalt?
Nirgendwo. Nur dort.
Aber eines ist für mich nun klar geworden: Es ist eine alte, verblassende Liebe. Das Gefühl, das ich bei den USA meistens kriege, ist definitiv ein Gutes, eines, das mit Freude und schönen Erinnerungen gespickt ist. Trotzdem ist es mehr ein Fotoalbum als ein aktuelles Bild, das an einem vorbeizieht. Teilweise traurig, nostalgisch, weil ich jetzt alt genug bin um zu verstehen das vieles von dem, was ich damals sah, falsch war oder zumindest getäuscht. Ich glaube, die USA ist für mich wie ein alter Freund, mit dem man sich irgendwann einfach gestritten hat. Man sieht sich ab und zu noch, aber es ist nicht dasselbe. Man will immer noch von diesem Menschen etwas wissen, aber fühlt keine Emotionen mehr dabei, sondern nur Interesse und vielleicht auch ein bisschen Sorge. Man würde dieser Person immer noch beistehen in schweren Zeiten, aber man hofft innerlich, dass man in schweren Zeiten selber… einfach nicht zur Hand ist.
Die USA sind ein verdammt komplizierter Haufen Staaten.
Tags: meinung, politik



Es ist sehr schön, dass du diesen Text veröffentlichst. Eine Text, der nicht gegen Amerika ist (!) - und das als Araberin (!!). Eigentlich müsstest du den Djihad ausrufen und dich mit einem Auto voller Sprengstoff in die nächste Touristengruppe in Rothenburg ob der Tauber rasen.
Aber das machst du nicht. Nein, du schreibst einfach von der Leber weg, warum du die USA liebst. Und das ist heute gar nicht so einfach. Nicht das USA lieben, sondern es offen zugeben. In Deutschland, als Araberin.
Ich war noch nie in den USA. Und bevor ich in Ecuador war, war ich auch sehr, sehr antiamerikanisch. Aber das ist ja das gute an einem Austauschjahr: Es erweitert den Horizont. Und man überdenkt vielleicht auch einmal Positionen oder macht sich klar, dass es nichts bringt, über Leute zu urteilen, die man nicht kennt.
Ich liebe die USA bestimmt nicht, schließlich war ich noch nie da. Aber inzwischen habe ich ein sehr positives Amerikabild. Denn wenn man sich die ganzen Berichte aus Amerika anguckt und durchliest, dann gibt es einen roten Faden, der sich durch alle noch so grundverschiedenen Geschichten zieht: Das Selbstbewusstsein, so zu sein wie man selber sein möchte.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass es irgendein anderes Land geben kann, wo jeder - und zwar wirklich jeder - sein Ding durchziehen kann. Okay, es gibt Ecken, wo der eine oder andere Lebensentwurf vorherrscht, aber du wirst immer einen Ort finden, an dem Gleichgesinnte leben oder wo du zumindest ungestört bist. Und so etwas ist großartig! Vielleicht liegt es daran, dass Auswanderer normalerweise nicht gerade das Prekariat ihrer Herkunftsgesellschaft sind, vielleicht auch einfach nur daran, dass es Platz in Hülle und Fülle gibt - aber in Amerika kann man seinen Traum eben leben; in Deutschland auch, aber nur in engen Rahmen.
Danke Sara! Danke dafür, dass du einen solchen Beitrag geschrieben hast. Denn es gibt auch heute noch Deutsche, die Amerika mögen. Nicht Bush, nicht Al Gore, Hillary Clinton oder den Antiterrorkrieg. Sondern das Land und für was es steht!
(Das “God Bless America” spare ich mir jetzt mal. Das wäre dann doch zu pathetisch…)
Boah, der Text könnte von mir sein, ich selber war eine Zeit lang in Utah. Immer wenn mich die Leute fragen wie es war, sag ich toll oder geil, wenn sie mich dann aber fragen warum, weiß ich nicht was ich antworten soll, es gibt vieles was einen dort stört, besonders bei den Mormonen in Utah. Aber es hat auch irgendwie etwas, was einen immer wieder gerne zurückfliegen lässt, auch wenn man sein eigenes Geld ausgeben muss. Ich habe lange überlegt warum ich eine Zuneigung zu republikanischen Familien habe, ich konnte es nicht erklären. Viele Amerikaner haben eine merkwürdige Freundlichkeit an sich, die man mag, aber auch irgendwie seltsam findet. Kein anderes Land in dem ich bisher war, gibt einem so ein Gefühl, auch nicht Kanada. Die High School, in der Leute während des Unterricht schlafen, die Pausen in denen man zu Arbys fährt, die Malls, die großen Autos, mit 16 Auto fahren, die ganzen Mädchen in Flip Flops und *********…. Ich kann es auch nicht erklären, sorry für meine wirren Worte…
Ich oute mich hiermit ebenfalls als USA-Fan, auch wenn ich leider noch nie da war, aber es ist mein größter Wunsch. Naja, Kind der 80er halt, da wird einem das eingebläut.
Ich war bis 9/11 auch dabei, dieses faszinierende Land kennenzulernen, bin aber immer noch in den scheinbaren Widersprüchen hin- und hergerissen.
Einerseits ist es beneidenswert zu sehen, wie selbstbewusst die Amerikaner ihrem Land gegenüber wirken, und selbst leidenschaftliche Kritiker nie am ganzen System an sich verzweifeln, wie das in Deutschland gern gemacht wird.
Andererseits sind es aber so kleine Erlebnisse quer durch das Land, welche bei mir dann aber weitere Neugierde nach den Ursachen solchen Verhaltens geweckt hatten. Drei Beispiele:
Kalifornien, irgendwo in der Provinz
Mitten in einem dieser anonym gewordenen Riesenkaffs der Sierra Nevada konnte ich einen Polizeizugriff beobachten. An einer menschenleeren Strassenkreuzung, die Dämmerung hat gerade eingesetzt, aus drei Polizeiautos nähern sich sechs Polizisten mit aktiviertem Teaser und gezogener Waffe ganz langsam einer Parkbank. Dort verharrt der Verbrecher: ein zusammengesackter Betrunker im Halbdelirium.
Ich stand da nur rum und wartete bis die eine Polizistin Zeit hatte, auf meine Frage nach dem Weg zur naechsten Buecherei zu antworten. Natuerlich ist mir auch klar, warum die Bullen da so angespannt vorgehen - weil sie einfach nicht einschaetzen koennen, ob der Typ vielleicht eine Waffe traegt, und ploetzlich um sich ballert.
Ich frage mich aber nach wie vor, wie weit es in einem Land gekommen ist, in dem ein Polizist nicht einfach unbefangen mehr auf einen Bürger zugehen kann, ohne gleich davon ausgehen zu müssen, von dem erschossen zu werden…
New York City
Auf dem Rückweg von Flushing nach Manhattan in der S-Bahn mache ich zwischen zwei Wagons stehend Fotos von den Graffitis Brooklyns. Ich hatte auf der Hinfahrt dauernd Leute zwischen den Wagons stehend gesehen, meist weil sie einfach eine geraucht haben.
An einer Station steht plötzlich ein Cop an der Tür, mit ausreichend Sicherheitsabstand zu mir und der Hand an seiner Waffe (noch nicht gezogen, immerhin). Er deutet mir an, sofort auszusteigen. Ok ok, ich will ja nicht gleich erschossen werden, also raus. Meine Freunde verdrehen derweil die Haelse, waehrend die S-Bahn mit ihnen davonbraust.
Er labert nur was von wegen das waere verboten, was ich hier in der Stadt zu suchen habe und ich müsse Strafe zahlen. Ob ich mit 50 $ einverstanden bin. Klar, prima, sehr geil - passt genau in mein Urlaubsbudget, bloede Ratte!
Egal, während er also versucht, meine Daten dem Personalausweis zu entnehmen (der dreisprachig alle Infos bereithält, er aber nicht in der Lage ist, die englischen Wörter zu identifizieren), parke ich aus Langeweile meine Hände in der Hosentasche. Das hätte ich nicht tun sollen, denn sofort springt der Cop einen Schritt zurueck, zieht die Waffe und schreit “Hands off!” oder sowas ähnliches. Ähm, ok ok, chill baby, ich also Hände raus und hoch.
Kalifornien, irgendwo nördlich von San Francisco
Wir haben uns in einer privat vermietetn Wohnung in Strandnähe eingemietet. Die Vermieterin macht einen sehr sympathischen Eindruck, und gehörte wohl mal der Hippie-Szene an. Im Garten hat sie einen Top-gepflegten VW-Bus (Bully) stehen, und vor dem Haus verrotet ein alter VW-Käfer. Also wirklich recht sympathisch
Ich unterhalte mich immer sehr gerne mit ihr, wenn ich ihr begegne. Und sie erzählt mir, dass sie einige Jahre auch in Deutschland gelebt hatte, weil ihr verstrobener Mann dort stationiert war. Insgesamt wirkt sie auf mich recht liberal eingestellt, wohl aufgrund ihrer Auslandserfahrungen.
Nach ein paar Tagen aber, als sie wohl mehr Vertrauen in mich gefasst hatte, kamen zuerst unterschwellig, dann aber immer deutlicher ein extremer Rassenhass in ihren Äusserungen durch. Als ich bei meinen Nachfragen möglichst neutral und dezent zustimmend blieb, denn mich interessierte was sie damit meinte, kam raus, dass sie der Meinung war, dass sie von der Gelben Gefahr sprach.
Damit meinte sie die unterschwellig in Kalifornien offenbar weiter verbreitete Angst vor der chinesischen Bevölkerung, oder der Wirtschaftsmacht Chinas allgemein. Dasselbe gibt es dort auch in Richtung Hispanics, also der lateinamerikanischen Bevölkerung.
Für mich war das ziemlich erschreckend, zu sehen daß ein offenbar gebildet wirkender Mensch trotzdem so einen populistisch aufgebauschten Rassismus in sich trägt.
Na ja, dank Bush junior ist es mir bislang versagt geblieben hier weiter zu forschen
aber unser Bloggerkollege von USA erklärt hilft da mit seinen hervorragenden Artikeln ganz gut weiter.
Ach ja, der eigentlich Grund meines Eintrags hier war ja eigentlich, daß ich dir Sara die TV-Serie Deadwood ans Herz legen wollte. Sie spielt in der Gründerzeit, so um 1876, und zeigt ganz hervorragend, wie dieses faszinierende Land eigentlich so wurde wie es ist.
Ich glaube, Sebastian hat hier das wahre Wort gesprochen: Kind der 80er! Jetzt mal ohne Scheiss, die heutige Jugend weiß die USA gar nicht mehr zu schätzen. Die WM hat uns unseren Nationalstolz wiedergegeben.. juhu. Äh.
Und Rollmops- das sind drei wirklich gute Beispiele dafür, dass man sich hin und hergerissen fühlen kann und darf. Ich habe zumeist das Gefühl, dass amerikanische Menschen sich wirklich -individuell natürlich- einer Sache obsessiv verschreiben, sei es der Beruf, ein Hobby, eine Einstellung- whatever. Und das leben sie dann durch und durch auch aus. Das mache ich dann immer an den typischen Cops fest. Cops sind eben die einzige Gang, die es in den USA noch gibt. Ist zwar auch ein verallgemeinderndes Urteil, aber im Großen und Ganzen ist es eben dieses Bild, das seine Vorteile und seine Nachteile vermittelt.
Deadwood? Habe noch nie davon gehört. Ich werde mir bei Gelegenheit die erste Folge anschauen, danach entscheide ich
Ich bin da so ein kleiner Serien-Nazi… ich mag irgendwie Serien kaum/selten/wenn dann echt obsessiv. Bin halt typisch amerikanisch. 
Deadwood könnte dir wirklich gefallen, denn allein schon der exzessive Gebrauch aller möglicher Schimpfwörter ist ein Genuß!
Man muss der Serie aber ein paar Folgen Anlaufzeit geben, dann packt sie einen aber spätestens mit der 3. oder 4. Folge. Sollte es in jeder besser sortierten Videothek geben.
Das ist bestimmt der Evil Twin von Everwood ^^