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Opfergesellschaft, Selbstanalyse

Amerika, Amerika…

07.20.07 | 7 Comments

Beim täglichen Entertainment-Durchzapp der deutschen Fernsehverblödung bin ich auf eine ziemlich interessante Dokumentaion bei arte gestoßen. Jaha, arte. So bildet man sich weiter! DAS ist Fernsehen für die Zukunft, Leute. Schneidet euch alle eine Scheibe bei mir ab und guckt mehr arte. Wobei ich an dieser Stelle ehrlich sagen muss, dass ich noch nie in die Fernsehzeitung geblickt habe und mir dachte “Oh, was kommt den heute spannendes auf arte? Aaah, der 2. Weltkrieg aus Sicht der russisch-orthodoxen Juden! Interessant, muss ich aufnehmen!”. Eigentlich kenne ich keinen, der das macht. Es sind immer nur diese Zufallszappgeschichten, die einen weiterbringen. Das ist wie mit den Parties: Die spontanen sind die besten, besoffensten und vor allem die mit dem meisten Erinnerungswert, selbst wenn man total den Filmriss hatte und zu spät gekommen ist und den Rest verpennt hat, während die lang geplanten einfach nur schnöde nach Schema F ablaufen und keinen wirklich zufrieden stellen.

Ja, so ist arte.

Anyway. Um auf das Thema zu kommen, die Doku behandelte “Das andere Amerika”; das Amerika der Punks, der Künstler, der Outsider und auch der Politik. Es wäre jetzt sehr anmaßend von mir zu behaupten, ich hätte alles nachvollziehen können. Aber zumindest kann ich behaupten, ich hätte den Kern der Reportage verstanden und mich sehr amüsiert, als Dave Eggers und die Gründer der “Vice” sich zu den einzelnen Themen in Amerika so wie den Stätten geäußert haben. Es gab kein Thema - von Gangs bis zur Musik über Wirtschaft - das nicht zumindest angesprochen wurde und alleine diese Vielfalt macht für mich eine Reportage aus, selbst wenn sie manchmal nicht bis zum innersten Kern vordringt.

Egal wie- diese halbe Stunde fernsehen hat mich plötzlich auf etwas gebracht, das mir vorher so deutlich noch gar nicht aufgefallen ist. Nämlich meine unermessliche Zuneigung zu diesem Land. Versteht mich nicht falsch- Amerika hat ein genauso arrogantes und oberflächliches Gesicht wie die Typen, denen ich meistens verfalle (die mich nie beachten und mich einsames dummes Ding belächeln); aber das Innere ist viel mehr wert. Ich war noch relativ jung als ich die USA besuchte, von San Francisco bis hin zu New York, aber nichtsdestotrotz bleibt der Eindruck als wäre es gestern gewesen.

Was mir im Sinn bleibt sind vor allem die Menschen. Nicht die High School Protagonisten, sondern die Art, die Mentalität- etwas völlig anderes als wir in Europa gewöhnt sind. Ich möchte mir gar nicht herausnehmen, das zu beschreiben, das könnte ich überhaupt nicht. Es ist einfach anders. Auch anders als in meiner Ursprungsheimat, Syrien oder den anderen (ähnlichen) arabischen Ländern. Man fühlt die Freiheit. Man spürt die Kunst, die Talente, dieser Haufen von wahnsinnigen Lifestyles. Die Obsession mit der Jugend, mit der Schönheit. Natürlich ist vieles artifiziell, und wenn man erst von der Politik anfängt heisst es sowieso “Amerika, scheissen wir bitte mal auf dieses ursprünglich tolle Land, das sich selbst zerstört hat”. Aber mich fasziniert es immer noch, alles.

Wisst ihr, ich bin aufgewachsen mit Nickelodeon und Mickey Mouse, aber hab dafür nie Löwenzahn geguckt. Meine Eltern gingen mit uns in Freizeitparks wie Disney World, zum Frühstück gab es Cornflakes und mein Vater fährt bis heute einen Chrysler. Meine Mutter heisst “Mom” seitdem ich 8 bin, und mein Englisch ist zeitweise besser als mein Deutsch (mit einem eigens antrainierten New England Accent, obwohl das eher aus Faulheit als aus Ästhetik; alles andere war aber zu schwer). Ich stehe auf amerikanische Musik, amerikanisches Fast Food, amerikanische Sportarten, amerikanische Klamotten, fast schon prinzipiell.

Nur konnte ich mir nie erklären, wieso. Ja, wieso eigentlich? Als Deutsche und als Tochter von Arabern sollte ich Amerika und seine Korruption hassen, die Leute für ihre Oberflächlichkeit und Naivität verurteilen, die ganzen Schafe, die blind irgendwelchen Trends und der Manipulation der Medien folgen verachten und mich und mein Land selbst in den Himmel loben, weil wir gebildet und fortschrittlich sind und keine kirchlich-dummen Gesetze oder das Kyoto-Protokoll nicht unterschrieben haben. Ich mag Elektromusik und Filme, die außerhalb von Hollywood ihren Erfolg feiern.

Also warum diese Faszination? Vor allem weiß ich, das ich da kein Einzelfall bin- ich kenne viele meiner Freunde, die auch so eine unglaubliche Zuneigung zu Amerikanern haben. Dabei sind die uns doch gar nicht so fremd, oder? Die sind nur irgendwie lässig und cool und… ja. Was eigentlich?

Ich kann es nur für mich rechtfertigen. Die Männer dort sehen besser aus, oder zumindest die Männer, die auch international Beachtung finden. Die Happy Endings in den ganzen Filmen sind alle in den USA gedreht. Bei Starbucks gibt’s den besten Kaffee und bei McDonald’s den billigsten Burger. Das Land ist groß und deshalb spannend; man kann aufsteigen und Geld machen, man kann aber selbst als armer Schlucker noch einem Lifestyle nachgehen, den man hier noch nicht mal zu träumen gedenkt. Wo sonst hocken Skater neben Punks neben Goths neben Emos neben Nerds neben Rentnern, und wo sonst kann man vom Strand in die Mall auf’s Land durch die Lüfte über’s Wasser unter Asphalt?

Nirgendwo. Nur dort.

Aber eines ist für mich nun klar geworden: Es ist eine alte, verblassende Liebe. Das Gefühl, das ich bei den USA meistens kriege, ist definitiv ein Gutes, eines, das mit Freude und schönen Erinnerungen gespickt ist. Trotzdem ist es mehr ein Fotoalbum als ein aktuelles Bild, das an einem vorbeizieht. Teilweise traurig, nostalgisch, weil ich jetzt alt genug bin um zu verstehen das vieles von dem, was ich damals sah, falsch war oder zumindest getäuscht. Ich glaube, die USA ist für mich wie ein alter Freund, mit dem man sich irgendwann einfach gestritten hat. Man sieht sich ab und zu noch, aber es ist nicht dasselbe. Man will immer noch von diesem Menschen etwas wissen, aber fühlt keine Emotionen mehr dabei, sondern nur Interesse und vielleicht auch ein bisschen Sorge. Man würde dieser Person immer noch beistehen in schweren Zeiten, aber man hofft innerlich, dass man in schweren Zeiten selber… einfach nicht zur Hand ist.

Die USA sind ein verdammt komplizierter Haufen Staaten.

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