48 Stunden/Momentaufnahmen
22/07/2007Tag
Laute Musik, bunte Gesichter, bunte Menschen. Freakshows. Lichter. Elektrotanzmukke. Und jetzt noch einkaufen. Händchenhaltende Pärchen. Aber hey.. Latex? Leder? Regenbogen?
Oh Shit.
Sie hat’s auch gemerkt, irgendwann. “Aber… guck dir diese Leute an… die sind… ” und flüstert leise hinterher, als ob es unter Strafe steht, es laut auszusprechen: “… homosexuell“. Ja, das sind sie. Und jetzt einkaufen.
Mit schnellen Schritten in der Hitze, ausweichend- es könnte ansteckend sein. Durch den Alkohol und den Schweiß in der Luft entsteht ein Geruch von… Alkohol und Schweiß. Menschen hasten da durch. Immer mehr Tüten kommen dazu, immer mehr Konsum, immer mehr Geld wird ausgegeben.
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Ein Blick in die Richtung der bunten Vögel, die sich alle gegenseitig begrapschen und küssen. Ein Stich durch’s Herz. Plötzlich dieser Ekelschauer, der mir über den Rücken läuft. Ich bin überrascht von mir selber- habe ich nicht selbst mal zu so einer Gruppe gehört? War ich nicht selbst so ein bunter Vogel? Ein anderes ich, ein anderes Leben? Bin ich etwa intolerant, angeekelt von… kann es sein?
Plötzliche Erleichterung: Es sind nicht zwei Jungs. Es ist die sexuelle Veröffentlichung. Bloßstellung. Zweiter Schock: Ich bin eine prüde Gesellschaftsmarionette. Sex sells? Nicht mit mir. Die Szene widert mich an. Kauft euch gescheite Klamotten. Ich will eure individuellen Gesichter nicht sehen, lasst mich in Ruhe. Ich möchte eure Proteste nicht hören. Ihr sollt euch einfügen, anpassen. Schwanz in der Hose behalten. Es ist egal, wer oder was ihr seid. Behaltet es für euch, sagt es keinem. Sex ist privat, intim. Ihr könnt es nicht verkaufen. Verkauft es nicht. Nutzt es nicht aus. Niemanden interessiert es mehr (Erinnerungen an mein eigenes Versagen, das Schaf in der Herde, zu wohlig in der Masse, um auszubrechen. Niemals wird es die Welt sehen. Angst?).
Ich wende mich ab. Scheiss auf den Exhibitionismus. Ich gucke nicht hin.
Nacht
Zu viert steigen wir die Treppen hoch.
Oh Shit. Falsche Ausgang, und es regnet wie als hätte Gott persönlich die Wasserleitungen bersten lassen. So viel zum Thema Haare machen. Als erstes sind wir noch cool- okay, wir werden ein bisschen nass, so what? Die Flasche Vodka-E wird herumgereicht. Bald fangen wir an zu frieren. Wir müssen eine gefährliche Straße überqueren. Auf halbem Weg setzen wir uns an den Rand- wegen der schützenden Unterführung. Alleine dafür hat es sich gelohnt. Mit Ballerinas durch den Matsch.
Ich persönlich? Ein herzzerreissendes Dekollté. Man könnte sich das Shirt auch sparen. Aber man tut gerne so, als ob. Die Flasche im Anschlag, sitzen wir nun da. Keinen Meter näher zu unserem Ziel. Autos hupen, rasen an uns vorbei. Autobahnfeeling. Totlachen, aber hey, es ist irgendwie ein bisschen zu kalt um das noch lustig zu finden.
Ein Auto hält an. Ein Typ mit Kappe und Zahnspange. “Wo woallt iaahr hiaan?” Oh, Amerikaner. Oder Brite, wer weiß.
“MTW.”
“Stoiigt aaeinn, iiikk nähhhme euckk miaat, no problem!”
Und wir gucken uns an. Und lachen. Und dafür hat es sich gelohnt.
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Die Musik ist gut, der Laden leer. Der beste Club Deutschlands, angeblich. Der fünftbeste Club der Welt… definitiv. Aber egal. Mein persönlicher Favorit ist er. Robert Johnson. Laute, gute Housemusik, abseits des Mainstreams. Stunden um Stunden. Effektiv? Eine halbe Stunde getanzt, sechs geraucht, und vier weitere einfach nur beobachtet. Druffies, Spasten, Alte, Junge. Aber hier ist man frei. Im Robert Johnson ist es egal, wo du herkommst.
Nachts ist es egal, wo du herkommst und wohin du gehst. Wie viel du trinkst. Wen du kennenlernst. Keine Regeln. Ein bisschen Schicksal ist dabei. Nächstes Wochenende? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Nachts gibt es keine Grenzen. Und wenn es hell wird, wird es auch kalt. Und unsere nassen Jacken liegen nach 7 Stunden immer noch zum Trocknen da. Fünfzig Leute im Club, höchstens, ein Club, der so groß ist wie mein zukünftiges Wohnzimmer, und wir sind uns alle einig dass ich mein Geld mit Klopapier nachfüllen verdienen werde. Das Robert Johnson ist der Eintritt in eine andere Welt, ein in Vergangenheit, Träume und Schmerzen. Vergangenheit, denn hier fing vieles an. Träume, denn wie soll man diese Musik, und die Hingabe, und das Einlassen sonst beschreiben, und wie soll man sie anders genießen? Schmerz… den trägt man in sich selbst. Das Robert Johnson ist ein Fluchtort. Für Seelen, für Fremde. Freunde gibt es dort kaum. Gruppen von maximal 3 Leuten. Wir waren schon explosiv. Ins Robert Johnson geht man alleine. Und man verlässt es alleine. Aber ohne die Last der Träume. Ohne die Last der Vergangenheit. Nur den Schmerz… den nimmt man wieder mit. Immer wieder.
Man kann eben den Schmerz nur nachts beschallen.
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Der McDonald’s hat 23 verfickte scheiss Stunden am Tag offen, und in dieser einen Stunde, in der wir den Club verlassen, frierend und zitternd, hat er zu. Ein bisschen komisch ist es schon, davor zu warten. Auf Essen. Und darauf, dass die Müdigkeit einen erschlägt. Shit, dauert noch ein bisschen, bis die S-Bahn kommt.
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Ich sehe ihn an. Den Großteil der Nacht kannten wir uns nicht, doch am Morgen waren wir schon gut befreundet. Ich weiß nicht viel über ihn. Aber ich weiß, dass er nicht gelogen hat, als er sagte “es war schön”. Und wir waren beide nicht bereit, der Sache einen Namen zu geben. Nach der Nummer fragen? Das wäre zu offensichtlich. Betiteln wir es nicht. Lassen wir es so, wie es ist.
In seinen Augen sehe ich nun dieses Lächeln, und vielleicht auch die Hoffnung- wenn es das Schicksal so will, sehen wir uns wieder. Vielleicht. Und vielleicht sind wir dann bereit, da anzuknüpfen, wo wir aufgehört haben- nämlich morgens, als es darum ging, vom Nighttalk in den Smalltalk umzusteigen. Wir glauben beide daran.
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