Harte Schale. Gar kein Kern.
12/09/2007Ich hab’s gesehen. Mit eigenen Augen. Bam. Einfach so. Und ich hab’s gesehen.
Ich mal mir solche Dinge manchmal aus. Ich bin nicht pervers oder so; aber wenn man kein Auto hat, und es zu kalt ist um mit dem Roller zu fahren, dann läuft man schon mal quer durch die Gegend, von einem Termin zum Anderen, und ich vertreibe mir die Zeit beim Nachdenken, Fantasieren. Manchmal läuft die passende Musik in meinen Ohren, da wird’s schon mal heftig. Ich bin nicht brutal. Im Gegenteil. Ein bisschen Action kann doch nie Schaden?
Und ich dachte, es wäre in meinem Kopf. Bis ich gemerkt habe, dass es echt war. Richtig echt.
Ich laufe da so, und ich denke: Scheisse, was denkst du dir für einen Mist aus! Aber das Blut ist echt, und die Scherben sind echt, und die Bilder sind echt, und ich krieg’s einfach nicht mit…
Schocksekunden. Das Auto hält an, muss es ja. Die Dame liegt auf dem Boden. Das Fahrrad zertrümmert. Scherben, ich sehe nur Glasscherben. Und Blut. Und Tränen.
Es lief in Zeitlupe ab, ich schwör’s. Bei allem, was mir heilig ist, ich schwöre es, es war Zeitlupe. Ganz langsam prallte das Fahrrad auf das Auto, und fast rückwärts knallte die Frau gegen die Windschutzschreibe. So langsam war es. Rückwärts. Zwei Überschläge. Es sah aus, wie auf einem Trampolin, aber die Frau landete nicht weich. Sie landete hart. Asphalt. Und Blut.
Ich hab’s gesehen, und ich war da. Ich stand davor, und ich wusste nicht, was zu tun ist. Ich rannte näher. Das hat sich richtig angefühlt. Und dann? Sie ist alt, die Dame. Starrt mit geschockten Augen gen Himmel. Ich denke: “Scheisse.” Und das ist alles, was ich denke. Irgendwer kommt, irgendwer schreit “Ich ruf schon an!”, auf einmal ist unser totes Dorf aufgelebt.
Ich sehe trotzdem nur die blutende Frau. Niemand beachtet mich, was auch gut ist. Sonst würden sie sehen, dass ich es zu nichts fertig gebracht habe. Außer zittern. Das wurde wie zu meiner Berufung. Ich ging weg. Gibt ja genug Zeugen. Es war nicht die Schuld der Autofahrerin. Sie kam ja von rechts.
Ihr Blick verfolgt mich, die Scherben verfolgen mich. Ihr ist nichts passiert, da bin ich mir sicher. Vielleicht Prellungen, maximal ein paar Brüche und Schürfe, aber sie war ja nicht tot oder so. Das sollte mich trösten.
Aber weinen musste ich trotzdem. Ich hab’s gesehen. Endlich hab ich es gesehen. Action, Drama, Katastrophe. Es ist nicht mir passiert, aber es ist passiert. Ich war da. Ich war als erstes da. Ich hab nicht weggeguckt.
Das erste. Und das letzte Mal.
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