Stockholm
26/10/2007Die Videothek ist leer. Lediglich ein kalter Wind weht durch die offenen Türen und Fenster. Ich friere ein wenig, aber eine Jacke anzuziehen sähe lächerlich aus. Ich warte vergeblich auf Kunden, die ich bedienen kann, die mir erzählen, was abläuft, da draußen, in der echten Welt. Stattdessen suche ich CD’s aus dem Regal, die ich noch nicht gehört habe. Ich beobachte Spinnen, wie sie ihre Netzen in den dunklen Ecken weben. Ich drehe Däumchen, und bald auch am Rad. Die Zeit steht still.
Ich höre ihn nicht. Ich sehe ihn nicht. Erst als er direkt vor mir steht, blicke ich ihn an. Ein Mann. Eine Maske. Eine Waffe. Alles, was ich sehe, sind seine strahlenden blauen Augen, die von der Maske nicht bedeckt werden, starr vor Angst. Ich halte noch einen Film in der Hand, doch im nächsten Augenblick entgleitet er mir zwischen den Fingern und knallt auf die Theke. Die Theke. Das einzige, was mich von dieser Person trennt. Ironischerweise muss ich daran denken, dass ich mich heute abend wenigstens aufgemotzt habe, meine Haare gemacht, mich geschminkt, das ganze Trullala, wofür weiß ich nicht mehr. Aber immerhin sehe ich gut aus, wenn mich meine Eltern identifizieren können. Daran muss ich denken, als ich an den Lauf der Waffe vorbei in das umhüllte Gesicht meines Todes blicke.
Und so stehen wir da. Er hat die Waffe auf mich gerichtet, jeden Augenblick könnte ein Kunde kommen - Freitags ist normalerweise viel los in der Videothek, besonders, wenn es so kalt ist - und die Polizei alarmieren, sich schützend vor mir schmeissen (so viel zur monströsen Theke, die zwischen uns steht)… irgendwas. Aber keiner kommt. Und ich, Pipi-Zustand, erinnere mich auch nicht an den Alarmknopf unter der Kasse.
Nachdem schätzungsweise das Jura-Zeitalter vorbeigegangen ist, ganz plötzlich und unvermittelt, spricht er mich an. Seine Stimme ist heiser und kratzig, ungefangen, aber hypnotisierend. Wie schlecht aufgenommene, aber wunderschöne Musik. Pete Doherty quasi. So bannend wie sein Blick.
“Geld”, sagt er. Ich guck wohl ein bisschen so, als wäre ich komplett debil, als ob ich KEINE Ahnung hätte, was dieser Pseudo-Zorro jetzt von mir will, als ob ich, als Videothekenangestellte, nicht EINEN einzigen Actionfilm gesehen hätte, denn er fügt hinzu: “.. aus der Kasse, gib es mir, jetzt, sofort, gib es mir!”. Ich rühre mich keinen Meter. Ich kann auch gar nicht. Und ganz unerwartet fügt er hinzu: “Bitte.” In meinem Gehirn breitet sich etwas aus, dass sich wie ein Tumor anfühlt. Hat der Typ, der mich ausrauben, umbringen und höchstwahrscheinlich meine Leiche pimpern will, gerade “BITTE” gesagt? Nicht sehr professionell.
Das scheint ihm auch selbst aufzufallen. Jedenfalls richtet er die Waffe, die mittlerweile ein bisschen von der Schwerkraft beeinflusst wurde, wieder gerade auf mich und wiederholt mit Nachdruck: “GELD. GIB MIR DAS GELD AUS DER KASSE!”. Endlich finde ich wieder zurück zur Motorik meines Körpers, und hastig, hektisch, kratze ich die Geldscheine aus der Kasse.
Während ich so vor mich hin eiere, spüre ich seine Nervosität, seinen Blick in meinem Nacken, rieche seinen Angstschweiß, der mit einem himmlischen Aftershave gemischt ist. Er schaut sich um als hätte er Tourette oder Kakerlaken im Arsch. Alles läuft jetzt im Vorspulmodus ab. Ich drücke ihm die Scheine in die Hand (Videothek ausrauben? Schon mal daran gedacht, dass unser Umsatz lediglich bei so 300 Öcken am ENDE der Schicht ist, und die Kasse aus maximal 500 Euro besteht?). Wir berühren uns ganz leicht, aber es ist wie ein Schlag, und plötzlich starren wir uns wieder an wie zwei Idioten auf ‘nem Magic-Karten Festival, die feststellen, dass sie die gleiche, seltene Karte besitzen.
Ich höre Stimmen im Gang, und unser Blick wird unterbrochen, als er mich über die Theke hinweg an der Schulter packt und mich auf seine Seite dirigiert. Unsanft, muss man dazu sagen. Die Kunden treten ein, sehen, was sie sehen müssen: Ein maskierter Typ. In der einen Hand mein Arm. In der anderen? Eine Waffe, die an meine Schläfe gedrückt wird. Er zittert. Die Kunden rufen irgendwas, aber ich höre nicht hin. Ich spüre nur, wie er mich nach vorne drückt, raus, an allen vorbei. Ich habe keine Angst. Vielleicht, weil er schon genug Angst für zwei, drei oder auch achtzigtausend Menschen hat.
Draußen, frische Luft- ich habe bestimmt seit einer halben Stunde nicht mehr geatmet. Es erwartet mich der Rücksitz eines schwarzen BMW’s. Immerhin konnte er sich so eine Karre leisten. Tausend Dinge schießen mir durch den Kopf, aber keiner der Gedanken formuliert sich aus.
Er schien das wohl nicht geplant zu haben, die Sache mit dem Kidnappen, denn sobald wir losfahren, fängt er an, Fäkalausdrücke der feinsten Sorte durch’s Auto zu schreien. Frustration und Ärger wären kein Ausdruck. Irgendwie befriedigt mich das. Idiot. Aber ich bin immer noch wie gelähmt, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass er brüllt wie ein Irrer. Oh Fuck.
….
Wir fahren ziemlich lange. Er redet nicht mit mir, schaut nur ab und zu in den Rückspiegel. Blaue, wunderschöne Augen. Die Maske zieht er erst ab, als wir tanken müssen, aber ich sehe sein Gesicht immer noch nicht richtig. Er ist gut gebaut, breite Schultern, maximal 30 Jahre alt, vielleicht sogar nur 25. Ich sehe, wie sein Schweiss ihm von der Stirn läuft. Als er aussteigt, schließt er die Türen ab. Natürlich versuche ich sofort, sie aufzumachen, aber es geht nicht. Scheiss Dreckskindersicherung. Ich versuche, mich umzuschauen, aber es ist schon dunkel und in meiner Erstarrung habe ich nicht daran gedacht, auf den Weg zu achten. So viel zum Thema genug Filme geguckt.
Plötzlich überfällt mich Panik. Ich rüttel an den Türen, nichts. Ich taste nach meinem Handy, aber das liegt in der Videothek in meinem schönen Heimatkaff, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben vermisse. Da liegt’s gut. Natürlich läuft keiner am Auto vorbei. Irgendeine Tanke an der Autobahn. Shit. Shit. Shit.
Minuten später ist er wieder da und scheint überrascht darüber zu sein, dass ich aufgebracht bin. Ich sehe ihm im Licht des Autos und erkenne sein makelloses, wunderschönes Gesicht, dass mich für den Bruchteil einer Sekunde umhaut: Die Augen, die gerade Nase, die vollen Lippen, das kantige Kinn, die kurzen, dunklen Haare, und dieser ernste Blick…
… aber ich fange mich. Und schreie ihn an.
“SCHEISSE MAN! Bist du behindert! LASS MICH HIER RAUS!” Ich tobe mich aus, schmeisse mich im Auto hin und her. “LASS MICH GEHEN, ICH WILL NACH HAUSE!”. Ich fühle mich so, als wäre ich zwölf Jahre alt. Dafür hält er mich wohl auch, denn er hält mir, mit einem versöhnenden (herzensbrechenden) Blick ein belegtes Brötchen und eine Cola hin. “WO SIND WIIIIR?”, jauchze ich zuletzt und fange an, zu weinen. Er starrt mich lediglich entgeistert an, immer noch mit dem Fraß in der Hand. Als ich mich etwas beruhigt habe, und nur noch schluchze, blinzelt er. Er sieht fertig aus, und fast bemitleide ich ihn schon für meinen Wutausbruch. Der war ja nun WIRKLICH NICHT ANGEBRACHT.
“Willst du…” seine Stimme wankt ziemlich. Er schaut unsicher, als ob er nicht wüsste, wie er die Frage formulieren sollte. “Eh. Willst du vorne sinken?”
Für einen kurzen Augenblick möchte ich laut loslachen. Oh Gott, er hält mich wirklich für zwölf. OKAY. Was zur Hölle?
Meine Antwort ist ein entgeistertes, völlig bescheuertes Starren. Was ist das für ein Mensch, der ein hilfloses, unschuldiges Mädchen erst mal zu Angstbrei macht, sie ausraubt, entführt und DANN AUCH NOCH FRAGT OB SIE VORNE SITZEN WILL! Die Situation ist so verdammt beschissen, dass ich nur noch seufzen kann. Ich drehe mich zur Seite und starre aus dem Fenster. Im Rückblick muss mich das nur noch jünger gemacht haben. Ein kleines, beleidigtes Mädchen, dass nicht das bekommt, was sie will. Aber ich war viel zu fertig und überwältigt, um darüber zu sinnieren, wie ich mich gegenüber meinem Entführer benehme. Weiß Gott, vielleicht will er mich einfach nur in den tiefsten See schmeissen, den er in Europa finden kann. Ein paar Tränen strömen noch über meine Wangen. Er lässt den Motor an. Wir fahren los. Ich denke an meine Eltern, an meine Freunde, an alles, was zur Zeit passiert während ich in diesem Auto sitze.
…
Stunden später wache ich auf. Es ist mitten in der Nacht, oder vielleicht schon morgens, ich weiß es nicht. Ich sehe Großstadtlichter. Ich schrecke auf, das Auto bewegt sich immer noch. Es ist Deutsch, aber es ist anders. Das hier ist Wien.
Ich fange wieder an zu weinen, völlig schockiert. Er schaut in den Rückspiegel, ein wehleidiger Ausdruck liegt in seinem Blick. Aber er sagt nichts. Er hält nicht an. Angesichts dieser aussichtlosen Lage…
.. “Darf ich vorne sitzen?” Ich weiß nicht, warum ich das frage. Es kam ganz plötzlich, als ob es das naheliegenste der Welt wäre, jetzt doch vorne zu sitzen. Nebenbei öffne ich die Cola und nehme einen Schluck. Ich merke, dass mir der Magen knurrt, und schnappe mir auch das Brötchen. Er beobachtet mich, lächelt, hält an und lässt mich vorne einsteigen (ich kann nicht abhauen. Er macht mir die Tür auf, hält mich fest beim Einsteigen. Er sieht wirklich verdammt gut aus).
Nun sitze ich also vorne, und die Fahrt geht weiter. Nach wenigen Minuten räuspert er sich.
“Ich heisse Pavel”. Er blickt mich an, und lächelt das bezaubernste Lächeln, dass ich je gesehen habe.
“Sara”, antworte ich.
Er schaut wieder auf die Straße, und ich zum Fenster hinaus. Die Lichter sind nicht grell, sie passen zur Stadt. Sie ist schön. Ich habe keine Angst, ich bin einfach nur müde und ratlos, aber auf eine seltsame Art und Weise sehr aufgeregt und befriedigt. An einer roten Ampel merke ich, wie er mich anstarrt.
“Möchtest du Musik hören? Ich hab ein paar CD’s… “.
Ich antworte nicht. Was soll man auf soetwas schon antworten? “Hey, klar, wenn ich schon ma gekidnappt werde, dann soll auch der passende Soundtrack her…”
Als ich nicht antworte, redet er weiter.
“.. naja, okay.. also ich mach mal irgendwas rein, keine Ahnung, wenn’s dir nicht gefällt, dann.. egal, dann mach es raus, dann mach halt irgendwas, mir egal..”
Er schiebt eine CD rein. Plötzlich erklingen mir sehr wohl bekannte Töne.
Sail away with me honey
I put my heart in your hands
Sail away with me honey now, now, now
Sail away with me
What will be will be
I wanna hold you now
Komplett überwältigt und geschockt (mit entsprechendem Gesichtsausdruck) blicke ich ihn beim ersten Ton des Songs an. Ich glaube, er merkt, dass ich.. nun ja, angetan bin von seinem Musikgeschmack. Er lacht laut auf.
Ich muss schon sagen. Das mit dem passenden Soundtrack- das ist gut. Und während ich so aus dem Fenster blicke und die ersten Morgenstrahlen entdecke, die sich mit dicken Regentropfen zu einem einzigen Mischmasch aus Wetterungetüm vereinen, lassen wir die Stadt hinter uns, und ich lege mich zurück, entspanne mich im Sitz, und denke mir, dass das ja echt noch was werden kann mit ihm und mir.
Nachwort:
Arbeiten ist langweilig. Ich muss meinem Schicksal mit allen gängigen Filmklischees entgegen und meinen eigenen Film schreiben. Ich arbeite ja nicht zufällig in einer Videothek, wo Freitag abends NICHTS los ist. Außerdem habt ihr soeben an einem historischen Moment teilgenommen, da ich noch NIE etwas für meinen Blog abgetippt habe… glaube ich.
There are 9 comments in this article: