Bruderherz
11/11/2007Wisst ihr was krass ist? Seinen kleinen Bruder aufwachsen zu sehen. Ich erinnere mich noch genau daran, wie er klein und nervig war und der Liebling der Familie. Zugegeben, das wurmt mich bis heute, vor allem, weil er immer noch von allen Seiten betüttelt und geliebt wird… das liegt nicht zuletzt daran, dass er wohl der hübscheste von uns ist. Ich meine, er ist wirklich ein hübscher, toller Kerl.
Aber so hätte ich das vor knapp einem Jahr noch nicht sagen können. Meine Sichtweise hat sich komplett verändert. Er war immer der Mensch, auf den ich in der Familie noch am ehesten hätte verzichten hätte können, egal wie hart das klingt. Er war einfach nur ein Störfaktor, hatte Bedürfnisse und sonstirgendwas. Einfach scheisse eben. Aah, ich kann gar nicht ausdrücken, wie er mich genervt hat! Seine pure Existenz war Grund, ihn stundenlang anzukacken, ihn bei jeder Gelgenheit anzuzicken, die behinderte große Schwester zu spielen, die jeder kleine Bruder mit Verachtung straft. Und das im Vergleich zur Beziehung, die ich mit meinem großen Bruder seit ein paar Jahren habe. Mein großer Bruder ist mein bester Kumpel, einfach immer für mich da, genau so, wie ich auch versuche, für ihn da zu sein. Er ist mein Schatz und einfach ein super korrekter Typ, wenn vielleicht auch nicht in jeder Beziehung- aber die wichtigen Dinge, die mich betreffen, die hat er raus. Umso mehr meine Abneigung meinem kleinen Bruder gegenüber, der von meinem großen genauso behandelt wurde wie von jedem anderen auch: als das Nesthäkchen das ständig irgendwelche Extrawürste einstreichen durfte.
Ich hätt ihn weghauen können manchmal.
Das hat sich komplett gewendet. Seit er 15 ist, sich nur noch für Basketball interssiert, größer gewachsen ist und (guten) Hip Hop hört (ich meine, Musik die zwar nicht unbedingt mein Geschmack, aber super abseits des Mainstreams ist, ein Faktor, der ihm schon mal schmeichelt), einen richtig coolen Freundeskreis gewonnen hat & zum Mädchenschwarm der Schule wurde (auch wenn eher auf Gangster getrimmt, ehem), ist er auch ein komplett anderer Mensch. Er ist total lustig, ich mag seine Freunde und kann mich stundenlang mit denen über die wahllosesten Sachen unterhalten, ich fahr mit ihm total oft zu Mäcces und mach nur Scheisse mit ihm. Dass er kifft weiß ich von meinem großen Bruder, die beiden Idioten werden es wohl nie lernen- aber irgendwie rückt ihn das in ein komplett anderes Licht, und ich muss mich echt daran erinnern, dass ich mit fünfzehn nicht im Geringsten anders war. Im Gegenteil. Ich war noch viel schlimmer, auch wenn ich mir wenigstens noch das rumhuren ersparen konnte. Aber ansonsten war ich ein einziges Opfer der Gesellschaft, eher auf dem Nirvana- als auf dem Gangstertrip, aber scheisse, es ist doch alles dasselbe.
Und heute freue ich mich auf ihn, wenn wir mal wieder nur scheisse labern. Mir tut es richtig weh daran zu denken, dass das alles mal anders war, dass ich ihn auf den Tod nicht ausstehen konnte und oft mit dem Gedanken gespielt hatte, ihn mal vom Balkon zu treten, aber umso erleichterter bin ich, dass das vorbei ist, und das wir uns verstehen und ich ihn nie wieder unberechtigt anzicken muss.
Ist schon komisch, sowas.
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