Einmal, da sah er mich an, richtig ernst, obwohl ich genau wusste, dass da nichts ernstes war. Er rückte zu mir, und starrte mir weiter in die Augen, ganz tief, und es wurde fast schon peinlich, solche Falten hatte er im Gesicht. Meine Augen taten schon ziemlich weh vom Rauch. Er nahm noch einen Zug von seiner Zigarette, lehnte sich vor zu mir, und atmete den Rauch aus, nach unten. Dann flüsterte er:
“Du musst wissen, wovor du Angst hast.. sonst kommt sie nachts und frisst dich im Schlaf, und du wachst nie wieder auf!”
Er sagte das mit so einer ernsten, tieftraurigen Stimme, dass ich bis heute Gänsehaut bekomme, wenn ich daran denke.
Kaum hatte er es jedoch ausgesprochen, veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Er fing an, leise vor sich hin zu kichern, bis es zu einem erschütternden Lachen wurde, ein Erdbeben. Und plötzlich sah ich wieder den gewohnten, fröhlichen Ausdruck in seinem Gesicht, und dieses kindliche Lachen, während er versuchte, nicht an diesem Humor zu ersticken. Ich bin wohl ein bisschen bleich geworden. Aber das war nicht schlimm. In diesen Tagen war gar nichts schlimm, und wir waren sowieso die meiste Zeit breit und zugedröhnt. Zwei Irre, zwei komplett abgeschottete, kaputte Kinder, die sich da über die Tapeten an den Wänden unterhielten, als wäre es das einzige Geheimnis in der Welt.
Ich hab nie darüber nachgedacht, was er damit gemeint haben könnte. Und wahrscheinlich hat er das auch nie. Wahrscheinlich war das ein Zitat aus einem Film oder einem Song oder einem Buch, dass ihm im Rausch eingefallen ist. Vielleicht wollte er nur clever klingen, etwas, dass ihm ziemlich ähnlich sah. Man, vielleicht war’s auch eine Eingebung, die ihm da gekommen ist, und die ich nun weiter in die Welt tragen muss! Vielleicht lass ich mir den Spruch irgendwann auf den Arsch tättowieren. Ich weiß es nicht.
Was mich beunruhigt ist, wie oft ich in letzter Zeit daran denken musste. Ich hatte mich eines Nachts nur daran zurückerinnern wollen, an ihn, an diese Momente… es gibt nicht mehr viele Gelegenheiten, an denen ich mir das erlaube, weil es meistens auf mir liegt wie ein Stein. Aber manchaml muss es sein, damit diese Unruhe in mir still wird. Irgendwann muss ich damit fertig werden, ich weiß jedoch, dass jetzt nicht der richtige Augenblick dafür ist. Nicht heute, nicht hier, nicht jetzt. Irgendwann, ja, aber nicht jetzt.
Ich kam darauf. Ich kam auf diesen Abend, an diesen Spruch, und seitdem denke ich daran, dass ich herausfinden muss, wovor ich eigentlich so viel Angst habe. Habe ich überhaupt Angst? Was ist eigentlich Angst? Sind Angst und Furcht dasselbe? Jetzt mal unabhängig von irgendwelchen Definitionen und Lexika. Ich meine die reine, pure, existenzielle Angst.
Ich weiß, dass ich keine Angst davor habe, zu sterben. Ich weiß, dass ich keine Angst davor habe, auf mich selbst gestellt zu sein, unabhängig zu sein. Ich denke, das war ich sowieso mein ganzes Leben. Ich habe keine Angst davor, allein gelassen zu werden, denn langsam aber sicher sind sowieso alle Leute verschwunden, und sie werden immer wieder kommen und gehen. Ich habe auch keine Angst, dass mein Ruf im Arsch ist, immerhin hab ich das jetzt auch hinter mir und es ist mir herzlich egal, was die Leute über mich sagen. Ich habe keine Angst davor, mich niemals zu verlieben. Wenigstens kann ich behaupten, dass ich dieses Gefühl schon mal hatte, und das ist wahrscheinlich viel mehr, als so einige von sich behaupten könne.
Umso theoretischer ist nun die Angst, die ich (bewusst) empfinde.
Da wäre die Angst vor Schmerz. Die Angst davor, dass mir weh getan wird. Physisch und seelisch, wobei ich fast behaupte, dass das physische noch schlimmer ist. Ich habe höllische Angst. Ich kenne nicht eine Mimose wie mich… scheisse, man muss mir nur mal Schmerz vorspielen und ich fang schon an zu weinen. Das andere, das seelische, ist vielleicht auch verständlich: Meistens ist der Schmerz nicht mal ganz so schlimm. Die Zeit heilt alle Wunden und man vergisst oder wie war das.. aber die Angst davor, DASS etwas passieren könnte, DASS ich verletzt werden könnte, steigert den Effekt in ein Maximum, dass es vielleicht so gar nicht gäbe. Ich bin immer wieder überrascht davon, wie schnell die ganzen “Kratzer” und “Brüche” verheilen. Meine Vorstellungen sind nämlich, was das angeht, unermesslich und reichen in einen tiefen Graben der Depression. Manchmal kappe ich schon alleine deshalb die Beziehungen… einfach die Vorstellung, diese Person könnte mich hängen lassen, mir weh tun, irgendwas, ist schon so schlimm, dass ich es nicht aushalte. Ich weiß nicht, ob das eine Krankheit ist. Ich weiß aber, dass es ein Problem ist.
Das zweite ist etwas, dass mir selbst erst kürzlich aufgefallen ist. Ich kann’s mir gar nicht erklären, wo das herrührt, ob das irgendwelche besonderen Ursachen oder Symptome hat- ich weiß es einfach nicht. Aber ich habe dieses schreckliche, wirklich quälende Empfinden, dass ich etwas verpasse. Und davor habe ich Angst. Angst, dass der Zug abgefahren ist, dass ich Anschluss verliere, dass jeder weiß, wo er hingehört, und ich nicht. Alle sind verschworen, wissen, was abgeht, aber ich steh hinten in der Ecke und versuche kramphaft, zu lauschen. Ich verstehe kein Wort von dem, was sie sagen… ich hab keine Ahnung. Etwas nicht mitbekommen, auf eine Party nicht eingeladen zu sein, und alle sind da… ich sitz zu Hause, drehe Däumchen.
… es ist schrecklich. Dieses… Gefühl, dass man nicht dazugehört, dass man da steht, alleine, und alle wissen, was zu tun ist… ich habe eine lange Zeit gebraucht, um zu wissen, was das überhaupt ist. Ich meine, ich beziehe das jetzt nicht auf Dinge wie “meine Freunde gehen ins Kino, und ich muss arbeiten, so eine Scheisse”.. mehr so: Alle machen nach dem Abi dies und das, und ich steh immer nur da, häng so und so in der Luft, hab keine Ahnung von gar nichts. Ich meine auch nicht: Alle haben den neuen Film gesehen und reden darüber, sondern ich WILL gar nicht diesen Film sehen weil ich genau weiß, dass er mir nicht gefallen wird, aber vielleicht sollte ich meinen Horizont erweitern, vielleicht sollte ich es doch versuchen, selbst wenn ich es bereue.. ?
Ich will lernen, das abzustellen. Ich will es wirklich. Aber es wird nur schlimmer.

schöner eintrag. wirklich schön. ich weiß ja nicht wie ernsthaft du es versuchst, aber sich seiner ängste bewusst zu werden ist, so glaube ich es jedenfalls, etwas sehr sehr sehr sehr wichtiges! weißt du, ich bin hier irgendwo anderswo und im engeren sinne dessen was ich hier schreibe, will ich kommentieren. harrrrrrr
und zwar die letzten beiden absätzen.
“alles IST gut!”
was solltest du verpassen. ist der film wichtiger als deine freunde? beruhen deine freundschaften auf periferen dialogen über eigentlich nicht redenswerte machwerke? schlimm, was heut so alles im kino läuft!
also, wo ich schon mal hier bin: ich komm grad von der arbeit wieder und meine freunde feiern vermutlich immer noch. aber morgen “sharen” wir. wir sind irgendwie wie eine “große familie”. sie erzählen mit wen sie mal wieder nicht flach gelegt haben und ich werde gestenreich verkünden, dass meine füße nach 11h angefangen haben zu stinken und ich um halb drei ein eiskaltes fußbad genommen habe nachdem ich (mal wieder) irgendwo irgendetwas kommentiert habe…
p.s. ich fass mich nochma kurz: das abstellen geht mit vertrauen. von wegen auch mal fallen lassen und so!
“The reason normal people got wives and kids, hobbies, whatever, that’s because they ain’t got that one thing that hits a man hard and that true. I got music, you got this, the thing you think about all the time, the thing that keeps yourself normal. Yeah, makes us great, makes us the best.”
Harry J. Lennix als John Henry Giles in “House” (1.9)
http://xkcd.com/220/
Ja, verstärkt werden solche Krisen gern noch durch eben diese anderen Menschen, die alle Pläne haben und Ziele und Ehrgeiz (Ehrgeiz, hallo?!) und einem dann sagen: “Na DU musst dir doch keine Sorgen machen, bei dir klappt doch eh immer alles/du kannst doch alles/aus dir wird sicher mal was ganz Tolles…” Und dann frag ich mich immer, ob die vielleicht mehr wissen als ich. Möglicherweise läuft ja bei denen mein zukünftiges Leben als TV-Show, abends, während sie sich im Bett an ihren Partner (geplante Kinder: 2 im Abstand von 2 Jahren) kuscheln. Und sie verraten mir nur nicht mehr, um mir nicht den Spaß zu verderben.
Ha, als jemand von der anderen Seite (also der mit Plänen und Ehrgeiz, wenn auch nicht gerade im familiären Bereich) kann ich nur sagen: Dafür gehören wir nicht zu euch. Ihr, die ihr immer das macht, worauf ihr gerade Bock habt; ihr, die ihr euch keine Sorgen machen müsst, von den eigenen Zielen und Ansprüchen enttäuscht zu werden; ihr, die ihr immer wieder mit einem spontanen Plan um die Ecke kommt, auf den wir beim besten Willen nicht gekommen wären.
The grass is always greener on the other side!
Oh Sara, das ist genial. Das ist kafkaesk.
@ekeldude: Danke, aber von wegen “etwas verpassen”, das war jetzt gar nicht so auf das materielle bezogen– was ich meinte mit Filmen und Kino und so hat nichts mit den Leuten an sich zu tun, das ist mir doch eigentlich scheiss egal… worum es mir geht ist irgendwie dieses ständige Gefühl, etwas zu verpassen, dass ich einfach alles wissen müsste, alles erlebt haben muss, um wirklich entscheiden zu können, ob es das nun wert war, oder nicht. Ich meine, würde heute irgendne neue Droge rauskommen, ich würd sie nehmen, nicht, weil ichs brauch, sondern weil ich entscheiden muss, ob ich sie brauche, oder nicht, und zwar anhand von festen Punkten.
Sven E: Äh, ja, irgendwie.
Röttgar: Made my day!
Ella: Hmm ja gut ob ich so ‘nen Eindruck auf andere Leute mache? Ich weiss es nicht. Ich bin halt der Jammerlappen schlechthin was meine Perspektiven angeht. Aber irgendwie hast du recht, alleine was das schulische angeht werd ich schon gar nicht mehr Ernst genommen, wenn ich mal wieder irgendwas anzweifle. Dann kommen immer so Sachen wie “Ach halts Maul DU kriegst das doch eh hin!”, und … oh Gott. Du hast Recht. Es ist so. Ich bin eine einzige SitCom.
MuGo: Machen, worauf ich Bock habe? Hm… manchmal. Nicht immer. Keine Sorgen? Enttäuschung von Zielen und Ansprüchen? Ich glaube, den Platz kannst du mir nicht streitig machen. Ich glaube, wir sollten uns auch gar nicht darum streiten. Grass is Greener, true that.
Jo: Eh, danke, obwohl ich jetzt absolut nix kafkaeskes daran finde…
Nicht kafkaesk? Die letzten zwei Absätze erinnern mich sehr stark an “Das Urteil”. Aber ich gehe mal davon aus, das es in Deinem Fall nicht so dramatisch endet
Neiiin, nicht abstellen wollen! Diese Verwirrung ist was total Gutes.
Es gibt Zeiten, da ist man mit sich im Reinen. Man ist eingeladen auf der Party; man weiß was zu tun ist; man bestätigt sich gegenseitig, dass man dazugehört.
Aber es kommen das ganze Leben über immer mal wieder Zeiten, in denen man reif für eine Veränderung ist. Und weisst Du, wie die sich ankündigt? Durch Verwirrung! Alle feiern die Party des ich-weiss-was-ich-will, und man steht in der Ecke. Jeder scheint zu wissen, was abgeht, nur man selbst nicht. Das Gefühl, das Wesentliche zu verpassen, macht einen verrückt.
Diese Verwirrung ist der Zeitraum, in der eine neue Erkenntnis reift. Achte mal drauf: Jemand erklärt Dir was. Zuerst verstehst Du es nicht, aber plötzlich fällt der Groschen. Und in der Sekunde vor dem Verstehen warst du: verwirrt! Verwirrung, das ist der eigentliche Moment, in dem die Veränderung im Kopf stattfindet. Es ist der Moment, in dem man das Alte im Kopf aufgibt, damit Platz für das Neue schafft, das man aber noch nicht ganz hat. Nebeneffekt übrigens: Angst! Leider dauert der Moment manchmal monatelang.
Es gibt leider genug Leute, die diese Verwirrung nicht zulassen und sie bekämpfen. Sie ‚tun dann so als ob’, fangen an, den anderen was vorzuspielen. Tote Leute sind das.
Die Verwirrung sollte man nicht abstellen, aber die Angst kann man minimieren, siehe ekeldudes Kommentar.
Burkhard, so habe ich das noch gar nicht gesehen… das macht schon Sinn, was du sagst, und für einen Augenblick musste ich mich wirklich fragen, ob ich vielleicht schon tot bin.
Aber das bin ich nicht, denn du hast Recht. Im Prinzip war es immer dasselbe Schema, und dann.. auch wenn es gedauert hat, aber dann war irgendwas irgendwie anders. Und das war auch okay so. Vielleicht liegt es eben an meinen Beziehungs- und Freundschaftsdefiziten. Vielleicht ist das die Überbrückungszeit (denn wenn ich jetzt mal ehrlich bin, lag das schon meistens an irgendwelchen Leuten persönlich, und nicht nur an gegebenen Umständen)… vielleicht muss ich einfach nur abwarten, was so passiert.
Vielleicht ist es das beste, einfach zu gucken, wo man hinkommt mit seinem Wissen.
Sara also manchmal hab ich den eindruck du sprichst mir aus der Seele. Nur viel schöner in Worte gefasst, wie ich es könnte.