Same Same (Fear) But Different
25/11/2007Einmal, da sah er mich an, richtig ernst, obwohl ich genau wusste, dass da nichts ernstes war. Er rückte zu mir, und starrte mir weiter in die Augen, ganz tief, und es wurde fast schon peinlich, solche Falten hatte er im Gesicht. Meine Augen taten schon ziemlich weh vom Rauch. Er nahm noch einen Zug von seiner Zigarette, lehnte sich vor zu mir, und atmete den Rauch aus, nach unten. Dann flüsterte er:
“Du musst wissen, wovor du Angst hast.. sonst kommt sie nachts und frisst dich im Schlaf, und du wachst nie wieder auf!”
Er sagte das mit so einer ernsten, tieftraurigen Stimme, dass ich bis heute Gänsehaut bekomme, wenn ich daran denke.
Kaum hatte er es jedoch ausgesprochen, veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Er fing an, leise vor sich hin zu kichern, bis es zu einem erschütternden Lachen wurde, ein Erdbeben. Und plötzlich sah ich wieder den gewohnten, fröhlichen Ausdruck in seinem Gesicht, und dieses kindliche Lachen, während er versuchte, nicht an diesem Humor zu ersticken. Ich bin wohl ein bisschen bleich geworden. Aber das war nicht schlimm. In diesen Tagen war gar nichts schlimm, und wir waren sowieso die meiste Zeit breit und zugedröhnt. Zwei Irre, zwei komplett abgeschottete, kaputte Kinder, die sich da über die Tapeten an den Wänden unterhielten, als wäre es das einzige Geheimnis in der Welt.
Ich hab nie darüber nachgedacht, was er damit gemeint haben könnte. Und wahrscheinlich hat er das auch nie. Wahrscheinlich war das ein Zitat aus einem Film oder einem Song oder einem Buch, dass ihm im Rausch eingefallen ist. Vielleicht wollte er nur clever klingen, etwas, dass ihm ziemlich ähnlich sah. Man, vielleicht war’s auch eine Eingebung, die ihm da gekommen ist, und die ich nun weiter in die Welt tragen muss! Vielleicht lass ich mir den Spruch irgendwann auf den Arsch tättowieren. Ich weiß es nicht.
Was mich beunruhigt ist, wie oft ich in letzter Zeit daran denken musste. Ich hatte mich eines Nachts nur daran zurückerinnern wollen, an ihn, an diese Momente… es gibt nicht mehr viele Gelegenheiten, an denen ich mir das erlaube, weil es meistens auf mir liegt wie ein Stein. Aber manchaml muss es sein, damit diese Unruhe in mir still wird. Irgendwann muss ich damit fertig werden, ich weiß jedoch, dass jetzt nicht der richtige Augenblick dafür ist. Nicht heute, nicht hier, nicht jetzt. Irgendwann, ja, aber nicht jetzt.
Ich kam darauf. Ich kam auf diesen Abend, an diesen Spruch, und seitdem denke ich daran, dass ich herausfinden muss, wovor ich eigentlich so viel Angst habe. Habe ich überhaupt Angst? Was ist eigentlich Angst? Sind Angst und Furcht dasselbe? Jetzt mal unabhängig von irgendwelchen Definitionen und Lexika. Ich meine die reine, pure, existenzielle Angst.
Ich weiß, dass ich keine Angst davor habe, zu sterben. Ich weiß, dass ich keine Angst davor habe, auf mich selbst gestellt zu sein, unabhängig zu sein. Ich denke, das war ich sowieso mein ganzes Leben. Ich habe keine Angst davor, allein gelassen zu werden, denn langsam aber sicher sind sowieso alle Leute verschwunden, und sie werden immer wieder kommen und gehen. Ich habe auch keine Angst, dass mein Ruf im Arsch ist, immerhin hab ich das jetzt auch hinter mir und es ist mir herzlich egal, was die Leute über mich sagen. Ich habe keine Angst davor, mich niemals zu verlieben. Wenigstens kann ich behaupten, dass ich dieses Gefühl schon mal hatte, und das ist wahrscheinlich viel mehr, als so einige von sich behaupten könne.
Umso theoretischer ist nun die Angst, die ich (bewusst) empfinde.
Da wäre die Angst vor Schmerz. Die Angst davor, dass mir weh getan wird. Physisch und seelisch, wobei ich fast behaupte, dass das physische noch schlimmer ist. Ich habe höllische Angst. Ich kenne nicht eine Mimose wie mich… scheisse, man muss mir nur mal Schmerz vorspielen und ich fang schon an zu weinen. Das andere, das seelische, ist vielleicht auch verständlich: Meistens ist der Schmerz nicht mal ganz so schlimm. Die Zeit heilt alle Wunden und man vergisst oder wie war das.. aber die Angst davor, DASS etwas passieren könnte, DASS ich verletzt werden könnte, steigert den Effekt in ein Maximum, dass es vielleicht so gar nicht gäbe. Ich bin immer wieder überrascht davon, wie schnell die ganzen “Kratzer” und “Brüche” verheilen. Meine Vorstellungen sind nämlich, was das angeht, unermesslich und reichen in einen tiefen Graben der Depression. Manchmal kappe ich schon alleine deshalb die Beziehungen… einfach die Vorstellung, diese Person könnte mich hängen lassen, mir weh tun, irgendwas, ist schon so schlimm, dass ich es nicht aushalte. Ich weiß nicht, ob das eine Krankheit ist. Ich weiß aber, dass es ein Problem ist.
Das zweite ist etwas, dass mir selbst erst kürzlich aufgefallen ist. Ich kann’s mir gar nicht erklären, wo das herrührt, ob das irgendwelche besonderen Ursachen oder Symptome hat- ich weiß es einfach nicht. Aber ich habe dieses schreckliche, wirklich quälende Empfinden, dass ich etwas verpasse. Und davor habe ich Angst. Angst, dass der Zug abgefahren ist, dass ich Anschluss verliere, dass jeder weiß, wo er hingehört, und ich nicht. Alle sind verschworen, wissen, was abgeht, aber ich steh hinten in der Ecke und versuche kramphaft, zu lauschen. Ich verstehe kein Wort von dem, was sie sagen… ich hab keine Ahnung. Etwas nicht mitbekommen, auf eine Party nicht eingeladen zu sein, und alle sind da… ich sitz zu Hause, drehe Däumchen.
… es ist schrecklich. Dieses… Gefühl, dass man nicht dazugehört, dass man da steht, alleine, und alle wissen, was zu tun ist… ich habe eine lange Zeit gebraucht, um zu wissen, was das überhaupt ist. Ich meine, ich beziehe das jetzt nicht auf Dinge wie “meine Freunde gehen ins Kino, und ich muss arbeiten, so eine Scheisse”.. mehr so: Alle machen nach dem Abi dies und das, und ich steh immer nur da, häng so und so in der Luft, hab keine Ahnung von gar nichts. Ich meine auch nicht: Alle haben den neuen Film gesehen und reden darüber, sondern ich WILL gar nicht diesen Film sehen weil ich genau weiß, dass er mir nicht gefallen wird, aber vielleicht sollte ich meinen Horizont erweitern, vielleicht sollte ich es doch versuchen, selbst wenn ich es bereue.. ?
Ich will lernen, das abzustellen. Ich will es wirklich. Aber es wird nur schlimmer.
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