Meine Metropole. Meine Heimat. Meine Kuhscheisse.

16/12/2007

Gone

Und wo ich gerade bin, mich über andere Lebewesen, insbesondere meiner Lieblingslebensform, DEM MENSCHEN, dem dreckigen, zu beschweren, kann ich im Zuge meiner Rage direkt mal mit dem nächsten Thema anfangen: Unambitionierte, ehrgeizlose, unanspruchsvolle Typen KOTZEN MICH AN.

Spontanität, Flexibilität, Enthusiasmus! Das sind Dinge, die die Welt braucht, die jemanden charismatisch erscheinen lassen! Ich rede ja gar nicht davon dass man jeden Tag ‘nen neuen Plan zur Rettung der Welt festlegen und den auch noch verfolgen sollte, aber ein KLEINES bisschen, nur so furzi-minimal, könnte man doch erwarten, dass man in einem langweiligen Kaff wie hier gerne mal ein bisschen Abwechslung haben möchte, richtig, richtig, richtig? FALSCH. Denn selbst wenn man vor Langweile anfängt, die Kieselsteine auf’m Schotter zu zählen, gibt es ja doch nicht genug Elan, um mal diesen Drecksort zu verlassen - KEINE ANGST NUR FÜR EIN PAAR STUNDEN NICHT MEHR WIRKLICH ICH BRING DICH AUCH WIEDER HEIM VERSPROCHEN - um für wenige Augenblicke des Lebens ein bisschen frische Fremdenluft zu schnuppern. Ich red ja noch nicht mal von ‘nem anderen Staat, herrgott, nicht mal von ‘nem anderen Bundesland (und nicht mal das wäre zu viel erwartet, glaubt mir), ich rede nur von “Okay, lass mal ‘en Bier trinken gehen, in, sagen wir mal, 30 km Entfernung von hier”, und als Antwort kommen empörte Aufschreie, sie flehen um GNADE, “NEIN, NEIN, TU MIR DIESE FOLTER NICHT AN–”.


Ja. Ja, ist ja gut. Nicht jeder hat diesen “wilden Drang”, mal “woanders” hinzugehen. Jetzt haben wir 18 Jahre unseres Lebens damit verbracht, uns über die Limitationen der Mobilität zu beschweren (”Ich kann’s kaum erwarten bis ich volljährig bin und meinen Führerschein habe!”), schließlich haben wir schon direkt die dicken Karren mit vollem Tank vor der Haustür stehen und was ist? Wir kommen noch nicht einmal drumherum, unsere fetten Ärsche aus der Tür zu bewegen. Wäre ja zu schlimm, zu angsteinflößend, mal so in die einfache Natur, in den Dschungel der Großstätte zu entfliehen. Nein, grausam wäre das.

ICH HAB JA NIX DAGEGEN MAL NEN RUHIGEN ABEND ZU HABEN. Im Gegenteil! Ich freu mich drauf! Ich will gammeln und mich den ganzen Tag nicht bewegen müssen und so weiter und so fort. Aber zwischendurch, hey, so, ich weiß nicht, alle 3 Wochen? Mal auf ‘nen Kaffee irgendwohin? Keine DVD einlegen, sondern sich mal die Zeit mit KON-VER-SAT-ION verbringen? Gibt’s das noch?

Oder, was ja noch viel tragischer wäre: Man könnte tatsächlich NEUE Leute kennenlernen!! WAS FÜR EINE SCHRECKENSVORSTELLUNG. Tod wäre das! Etwas gänzlich unchristliches! Und deshalb, WENN wir schon weggehen, bitte nur in die gleichen Lokale bei Mama um’s Eck, wo wir uns jedes Wochenende die Kante geben, den Barkeeper schon als kleines Kind kannten und aaaaaah muss ich eigentlich wirklich noch erklären warum ich hier weg will? Es ist hier so schlimm, dass man infiziert ist, sobald man mehr als 4 Jahre hier gelebt hat, es ist so beengend, so perspektivlos, dass man einfach nichts mehr sieht, man kennt nur das, nichts anderes.

Und mich juckt’s in den Füßen, wegzugehen. Richtig weit weg. Vielleicht wär’s ja nicht so schlimm, und ich könnte mich mit der Lustlosigkeit meiner Kollegen zufrieden geben, wenn sie sich nicht ständig darüber beschweren würden, dass es ja “nichts gibt, was man machen könnte”, und wenn man dann was vorschlägt (Schlittschuhlaufen, ins Kino gehen, was trinken gehen, Theaterbesuche, Konzerte, Ausstellungen, Kochen), schauen sie einen nur mit hochgezogenen Augenbrauen an und erzählen einem, “du wirst so abheben, sobald du weg bist, du wirst nie wieder hier herkommen, du mit deinen komischen Ansprüchen!”, JAAAAA, und ich habe diese Ansprüche, MUSS ICH MICH DAFÜR JETZT ENTSCHULDIGEN, NUR WEIL IHR LUSTLOSE SÄCKE SEID DIE DARAUF WARTEN, DASS DIE WELT EXPLODIERT DAMIT SIE MAL WAS SPANNENDES ZU TUN HABEN!!

Hilfe ey. Ich weiß noch, dass ich mein ganzes 15. Lebensjahr damit verbracht habe, mich zuzukiffen und generell einfach nichts zu tun außer zu gammeln. Und da war’s extrem toll, in der Woche 15 Euro zu haben (REICH SEIN) und alle 3 Monate nach FFM mit den Eltern zum einkaufen zu sein. Aber mir war immer klar: Irgendwann, wenn die Möglichkeit da ist und ich genug Geld und Mittel habe, dann wird das anders sein, dann bin ich groß und kann mit dem Kiffen aufhören und brauch mich nicht mehr für mein Leben so stark zu schämen, denn dieses Kuhkaff, dass regiert mich nicht!
Und was ist? Ich hab mit dem Kiffen aufgehört und bereue es fast schon. Weil alleine macht die scheisse auch keinen Spaß mehr. Und mich sinnlos im Club zu besaufen, darauf leg ich es auch nicht mehr an. UND ES TUT MIR LEID ABER ICH BIN KEIN SONDERLICH FASZINIERTER PLAYSTATION ZOCKER DER DEN GANZEN TAG MIT IRGENDWELCHEN GAMES VERBRINGEN KANN DIE WAHLLOS SIND UND ZU KEINEM ZIEL FÜHREN UND AUSSERDEM HAB ICH AUCH KEINEN BOCK AM DRITTEN TAG IN FOLGE ZU MÄCCES ZU FAHREN.

Die berühmten Vorschläge, “lass mal jemanden anrufen”, führen auch nur zu beklemmender Stille. Da listet man das ganze scheiss Telefonbuch auf und es kommt nur: “Mag ich nicht. Will ich nicht. Iih, ist das der, der die eine gebumst hat? Nee, dem schulde ich noch Geld. Bist du behindert, doch nicht DER!”… und man endet doch wieder daheim, guckt ‘nen Drecksfilm und hat nicht die Eier um mal zu sagen: Leute! Lasst uns mal Achterbahn fahren gehen.

Finanziell gesehen sollte es zumindest kein Problem sein, einmal im Jahr ins Ausland zu fahren und da Party zu machen, sich Stätte anzugucken… oder wenigstens eine lange, mit Musik hinterlegte Autofahrt zu genießen. Ich weiß, dass ich die richtigen Leute dafür kenne. Ich weiß auch, dass sie sich genauso danach sehnen, wie ich. Aber ich glaube, eine Vorstadt, die kann dich kaputt machen. Die kann dich in deinem Innern zerstören. Irgendwann fängst du dann an, dir selbst zu sagen: “Alter, nee, das wird nix. Also vergiss darüber nachzudenken. Geh, mach deinen Job. Geh alle 3 Tage mit deinen Stammfreunden was trinken und genieße den Feierabend mit ‘nem Film. Das war’s. Ab hier ist es vorbei. Du kommst hier sowieso nie raus. Denk nicht darüber nach.”

Und ich hoffe ganz ehrlich, dass ich zumindest genug Stärke habe, um einige da raus zu holen. Was mich betrifft? Scheisse, bald bin ich hier weg, und wenn ich dafür unter die Erde muss. Lange macht man’s hier eben nicht, nicht wenn man jung ist und keine Kinder hat und sich noch nicht festlegen möchte. Irgendwann, ja, irgendwann folter ich meine Kinder genau so, damit sie diese Sehnsucht zu spüren bekommen, die essentiell ist, die einem zeigen soll, wo es langgeht. Irgendwann. Aber jetzt bin ich dran. Und ich geh jetzt ganz bestimmt keinen Film gucken.

There are 7 comments in this article:

  1. 16/12/2007marten say:

    das ist aber nicht nur in vororten so, auch in so kleinen städten wie rostocks kanns einem so gehen. ich will auch einfach nur raus und was erleben. die eintönigkeit ist langsam nicht mehr auszuhalten. im sommer spar ich kohle für ein flugticktet zu meinem bruder nach cran canaria und dann such ich mir da arbeit, damit ich irgendwann wieder zurück fliegen kann. also, wann wollen wir achterbahn fahren? das muss aber eine richtig gut sein.

  2. 16/12/2007Sebastian say:

    Zum Schluss endet man eh so wie Stone in Schule.

  3. 16/12/2007saripari say:

    Wer ist Stone? Und … hä?

  4. 17/12/2007chaze say:

    mann sara hast du nen neuen nick?

    Yo mir gehts hier in meiner mittelkleinen grosstadt (500000) auch net viel anders - deswegen: Städtekurztrips! Lohnen sich auch für ein wochenende, auch gerne im östlichen Europa: Prag, Wien, Lubljana…. und einfach mal so für einen Abend in ne andere Stadt fahren wird doch auch noch drinsein, oder?

  5. 17/12/2007Sebastian say:

    Stone ist der Versager aus dem sehr schönen Film Schule, der es als einziger aus seinem Jahrgang nicht aus dem kleinen Suburb schafft und sich deswegen mit den kleinen Dingern aus der Mittelstufe vergnügen muss. Geiler Film, solltest Du Dir mal ansehen.

  6. 18/12/2007Ella say:

    Mmh, was soll ich sagen - geboren und aufgewachsen in Berlin. Darf ich da überhaupt mitreden? Die Sehnsucht, einfach mal wegzugehen, ist nicht durch den Wohnort bedingt. Entweder du hast sie, oder eben nicht. Und selbst wenn die meisten den Wunsch vielleicht kennen, fehlt dem großen Teil doch der Mut, es zu tun, oder die Fähigkeit, die Dinge, die sie dann erleben, zu genießen. Ich kenne Leute, die im Ausland studiert und es gehasst haben. Oder solche, die zwar rumreisen, aber nichts davon mitnehmen. Die waren in jeder europäischen Hauptstadt und das Einzige, worüber sie meckern, sind die Hostels. Da fahr ich doch lieber mal wieder mit dem Fahrrad an der Ostsee lang, treffe komische Leute, und auch ein paar nette, komme auch mal in blöde oder gefährliche Situationen, kann mich aber hinterher eben deswegen noch an die Orte erinnern, in denen ich war… Selbst, wenn ich in den Park gehe, ist das für mich manchmal ‘ne intensivere Erfahrung als für andere ein Trip nach Paris.
    Wird grad ein bisschen lang, wa? Na, was ich sagen will, ist: Ja, raus aus dem Alltag, egal, ob mit anderen oder allein! Wichtig ist dabei meiner Meinung nach nicht, wo man landet, sondern was man daraus macht.

  7. 19/12/2007Christoph say:

    Im Sommer kommst du einfach mal ein paar Tage her, lässt dich auf dem Motorrad im Harz ein paar Nahtoderfahrungen näher bringen, lernst neue Leute kennen.
    Ach ja, besaufen kann man sich hier auch. Und das mit dem Dope kriegen wir zur Not auch hin, wenn es denn sein muss.
    So, mehr kann ich dir nicht helfen! ;)

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