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Mann/Frau, Selbstanalyse

Verführung einer Fremden

12.22.07 | 1 Comment

Ich muss meine Schreibwut der letzten Tage aufholen. Ich war die ganze Zeit total beschäftigt mit dem Gedanken, was fremde Menschen denn für Auswirkungen auf mein Leben haben, und konnte nichts darüber sagen, weil ich eine Biohausarbeit schreiben musste. Donnerstags saß ich bis um halb 3 Uhr morgens am PC, und habe irgendwann angefangen, auf die Tastatur zu sabbern. Die Hausarbeit habe ich fertig gekriegt. Ich war sehr stolz.

Nicht mehr ganz so stolz war ich am nächsten morgen, als ich ungefähr 5 Stunden zu spät aufstand und bemerkte, dass meine ganze Mühe vergebens war. Ich habe nichts mehr gedacht, für 10 Minuten. Ich lag gedankenlos in meinem Bett und starrte an die Decke. So fühlt sich versagen an. Und was habe ich getan? Ich habe einem Fremden erzählt, was passiert ist. Bevor ich es meinen Freunden gesagt habe.

Ein Fremder. Das ist Auslegungssache, natürlich. Was ist schon fremd? Wenn man den Namen nicht kennt? Das Aussehen? Ist nicht jeder im Internet fremd? Scheissegal. Fremd ist jemand, der nicht bei mir in den Alltag eingebunden ist, d.h., von dem ich nichts weiß, nichts sehe. Klar kann mir der Fremde erzählen, was er den ganzen Tag so treibt. Aber ich sehe es, und dann glaube ich- nicht andersherum. Und deshalb ist jeder fremd, den ich nicht beobachten kann. Den ich nicht interagieren sehe. Ist interagieren ein Wort? Egal.

Und trotzdem schreibe ich ihm meine Probleme. Oder ich telefoniere mit ihm, erzähle ihm, “Alter, DAS hat mich umgehauen”, während meine restlichen Freunde - ich meine, ich erzähle ihnen das alles, sicherlich, aber nicht SO. Nicht mit einem Fokus auf dem Problem. Klar weiß ich wieso das so ist: Weil man viel unverbundener erzählen kann, ohne Angst zu haben, der Fremde könnte es mit vergangenen Situationen vergleichen, subjektiv bewerten und einem das zu hören geben, was man eben nicht hören will. Das ist der Vorteil an Fremden: Man kann ihnen alles erzählen und zwar genau so, wie man will. Das macht man vielleicht nicht bewusst, aber wieso sollte man sich sonst so gut dabei fühlen, jemanden einzuweihen, jemandem sein Vertrauen zu schenken, den man nicht kennt, der es noch viel leichter ausnutzen könnte als jemanden, den man liebt und schätzt und mag?

Vielleicht liegt gerade da der Knackpunkt: Jemand, der sich eigentlich einen Scheissdreck kümmert, und nur aus Langweile zuhört- der hat auch keinen Grund, mir weh zu tun. Und wie auch? Das ganze zwischenmenschliche Gefasel kann nur negativ verwendet werden, wenn man Bestandteil ist. Und das ist der Fremde nicht. Der Fremde ist nur Voyeur.

Und genau so fühlt es sich auch an, wenn man selbst Fremd ist. Wenn man plötzlich teilnimmt - einseitig, wohlgemerkt - obwohl man nicht dazu gehört. Deshalb ist es auch so schwierig, mit einem Fremden, egal, unter welchen Umständen man sich kennengelernt hat, über belanglose Dinge zu reden. Warum die Zeit verschwenden! Endlich jemand, der objektiv versteht, wovon ich rede- der versteht, was meine Person ausmacht! Aber man lügt sich in die Tasche, er kann es noch viel weniger verstehen als andere. Man glaubt es nur, weil man den anderen niemals wirklich aktiv bei der Sache sieht. Man beobachtet nicht, man hört nur. Man hört, was er sagt. Und das hört sich gut an. Die Beschreibung von einem High, einem Kick, einer Droge, hört sich auch gut an. Aber erst wenn man es macht, wenn man auch den Downer mitnimmt, erst dann weiß man, was das ist.

Und gefährlich wird es, wenn man sich verliert, in einem Bild, in einer Illusion des perfekten Menschen. Der Fremde. Der, auf den ich immer gewartet habe… und dann redet man doch über belanglose Dinge. Dann ist man nicht mehr fremd. Dann gehört man zusammen, glaubt es jedenfalls. Und hat einen Fehler begangen: Du wirst für immer fremd sein, das liegt schon in der Natur unserer Bekanntschaft.

Das kann man dann am Ende bereuen, dass man sich je fremd war.

Ich will das jetzt nicht ausarten lassen, aber es gibt noch andere Arten des Fremdseins, die gänzlich im Unterschied stehen. Wenn man von einem Voyeur redet, dann ist es meistens ein negativer Unterton. Aber was ist, wenn man sich nur einseitig fremd ist? Wenn der eine den anderen kennt, der andere aber nicht den leisesten Schimmer hat? Vielleicht weiß er, dass er beobachtet wird, aber er weiß nicht, auf welche Art- er weiß nicht, welchen Eindruck er hinterlässt… was für Gedanken der Beobachter hat. Und wenn man dann damit konfrontiert wird: Mit einem “Hi, hey, ich mag dich, denn ich kenn dich in- und auswendig!”… hat man erst mal ein Problem.

Und ich spreche aus Erfahrung. Man hat ein Problem! So, hey, scheisse, und jetzt? Was sag ich jetzt? Was mach ich jetzt? Wie gehe ich damit um? Wie krieg ich das wieder auf die Reihe, und was zur Hölle wird eigentlich von mir erwartet? Es nennt sich “Überforderung” und kommt oftmals an so Knackpunkten im Leben wie “Ich liebe Dich”, “Und was machst du jetzt?!” oder “Ihre Mutter ist bei einem tödlichen Autounfall ums Leben gekommen!”. Und so geht es mir, wenn ein Fremder vor mir steht und mir sagt: Ich kenne dich, und ich möchte etwas für dich tun, weil ich dich mag… und ich kann dann schlecht sagen: “Oh, ja, schön für dich, dass du mich kennst, aber das macht mir ziemlich viel Angst und eigentlich will ich nicht, dass du etwas für mich tust, weil ich nicht weiß, wer du bist, aber danke für das Angebot!”

Aber es ist eine Erfahrung, eine gute. Und es macht Spaß, sich darüber Gedanken zu machen, und es hat etwas sehr schmeichelndes. Danke Jojo, an dieser Stelle.. wobei, nicht nur schmeichelnd, sondern auch sehr mysteriös. Es ist ein Abenteuer wie jedes andere auch, nur dass man hier eigentlich das Abenteuer selbst gar nicht steuern kann. Es liegt nicht in meine Hand. Und dann hat man etwas, dass man vielleicht vorher noch nie erlebt hat: Das Vertrauen zu einem Fremden.

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