Lebende Lügen
10/01/2008Irgendwie ist es schwer, jetzt über Liebe zu reden- jetzt, wo alles vorbei ist, meine ich, wo irgendwie alles wieder Perspektive annimmt und nicht mehr so krass nah ist und man alles mit Distanz betrachtet. Wo vorher alles gebrannt hat, leidenschaftlich und zerstörend, da ist nur noch die kalte Glut. Ich sitze also an einem Tisch mit einem haufen Asche, und ich bring’s nicht über’s Herz, den Scheiss endlich los zu werden.
Also, so ganz konkret: ich hab’s überlebt, diese schwerze Zeit des “loslassens” und “weiterlebens”, und wenn ich ehrlich bin ist es um einiges besser, dass diese Liebe nie atmen durfte. Ich hätte bestimmt einige sexfrustrierte Abende weniger erleiden müssen und dabei meinen emotionalen Höhepunkt erreicht, aber auf Dauer wäre es einfach nicht gut gegangen, alle Beteiligten waren sich darüber im Klaren. Es war ein untragbares Risiko, es weiterlaufen zu lassen, zu viel Gedöhns und Gerede und Komplikation und oh, die Konsequenzen erst, und wir hätten es mit fast hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit überlebt, weshalb wir ja auch auseinander gehen mussten. Eigentlich ein guter Deal. Ein Versuch war’s wert.
Ich- ich wäre dieses Risiko eingegangen. Ich bin der Mensch, der sich in die krasseste Achterbahn setzt, vor Angst in Ohnmacht fällt und dabei den besten Teil verpasst und am Ende im Krankenhaus landet weil die psychische wie die physische Belastung einfach zu viel war. Und ich bin der Mensch, der ohne funktionierendem Fallschirm aus dem Flugzeug springt, einfach nur um auszuprobieren, ob es nicht doch geht. Ein klägliches Versagen, aber scheisse noch mal, das bin ich einfach. Das es andersherum nicht auch so war ist ein Geschenk des Himmels gewesen, ein Plasma Flatscreen für 4000 Öcken. Vor ein paar Monaten hätte ich es eher als ein Paket voller fauler Eier und Maden und abgeschnittener Vorhaut gehalten. So kann sich das alles also ändern.
Deshalb stand ich ja auch im Regen, tagelang, und wartete darauf, dass er endlich vergeht, dass diese schwarze Wolkendecke sich aufreisst und mir die Sonne entgegen lacht, und mir den Regen und die Tränen auf der Wange trocknet und mir endlich wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Und weil ich keinen Bock mehr hatte zu warten - die Sonne lässt sich Zeit - hab ich mich so lange einfach unter ein Dach gestellt. Wenigstens bin ich halbwegs trocken. Und genau da stehe ich immer noch… die Sonne kann mich mal am Arsch lecken. Was viel wichtiger ist: Ich hab mir die Sonne gewünscht, aber gehofft habe ich auf etwas anderes. Gehofft habe ich auf Person Perfekt, die in ihrem schönen BMW vorfährt, die Tür aufmacht und mich mit einem reuendem Gesicht anguckt, wie um zu sagen: “Es tut mir leid… ich hätte dich nicht so stehen lassen sollen. Komm, wir fahren weg, ganz weit weg, in unsere eigene, geheime Welt.. nur du und ich”.
Ich meine, das ist es doch, worauf man wartet, wenn man unter diesem Dach steht, oder? Wenn man sein ganzes Leben lang nur Regen sieht, fängt man einfach an zu vergessen, dass es eine Sonne überhaupt gibt, da irgendwo, und wenn, dann setzt sie eh alles in Flammen- also muss man sich selbst helfen. Und entweder, es kommt jemand vorbei, der genauso im schlechten Wetter gefangen ist wie man selbst und man kann sich vergnügen, oder man wartet auf den misteriösen BMW, dessen Scheinwerfer man sowieso niemals in der Dunkelheit sehen wird. Trotzdem starrt man genau da hin.
Das ist es nämlich. Ich weiß jetzt, dass ich nicht mehr auf den BMW warten muss, versteht ihr? Er wird nicht kommen. Aber trotzdem wurmt es mich. Es wurmt mich, nicht zu wissen, wo der BMW hinfährt, jetzt, wo alles vorbei ist. Es wurmt mich, dass der BMW nicht genau so stehen gelassen wurde, dass diese Person, die im Auto sitzt, niemals sitzen gelassen werden kann- weil sie eben ein Auto hat. Keine Gefühle. Ein kaltes Herz. Oder einfach nur nicht den richtigen Sitz für meinen Arsch, wer weiß.
Und jetzt ist eben alles vorbei, und ich sitze unter diesem Regendach, das zu einer Bushaltestelle gehört, und es kommt tatsächlich jemand vorbei, und wir steigen in einen Bus ein. Super Konversation, ein bisschen Chemie, aber es wird nie dasselbe sein wie mit dieser Luxuskarre, die mich ans Ende der Welt hätte fahren dürfen, die ich in der Arktis noch mit eigenen Händen repariert hätte. Stattdessen eben der Bus, und eines Tages wird der BMW neben unserer Spur halten, an irgendeiner Ampel, und ich werde wieder lächzend und sehnsüchtig rausgucken… einfach nur, um zu sehen, wer jetzt auf dem Beifahrersitz ist. Und egal wer neben mir im Bus sitzt, für einen kurzen Augenblick wird klar sein, dass mein Herz eigentlich immer jemand anderem gehört hat, dass es schwer sein wird, es zu zwingen, den Besitzer zu wechseln. Da ist es echt unflexibel, dieses Herz.
Zugegeben, dieser Trip, diese Vorstellung– alles ziemlich brutal. Ich gehe tatsächlich durch mein Leben, ohne mich von irgendwelchen Erinnerungen aufhalten zu lassen. Darauf bin ich immerhin stolz, das hätte unter anderen Umständen noch viel länger gedauert. Aber es scheint, als würde ich rückwärts laufen- immer mit einem Blick auf Person Perfekt gerichtet, immer noch darauf hoffend, dass sie mich rennend einholt, mich an sich drückt, leidenschaftlich küsst und mich um Verzeihung bittet.
Irgendwann wird es Zeit, die Asche vom Tisch zu pusten und zu sagen: Genug. Jetzt ist Zeit für ein neues Haus, und wenn das dann auch in Brand steht, wenn auch der Bus eine Panne hat, wenn ich nicht mal mehr rückwärts laufe, sondern stehen bleibe, dann ist es eben so, aber dann habe ich wenigstens nicht den Rest meiner Tage mit DIR im Kopf verbracht.
(Und wenn du heute vor mir stehen würdest, mir deine Liebe beichten solltest, dann würde ich dich lieben, für einen Moment, dich umarmen, küssen, und meine Tränen würden von der Qual erzählen, die du mir angetan hast, und ich würde dich erdrücken in der Ahnung, dass ich dir nie verzeihen könnte, dafür, dass du dich erst so spät entschieden hast, du könntest mir in meine leeren Augen blicken während ich meine Hände um deinen Hals schließe, und du würdest sehen dass meine Liebe so stark wäre, dass ich dich umbringen müsste.)
Danke, dass du mich nicht liebst.
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