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Selbstanalyse, Verwirrtes

Kopfüber, darunter.

02.10.08 | 9 Comments

Ich hab Angst. Echt Angst davor, so eine oberflächliche, nichtsbedeutende Tussi zu werden, wie die ganzen anderen, die ich sehe. Jemand, der sich ständig Bestätigung von Männern und von Menschen generell sucht, um ein Stück bedeutsamer zu werden. Jemand, der sich ununterbrochen profilieren und aus der Masse herausheben will, um auf der Partnerschau besonders attraktiv zu wirken. Jemand, der sich selbst nur als ein Stück Fleisch ansieht, der nur noch über Geld und seine Vorzüge (wie zum Beispiel den Konsum jeglicher Form) zu reden braucht, weil alles andere ja nicht zählt im Leben.

Und das schlimmste, das allerschlimmste an dieser Erkenntnis ist: Ich werde so sein. Vielleicht sollte es noch ein beruhigendes Gefühl auslösen, dass ich überhaupt darauf komme und darüber nachdenken muss, egal wie deprimierend dieser Gedanke überhaupt ist. Aber Tatsache ist doch, dass ich langsam diese Schwelle dieser Verwandlung überschreite. Natürlich bin ich keine von denen, denke ich mir, aber wer kann das eigentlich behaupten, so ganz objektiv?

Wenn man mich mal von außen betrachtet, ohne mich zu kennen: Die Alte zeigt Titten, redet die ganze Zeit davon, wie sie ihr Geld bei H&M (!!) für sinnloses Zeug verschleudert, kann nicht eine Stunde alleine zu Hause sitzen und sich mal mit sich selbst beschäftigen weil ihr sonst langweilig wird und hat ständig das Gefühl, sich zu jedem Scheiss äußern zu müssen, obwohl sie keine Ahnung hat.


Genau so ist es, egal, wie man es dreht und wendet. Ich weiß, dass der vollendende Schritt noch ansteht- bis auf einmal jegliche Selbstreflektion in den Wind geblasen wird und ich mich in Tunikas auftakel und ganze Artikel darüber schreibe, welches Make-Up wohl am besten zu meinem ach so schrecklichen Teint passt - aber alleine der Fakt, dass ich es bemerke, dass ich nichts dagegen unternehme (nichts wirklich Effektives zumindest) ist einfach so überwältigend… ich weiß gar nicht mehr, was ich selbst zu mir sagen soll.

Alles, wirklich alles, was ich mal an anderen kritisiert, verurteilt, abgewertet habe- alles ist vernichtet, weil ich es in mir selbst konzentriere. Alles. Ob es nun um irgenwelche tiefsinnigen Gedanken geht, die selbst in meinen Höchstphasen der Philosophie wahrscheinlich nur eine Essenz des Schwachsinns darstellten, oder um intensive Diskussionen- ich bin nicht da, nicht aufzufinden, verschwunden…

Ich muss ehrlich sein, hier, zu mir selbst, zu allen anderen: Ich wollte es so. Genau das wollte ich erreichen (oder?). Eine Abgrenzung, eine Separation zwischen mir und meinem ICH, das einzige, was ich vorzuweisen habe. Oder hatte. Ich wollte eine emotionale Distanz aufbauen, um endlich all das abschütteln zu können, was mich belastet hat. Kläglich, ja, armselig, ja, aber es hat etwas gebracht. Ich kann darüber reden, was alles passiert ist, was mich fertig gemacht hat, aber in Momenten wie dieser, wenn ich doch noch mal in so ein Loch falle– da zählt das alles überhaupt nicht. Dann würde ich mich lieber an der alten Scheisse festklammern und ewig darüber jammern, wie ungerecht die Welt doch mit mir war und mir in die Arme ritzen und rumheulen, als so abgeklärt und (krampfhaft) desillusioniert auf diesem Stuhl zu sitzen und analytisch darüber nachzudenken, wie ich mich in letzter Zeit eigentlich verändert habe.

Das Ding ist nämlich, so deprimiert bin ich gar nicht. Klar, ich fühle mich alleine, einsam, traurig, ein bisschen niedergeschmettert, weil ich eine gewisse Bestätigung nicht erlange- eigentlich Dinge, die man ganz leicht ganz einfach gerade biegen könnte, okay, fick ich halt rum, okay, such ich mir ‘nen starken Typen der sich an meiner Fleischtheke aufgeilt und mir das Gefühl gibt, dass ich was wert bin, nur weil er seinen Schwanz gerne mal reinhält, okay, les ich halt drei Bücher mehr am Tag, um besonders kreativ und aufgeschlossen für die Welt inklusive super-intelligent zu wirken, okay, guck ich halt ein bisschen Deutschland Sucht den Superstar um mitreden zu können, okay, geh ich mit meinen dicksten und besten Freunden auf gute Partys in den besten Clubs, okay, befriedige ich einfach meine Kaufsucht damit, in irgendwelchen Standardläden Leggins für 8,90 € zu kaufen die ich sowieso niemals anziehen werde und wenn dann nur unter der Jeans weil das Wetter so arschkalt ist, und da kann mir nicht die drallste Sonne der Welt etwas vormachen: Das Wetter ist scheisse, und wenn ihr jetzt grillen wollt, dann seid ihr selber Schuld wenn ihr nach 3 Stunden für’s Feuer Holz hacken müsst.

Aber da ist es wieder: Diese Oberflächlichkeit. Befriedigung? Temporär vielleicht (und immerhin mehr, als ich jetzt habe). Aber das ist es nicht, das ist nicht das Wahre, und immer wieder bin ich so vor den Kopf gestoßen, wenn ich merke, dass es für andere DOCH das Wahre ist. Wieso kann es das nicht für mich sein? Wieso sitze ich hier und mache mir Sorgen darüber, was mit mir passiert, warum ich das so in die Wege leite, wieso? Wieso kann ich nicht einfach hingehen, sagen: Sergej, du hast ‘en dickes Rohr und ‘nen Waschbrettbauch, lass uns bitte eine Katze kaufen und in 3 Jahren nach Teneriffa den Cluburlaub buchen, warum kann ich das nicht? Warum muss ausgerechnet ICH, der Standard unserer Gesellschaft, das NICHTS in dieser Welt, warum muss ICH Ansprüche haben, die nicht mal, ja, gerade MIT Geld nicht zu erfüllen wären? Warum? Warum kann ich nicht einfach abends mit meinen Freunden was trinken gehen, darüber lachen, wie blöd die ganzen Weiber aussehen in ihrem Modescheiss, warum kann ich nicht einfach arbeiten und Geld sparen, warum kann ich nicht Probleme mit meinem Gewicht haben und zwischendurch mal einen Typen bumsen, der mich mit ‘ner anderen betrügt damit ich nachts in meinem Bett über solche nichtigen Dinge heulen kann?

Ich drehe komplett durch, ich sag’s euch. Und zwar auf eine Art und Weise, die nicht schön anzusehen ist. Ich sehe mich schon in 10 Jahren, wie ich immer noch in diesem Kaff verrotte, nachdem ich mein Anglistikstudium wieder mal mit einem fetten DURCHSCHNITTLICH bestanden habe, auf der Suche nach einem DURCHSCHNITTLICHEN Job, und werde mir denken: Scheisse, wie konntest du nur so durchschnittlich werden und auch noch denken, dass du etwas außergewöhnliches bist?

Ich bin’s nicht. Mir das einzugestehen ist keine harte Arbeit, wirklich nicht. Ich bin’s einfach nicht, egal, was man dazu sagen will. Träume hin oder her, ich wäre gerne ein Rockstar, ich wäre gerne eine Schauspielerin, überhäuft von Ruhm und Liebe und Glück, jemand, der das Drama in seinem Leben durch andere zu verantworten hat, der größere Probleme als Geld hat, wisst ihr, existenzielle Dinge, Leben und Tod. Nein.

Nein.

Stattdessen gibt’s Cornflakes zum Mittagessen und herablassende Gespräche über Mitschüler, die zu dumm sind, sich die Schnürsenkel zu binden wenn man ihnen sagt, dass der eine grün und der andere blau ist. Dabei sich selbst mal die Frage zu stellen, ob man überhaupt ein Recht dazu hat, kommt überhaupt nicht in Frage. Und das einzige Drama, dass ich bekomme, dass ist das, was ich selbst erschaffe, nicht das, was mir die Welt antut. Und dann will ich das nicht mal mehr! Ich meine, was will ich eigentlich? Jetzt mal im Ernst: Hunderttausend Punkte auf der Liste “Contra”, aber bei Pro findet sich lediglich “Geld”, und das ist eher ein Mittel als ein Zweck, also eher ein “Wenn Pro, dann Geld!”.

Diese Leere, es macht mich krank. Ich will nicht sagen, dass ich nichts empfinde, dass ich völlig abgestumpft bin- natürlich liebe ich meine Freunde (ab und zu), natürlich liebe ich meine Familie (zu 3/4), natürlich liebe ich mein Leben (in seltenen Momenten, wo alles okay zu sein scheint), aber es fehlt etwas. Und damit meine ich nicht den Mann in meinem Leben, der mich irgendwann vollenden wird und die bessere Hälfte darstellt, mit dem ich durch dick und dünn gehe und mit dem ich dann jahrelang zusammenleben kann, ohne dass ich komplett ausraste. Im Gegenteil: Wenn ich danach suchen würde (was ich ja will, ich WILL danach suchen), dann würde ich mich selbst verneinen, sagen, “ich kann das nicht alleine”, aber ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, was ich sonst will. Eine Leere, die nicht durch Liebe gefüllt wird, jedenfalls nicht von außen… aber mich selbst lieben, kann ich das? Kann das überhaupt jemand? Ich will das, verdammt noch mal, aber ich habe Angst, dabei zu verlieren, den Standpunkt von außen zu ignorieren und dabei als arrogantes Miststück zu gelten, wenn ich das nicht sowieso schon tue. Aber noch schlimmer ist es dann, nicht mehr zu wissen, wer man selbst ist, weil man sich auf ein Podest hebt, dass es gar nicht gibt, jedenfalls nicht für einen selbst.

Was ist es also? Was ist das große, große Dilemma, dass ich mir hier selbst mache? Es ist kein Mann, die äußeren Umstände wie Schule, Job und Familie sind momentan noch unumgänglich, ich habe meinen Spaß so weit, wie es geht, ich bin nicht gerade verklemmt und außerdem auch nicht so super hässlich, dass man mich dafür vergasen müsste weil der Anblick einen unwiderruflichen Schaden errichtet. WAS IST ES?

Ich weiß, dass ist eine ziemlich lange Abhandlung, und wer sich das bis hierhin durchgelesen hat, der muss sich gerade leicht verwirrt fühlen, weil das alles überhaupt keinen Zusammenhang mit irgendwas hat. Dazu sei zu sagen, dass ich leicht alkoholisiert bin. Dafür sollte ich echt dankbar sein, weil es mich wieder daran erinnert, dass ich in normalen Zuständen überhaupt nicht mehr in der Lage dazu bin, soetwas zu schreiben, geschweige denn zu denken. Nein, normalerweise würde ich jetzt sagen: Höhö, war ein lustiger Abend, hab zwar nich gepoppt aber WATT SOLL’s, und naja, Abitur steht an, pff, passt schon irgendwie, ich bin ja soho cool, und ich war heute in FFM einkaufen, da hab ich mich wieder gewundert, wo ich mit meinem Geld hingehe, und bööh, da war so ein Kunde, der hat mich stundenlang angemacht und meine Titten angeglotzt, haha, und da ist ja diese süße Schildkröte, und naja, alles ist ja sooo wunderbar schnuggelisch hier, und ach, diese Tusen da, die regen mich total auf wie sie sich so völlig oberflächlich über irgendwelche Typen unterhalten und ach ja, hast du den neuen fetzigen Neo-Rave Track gehört, den ich dir geschickt habe?

Das ist alles, das war’s. Mehr bin ich nicht (mehr), mehr will ich nicht mehr sein. Ich will ein Stand-Up Comedian sein, eine Figur in einem Schachspiel, das von jemand anderem gespielt wird, ich will mich paaren und glücklich werden mit einem Wurf von Kindern, was ich natürlich in 20 Jahren bereuen werde, weil ja mein Leben an mir vorbeigezogen ist, BLAH BLAH BLAH, und mich gleichzeitig über die ganzen “Spießer” und “Bürokraten” aufregen, die es ja nicht mal mehr wissen, wie man richtig feiert, dabei gehe ich an Fasching mit meinen Mitte 40 richtig raus und gröhl und saufe und alle finden’s lustig und verstehen nicht, wie denn SO ETWAS tolles den Kids von “heute” peinlich sein kann, immerhin ist man ja doch jung geblieben und fährt auch IMMERHIN einen schnieken Golf, ganz neu, nicht mal geleast, sondern bezahlt, direkt nach dem Eigenheim, das so modern-puristisch eingerichtet ist…

Ich weiß es nicht, man, ich weiß es nicht. Ich tausche alles dafür ein, etwas zu spüren, etwas, dass mehr ist als all das, das mehr ist, als nur der Alltag, der Stress, die ewigen gleichen Gedanken, die gleiche Musik, die gleichen Leute, die gleichen Träume, die gleichen Unterhaltungen. Und wenn ich mein letztes Hemd geben könnte dafür, dass ich etwas fühle, dass ich mich wieder richtig ängstlich, oder richtig glücklich fühle… alles dafür, dass ich überhaupt weiß, was ich will, WEN ich will, vor allem… alles dafür, dass irgendwer kommt und mich in eine Welt entführt, die es gar nicht gibt, niemals gab, und nur vor meinen Augen existiert…

Alles dafür, dass ich wieder weiß, was es heisst, zu Leben. Ohne Drogen. Ohne Konflikte, die mich in den Knast bringen. Ohne das noch leerere Rumgeficke, das alle so in den Himmel heben. Ohne mich von irgendwelchen Liedern beeinflussen zu lassen, nur weil ich gerade so labil bin… ohne ein Ultimatum, dass ich mir selbst stelle, ohne Kompromisse, ohne das ganze Drumherum, dass mich so nervt und ankotzt und an allem hindert, was ich machen will… auch wenn ich nicht mal im Ansatz weiß, was das überhaupt ist.

Seht ihr, es könnte ewig so weitergehen, und dann traut sich echt noch jemand zu sagen, “Hey Sara, du hast’s drauf, hey Sara, kannst du mal das, hey Sara, lass uns doch mal, hey Sara, find ich total lustig, hey Sara, ich kann das total nachvollziehen?”… es ist mir scheiss egal, ganz ehrlich, ich scheiss drauf. Weil nichts, wirklich gar nichts, das ersetzen kann, was ich brauche, nämlich einen Glauben, eine Art von Hoffnung, die die Hoffnung selbst in den Schatten stellt– weil ich mich selbst brauche, aber nicht mehr weiß, wo ich bin, wo ich stehe, was das alles bedeutet. Nichts zählt im Augenblick, außer die Angst, das zu sein, was ich nicht sein will, und die noch größere Angst, das zu sein, was ich tatsächlich sein will.

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