Erinnerungen

11/02/2008

Mit einem Löffel und 3 Liter Eiscreme setzte sie sich vor den Fernseher. Der Plan war, so lange zu essen, bis ihr unweigerlich schlecht wurde. Sie wollte nicht ans Telefon gehen, nicht daran denken, dass sie fett werden könnte, nichts deprimierendes gucken. Sie legte sich ihre Lieblingsromanzen auf DVD gepresst zurecht und deckte sich mit ihrer Wolldecke zu.

Sie hatte schon den ganzen Tag damit verbracht, ihre Wohnung zu putzen, jede Ecke, jedes bisschen. Sie war extra zum Waschsalon gefahren, weil ihre eigene Maschine schon seit Monaten spinnte, war also extra dahingedackelt, mit 3 Koffern im Schlepptau durch die Öffis, hat gewaschen, Musik gehört, zwischendurch dringende Einkäufe erledigt. Als sie wieder zu Hause ankam, hatte sich schon mächtig Achselkaffee angesammelt, also ist sie unter die Dusche gesprungen, hat ihren Luxuskörper verwöhnt, alles drum und dran.

Heute sollte ein schöner Tag werden. Keine nervigen Leute, kein Nachdenken über Vergangenes, nur noch sie selbst und alles, was ihr gut tun würde. Sie wollte nicht über Liebe und Chaos und Naivität sinnieren, wollte nicht mit Männern konfrontiert werden, wollte nur nach so langer und stressiger Zeit alleine sein und den Kopf ausschalten. Das hatte sie bitter nötig. Sie sah es nicht ein, das noch länger durchzumachen nur um schließlich in einer pathetischen Phase des Selbstmitleids zu landen. Denn sie war eigenständig, unabhängig, und völlig emanzipiert. Es ging ihr absolut gut. Sie konnte sich nicht beklagen. Und nun plante sie die Zelebration dieser Erkenntnis.

Sie hat alles gemacht, was sie machen musste, sogar gekocht. Ordentlich gespeist, mit einem oder zwei Gläsern Rotwein dazu, Prosit!, musste bei dem Gedanken, dass sie sich für sich selber aufgebrezelt hat irgendwie schmunzeln. Danach räumte sie, nicht wie sonst üblich, alles auf, putzte die Küche bis sie steril war, und machte sich Überlegungen, wie der restliche Abend wohl aussehen sollte. Es war immerhin erst 19 Uhr, da konnte man noch einiges rausholen aus einem Tag, den man alleine verbringen wollte, vor allem, wenn morgen Sonntag ist.

Also zog sie ihren Lieblingspyjama an, den kuscheligen Frotteepyjama in Hellblau, den man wirklich nur tragen kann, wenn man mutterseelenalleine ist. Den hatte sie mal von einem ihrer ganz großen Fehltritte unter den Männern geschenkt bekommen, aber wenigstens war er weich und anschmiegsam. Sie hielt kurz inne und dachte über diesen Typen nach, nein, nur über seinen Namen. Dann schüttelte sie den Gedanken ab. Keinen Platz für solche Rührseligkeiten jetzt! Sie kramte die Omaunterwäsche hervor, die bequeme, die nicht vom Arsch gefressen wird, wenn man sich in der Couch eindrückt. Sie machte alles so angenehm wie möglich und drückte auf Start.

Das Zimmer verlor die Farbe. Sie schwebte frei in der Luft. Ihre Haut begann sich zu formen- sie wurde zu Glas. Transparent. Unsichtbar.

Der Ton war auf normaler Lautstärke, aber sie hörte schon nichts mehr. Ihre Ohren waren betäubt; alles, was durchdrang, waren ihre eigenen Schreie. Sie sah nichts mehr. Der Bildschirm war schwarz, und doch erkannte sie ihr eigenes Leben, wie es sich in dem Glas spiegelte: Sie, stürzend. Sie, kämpfend. Sie, verzweifelt. Sie, ohne ihn. Sie, alleine. Sie, auf der Couch. Sie, sich fragend, ob sich irgendjemand eigentlich noch erinnert.

Langsam rannen ihr die Tränen von den Wangen. Tränen, die zu einem Wasserfall wurde, doch kein Wort, kein Geräusch drang aus ihr heraus. Sie lag nur da und beobachtete diese Epiphanie der Trauer, wie sie aus ihr herausbrach, wie ihre Erinnerungen sie zerfraßen, bis sie sich selbst nicht mehr betrachten konnte, nicht mal in der Spiegelung. Sie hob ihre Hand, aber sie war nicht mehr da. Sie sah sie nicht. Sie war verschwunden, verzehrt von Schmerz, von den Tränen. Es gab sie nicht mehr.

In ihrer Unexistenz stand sie langsam auf von der Couch. Sie ergriff die Rotweinflasche, aber sie spürte nicht das Glas zwischen ihren Fingern. Sie warf sie gegen die Wand, aber der riesige, blutfarbene Fleck war nur schwarz. Schwarz, und grau, und weiß, in den letzten Nischen. Sie schaute in den Spiegel, aber sie sah sich nicht. Mit aller Gewalt riss sie die Augen auf, hielt mit den Fingern ihre Lider auseinander, aber sie sah sich nicht.

Sie schrie so laut wie es ging, und die Nachbarn fingen an, sich zu beschweren, klopften gegen die Wände, aber sie hörte sich nicht. Sie brach zusammen, da, mitten im Wohnzimmer, im Hintergrund die Wand mit dem Rotweinfleck. Schrie, weinte, riss sich die Haare raus- sie fühlte es nicht. Sie war nicht mehr da.

Da lag sie, stundenlang, und konnte nicht denken, denn sie war ja nicht da. Sie konnte sich nicht fragen, ob es sie je gegeben hatte. Sie konnte sich selbst auch nicht antworten. Sie sah nichts, sie hörte nichts, sie spürte nichts. Ihre Sinne waren nicht existent, genau wie sie es nicht war. Weg. Verschwunden. Wäre sie noch da gewesen, hätte sie sich vermutlich darüber geärgert, dass sie niemand angerufen hätte. Sie wollte doch so gerne das Telefon bewusst ignorieren.

There are 10 comments in this article:

  1. 11/02/2008marten say:

    sie kann man auch dich er ersetzen, wein durch bier und zuhause bleiben und ordnung machen durch ewiges ausrasten, sinnloses sauben und totalem tatendran oder einfach durch ein paar monate meines letzten jahres.

  2. 11/02/2008marten say:

    sauben = saufen.

  3. 12/02/2008prey say:

    Einfach genial geschrieben. Und gleichzeitig traurig, dass man sich ein wenig damit identifizieren kann.

    Übrigens saripari, im Datum sind Tag und Monat vertauscht. Du bloggst schon im November :)

  4. 12/02/2008saripari say:

    Prey, erst ma Danke, und was das Datum angeht- das stimmt schon so, ist nur die amerikanische Schreibweise.

  5. 12/02/2008poncho say:

    und wir wissen:
    amerikanisch = ubergut

  6. 12/02/2008Sebastian say:

    Daterape: We invented the date, they raped it.

  7. 12/02/2008Bernhard say:

    Tolle Geschichte. Wirft übrigens die alte Frage auf “ob man lieber leiden oder lieber nicht existieren würde?”.

  8. 12/02/20081715 und drei Löffel Unexistenz. « b. Kopfkino vom Chaosplaneten. say:

    […] ihrem tieftraurigem Artikel Erinnerungen hat Sara versucht ein Bild zu zeichnen, von einem Gefühl, dass man eben nicht als […]

  9. 12/02/2008Gucky say:

    Das Zimmer verlor die Farbe. Sie schwebte frei in der Luft. Ihre Haut begann sich zu formen- sie wurde zu Glas. Transparent. Unsichtbar.

    Drogen… :mrgreen:
    Dabei fing der Abend so gut an…

  10. 14/02/2008sanja say:

    ab jez mach ich glaub ich immer nur nen punkt wenn mir dein gschreibstl gefällt..

    punkt.

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