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Opfergesellschaft

Italien? Ist das was zu essen?

10.19.06 | 6 Comments

Wenn ich erst einmal weg bin aus Deutschland und in Sydney meine Scuba Diving Schule gegründet habe, mit einem kalten Cocktail am Strand liege und den Sonnenuntergang beobachte während spritzige Delphine durch das Meer springen und der gute Justin Bartha sich für mich in den Sand legt um ein Erdhörnchen zu imitieren, dann will ich mich nur an ein Detail meines Vaterlandes erinnern: WM 2006.

Ein bisschen zu euphorisch, werdet ihr jetzt sagen, aber im Grunde genommen müsst ihr mir doch recht geben. Deutschland ist langweilig, bürokratisch, stupide und hinterm Mond gleich links, geradeaus, 4000 Lichtjahre entfernt. Aufgesetzte Leute, unberührte Schicksale, ständiges Auseinanderleben. Freundschaft ist Zweckmäßigkeit, Emotionen temporär und ständig rational. Vielleicht ist das ein Land für viele andere, die Ordnung suchen, sich fertig machen wollen für das kapitalistische Leben. Vielleicht sogar für mich gerade das Richtige, aber wenn es so ist, dann merke ich es zumindest noch nicht. Mein Herz pocht nach viel mehr als nur das, ich will Leidenschaft, Samba, Feiern, Spaß, Trauer, aber doch wenigstens die volle Packung und keine lari-fari Geschichten wie diese hier.

Deshalb ja auch die Weltmeisterschaft. Ich will das jetzt nicht weiter vertiefen- viele Leute haben sich in einen Wahn gestürzt, der unbeschreiblich großartig war und den ich so niemals erwartet hätte. Mir ging es von Anfang an um den Fußball. Zugegeben, ich war noch nie großer Deutschland-Supporter, meine Favoriten bisher waren Argentinien, Portugal und Schweden bzw. Frankreich, je nach Saison, Lust, Laune und welches meine Lieblingsfarben oder bestaussehendste Spieler waren. Oder eben das beste Team, weshalb ich auch noch nie sonderlicher Italienfan war- aber das mal beiseite jetzt, sonst heisst es wieder ich wäre zu oberflächlich, um so etwas wie Fußball objektiv bewerten zu können.

Also ging es auf in die Main-Arena, wo das Wetter herrlich und die Stimmung unschlagbar war. So viele Menschen! So viel Freude daran, 90 Minuten (oder länger) mitzufiebern, auf einen riesigen Bildschirm zu starren und mit einem Team in der Sonne zu schwitzen, das wir bis dato nur verächtlich belächelt haben. Nur, weil es plötzlich hier stattfindet?

Weil es plötzlich Einheit gab. Weil jeder auf einmal mit jedem verwandt war, weil man sagen könnte- hey, ihr, Ausländer, Besucher! Ihr seid in Deutschland! Alles, was ihr jetzt hier seht- das sind wir! Und deshalb zeigen wir uns jetzt von unserer besten Seite, sei es im Fußball oder sei es nur, um uns zu profilieren. Klar ist es ein Wettkampf, und obwohl wir sportlich verloren haben, gingen wir doch teilweise als Sieger raus. Denn endlich, ENDLICH konnten wir sagen- hey, Deutschland, wenn wir eins können, dann ist es feiern, dann ist es Temperament und Leidenschaft aufbauen, Dinge erzeugen, die uns verbinden- und selbst wenn es nur um Fußball geht.

Das ist es also, woran ich mich erinnern möchte. Nur daran. An die Freundlichkeit, ganz zu schweigen vom unbekümmerten Zusammenhalt zwischen Fremden.. das Chaos in der S-Bahn, die tanzenden, lachenden Menschen auf den Straßen, das Skandieren von Parolen, andere Leute und Kulturen kennenlernen- egal, wie temporär und aufgesetzt es war. Wenn man den Hintergrund vergisst und aufhört, ständig irgendwelche Themen zu politisieren - ist es jetzt falsch oder richtig Flagge zu zeigen, dürfen wir Stolz sein, macht es überhaupt Sinn wenn wir uns freuen - wenn wir einfach mal mitleben und miterleben was dieser Spaß und diese WM uns alles brachte, dann ist Deutschland gar nicht mal so das verkehrte Land. Es müsste nur öfter passieren und die Menschen müssten sich im allgemeinen vom Spießertum verabschieden, aber das soll doch bitte jemand anderes erledigen…

… denn ich geh ja sowieso, nicht wahr? Und im Rückblick auf meine Teenagerzeit werde ich mich eben genau an diesen Sommer erinnern, und ich werde also das Barrier Reef betrachten (von oben) und mit neuen Menschen lachen und werde innerlich lächeln, weil ich weiß, ich kann Deutschland wahrhaftig vermissen- denn sowas erlebt man nur einmal im Leben.

Epilog: Ich habe kürzlich im Kino den Film zur WM gesehen- Deutschland, ein Sommermärchen. Das hat mich erst zu diesem Gefühlsausbruch gebracht. Nachdem alles schon vergangen und vergessen ist, durfte ich 6 Wochen der Euphorie noch mal komprimiert in 2 Stunden erleben und musste erkennen, das es immer noch chaotische und überhaupt nicht selbstverständliche Gefühle in mir auslöst. Dabei zu sein war unbeschreiblich, und wenn ich daran zurück denke, dann möchte ich diese Erinnerung einfach für immer festhalten. Der Film hält leider nicht die schönen Momente der Fans, sondern die Gefühle der Spieler fest- eine neue Sicht auf die Dinge, die wirklich passiert sind. Es war packend und bewegend, allerdings wahrscheinlich nichts für diejenigen, die wohl sowieso dem ganzen Tumult abgeneigt waren oder keine Fußballfans sind.

Außerdem mach ich hiermit ganz offiziell Oliver Neuville einen Heiratsantrag. Wenn du schon vergeben bist, dann nehm ich auch Metzelder, kein Problem.

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