Ehrlichkeit
18/02/2008Jetzt kann man mir echt viel erzählen wenn der Tag lang ist, aber wer mir mit “Ehrlichkeit” als Tugend kommt, dem feuer ich direkt mal meine Premium-Ananas in den Arsch. Ehrlichkeit! Ich finde, es gibt keine “positive” Eigenschaft, die behinderter ist als Ehrlichkeit. Schön, ich sag dir, wenn du was zwischen den Zähnen hast, dass du fett bist und dass ich den anderen Typen wegen seines Waschbrettbauches geiler finde, aber ich meine, das weisst du ja alles sowieso schon. Überraschung! Jetzt hast du’s akustisch zur Einverlebung noch mal von mir zur Bestätigung.
Nein, nein. Keine Ethik, keine Moralpredigten, keine “oho, Sara ist so krass drauf!” -Oden an mich selbst. Ehrlichkeit kann zweckvoll sein, aber genauso sind es Lügen, und rein statistisch gesehen sind es Lügen, die effektiver wirken. Meistens. Also, laut meiner Statistik. Denn wenn wir - aha, oho - “ehrlich” sind, haben wir Bedürfnisse, die oftmals weder legitim noch gerechtfertigt sind. Deshalb greift man praktischerweise zur Lüge. Es ist eine Abwägungssache, ob ich dem Polizisten jetzt erzähle, dass ich mal niesen musste und wegen meines Tourette-Syndroms dem Typen LEIDER mit meinem Ellenbogen die Nase gebrochen habe, oder ob ich eiskalt ehrlich antworte: Sorry, alter, aber die Pfeife da hat mich einfach gestresst, da musste ich ihn mal erziehen!
Oder, wenn wir jetzt alle mal wieder auf dem Boden der Tatsachen angekommen sind, ein anwendbares und realistisches Beispiel: Sagst du dem Mädchen, dass du eigentlich schon immer auf ihre beste Freundin scharf warst? Verzichtest du wirklich dein Leben lang auf die 5-Euro Uhr, die du im Discounter einfach so mitgehen lassen kannst, weil du es nicht schaffst, genug Geld zusammen zu sparen (und das fällt jetzt zwar in die Kategorie “Diebstahl”, aber mal im Ernst, ist doch alle das Gleiche!)? Erzählst du deiner Mutter den wahren Grund dahinter, warum du noch nie eine Freundin hattest (du bist schwul) und brichst einer alten Dame das Herz?
Ich bin der Meinung, dass Ehrlichkeit an manchen Stellen überbewertet wird. Ich weiß doch, dass ich etwas grundsätzlich falsch mache- und mache es trotzdem, weil die Verurteilung meiner Tat mir immer noch den Zweck wert ist. Ich gehe zwar nicht davon aus, erwischt zu werden, kalkuliere das Risiko aber mit ein, und wenn es mir das dann immer noch wert ist, scheisse, dann mach ich es eben! DANN MACH ICH ES EBEN! Dann bin ich eben ein Lügner, und vielleicht verletze ich damit Menschen, die später herausfinden, dass einiges doch nicht ganz so wahr, wie ich es wohl irgendwann gesagt habe, aber verdammt, das ist dann doch MEIN Problem, meins. Das muss von niemandem verurteilt werden, der nicht direkt (von einer Lüge) betroffen ist.
So, bevor ich mich jetzt großartig aufrege, könnte ich ja mal zum Punkt kommen. Ich habe mich heute nämlich tierisch aufgeregt, als mir jemand eine Lüge beichtete und sagte, dass es ihm unglaublich leid täte und so weiter und so fort. Angeblich sei der Grund für die Beichte die aufkeimende Reue gewesen. Ich schreie: Bullshit. BULLSHIT. Bereuen kann man höchstens ein nicht hoch genug eingeplantes Risiko und die damit einhergehende Gefährdung eines bestimmten Projektes, wenn ich das jetzt mal so wissenschaftlich-trocken ausdrücken darf. Das hab ich auch genau so gesagt. Ich hab gesagt, “Guck mal, Arschloch, es war schön als ich mit dieser Lüge gelebt habe und jetzt musst du Idiot mit MEINER Wut auf DICH leben, weil leider die Konsequenzen bis heute anhalten und du ein Grund dafür bist, warum es mir jetzt schlecht geht (und ich wäre garantiert nicht mehr wütend, wenn es einfach eine vergangene Angelegenheit gewesen wäre, da kenne ich mich selber und meine (leider) sehr inkonsequente Art, einfach nicht nachtragend zu sein und jedem alles direkt zu verzeihen, wenn es keine direkten Auswirkungen (mehr) hat), aber erzähl mir jetzt bitte nicht, dass du es mir beichtest, weil du es BEREUST!”
Vielleicht sollte ich anmerken, dass ich selbstverständlich an eine Art von Reue glaube, aber die bezieht sich nur auf Menschen, die moralische oder gesetzliche Maßstäbe zu ihren eigenen gemacht haben. Nun, ich möchte jetzt niemandem hier diese Freiheit verwehren, das zu tun (auch wenn’s meiner Meinung nach ziemlich beschränkt ist, weil man sich selbst unterdrückt, aber okay, whatever, soll halt jeder!), aber ich kenne diese Person und weiß ganz genau, dass für sie nicht ein einziger Grundsatz der Tugend gilt, also Fresse halten.
Um zur Geschichte zurück zu kommen: Die Person sagte zu mir, nach anfänglichem Zögern und Rumstottern, natürlich, “okay Sara, erwischt. Du hättest es spätestens nächste Woche gewusst, weil XY das YX erzählt hat und jetzt YX mir eins auswischen will. Ich dachte, ich lege die Karten direkt offen hin und stelle mich meiner Strafe.”
Naja, okay, Schadensbegrenzung. Ich will nur sagen: Die Moral der Geschichte ist, es gibt keine Moral. Im wahrsten Sinne des Wortes. Es ist wichtig, nicht ehrlich zu sein, weil sonst nichts laufen würde. Alles wäre ständig ein einziges Dilemma, Konflikte überall. Die können auch durch Lügen entstehen, sicher, aber sie entstehen erst nach Abwägung. Ich denke eher dreitausend Mal über eine Situation nach, wenn ich darüber lügen muss, als wenn ich die Wahrheit sage, weil diese mich belasten könnte. Und wenn es manchmal eine Chance gibt, dieser Belastung aus dem Weg zu gehen, dann ergreife ich sie, auch wenn es dann heisst, ich verarsche jemanden oder sonstwas. Manchmal macht man auch Fehler, die man selbst erst begreift, wenn es zu spät ist. Das sind wichtige Fehler, von denen niemand etwas erfahren sollte, weil man sich so erst selbst findet. Und da setzt auch die einzige, bedingungslose Ehrlichkeit ein, die ich vertrete: Die Ehrlichkeit einem selbst gegenüber. Da lasse ich nicht mit mir reden.
Bei dem Rest denk ich mir: Scheisse, MEIN Arsch ist wichtiger als deiner.
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