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Opfergesellschaft, Selbstanalyse

Unsterblichkeit

02.22.08 | 14 Comments

Seht ihr, das Gute daran, dass meine Eltern streng-gläubige Moslems sind, ist dass es in diesem Haus keinen Alkohol gibt. Nicht einen Schluck, mit Ausnahme diverser Parfums, Spiritus und Nagellackentferner, wobei der meistens als Gesichtsreiniger dient, weil ich in meinem jetztigen Lebensabschnitt einfach nicht mehr die Kraft habe die Etiketten auf den Flaschen richtig zu lesen.

Richtig. Kein Alkohol. Und das ist auch der Grund dafür, warum ich hier sitze, den Bildschirm anstarre, meine Augen fast am verbluten sind und ich absolut nicht den geringsten Schimmer habe, warum das Leben anderer 19-Jähriger so viel aufregender und ereignisvoller ist als meines.

Versteht mich nicht falsch, es ist ja nicht so, als würde ich mich völlig Hedonismus hingeben wollen, wenn ich es könnte. Ich glaube, WENN ich es könnte, würde ich mich dazu entschließen, meine Nächte fortan nur noch in einem dunklen Raum mit einem Scrabble-Partner zu verbringen. So tick ich. So ticken sogar die meisten, nur dass die nicht sowieso schon alles in ihrem Leben erlebt haben. Wirklich, von Party machen, Tiefseetauchen, Lieben, Schule, Jobben, Gammeln, Counter Strike zocken und Paintball spielen bishin zu verrückten Aktionen, interessanten Reisen, Vorlesungen, Theaterbesuchen, kulturellen Ausflügen und tiefen, psychologischen Gesprächen habe ich vielleicht schon alles gemacht außer Kinder zu kriegen, was sich hoffentlich die nächsten 3-6 Jahre nicht ändern wird (und, naja, vielleicht habe ich noch viel mehr Dinge nicht gemacht, aber ihr wisst ja, worauf ich hinaus will und so).


Ich weiß ja auch, dass es irgendwann mal anders sein wird. Ich werde alleine wohnen (oder so), werde einen Job/Ausbildung/Studium haben (oder so), werde mich irgendwie schon amüsieren können (oder so), muss mich durschlagen (oder so), werde neue Leute, Freunde und Beziehungen finden (oder so) und auf jeden Fall an mein Spaßpensum heranreichen. Das Problem ist meine Vorstellungskraft, die entleerte Fantasie, die sich nur noch (und das auch gerade so mit viel Anstrengung) von Musik und Filmen und Büchern und Zeitschriften und den Geschichten anderer ernährt. Das ist in etwa so, wie wenn jemand ohne Pornos nicht mehr masturbieren kann. Jeder, der regelmäßig zu Pornos masturbiert, wird wissen, was ich meine, und woher ICH das weiß, darüber reden wir jetzt bitte nicht, hö hö hö.

(Seht ihr, das Ding ist, wenn es so wäre, würde ich es zugeben. Aber selbst in DEM Bereich meines Lebens fehlt jegliche Action. Pornos? Gähn. Hab ich alles schon gesehen. Das sind die Privilegien eines Internetkindes. Und mein Job in der Videothek tut da auch seine Arbeit.)

Ich sage es geradeheraus, egal, wie dumm es den “älteren” Lesern jetzt erscheinen mag. Ich fühle mich alt.

Ich weiß einfach nicht mehr, was mich noch faszinieren soll! Als Jugendlicher ist es so leicht, sich von etwas einnehmen zu lassen, aber was jetzt? Das ewige Lächzen nach dem nächsten Fick (den ich sowieso nicht kriege), das konstante Bemühen, auf der Paarschau ein gutes Aussehen zu bewahren, der trostlose Konsum, der einem das temporäre Glücksgefühl vermittelt und der Stress, sich wirtschaftlich betätigen zu können und damit auch noch erfolgreich zu sein.

JA NE IS KLAR.

Wer kann denn sowas nur gutheißen? Jetzt mal im Ernst, können wir nicht einfach Kinder sein, Jugendliche, auf dem Weg, sich selbst kennen zu lernen, dumme, wirklich dumme Risiken einzugehen, Sachen zu machen die überhaupt keiner sinnvollen Tätigkeit entsprechen- und das alles ohne dieses aufgesetzte “Kind-sein-wollen” mancher Menschen, die sich damit auch noch zu Vollidioten machen, weil, geben wir es zu: Egal wie “verrückt” und “jugendlich” wir sein wollen, wir SIND es einfach nicht mehr. Punkt. Und wenn dann Ute und Michaela an Fasching mal die Sau rauslassen ist es ein einziger Hilferuf an vergangene Tage.

Vor ein paar Jahren hatte ich nicht jeden Tag, sondern alle 2 Wochen einen Lieblingssong. Nach dreimaligem hören konnte ich die Lyrics schon in jedes Heft kritzeln und super Zeichnungen dazu machen, mehr konnte man mit Schule ja eh nicht anfangen. Heute ist die Halbwertszeit eines (guten) Liedes maximal 3 Tage, und an die Lyrics erinnere ich mich nur mit Krämpfen im Kopf, wozu auch, es hat ja so gut wie keine Bedeutung, und wenn, dann verfliegt sie. Mein Kopf ist zu voll um mich an sowas Lapidares zu erinnern, nicht wahr.

Und damals, da war ich noch eingeschüchtert davon, wie graziös meine Schulkameraden ihre Joints drehen konnten. Heute kann jeder Horst mit 20 einen Joint drehen, und wenn nicht, dann hat ER wenigstens das Privileg, immer noch davon fasziniert werden zu können. Es hatte mir gereicht, mit dem gleichen Behindertenverein, meinen besten Freunden, jeden Tag vor und nach der Schule auf einem abgegammelten Spielplatz zu hocken, dabei Kette zu rauchen, Karten zu spielen und ab und zu mal so viel Bier zu trinken, dass man noch im Busch pinkeln gehen musste. Das war einfach so. Da wollte man zwar immer ein Auto und Party machen gehen und so weiter, aber das ist es ja, man hat auf etwas gewartet, man konnte das Kribbeln in den Fingerspitzen mit jedem Tag deutlicher spüren!.

Heute- heute habe ich noch nicht mal mehr “beste Freunde”, scheisse, nicht mal einen besten Freund, aber das wäre ja auch völlig unsinnig, wenn man bedenkt, wie schnell sich sowas ändert, wie unglaublich langweilig es auf Dauer mit einer Person wird, oder sogar mit mehreren, oder Gott bewahre, einer Clique, gibt’s das denn noch? Heute müssen wir jeden Tag Geld ausgeben, um uns unterhalten zu lassen, sei es im Kino, in Bars (auf Partnersuche, natürlich), in Cafés (um über den Tagesklatsch zu reden, der uns vom Wesentlichen ablenkt), scheisse, überall, überall. Und anstatt mich auf die Zukunft zu freuen, befürchte ich, dass meine Vergangenheit echt das schönste an meinem Leben war. Ach ja, sind ja nur noch ungefähr, hm, 50 Jahre. Mit viel, viel Glück.

Ich gebe es zu, scheisse, ja, ich hab Angst davor, alt zu werden- oder eher, noch älter! Ich prophezeite mir seit ich 13 war selbst eine Lebensdauer von maximal 21 Jahren, weil ich es nicht ertragen konnte, daran zu denken, was “später” mal ist. Eine undefinierte Zukunft, in der ich stumpfsinnig einem Ablauf folgen werde, der anders gar nicht definiert werden kann. Und wenn ich mich als Backpacker nach Australien absetze, kann ich höchstens behaupten, ich habe mich krampfhaft an durchsichtige Illusionen geklammert. Und alle anderen waren auch schon da. Es ist nur eine Aufschiebung des unweigerlich kommenden, tristen Ende.

(Und mal ganz abgesehen davon: Früher hatte ich überhaupt gar keine Angst außer vor’m alt werden. Damals hätte ich noch aus einem fahrenden Auto springen, mich perfekt abrollen, nach 3 Armbrüchen immer noch boxen und ‘nen heißen Lapdance hinlegen können, alles auf Video, alles komplett betrunken, alles unbedacht und voller Lebensgefahr. Heute schaff ich es nicht mal, die Straße zu überqueren, ohne ca. 27 Mal nach Links und Rechts zu gucken, aber frag mich mal, wieso.)

Wie gesagt, versteht mich nicht falsch: Ich will gar nicht mehr Action, und Abenteuer, und krasse Selbstfindungstrips die mich von der Masse abheben. Keine außergewöhnlichen Filmsequenzen, ich denke, die hat man im Leben oft genug, ohne dass man es überhaupt bemerkt. Ich will weder erobern noch begeistern, nein, ich will begeistert werden. Aber schlussendlich will ich einfach nur einen Punkt erreichen, wo ich die Zukunft willkommen heissen kann. Einen Punkt, der mir sagt, “okay, lass deine Jugend los. Steuer auf das zu, was kommen muss. Du brauchst keine Angst zu haben- es wird anders, ja, aber das heisst nicht, dass es unbedingt schlechter wird!”. Ich will meine Angst los werden, dass sich die Dinge jetzt ändern. Dass ich vielleicht nicht mehr in die Wolken starren werde, weil ich seit 3 Stunden total bekifft bin, und darin die Freiheitsstatue sehe. Dass ich das überhaupt nicht mehr wollen werde (und hier liegt ja der Unterschied!), weil ich dem ganzen entwachsen bin.

Ich will nicht an Fasching in 20 Jahren meiner Jugend hinterhertrauern und krampfhaft versuchen, dieses Gefühl wiederzufinden, nur um mich mit einer abgeschmackten, total idiotischen Version dessen abzugeben und mich dann in einer Midlife-Crisis der feinsten Art zu beerdigen.

Und das, liebe Leute, ist der Grund dafür, warum ich gerne eine Flasche Hochprozentigen hätte. Eine Flasche, die mich in den Schlaf wiegt und mir sagt, dass doch alles gut werden kann, wenn man die Vergangenheit loslässt. Eine, die sagt: Scheiss auf die Jugend. Da hattest du keinen Plan. Aber als alte Schabracke, man, da kannst du die Welt rocken.

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