Gewohnheit

1/03/2008

Sie liegt wahrscheinlich in ihrem Bett und denkt darüber nach, was falsch gelaufen sein könnte. Sie guckt neben sich und findet einen leeren Platz vor, genauso wie in ihrem Herzen. Sie weint bitterlich und erstickt fast in Tränen, weiß, dass es jetzt besser so ist, weiß aber auch, dass es nun keinen Ort mehr an dieser Welt gibt, der ihr den Trost geben kann, den sie so lange hatte. Sie ist jetzt alleine, und dieses Gefühl überwältigt sie so sehr, dass es kaum noch Sinn mehr macht, zu reden, zu hören, zu essen, zu trinken, zu schlafen. Sie wollte es so, aber jegliches Einreden, jegliches selbsterlerntes Mantra hilft nicht, den Schmerz zu vergessen. Die Vorraussicht, dass es die nächsten Wochen nicht besser wird, löst noch mal einen Krampf auf. Ich hoffe für sie, dass sie bald einschläft.

Sie, sie nutzt den Samstagabend voll aus. Wahrscheinlich schleppt sie sich von einer Bar zur nächsten, geht am Ende des Abends tanzen, ist komplett betrunken und legt eine wilde Show hin. Sie lässt sich vermutlich von irgendwelchen halbhübschen Typen die Getränke ausgeben, fühlt sich pudelwohl in ihrer Diva-Attitüde und weiß innerlich ganz genau, dass sie eigentlich nur versucht, nicht nachzudenken. Nicht über das, worüber sie eigentlich nachdenken müsste. Ihre Probleme kann sie ordentlich verpacken und verstecken, und vergisst dann selber, wo sie eigentlich sind. Sie sucht vergeblich etwas im Hedonismus, was sie dort unmöglich finden kann. Regeln gibt es nicht. Morgen erzählt sie dann, was für einen Kater sie hat, ob sie mit irgendwem im Bett gelandet ist, ob es ihr nun besser geht oder nicht, und schließlich wird sie darüber jammern, was sie ja eigentlich alles tun müsste. Ich hoffe für sie, dass sie irgendwann mal weiß, was Liebe ist.

Sie widerrum sitzt wahrscheinlich immer noch über ihren Büchern, mit einem rauchenden Kopf, obwohl sie alles kann. Aber zur Sicherheit geht sie alles noch mal durch, dreimal, viermal, zwölfmal. Wahrscheinlich wird keiner besser abschneiden als sie. Trotzdem. Ihre Priorität lag schon von frühauf bei den Noten, beim Erfolg, bei Karriere und Zukunft. Manchmal hat sie einen ganz konkreten Blick, der sagt, dass sie gerne gerettet werden würde aus ihrem Leben, dass sie gerne mal die Kontrolle verlieren würde, dass sie diesen gesellschaftlichen wie auch elterlichen Druck nicht mehr aushält und bald platzt. Eigentlich stehen ihr die Tränen ins Gesicht. Die Bücher legt sie trotzdem nicht zur Seite, und für den Rest der Zeit wird es nicht anders für sie sein, bis es vorbei ist. Ich hoffe für sie, dass sie dabei auch lernt, dass es Wichtigeres gibt, als immer nur die Beste zu sein.

Sie ist fast vorm Einschlafen, ihre Augen fallen schon zu. Der Film ist träge und langweilig, nur noch eine Gewohnheit vor dem Schlafen, weil man ja sonst nichts vor hat. Der Mann, den sie so sehr liebt, den sie jeden Tag sieht, ihr Fels im Leben, liegt neben ihr und schnarcht schon. Sie ist völlig zufrieden mit einem festen Job, netten Freunden, einem netten Leben. Und doch fragt sie sich jede Minute, warum sie das Gefühl hat, etwas zu verpassen. Im Prinzip geht es ihr gut. Sie hat alles, was sie braucht. Es fehlt ihr an nichts. Sie schläft schließlich ein und träumt von einem lahmen Sonntag mit einem Brötchenfrühstück und einem warmen Bad. Ich hoffe für sie, dass sie eines Tages mal ein Risiko eingeht und in die Welt hinausgeht.

Und ich? Ich sitze im Keller und schreibe über andere Menschen, um nicht über mich schreiben zu müssen. Denn obwohl es eigentlich nur noch eine formale Sache ist, die monatlich auf einmal da ist, mich mit unsäglichen Hormonen überschwemmt, die mich zum Suizid treiben wollen, bin ich kurz davor, blutende Tränen zu vergießen. Darüber, dass wir nicht die “Generation Doof”, sondern “Generation Kaputt” sind, dass wir nicht mehr wissen, wer wir sind, dass wir jegliche Perspektive verloren haben, dass das, was uns erzählt wird, unser ganzes Leben eicht und ein Maßstab für ALLES ist, was wir tun. Wir haben vergessen, wir selbst zu sein, wir haben vergessen, wir haben verloren, und nichts macht mehr Sinn außer die Fülle an Möglichkeiten, unsere innere Leere zu stopfen. Und zwar mit Scheisse. Nur mit Scheisse.

Ich hoffe für mich, dass ich eines Tages nicht mehr schreiben muss, um nicht weinen zu müssen.

There are 10 comments in this article:

  1. 2/03/2008Marcel say:

    oh man du sau, hör auf mir solche geilen texte gleich am morgen zu servieren, da hat man ja gleich pipi in den augen! Generation Kaputt, ja das triffts wirklich.. scheiß welt..

  2. 2/03/2008me. say:

    weinen… um dein leben oder die generation?
    bitte nicht traurig sein.

  3. 2/03/2008saripari say:

    @me: Ich glaube, das eine schließt das andere mit ein.

  4. 2/03/2008Anna say:

    Ich will dich anbeten!
    Du schreibst saugute Texte.
    Ich stimme Marcel zu.
    Da steigt das Pipi ja einem in die Augen.
    Das Pipi der Wahrheit, die in dem Text liegt sozusagen.

    Wunderbar!

  5. 2/03/2008Sven E. say:

    Indeed.

  6. 3/03/2008Andersrum würds Universum auch Fehler machen… « Go on and rock my world… say:

    […] Quelle: http://www.septemberrave.com/475 […]

  7. 3/03/2008Drama, Baby. « Schneeroeschens Weblog say:

    […] 3, 2008 von Schneeroeschen Als ich gestern in Saras Eintrag “Gewohnheit” folgende Worte las… Und ich? Ich sitze im Keller und schreibe über andere Menschen, um nicht […]

  8. 3/03/2008bastiH say:

    großartiger text… fühle mich GANZ GENAUSO. leere die man mit scheisse stopfen kann…. *seufz*

  9. 3/03/2008ekeldude say:

    das bist du, was?

    howeva: es gibt nur einen grund, weshalb sie traurig ist. sie will es. sie ist sie. und ihre gefühle. sie ist kein opfer. keiner ist das. weisst du was “sich selbst erfüllende prophezeiungen” sind? schau ma bei wiki vorbei. und sag ihr mal, sie solle sich eine positive geben…

  10. 2/11/2008Liebe in Freiheit « Go on and rock my world… say:

    […] [Quelle] […]

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