Impressionen
3/04/2008Das Mädchen sah genau so aus, wie man es sich vorstellte: Jung, naiv, leicht überheblich vielleicht. Albern. Der Junge, er war stark und verschlossen, ein Held der jüngsten Tage, keiner wusste wieso, aber er war es. Sie fanden sich und in dem Moment, wo sie sich zum ersten Mal sahen, wussten sie, sie waren perfekt: Der erste Kuss, Händchenhalten, Zukunftsplanung, Karriere, Familie, Abenteuer, Rente, gemeinsamer Tod. Weil sie das wussten, bedeutete der Blick auch nicht mehr als eine wohlwollende Ignoranz, und so gingen sie, ohne ein Wort zu sprechen, und ohne das perfekte Bild ihrer Schicksale in Kenntniss zu nehmen. Warum auch. Es war ja ohnehin schon immer viel leichter, einfach falsch zu liegen.
Jungs und Mädels, ratet doch mal, wer aus der prunkvollen Hauptstadt zurückgekehrt ist, um euch weiterhin mit wunderbar wahllosen Texten vollzusabbeln! Richtig! Ich! Und ich bin völlig überladen von den ganzen Eindrücken, die ich gesammelt habe. Obwohl ich nicht das erste Mal in Berlin war, war es doch das erste Mal, dass diese Stadt in mir etwas ausgemacht hat. Liegt eventuell am Alter, höchstwahrscheinlich aber daran, dass ich die letzten Male immer mit meiner Mutter unterwegs war und das die ganze Sache in seiner Lustigkeit etwas einschränkt.
Erst einmal ist mir bewusst geworden, dass Berlin in seiner urbanen Ranzigkeit gar nicht das ist, was mich so anlockt, sondern die überdimensionale Beschissenheit, die meine Heimat so in sich birgt ist das, was mich von hier wegtreibt. Versteht mich nicht falsch, Frankfurt ist um Längen cooler als Berlin (in jeglicher Hinsicht was Dekadenz und Stil angeht jedenfalls), aber es ist ungefähr 500 km zu nah an “zu Hause” entfernt. Berlin ist die optimale Alternative. Warum wäre jetzt zu lange zum Erläutern, vielleicht dann, wenn ich endlich dort wohne (immerhin hat sich zumindest dieser Entschluss jetzt zu 99% gefestigt). Und: Berlin ist billig, auch wenn man ja sowieso als Student zum Geizhals wird (was echt nicht schlecht ist).
Die laute Umgebung, der Geruch von Knoblauch, das Scheppern der Bahnen, die uns umkreisten- sie waren im vollendeten Kontrast zu dem, was später folgen sollte, nämlich die unendliche Stille, das Warten, ohne jemals zu warten. Begegnungen, die etwas bedeuteten, Orte, die eine Nachricht trugen, für uns, die Besucher, die Nachtmenschen. Wir waren Nachtmenschen, für einen Augenblick, und wir fühlten uns gut. Später, wenn die Sonne aufgehen würde, nach vergeblichen Versuchen den Schlaf zu finden, würden wir uns nicht mehr genau daran erinnern können, aber das Gefühl wurde konserviert, eingeschlossen, und eines Tages…
Da war BastiH, in Berlin. Und wir verbrachten echt die coolste Zeit. Es lag zu 70% an ihm, dass es mir so gut ging. Eigentlich möchte ich ja gar nichts sagen, irgendwie sind Ausstrahlung und Coolness dieser Person nicht in Worte zu fassen und vielleicht sollte ich das nicht mit einem halbherzigen Versuch entwürdigen… vielleicht sollte aber immerhin erwähnt sein, dass er in einem Club unter stilvollen Schwulen immer noch am besten aussieht. Und dass ich es zutiefst bereue, dass ich meine Kamera vergessen habe. So entgehen uns die ganzen Grimassen, die wir zusammen hätten schneiden können. Dieser Mann ist echt pervers gut im Grimassen schneiden. Ich auch. Das Team schlechthin, mein Freund.
Und natürlich war da auch Franzi, die definitiv geglaubt hat, dass Kappi und ich auf Drogen waren. Doch tief im Herzen entpuppte sie sich als Behinderte, als sie einen schmerzvollen “Heieieieieiei”-Seufzer im 100-er Bus ausstieß. Wir wissen bescheid, Franzi. Und außerdem sieht sie aus wie Sarah Kuttner, und sie kann sehr gut Kaffee trinken und dabei aussehen als würde man sie mit dieser Reise nach Berlin extrem foltern. Schade, dass es nicht zum kollektiven Äpplersaufen kam, aber man sieht sich ja immer zwei Mal im Leben, nech?
“Zeit!”, schrie er schweißgebadet auf, als er unsanft aus seinen Träumen gerissen wurde, “Das ist es!” Völlig im Wahnsinn verfangen sprang er aus dem Bett, dass gar kein Bett mehr war, sondern ein Floß auf einem Fluss. Er wollte nach einem Stift greifen und merkte, dass seine Finger nicht nur zitterten, sondern einfach sehr schnell ihre Positionen wechselten. Der Daumen war in der Mitte. Außen. Links, rechts, der Zeigefinger, Ringfinger, nichts mehr an seinem Platz! Er spürte die Panik über seine Haut kriechen, wollte doch den Stift packen, wollte doch alles aufschreiben, aber er hatte keine —- . Er bekam Angst, viel Angst, denn das Papier unter seinen Füßen wollte nicht beschreibbar sein, auch nicht mit dem Blut, dass nun aus seinen Zehen floss. Es ging nicht. Aber er musste doch! Hatte er doch endlich herausgefunden, woran es ihm sein ganzes Leben lang gefehlt hatte.
Und nun war es zu spät.
Leider konnte ich mich aber nicht mehr mit jedem treffen. Paul, ich hatte dich nicht vergessen, ich war einfach nur die ganze Zeit so in Hektik unterwegs und teilweise auch von der Planung meiner Gastgeber abhängig, dass das einfach nicht geklappt hatte. Aber ich komme ja wieder, und du wirst auch noch ein Weilchen da sein, hoffe ich.
Es gibt so viele Anekdoten, die zu erzählen wären! Zum Beispiel dass man in Neukölln im 5. Stockwerk oftmals seinen fetten (ich meine, richtig fetten), glatzköpfigen Nachbarn gegenüber dabei erwischen kann, wie er breitbeinig und nackt auf seiner Couch hockt und fern sieht. Wenn man dann seine Zigarette zu Ende raucht und immer noch da steht, kann es sein, dass man ihn dabei beobachtet, wie er plötzlich anfängt, eine Runde Mini-Winnie-Rubbeln zu spielen. Ein einziger Autounfall, grotesk ohne Ende! Masturbation hat hier für mich sein wahres Ende gefunden.
Oder die Tatsache, dass BLN die beste Stadt zum Nachtsrumlaufen ist. So macht Sight Seeing um einiges mehr Spaß- wenn es kühl ist, keiner auf den Straßen und damit das Konsumverlangen auch eingeschränkt wird. Im KaDeWe waren wir auch, aber dann bekamen wir Depressionen. Also haben wir uns zur Aufbesserung der Laune mit den Standard-Läden beschäftigt. Das war erfolgreich für mich.
Berlin ist billig, aber ich bin trotzdem echt pleite. Ich meine, wir haben den 3. April, und ich hab nichts mehr, was man in Geld umformen könnte. Das ist sehr schade, aber es hat sich gelohnt, ich sag’s euch, es hat sich gelohnt!
Ich schreibe mich bald in Rage, wie ich sehe. Jedenfalls, bevor ich es vergesse, Leonope hat mal wieder ein großartiges Projekt auf die Reihe gestellt, es nennt sich Yes! We Have No Bananas und ist in etwa so abgedreht, wie man es sich vorstellt. Die englische Übersetzung geht auf meine Kosten, nur mal so als Anmerkung. Ich werde im nächsten Post mal etwas mehr dazu schreiben, ärgere mich nur ein bisschen, dass ich beim Start nicht dabei ware und möchte es deshalb schon mal erwähnen. Also. Allemann hin und so.
Jetzt, endlich: Schlafen gehen. Alleine. In meinem gemütlichen Bett.
Und sie weinte, und weinte, und weinte, weil sie lieber schmutzig wäre, lieber stinken würde, lieber nicht wüsste, was sie machen sollte, als sauber zu sein, gut zu riechen, und alles genau zu wissen, obwohl sie ja doch nichts wusste. Sie wollte verloren sein, gehen aber kommen, sie wollte fliegen und fallen, sie wollte dahin, wo es alles gab aber nichts genug war. Sie wollte mehr als nur den Schlaf. Sie wollte den Traum.
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