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Routine, Selbstanalyse

Lautes Denken

04.29.08 | 15 Comments

Ab und zu habe ich das Bedürfnis, mich zu betrinken. Vor allem, wenn ich merke, dass ich mich immer mehr an sowas wie die Schule festklammere, um bloß nicht über das nachzudenken, was kommen wird. Dann. Wenn ich groß bin, und mir doch kein Pony namens Uwe ins Wohnzimmer stelle. Und keine Schildkröte (Otto) habe, die mir Gesellschaft leistet. Mein tragisches Ende in irgendeinem Wohnklo, ohne Freunde, ohne Party, ohne Freiheit, Hartz IV, und so weiter.

Damit es nicht so weit kommt, schreibe ich mir Schritt für Schritt auf, welche ökonomischen Zukunftsvisionen ich eigentlich habe. Oder, grob gesagt, wie genau ich eigentlich a) reich werden und b) die Weltherrschaft an mich reissen möchte. Die Idee, ein Buch zu schreiben, das in allen Ländern dieser Welt No. 1 auf der Bestseller Liste ist und im Iran zensiert wird, habe ich aus Faulheit wieder verworfen. Ich gehöre lieber zu der kapitalistischen Herde, die sich irgendwann zum Unternehmer hochschläft. Oder so.

Jedenfalls stellen sich mir einige Hürden in den Weg. Ich weiß, dass ich gerne in die Medien möchte, aber eher mit Werbung und Psychologie und Kommunikation arbeiten will als mit Design und dem ganzen Schmonz der sowieso niemandem gefällt außer mir selbst. Hatte ich ja schon erwähnt. Dafür gibt’s ja auch Studienfächer ohne NC (Medienkommunikation, Kommunikationsmanagement, Wirtschaftskommunikation, die ganzen Hipster-Fächer halt). Die kosten aber viel Geld, und mit meinem momentanen Kontostand (3,80 ungefähr) kann ich mir nicht mal die Zigarette leisten, die ich beim Lebenslauf tippen rauchen würde.

Aber zumindest habe ich die Perspektive von dem, was ich mal machen will. Das ist schon mal 100% mehr als die Kollegen aus der Schule wissen, die höchstens “raus hier” möchten oder “Spaß haben” oder was auch immer. Ins Ausland wollen sie, dieses Pack! Diese Illusion hatte ich auch bis vor einem Jahr, wo für mich eine Weltreise das höchste der Gefühle war. Dann hat sich das immer mehr reduziert. Vielleicht doch nur ein Jahr Australien? Ein halbes Jahr Amerika? Drei Monate in Spanien? Und letztendlich merke ich, je näher dieser Punkt rückt, wie unrealistisch das ohne Geld ist. Mein Beruf ist nicht Tochter, er ist Tochter von armen Menschen, und deswegen kann ich das knicken. Bei meinem Luxusleben das Sparen anzufangen wäre jetzt sowieso zu spät, darüber hätte man sich zu angemessener Zeit (vor 8 Jahren) Gedanken machen müssen.

Egal. Nach der Schule ist erst mal EM und entspannen. Schöön. Irgendwann zwischen Juni und August fahre ich für 2 Wochen nach Barcelona, ein bisschen Urlaub kann man sich ja mal gönnen. Aber danach hört’s auch auf. Klar, ich muss mich an der Uni bewerben. An den UniS, pardon, sind ja einige da, die mich ablehnen könnten. Wahrscheinlich alle, aber man kann’s ja versuchen. Und jetzt kommen wir zu den spannenden Fragen, die in der Schule bisher ungeklärt offen gelassen wurden: Wie, zur Hölle, bewirbt man sich eigentlich bei Universitäten?

Also, ich bewerbe mich online, und dann? Die müssen doch mein Zeugnis sehen! Und wann weiß ich, wann ich genommen werde, wenn es ein NC Fach ist und die noch nicht mal meinen Schnitt kennen? Das muss man ja angeblich nachreichen. Und dann? Der ganze Scheiss mit Zulassung yadda yadda, wer soll denn da noch durchblicken! Aber selbst wenn ich das irgendwie hinbekomme, sagen die mir rechtzeitig bescheid, damit ich auch umziehen kann (nach Berlin, falls ihr es vergessen haben solltet)- was ist, wenn ich zwar umziehe und zugelassen werde, aber keine Wohnung finde in der Zeit? Oder noch schlimmer: Wann kommt mein erstes Bafög Geld, und wann weiß ich überhaupt, wieviel ich bekomme? Denn das kann man ja nur beantragen, wenn man schon zugelassen ist. Toll, dann werd ich zugelassen, stelle fest, dass ich warum-auch-immer nur 200 Öcken im Monat vom Staat bekomme und wie soll ich dann damit alles bezahlen? Selbst wenn ich nicht auf eine private FH gehe, reicht das ja wohl kaum, um eine Wohnung zu bezahlen. Nicht mal für’s Studienheim reicht das! Nebenbei arbeiten ist ganz klar, aber was? Das muss ich ja auch machen! Horror, der wahre Horror!

Wenn ich bis dahin angenommen werde, umziehe, und meinen Platz im Leben finde, ist ja alles schön und gut. Aber was ist, wenn die mich nirgendswo haben wollen? Dann habe ich die Bewerbungsfristen verpasst, und stehe Anfang Oktober mit nichts in der Hand da. Deshalb, so dachte ich, kann ich mir ja ein Jahr Auszeit nehmen. Was anderes machen. Aber da ich von zu Hause so schnell wie möglich abhauen möchte, bleibt mir ja nichts anderes übrig, als mir irgendwas im Ausland zu suchen. Aber was? Work & Travel ist zu teuer, das kann ich niemals niemals niemals bezahlen. Ganz abgesehen von meinen Eltern, aber die berücksichtigen wir mal nicht. So. Dann könnte ich mich auf ein Au Pair Jahr mit Vox’ “Auf und Davon” einlassen, aber darauf habe ich um ehrlich zu sein keinen Bock. Verschissene Plagen hüten während die Eltern schön am Strand faulenzen, genau, und dann dafür sorgen dass es noch mehr von diesen verhätschelten Monstern auf der Welt gibt. Nene. Davon gibt’s hier schon genug. Au Pair, pfff, das ist ja wie Sterbehilfe intelligente Menschen unserer Erde…

Trotzdem weg sein ohne weg zu sein wäre dann als Stewardess arbeiten. Abgesehen von den Klischees, die sich in meinem Fall höchstwahrscheinlich auch noch bestätigen würden, ist das ein lukrativer Job, bei dem man rumkommt. Was viel cooler ist: Irgendwo auf einem Schiff anheuern! Durch die Karibik cruisen! Dafür würde ich mir auch irgendwelche Plagegeister geben, ich sag’s euch. Tausendmillionen neue Leute kennenlernen wäre das! Abgefahren! Vielleicht nicht unbedingt realistisch, aber man kann es sich doch überlegen.

Gehen diese zwei Alternativen auch schief, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als irgendwo einen Job zu suchen und in meinem verkackten Heimatort für immer rumzurotten bis ich dann doch irgendeinen Macker heirate der mich schwänger und so weiter. Traurige Geschichten wären das, und mein Zynismus auf ein neues Level reichen (Game Over, sozusagen). Heidenei. Ich bin wirklich überfordert. Ich will weg hier, aber ich will meine Zeit nicht mit Scheisse verbringen. Ich will etwas machen, was mir Spaß macht, was mir gefällt, was mich selbst auch irgendwie weiterbringt, was gut im Lebenslauf aussieht.

Man, diese Gesellschaft ist doch scheisse. Da ziehen diese Vollhorstis uns unser ganzes Leben lang groß und erzählen uns, nach der Schule wird alles so toll und blah blah blah, aber mal konkret zu sagen, was man eigentlich machen kann, davon haben die keine Ahnung. Und dann sollen wir auf einmal großartige Leistungen bringen und gucken das wir zurecht kommen! Die ham se ja wohl nich mehr alle…

So, heute abend wird dann also gesoffen, auf dass ich irgendwann mal nicht unter ‘ner Brücke aufwache und feststelle, dass alles scheisse war.

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