Rache

25/06/2008

Wenn ich weine, dann in den seltensten Momenten, weil ich wirklich traurig bin. Meistens weine ich vor Wut, weil mir die Worte fehlen für das, was mich so anpisst. Ich weine, weil mein Hals schon schmerzt von den Worten, die ich wie Messer immer wieder runterschlucken musste, um nicht ausfallend zu werden. Mein Kopf dampft, weil die Wut aufsteigen, ausbrechen will, explodieren und an die Wand, oder am liebsten noch, direkt ins nichts-raffende Gesicht des anderen gespritzt werden. Dann ballen sich meine Hände zu Fäusten, meine Zehnägel bohren sich in die Sohlen meiner Turnschuhe, meine Zähne knirschen, mein Herz pumpt Gift.

Es ist ein Machtaustausch, der stattfindet. Oder noch viel eher: Es ist eben KEIN Machtaustausch, denn der Mächtigere steht vor mir, und ich habe keine Chance. Werde hin- und hergeschubst, rumkommandiert. Oder nur belächelt. Und dann: Die Wut, die mich von Innen her verbrennt, die nichts zurücklässt als ein bisschen Asche, kalte Glut. Apathie folgt. Abhärtung.

Ich beobachte mich dabei. Ich sage nie etwas dazu. Ich toleriere, ich schlucke die scharfen Gegenstände runter. Ich könnte mich wehren, in dem Augenblick, selbst wenn der Mächtigere mir, um es mal genauso auszudrücken wie es ist, saftig auf die Fresse geben würde. Aber ich pack’s zusammen in ein Bündel und drück ‘nen Stempel drauf: “Für später aufzuheben”.

Und das ist genau das Problem daran, wenn man gerne einen auf “cool” und “passiv-agressiv” macht: Man vergisst nie etwas. Niemals. Und dann, zur rechten Zeit, mutiert man zu einer tragischen Helden-Karikatur, die sich endlich, endlich für das rächen möchte, was ihr angetan wurde. Holt zum ziemlich unfairen Tiefschlag aus. Und trifft, unerwartet.

Effektiv? Bisher immer gewesen. Es lässt den anderen spüren, wer ausdauernder ist. Lässt ihn spüren: Ich hab’s nicht vergessen, werde es nie, und du solltest dir immer den Rücken decken. Es ist der No. 1 Beziehungskiller, und wir reden hier nicht von Liebesbeziehungen, sondern von den kleinsten bis zu den größten Beziehungen. Rache. Es ist nicht die offensichtliche Vergeltung, die so weh tut - natürlich würde ich mich rächen, wenn mir jemand meine Autoreifen aufschlitzt, ich würde etwas in einer ähnlichen Dimension einfach erwidern - aber die subtile, zwischenmenschliche Rache, wo es darum geht, verletzte Gefühle wieder gut zu machen, zu beweisen, “ich bin stärker als du, denn ich habe es so lange durchgehalten”, manchmal nicht mehr als nur ein Symbol - MIR GEHT ES NICHT GUT - aber meistens ein definitiver Endpunkt für alles, was vorher vielleicht noch funktioniert hatte.

Es aufzustauen macht krank. Es tötet die Reaktionsfähigkeit, es macht zynisch und verbittert, weil man nie eine direkte Gerechtigkeit erlangen konnte, sondern auf eine überhebliche, ja, sogar arrogante Art versuchte, “besser” zu sein - gewaltlos, hinterrücks, geduldig - in erster Linie vielleicht schmutzloser, aber definitiv unfairer. Lieber ein Faustschlag, den man sehen kann, gefolgt von einem Handschlag, man ist quitt.

Die schmutzigen Kämpfer verstehen die Pein und das Leid abzuwarten, bis zum richtigen Augenblick, um dann eine orgasmische Befriedigung zu erleben… Rache ist so viel mehr als das, was man von ihr hält.

[Andere KURZSCHLUSS Posts zum Thema “Rache” gibt es auf dem Neubaublog, bei Patsy Jones, und im Chaosplanet. Bitte lest lieber dies viel besseren Posts auch, die wahrscheinlich viel mehr auszusagen haben, als meiner.]

There are 5 comments in this article:

  1. 25/06/2008Patsy Jones - nippifippi hell yeah » Blog Archiv » Rache say:

    […] “Kurzschluss”. In dieser Ausgabe geht es um Rache und mit dabei sind außerdem: Pulsiv, Sara und natürlich […]

  2. 25/06/2008Ai Hua say:

    Rache als Endpunkt. Das ist wahr.
    .

  3. 25/06/2008pulsiv say:

    ja. damn. sowas in der art wollte ich erst schreiben. bis mir eingefallen ist, dass andere das viel besser können. jetz kommentier ich hier, und merke, dass ich vollkommen recht hatte.
    (.) <- keine titte! nur ein punkt in klammern. u know.

  4. 25/06/2008wdddd say:

    alert(”rofl”)

  5. 27/06/2008Basti. Kopfkino vom Chaosplaneten. » Blog Archive » Kurzschluss 1: Als ich ging. say:

    […] Hier die anderen Rache-Beiträge der Kurzschluss-Ausgabe: Pulsiv Patsy Jones Saripari […]

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