Mittlerweile ist es ruhig. Nur noch einige ferne Schreie und Rufe sind zu hören, etwas weiter weg. Im kargen Licht der Straßenlaternen kann man kaum durch den übrig gebliebenen Rauchnebel sehen- von den Feuerwerkskörpern, von den Fackeln, von den Zigaretten, von allem möglichen. Nur ein Stimmenwirrwarr von vielen anderen, die sich verirrt haben. Hin und wieder eine letzte Rakete am Himmel.
Kriegsstimmung.
Als ich der Hauptstraße näher komme sehe ich, dass ein grauer Polizeibus mitten auf der Straße steht. Blockade. Die Polizisten daneben. Die Passage ist eingekesselt. Warum ausgerechnet einer diese grauen Busse, die teilweise vergittert sind- ich weiß es nicht. Es trägt zur Stimmung bei. Die Polizisten- ihnen fehlen nur noch die Schilder und die Helme, um auszusehen wie eine Horde Sternenkrieger.
Ich möchte an ihnen vorbeiziehen, doch da packt mich jemand am Arm, brüllt mir etwas ins Ohr und ich werde zurückgeworfen, drei Stunden eher, als alles noch ganz anders aussah…
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“SO SEHEN SIEGER AUS, SCHALALALALA…”
Verdammt! Wer hätte es gedacht, dass nach so einem schlechten Spiel die Deutschen tatsächlich ins Finale einziehen würden! Ich jedenfalls nicht. Und so zogen wir, vier Mädels und ein paar Flaschen Bier, nach dem Spiel (das zu großem Teil mit “WASVERDAMMTEHURNSCHEISSEHALSMAULGEHTNIX”-Rufen verbracht wurde, nachdem Bela Rethy kläglich bei seiner Pseudoradioübertragung versagt hatte), die Hauptstraße entlang in R-Rock City, wo die Autokorsos schon begannen, abzugehen. Hauptziel: Die R-Rock City Passage, wo sich die Anwohner des besten Stadtteils plus einige Touristen aus den anderen Stadtteilen, denen es peinlich war, dort zu feiern (mir ist es an beiden Orten peinlich. Immerhin sind wir, laut Bravo, eine “Provinz”, und aus Provinzen sollte man abhauen und woanders Party machen. Leider bin ich pleite und meine Freunde sehr Heimatverbunden, also schlechte Karten). Auf dem Weg dahin: Jubel. Leute, die sich selbst feierten, und etwas so absurdes wie ein Ball in einem viereckigen Kasten, geschossen von jemandem in einem weißen Trikot. Kein anders Wort außer “absurd” möchte in diesem Zusammenhang ihre Gewichtigkeit finden. Trotzdem kriegen wir alle Gänsehaut. Diese Stimmung, das Gejohle, dieser noch-so-absurde Grund, irgendwas richtet er an. Eines Tages wird hoffentlich ein intelligenter Mensch eine Doktorarbeit schreiben, bei der ich kopfnickend durchlesen kann, was ich immer schon gespürt habe.
Wir kommen an- es fühlt sich an wie Millionen von Menschen. Sie werfen sich auf, zwischen, unter die vorbeischleichenden Autos. Umarmungen an Menschen, die man auf einmal liebt. Weil sie auch Deutsch sind? Liegt eher am Alkoholpegel… Teenager, Eltern, Freunde, Geschwister, alle da. Alle im selben Kaff, und alle randalieren sie auf einmal wie die Orang-Utans der Nacht. Alle feiern. Schütten sich Bier über die Köpfe. Es stinkt. Licht, Rauch, Nebelschwaden, laute Gesänge, Pfeifen, Chöre, Deutschland Flaggen, Deutschland T-Shirts, Deutschland Farbe im Gesicht, und kein Mensch weiß was eigentlich abgeht. Hitzige Diskussionen über das Spiel? Niemals! Springen auf die Autos, die Krankenwagen, die Feuerwehr. Gänsehautstimmung, überall. Lachende Gesichter, ein bisschen Wehmut. Liegt vielleicht an der Überdosis Seven Nation Army. Könnte aber auch daran liegen, dass es bald vorbei ist, viel zu schnell.
“FINAALEE– OHOHOOO!”
Tatsächlich Finale. Weiterpilgern zum Wirtshaus, wo bis tief in die Nacht gefeiert wird. Ein Ort, der zur restlichen Jahreszeit komplett leer und unbevölkert ist. Fürchterlich langweilig, normalerweise. Nur zum Fußball perfekt geeignet. Die Herrschaften aus dem Dorf: Alle da. Alle betrunken. “Morgen arbeiten?” “Egal, hab die Grippe..”
Tanzen auf den Tischen zu trashiger Volksmusik mit Techno unterlegt. Reizüberflutung. Das ist so schlecht, das kann gar nicht mehr gut sein, auf keinen Fall. Trotzdem mitmachen. Man gewinnt nicht jeden Tag. Die Freunde strömen ein. Alle sind da, und mit jedem einmal einen trinken, muss ja sein. Den Eltern aus dem Weg gehen, die sollten das vielleicht nicht sehen. Nur lachen.
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Jetzt, wo es fast vorbei ist, und ich in den verrauchten Straßen umherziehe, darauf achtend, nicht in die Prügelzonen zu kommen (ich habe keinen einzigen Türken gesehen, aber die sind wohl in den anderen Stadtteilen unterwegs… ich hätte mich auch nicht getraut- aber die Deutschen prügeln sich auch untereinander, was sehr traurig ist), ist es viel entspannter. Viel schöner, die Nacht zu genießen. Wieso, keine Ahnung. Vielleicht wegen dem allgemein-mulmigen Alkoholgefühl, dass sich nach 4 Bier bei mir eingestellt hat. Einmal tief einatmen, fast an dem Rauch ersticken, aber macht nichts, ist alles super so wie es ist, glaube ich. Kaum eine Nacht so schön wie jetzt, wenn alle nach Hause gehen und sich ins Bett legen. Ich mittendrin, Gänsehautstimmung, und ich bin irgendwie froh, nicht ins laute Frankfurt gefahren zu sein..
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Wenigstens werden in deienr Stadt keine Dönerläden auseinandergenommen…
kommst wohl aus dresden, mugo ;)?