Aicha mach die Haube drauf

7/11/2006

Ich schreibe morgen eine Französischarbeit über das Thema Integration, Migration in Frankreich. Deshalb entschied ich mich, ein bisschen zum Kopftuchthema zu recherchieren- ich sitze zwar quasi an der Quelle, aber dachte es wäre vielleicht etwas intelligenter, den Standpunkt anderer zu berücksichtigen, um nicht zu einseitig zu argumentieren und auch zu erkennen, ob in meiner Denkweise nicht irgendwo ein Fehler zu finden ist.

Kurzum gesagt, ich bin erschüttert.

Meine Eltern sind Syrer, relativ traditionell aber sehr religiös. Anders als die “Vorzeigeausländer” sind sie gut integriert, ausgebildet und kultiviert. Sie haben sich bis zum Limit an den deutschen Standard angepasst, ohne ihre eigenen Werte und moralischen wie auch religiösen Gebote zu verstoßen. Klar gibt es manchmal Grenzwerte und diverse Konflikte, aber die meistern sie problemlos und mittlerweile ergibt sich die Situation auch nicht mehr so oft, zu einer Entscheidung in diesem Bereich gezwungen zu werden.

Was mich und meine Geschwister angeht, ist die Sache natürlich anders. Wir stehen zwischen den Stühlen. Während wir eigentlich die Werte und Normen der westlichen Gesellschaft Tag für Tag erleben, wachsen wir mit den Prinzipien der islamischen Religion auf. Dabei berücksichtigen meine Eltern gar nicht mal so sehr die Tradition, die sie für eher unwichtig halten. Es geht nur um die korrekt ausgeführte Religion. Sie beten, fasten, spenden, und leben so gut sie es können nach dem Islam und erziehen uns auch in diese Richtung hin: Beten, Fasten, Gott würdigen und auf ein Leben nach dem Tod warten, am liebsten im Paradies.

Es ist schwer. Das will ich nicht bestreiten. Es ist kompliziert, weil ich weiß, dass das nicht mein Leben ist. Das ich viele Ansichten der Religion nicht teile. NICHT, weil sie falsch sind: Ich sehe nichts falsches daran, KEINEN Alkohol zu trinken, ich sehe nichts falsches daran, vor der Ehe keinen Sex zu haben usw. Die Gebote haben alle ihren Grund.

Genauso das Kopftuch. Ich muss kein Kopftuch tragen, weil es meine freie Entscheidung ist, wie ich mit der Religion umgehe, in die ich reingeboren wurde. Ich könnte jetzt in diesem Augenblick zu meinen Eltern gehen und sagen: Mama, Papa, keinen Bock auf diesen Scheiss, ich lebe so wie ich will. Aber das möchte ich nicht. Sie würden mich nicht verstoßen und auch nicht umbringen, aber ich möchte es trotzdem nicht. Ich wüsste nämlich, dass sie an sich selber zweifeln würden. Dass sie glauben würden, sie hätten in ihrer Erziehung versagt- dass sie die Schuld bei sich selber suchen würden, obwohl sie keine, ja gar keine tragen. Aber so würden sie es empfinden und das möchte ich ihnen einfach ersparen. Ist das so hart zu verstehen? Ich lebe nicht für meine Eltern, sondern für mich selber, und es würde mich nicht glücklich machen, wenn sie denken würden, sie hätten einen schwierigen Fehler gemacht. Gleichzeitig wäre ich nicht glücklich, wenn ich nach ihren Regeln leben würde, weil es einfach nicht ICH wäre. Und deshalb balanciere ich mich dazwischen auf einem dünnen Seil von Lügen und einem Netz von Ausreden.

Ist das bequem? Nein. Ist es vernünftig? Wahrscheinlich nicht. Macht es alle Beteiligten halbwegs glücklich? Auf jeden Fall.

Meine Mutter ist angehende Theologin und Islamwissenschaftlerin. Viele Leute glauben direkt, dass sie deshalb umso strenger sein müsste. Aber wer hätte es gedacht? Im Koran stehen so viele schöne Sachen, die so oft falsch verstanden werden. Die Frau soll ein Kopftuch tragen, damit sie nicht von Männern dumm angemacht wird. Dazu historische Fakten und Tatsachen verstehen: Bevor der Islam da war, wurden Frauen generell NUR unterdrückt. Es gab kein “dazwischen”. Doch wer islamisch war, und wer dem Islam folgte, musste zwangsweise der Frau Rechte zugestehen. Eines davon war die ultimative Freiheit, und das Kopftuch wurde dazu verwendet, diese Freiheit zu widerspiegeln- denn die Frauen ohne Kopftuch waren ganz einfach Prostituierte.*

Ich möchte hier keine theologische Abhandlung schreiben- scheisse, ich hab doch selbst so gut wie keinen Plan. Aber es ist nun mal leider so, dass viele Kulturen und Nationen die Religion mit ihren Traditionen vermischt, so dass die Grenzen kaum erkennbar sind. Eine Frau kann sich frei entscheiden, wie sehr sie sich verhüllt. Wer das tun will und damit glücklich ist- viel Spaß dabei! Und Gott, oder wie wir ihn nennen, Allah, wird dann alleine barmherzig sein und entscheiden, wer ins Paradies und wer in die Hölle kommt.

Das ist es halt, was mich aufregt. “Das Kopftuch als Symbol der Unterdrückung”- ja, klar, weil irgendwelche chovinistischen Penner es eben ausnutzen um die Frauen ihrer Umgebung und Familie in die Knie zu zwingen und um ihnen jegliches Recht zu entsagen, egal ob gesetzlich oder nicht. Und aufgrund dieser Fälle soll man jetzt das Kopftuch als falsch, schlecht, scheisse ansehen? Ich kann mich genauso gut hinstellen und sagen, hier, ich töte Mr. Bush weil Gott es so wollte und es wäre einfach nicht korrekt, denn Mord UND Selbstmord, und sei es Märtyrertum ist im Islam verboten.

Aber leider versteht das nicht jeder. Man hört was die Medien von sich geben, die die westliche Welt in ihrer prachtvollen Blüte propagieren und übersehen die Tatsachen, die gar nicht mal so weit versteckt liegen. Nutzen ihre Position aus, um alles schlecht zu machen, was eine andere Kultur verkörpert, benehmen sich rassistisch und unüberlegt, dabei kann jeder der einen IQ hat der über seiner Schuhgröße liegt leicht verstehen, wo die Unterschiede zwischen Lüge und Wahrheit sind. Jeder, der von sich Gefasel gibt, kann zu allererst den Koran öffnen und selber lesen, was es bedeutet, nach dem Islam zu leben (ja, es gibt ihn auch in deutscher Ausführung).

Ich sage das alles und bin noch nicht mal wirklich gläubig. Ich sage es, weil ich weiß, wie es ist. Ich sage jeder soll so leben, wie er es will, denn diese Person wird am ehesten verstehen, warum sie es tut. Was bringt es, eine Religion anhand von Menschen zu verurteilen, die sie ausnutzen und somit andere für etwas bestrafen, was sie nicht getan haben?

Scheisse ey, ich kann mich echt darüber aufregen.
*Ich bin kein Experte in diesen Dingen deshalb behalte ich mir vor, alles ohne Garantie auf Richtigkeit zu posten. Das ist alles, was ICH weiß und was mir meine Mom erklärt hat, also könnte es auch falsch sein.

There are 2 comments in this article:

  1. 9/11/2006lilou say:

    Ich find deinen Eintrag sehr schön und hab ihn auch gern gelesen. Ich selbst bin zwar keine Moslemin (ich hoffe das sagt man so!), aber ich weiß wie es ist zwischen zwei Welten hin und her gerissen zu werden. Meine Eltern und natürlich auch ich bin italiernerin, das hört sich jetzt zwar nicht allzu problematisch an, ist es aber manchmal für mich. Sie sind sehr streng und leben immernoch in ihrer sizilianischen Welt und das bringt ziemliche Probleme mit sich. ich bin hier geboren und meine Ansichten sind eher liberal, wenn man das so sagen kann, deshalb gerate ich hofft in Streit mit ihnen. Und trotzdem würde ich ihnen nie sagen, dass ich anders als sie denke oder, dass ihr Lebensstil nicht dem meinen entspricht, aus Angst ihnen weh zu tun, denn auch sie würden sich selbst die Schuld geben. Das können jedoch meine Freunde nicht wirklich nachvollziehen, was sehr schade ist.
    Es ist nicht schön unverstanden zu sein. Im Rahmen meines Studiums habe ich mich ein wenig mit dem Islam auseinandergesetzt und besitze auch den Koran. gut, ich habe ihn nicht ganz gelesen, aber es ist wirklich so, dass man ganz neue Dinge erfährt und merkt, dass man echt nicht alles glauben soll, was einem, v.a. in den Medien, gesagt wird. Leider haben sie einen sehr großen Einfluss. Außerdem gibt es immernoch das Problem, dass die Menschen vor dem, was sie nicht kennen oder was anders ist, Angst haben und das wird sich so schnell auch nicht ändern.

  2. 9/11/2006Skywalker say:

    Hey, danke für das Kompliment. Manchmal überkommt’s mich einfach. Und was das Italienisch-sein angeht: Ich bin mittlerweile der Meinung dass, egal wo man herkommt, irgendwo Konflikte enstehen und da sind die Italiener mal mindestens genauso temperamentvoll wie die Araber, wenn auch vielleicht weniger wegen der Religion als wegen der Tradition. Es ist schade und auf gut deutsch gesagt total für’n Arsch, dass so viele Meinungen von Medien und nicht von “Zeugen” regiert werden, aber was will man tun? Ich würde jeden Tag, jede Sekunde jedem widersprechen, der den Islam als schlecht abwertet, auch wenn ich noch nicht mal komplett überzeugt von ihm bin- das Schlechte steckt nicht in den Idealen sondern in den Menschen, die sie auszuüben versuchen.

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