Berlin, Berlin
15/09/2008Ich bin quasi so gut wie im Auto nach Berlin. Die Sachen gepackt und voll getankt und Schlafsack im Kofferraum. Ich glaube, ich könnte mich mehr darauf freuen, wenn ich nicht wüsste dass ich die nächsten Tage gestresst durch das kalte Wetter marschieren und Leute darum anbetteln darf, bei ihnen zu wohnen. Hallo, mein Name ist Sara, ich bin zwanzig Jahre alt, stehe auf Knoblauch und werde mir ganz sicher nicht die Fusel aus dem Bauchnabel pulen wenn ihr dabei seid.
Wie soll das eigentlich noch weitergehen mit mir? Ich werde dann also wohl VWL und Russisch in Potsdam studieren und jeden Tag eine Millionen Stunden pendeln dürfen. Bafög wird’s wahrscheinlich erst Anfang Mai nächsten Jahres geben und das mit der Wohnung ist auch eher utopisch. Zeitweise liebäugle ich mit dem Gedanken, mich beim Auswärtigen Amt zum gehobenen Dienst zu bewerben und andererseits hoffe ich ja immer noch auf das Nachrückverfahren für Wirtschaftskommunikation.
Meine Mutter ist nur noch am Weinen, weil mein großer Bruder durch den Bund für einen Einsatz in den Kosovo musste. Aufbauhilfe, aber nichtsdestotrotz- und jetzt weint sie nur noch heftiger weil ich in zwei Wochen auch abdampfe, adios amigos, danke dass ihr mich großgezogen habt und jetzt tschüss. Ich bin mehr als dankbar, dass es meinen kleinen Bruder noch gibt, der sie die nächsten zwei Jahre zumindest auf Trab halten wird, und ich bin froh, dass sie selber Studentin und damit beschäftigt ist. Und trotzdem bricht es mir das Herz, mich verabschieden zu müssen, zumal sie mit dem guten alten, nebenbei erwähnt ziemlich exzentrischen, gestörten Vater noch mehr Zeit alleine verbringen muss als ihr wahrscheinlich lieb ist– naja, vielleicht muss auch einfach nur ICH lernen, von meiner Mutter abstand zu finden. Es ist fürchterlich, total das Mamakind zu sein.
Tja, alles philosophieren hilft jetzt wohl auch nix mehr- ich fahre nach Berlin, und ich werde dahin ziehen, und ich werde ein neues Leben beginnen, und es ist strange und gut und eine einzige Horrorvorstellung und ich glaube, ich bin genau das, was man einen phlegmatischen Träumer nennt- oh man, wünscht mir Glück.
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