Hauptstadt

4/10/2008

Ich habe lange überlegt, warum ich eigentlich nach Berlin wollte. Gestern sind mir diese Gründe alle auf einmal wieder eingefallen- und das, nachdem ich schon in Panik und Verzweiflung wochenlang glaubte, dass ich die falsche Entscheidung getroffen hätte.

Das erste Mal, als ich Berlin besuchte, war ich 14 Jahre alt und mit meiner Mutter zu einem ihrer Religions-Seminare unterwegs. Da sie den ganzen Tag beschäftigt war, konnte ich mich in irgendwelche Busse oder U-Bahnen setzen und durch die Stadt düsen. Ich hatte damals erst ganz frisch noch einen Film über Hitler, den zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit gesehen, irgendein grottenschlechter Spielfilm. Aber dennoch blieben die Bilder im Kopf- und als ich in Berlin war, spürte ich genau, was dieser Film versucht hatte zu sagen.

Berlin ist eine historische Stadt- aber so frisch die Wunden und Narben, dass man die Geister der Vergangenheit an jeder Ecke spürt. Reichstag, Siegessäule, Brandenburger Tor- das sind zwar nicht unbedingt die Orte, an denen ich mich jetzt aufhalte, aber es sind die Stellen, die einen immer wieder faszinieren, daran erinnern, was passierte. Das Grundgesetz ist auf jedem wichtigen Gebäude abgedruckt oder erwähnt, die anti-faschistische Szene in Demos so präsent, dass man kaum weggucken könnte. Selbst wenn man es wollte.

Es hat mich erschlagen, aber nicht negativ. Nach der ganzen Tourirunde fühlte ich mich auf einmal belebt, wenn teilweise auch depressiv und vom Weltschmerz überkommen. Aber es war gut- denn Berlin zeigt dir nicht, wo die Moderne liegt, nicht irgendeine außergewöhnliche Schönheit, sondern klipp und klar das, was eine europäische Großstadt einfach ist- dreckig, laut, und voller Geschichte. Das packt mich, das fesselt mich.

Aber so einen Strebergrund brauch noch nicht mal ich, um Berlin gut zu finden. Natürlich gibt’s ranzige, unsympathische Orte und Seiten- aber größenteils ist diese Stadt einfach der Inbegriff von Freiheit und Ausbruch aus schrecklichen Systemen, jedenfalls für mich. Da gibt’s noch eine gewisse Undergroundszene an Kunst und Musik, an Gruppierungen und Lokalitäten, die ich entdecken möchte. Klar gibt’s das auch in Frankfurt- aber nicht in diesen Ausmaßen. Im Übrigen ist Frankfurt auch viel schöner und hat einen klareren Großstadtflair, wohl wegen der Skyline. Auch das Mainufer ist gepflegter. Nur ist es niemals so entspannt und doch gereizt und gefährlich.

Es gibt noch viele andere Gründe dafür, warum ich hier bin. Die sind allerdings nicht mal im Ansatz nachvollziehbar, muss auch nicht sein. Mir geht’s grad gut, und ich hoffe nur, dass es für eine Weile auch so bleibt.

There are 8 comments in this article:

  1. 4/10/2008Thilo say:

    Freut mich das es dir gut geht, dass was du da über Berlin schreibst sind genau die Gedanken die mir jedesmal wenn ich da bin auch durch den Kopf gehen. Berlin ist alt, scheiße aber doch irgendwie cool.

  2. 4/10/2008kid yeah! say:

    haha, nice. du bist die erste aus der region frankfurt, die ich kenne, die findet das frankfurt mehr großstadtflair hat als berlin. es gibt sie also doch noch, die lokalpatrioten ;)

  3. 4/10/2008wolf say:

    mehr gefahr für den meshcen durch die welt.

    durch verbote von rauchen, trinken, scharfen blattkanten und ähnlichem sehne ich mich nach aufregungen, die mir bisher nur in dieser tollen stadt widerfahren konnten. wir sehen uns nach dem neuen und nach gefahr. alles wird reglementiert und bestimmt. in dieser stadt prallen kulturen, geschichte(n), und einfach so viele menschen aufeinander, sodass es zu riebungen und vor allem neuen interessanten dingen kommen muss.

    grüß mir berlin! in eineinhalb jahren komme ich auch, bis ich meinen bacherlor in jena hingeschissen habe.

    schicker blog übrigens, lese schon länger mit.. :)
    schöne grüße, wolf.

  4. 5/10/2008MuGo say:

    Ich kann nur einmal mehr feststellen, dass mich Berlin übverhaupt nicht anspricht, während ich sofort nach Frankfurt gehen würde - und dabei kenne ich beide Städte gleich schlecht.

  5. 5/10/2008bemme51 say:

    ;) hab grad den titeltrack von peter fox´ neuem album “stadtaffe” im kopf. triffts ziemlich gut.

  6. 6/10/2008Schwarzmaler say:

    Freut mich - und Berlin hat seine Reize, auch wenn die Kodderschnauze manchmal… gewöhnungsbedürftig ist.

  7. 7/10/2008Stefan say:

    Ich mag Berlin auch nicht. Mag an der saumäßig langweiligen Abschlußfahrt gelegen haben.

    Einziger Vorteil den Berlin unumstritten mit sich bringt ist halt die Größe..

  8. 9/10/2008zyx say:

    guter stoff…
    ich war seit kleinkindesan bis heute zich tausendmal in berlin. obwohl ich in bremen wohne, kann ich den geruch der u-bahn jederzeit abrufen.
    einmal haben wir total stoned eine historische busrundfahrt mitgemacht. vorne stand ein reisebegleiter. Er erzählte enthusiastisch und voller liebe zu seine heimatstadt von berlin und seiner geschichte. mir kamen fast die tränen und ich war noch tagelang zutiefst ergriffen von den eindrücken.
    wir sind nächtelang durch diese endlose stadt gerannt und spät morgens aus einigen der geilsten clubs europas gewankt. geblendet vom grellen tageslicht. durch die stadt.
    love parade, jahrtausendwende, mauerfall… was für erlebnisse!
    man scheint von einer unsichtbaren kraft geführt zu werden. sie umgibt einfach alles.
    aus beruflichen gründen werde ich wohl nie in berlin wohnen können. vielleicht im ruhestand, wenn ich nicht zu meinem kumpel nach mexico gehe…

    grüße berlin von mir

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