Kapitel I: “Okay” ist auch gut.
1/12/2008“Oh mein Gott, endlich zu Hause..”
— 12 Stunden früher —
Der Wecker klingelt. Laut dröhnt diese monotone Sirene in den Kopf unserer Protagonistin. Ächzend und stöhnend wälzt sie sich noch ein paar Mal im Bett, bevor sie völlig übermüdet und noch halb in ihrem Traum endlich den Wecker ausschaltet, sich zurückwirft und weitere fünf Minuten mit sich selbst kämpft, bevor sie tatsächlich aufsteht.
“So eine verfluchte…”
Halb sieben. Eine unchristliche Zeit für eine Zwanzigjährige. Schnaufend schleift sie sich ins Bad, wo sie ihren eigenen Anblick kaum ertragen kann. Es ist kalt. Keine Lust auf Duschen, auch wenn’s bitter nötig wäre.
Die Küche wird aufgesucht, wo der Freund ihres Mitbewohners schon Kaffee gekocht hat und ihr frühzeitiges Leid des Aufstehens teilt. “Wie schaffst du das nur jeden Tag?!”, fragt sie halb-murmelnd, halb erstaunt, als sie feststellt, dass er munter und fröhlich ist und keinerlei Anzeichen der Müdigkeit ausstrahlt. “Keine Ahnung”, antwortet er. “Wenn man das sechs oder acht Jahre lang so machen muss, bleibt einem ja auch nichts anderes mehr übrig, als sich daran zu gewöhnen.”
Mit dem Kaffee in der Hand und einer Schrippe im Mund geht sie in ihr Zimmer. Viel zu spät. Schnell was angezogen, Wetterbericht gecheckt, Musik ins Ohr und ab geht die Post. “Warum tu ich mir das nur an?”, fragt sie sich beim Rausgehen.
Aber als sie draußen steht, ist alles vergessen.
Sie atmet den Duft der Straße. Die Autos brausen an ihr vorbei. Die Menschen hetzen zu ihren Jobs. Es ist keine blaue Wolke am Himmel, es sieht stark nach Regen aus, es ist kalt, aber sie steht da, an der U-Bahn, und glaubt ihren eigenen Gefühlen nicht. Sie nimmt einen tiefen Zug von der Zigarette, lässt sich im Lärm ertränken, lässt sich anrempeln, riecht den Duft der nassen Luft, und stellt fest, dass es nicht Sommer und Strand sein muss, damit es gut ist.
Sie weiß wieder, warum sie welche Entscheidungen getroffen hat. Und lächelt. Steckt die Kopfhörer wieder ein und lässt sich treiben- in der U-Bahn, mit den Menschen. Und kommt eine Stunde zu früh an ihrem Reiseziel an.
—
“Herzlich Willkommen zum diesjährigen schriftlichen Eignungstest des Auswärtigen Amts.”
Sie blickt sich im Raum um. “Diese Fatzken sehen aus wie aus der Privatschule ausgeschissen”, denkt sie sich, und muss innerlich über sich selbst lachen. “Genau das richtige für mich..”
– 5 Stunden später –
Pfeifend verlässt sie den Raum. “Was habe ich mir nur dabei gedacht? Meine Leben verlassen für eine vorgegebene Streberlaufbahn, wie diese Schafe, in Krawatte und Anzug und wissen, wie man Canapés zubereitet? Die perfekte Hausdame, die perfekte Konsulin oder, entschuldigung, Verwaltungsassistentin spielen? Scheisse, ich wünsch euch allen viel Glück, aber ich bin raus und lebe lieber unter ‘ner Brücke” Sie wusste ganz genau, dass sie das nur dachte, weil der Test besser lief als erwartet, und wollte sich vor der Enttäuschung bewahren, wenn es doch eine Absage war.
Entspannt und endlich frei von mathematischen, logischen und sonstigen Denkaufgaben setzt sie sich in die U-Bahn. Sie genießt die Fahrt, weiß, dass sie bald endlich zu Hause ist - noch ein kleiner Spaziergang im Nieselregen, um die wichtigsten Einkäufe zu erledigen, damit der Monat finanziell endgültig zu Ende ist - und dann ab nach Hause.
Dachte sie. Tatsächlich stand sie auf, und ein fremdes Handy fiel ihr in den Schoß. Sie blickte sich fragend um, aber der Besitzer war nicht zu finden.
Zehn Minuten. Zehn Minuten kämpfte sie mit sich selbst. “Geb ich es zurück? Oh Gott, es hat eine 5-Megapixel-Kamera, OH GOTT, es ist mindestens 300 Euro wert, WARUM ICH?!” Ein Anruf ging ein. “Heb ich ab? Oh Gott, HEB ICH AB, GOTT, GIB MIR EIN ZEICHEN!!”
Gott gab ihr ein Zeichen. Sie rutschte mit dem vom Regen nassen Finger aus und drückte auf “Abnehmen”. Schicksal. Sie ging ran, versprach, vorbeizukommen und das Handy abzugeben, drehte auf dem Absatz um und stieg wieder in die U-Bahn.
Die darauffolgenden Ereignisse wären einerseits zu belanglos, andererseits zu kompliziert, um zu erklären. Aber als sie vier Stockwerke im dunklen Treppenhaus hochkraxelte, und sogar an ihrer eigenen Tür vorbeilief, weil es viel zu dunkel war um etwas zu erkennen, betete sie nur, dass jetzt irgendjemand zu Hause war, um ihr Gesellschaft zu leisten und für ihren Tag zu loben.
Niemand war da, und sie lachte wieder einmal über sich selbst. Über das Leben, über diverse Situationen und darüber, dass ihr scheiss Brokkoli-Auflauf schon wieder nichts geworden ist.
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