Archive of published articles on April, 2007

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Crazy/Beautiful

27/04/2007

Über die Jahre hinweg bin ich immer der Meinung gewesen, ich würde mich in meiner Persönlichkeit steigern. Natürlich ins Positive. Ich würde mich den Probleme stellen, mich damit konfrontieren, meinem Schmerz nicht aus dem Weg gehen und vor allem: Ich würde nicht wegglaufen, so wie ich es gerne tun würde, immer und immer wieder.

Heute ist mir aufgefallen, dass das die größte Lüge ist, die ich mir je selbst erzählt habe. Schon immer habe ich mir einfach irgendwelche Ausreden ausgedacht, um all das zu rechtfertigen, was man generell als “falsch” bezeichnen könnte. Mittlerweile geht es so weit, dass ich mir eingestehe: Okay, ich bin depressiv. Ich bin krank. Ich habe eine Krankheit und ich muss zum Arzt und der muss dann irgendetwas tun oder mir etwas geben, damit es besser wird. Mein Kopf ist kaputt. Mein Herz ist kaputt. Und jetzt bitte die Pillen.

Und plötzlich wird mir klar, dass ich überhaupt nicht krank bin. Dafür brauch ich mir nur den Rest der Welt anzusehen: Menschen, die in ihren fruchtlosen Karrieren stecken, nicht wissen, was sie tun sollen, Schulden machen, um sich Spielzeuge anzuschaffen, für die sie sowieso keine Zeit haben, Scheidungen, Ehebrüche, der ganze Scheiss. Alle sind depressiv und brauchen ein Heilmittel.

Immer ist es das Serotonin. Scheisse, mein Gehirn macht nicht genügend Serotonin, ich bin krank! Ich bin krank! Verdammt, gib mir was, ich bin krank!

Das mag in manchen Fällen vielleicht sogar so sein, ich möchte es ja nicht bestreiten. Es gibt eine Krankheit, die sich Depression nennt. Es gibt viele psychische Krankheiten, und die Menschen, die diese Krankheit behandeln lassen um mit ihrem Leben richtig umgehen zu können, die will ich nicht verurteilen, im Gegenteil, ich bewundere sie dafür.

Aber jeder andere, darunter eben auch ich, flüchtet sich in einen Traum, den man ohne Pillen nicht träumen kann. Warum fühle ich mich so? Warum bin ich traurig, niedergeschlagen und völlig erschöpft so wie hoffnungslos? Vielleicht liegt es daran, dass mein Leben scheisse ist.

Vielleicht muss es einfach so sein. Es ist ein Symptom: etwas läuft schief. Genauso wie jemand, der sich ein Bein bricht, und behandelt werden muss, nur dass man in diesem Fall zu allererst selber nach den Ursachen suchen muss. Ich finde viele Ursachen, ich kann genau festnageln, warum die Dinge verkehrt laufen und warum ich mich so fühle. Natürlich gibt es auch Tage, an denen ich mich prinzipiell nicht erfreuen kann, aber im Moment ist mein Leben einfach für’n Arsch und die Aussicht auf etwas besseres gibt es einfach nicht.

Trotzdem flüchte ich mich weiter in die Vorstellung: Ich bin krank. Das ist nicht normal. Ich kann mit diesem Leben nicht umgehen. Aber eigentlich kann es doch keiner. Eigentlich rennen doch alle nur hin und her und haben keine Ahnung. Manchmal glaube ich, die Menschheit hat eine Gesellschaft aufgebaut, die überhaupt nicht für die Menschheit geeignet ist. Also warum der Scheiss? Ich erfinde doch auch keinen Sport, den ich nicht selber machen kann, weil ich physisch nicht dazu in der Lage bin.

Erstmal muss ich also mein Leben in den Griff kriegen. Und wenn es danach immer noch scheisse ist, kann ich darüber nachdenken, ob ich depressiv, borderline oder sonstirgendetwas bin. Und kein Arzt der Welt kann mir erzählen, dass mein Gehirn zu wenig Serotonin produziert: Wie könnte es auch? Ich habe gerade doch überhaupt keinen Grund, mich zu freuen.

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Kellnern ist wie Sex. Alleine. Ohne Hände.

24/04/2007

Kellnern ist total der lustige Job. Ich meine, ich arbeite in einer guten Gegend, nicht in irgendeiner Studententränke und auch nicht in einer Asiabsteige, und auch nicht in der örtlichen Puffbar. Es ist ein Restaurant mit gutem Ruf, in einer sauberen Gegend mit anständiger Kundschaft. Trotzdem bleibt es überall das Gleiche. Man ist temporärer Sklave für Menschen, die ständig Sprüche raushauen. Sprüche, die teilweise gut, und teilweise schlecht sind. Manchmal verstehe ich sie nicht, die Herren. Es sind meistens Herren. Dann kommen so Sachen wie:

Hier wird nüschd weggehaun!

oder

Mach ma Luft naus.

Letzteres heisst so viel wie: “Ey du, du arbeitest doch hier, füll ma’ mein Glas auf!”. Ja, das wusste ich vorher auch nicht.

Wirklich interessant wird es, wie ich letztens merken durfte, wenn das T-Shirt um einen Spalt nach unten verrutscht. Besonders an der Bar, wo die Herrschaften beim Fußball gucken, Bier saufen und Spare Ribs verdrücken sich am meisten wie Subproletariat benehmen. Jedenfalls, wenn dieses katastrophale Ereignis wirklich stattfinden sollte - oh mein Gott, 5 cm Dekollté bei einer richtigen Frau mit richtigen Titten die nicht nach 40 Jahren Kampf mit der Schwerkraft aufgeben mussten - herrscht plötzlich Stille im Laden. Nun ja, eigentlich hört man nur leises Frauengemurmel, das normalerweise von den tiefen Bässen der Kneipenkaiser übertönt wird. Und auf einmal ist es scheiss egal, welche Mannschaft verliert, denn das Team besteht jetzt nur noch aus zwei Spielern: Meinen Titten.

Dann gibt es noch Gesellschaften, die besonders hohe Ansprüche haben. Wie zum Beispiel: Bitte im Salat keinen Salat, das Dressing in einer extra Schüssel, Tomaten bitte schälen und die Gurken ohne Kerne. Oder: “Ich würd mir mein Bier gerne selbst abzapfen, ihr Leute hier macht’s ja nimmer so gut.”

JA NE IS KLAR.

Mit Pipi in den Augen musste ich später feststellen, dass mein Trinkgeld ungefähr doppelt so hoch ist wie mein Gehalt und plötzlich ist mir klar geworden, warum man sich Erniedrigungen wie “Sind sie zu dumm um eine Apfelschorle gescheit zu mischen/Haben sie nie gelernt, wie man ein Hefe zapft?!” (WEIL ES IM LEBEN NICHTS WICHTIGERES GIBT, ALS ZU LERNEN, WIE MAN HEFE ZAPFT, DENN WENN MAN DAS NICHT WEISS KANN MAN DIREKT VOR DEN ZUG SPRINGEN, ABER SELBST DER WIRD EINEN BOGEN UM MICH HERUM MACHEN, WEIL, OH MEIN GOTT SIE KANN KEIN HEFE ZAPFEN, SIE VERDIENT NOCH NICHT MAL DEN TOD, SIE MUSS DIE HÖLLENLEIDEN IHRER SCHAM DURCHSTEHEN BEVOR SIE STERBEN DARF!) antun will, ja fast schon MUSS.
Denn am Ende des Tages, wenn der Jungesellenabschied den Synapsenfasching feiert und später noch laute Parolen durch den Laden schreit, sowas wie “Und wirft der Arsch auch falten, wir bleiben doch die Alten” und ich in der Ecke stehe und mich fremdschäme für solches Affengedöns und warum ich jetzt auch noch deren Geschiss wegräumen muss, UND KANN MAN EIGENTLICH AUCH IN DIE ASCHENBECHER ASCHEN ODER IST DAS ZU SCHWER FÜR EUCH IHR PENNER, tja, am Ende des Tages gehe ich nach Hause mit richtig vielen Geldscheinen und wunder mich, was ich dafür eigentlich gemacht habe- ich habe Essen und das Trinken serviert. Manchmal hab ich es auch nicht serviert, weil mich meine Chefin betrunken gemacht hat und ich den Scheiss natürlich fallen lassen musste. Und manchmal muss ich fast lachen, wenn meine Kollegin an der Bar steht, spaßeshalber “Geschüttelt oder gerührt?” fragt und als Antwort vom Stammidioten “Ich wäre gerührt, wenn du mir einen schüttelst” kommt. Ansonsten: Besteck polieren und Getränke auffüllen. Und Aschenbecher auswechseln.

Ich bin noch nicht halb so gut in meinem Job, wie ich es gerne wäre. Ich vergesse ständig, welche Gläser für welches Getränk sind, ganz zu schweigen von den Tischnummern (die alle 3-stellig sind, ALS OB MEHR ALS HUNDERT TISCHE IN EINEM RESTAURANT ZU FINDEN WÄREN WO IM HOCHSOMMER TROTZ MASSENANSTURM NUR 3 BEDIENUNGEN GLEICHZEITIG ARBEITEN), und außerdem kann ich noch keine Fragen zur Speisekarte beantworten, weil ich bei der Hälfte noch nicht einmal weiß, wie man das Gericht ausspricht. Wenigstens weiß ich jetzt, was Strammer Max ist, und welche Unterschiede es bei guten und schlechten Weinen gibt.

Ich dachte früher immer, Kellnern wäre der erste Schritt zum Hartgeldstrich, mittlerweile glaube ich aber, dass es genau andersrum der Fall ist. Wer gekellnert hat, freut sich auf’s huren, weil es leichter ist, da zu liegen, penetriert zu werden und dann als Abschaum, aber wenigstens reich, wieder fallen gelassen zu werden. Im Restaurant? Tja, da ist man nur Abschaum, wird von allen Seiten zusammengekackt, kann sogar was falsch machen und hat meistens auch noch Achselkaffee unter’m Arm. Zwischenzeitlich wurde man dann auch noch von einem bellenden Tischfeuerzeug am Schnürsenkel gepackt, dessen Besitzer Mooshammermäßig, möge er in Frieden ruhen, “Trixxie, nicht an dreckigen Hosen kauen” rief und sich dabei legèr die Eier schaukelte.

Das Problem bei der ganzen Demütigungsgeschichte ist aber eigentlich nur, dass ich mich selbst wiederfinde. Die Drecksteenager, die ihr in den Arsch geschobenes Geld ihrer hart arbeitenden Eltern jetzt für ein paar Colas und ein Garnelenpfännchen (”Bitte ohne Knoblauch, man weiß ja nie welchen Traumprinzen man noch trifft, HAR HAR HAR”) ausgeben, dabei genüsslich unter dem strahlend weißen Sonnenschirm faulenzen und ihre Malboro’s rauchen, die behandeln den Kellner vom Dienst, außer er sieht außerordentlich gut aus (”oh Gott, das ist ein Arschpirat, HUNDERPRO, schwul, definitiv, egal, ich himmel ihn trotzdem bis ins Verderben an!”) am schlimmsten, weil sie meinen, sie werden niemals so landen, oh Gott, wie kann man nur anderen Menschen DAS ESSEN AN DEN TISCH BRINGEN ICH GEH LIEBER KLEBER INHALIEREN. DAS, meine lieben Leute, DAS bin ich. Dekadenz in Form von Pseudo-Getue. Ich glaube, ich werde auch weiterhin so mit meinen Kollegen umgehen, natürlich wenn ich selbst nicht arbeiten muss, einfach nur, weil der Kellnerjob etwas so besonderes ist, ein Einblick in die Psyche der Menschheit, wenn man will. Einfach für einige Stunden eine so mittelalterliche Rolle einnehmen und feststellen, dass man nichts anderes ist als das einfach Proletariat. Sara, die Bierschubse.

Ich kann gar nicht so viel fressen wie ich kotzen möchte.

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Ronny & Mändy sitzen auf ‘nem Baum..

23/04/2007

Paul… Paul, Paul, Paul. Du sagst so viele Dinge, die meinen Kopf durchrütteln. Paul, ich weiß nicht, ob eine Beziehung wie zwischen JD und Elliot funktioniert. Aber meine Erfahrung sagt mir:

Beziehungen aus Liebe/Emotionen: Geht schief.
Zweckbeziehungen: Hält ewig.

Zynisch, nicht wahr? Aber denkt mal darüber nach: Eine Zweckbeziehung hat einen handfesten Grund. Einen verdammt richtigen Grund. Und wenn dieser Zweck bestehen bleibt über einen langen Zeitraum hinweg, nämlich für beide Parteien - und sei es nur die Gesellschaft des Anderen zu genießen - dann reicht das schon, um für eine gutmütige, lange Beziehung zu garantieren. Arrangierte Ehen verlaufen doch auch so: Typ mit Kohle, Frau mit breitem Becken, passt. Alles andere MUSS später kommen, und ich rede hier nicht von der großen Liebe, sondern davon, sich an einen Menschen zu gewöhnen, ihn zu mögen und zu aktzeptieren, um sich sein Leben einfacher zu machen. Klar kann das nicht immer passieren, und wenn es eben überhaupt nicht passt- scheisse, aber dann muss man sich errechnen, was größer ist, die Abneigung oder der Zweck. Und da sieht man es doch: sobald Emotionen ins Spiel kommen, läuft alles den Bach runter. Also am besten sich am Grund festklammern, um das beste rauszuholen in einer Beziehung.

Nehmen wir aber an, dass man sich verliebt- eine chemische Reaktion, unterbewusst vielleicht teilweise die Ansprüche und die biologischen Forderungen erfüllt, scheisse, vielleicht sind’s die Pheromone, ist mir egal- aber auf jeden Fall ist, sagen wir mal, Ronny jetzt verliebt und will mit Mändy zusammen sein. Mändy! Du willst Friseuse werden in Hamburg, aber Ronny will nach Köln ziehen und mit seiner Punk Band erfolgreich sein. Und Ronny? Du willst deine Freiheit haben und saufen gehen können, und außerdem hast du gar keinen Bock zu arbeiten, aber du weisst ganz genau, dass Mändy ihre Kohle auch braucht.

Das sind in erster Linie überhaupt keine Hindernisse, es gibt Beziehungen, die haben schon schlimmeres durchgemacht. Aber was passiert dann? Stress, Probleme, Streit, Wut, und die Liebe verfliegt irgendwann.. weil sie sich in Hass umgewandelt hat. Das muss keine zwangsmäßige Folgerung von diesen Problemen sein, aber die Liebe ist als Maßstab für ein angenehmes Leben mit Freundschaft und Beziehungen einfach am stressigsten.

Und vergessen wir mal die Romantik: Die Freundschaft kommt bei dieser Theorie auch nicht zu kurz. Sobald man sich seinem Freund komplett widmet, wird man verletzt, wenn man dieselbe Zuneigung nicht zurückbekommt. Oder nein, noch schlimmer: Man teilt das Leid und ertrinkt in dem des anderen, und das ist ja nicht schlimm eigentlich- aber dass man sich selbst kaputt macht, merkt man erst hinterher. Dass man sich komplett verausgabt für etwas, was noch nicht mal garantiert für die Ewigkeit hält…

Meiner Meinung nach ist das auch der Grund für hohe Scheidungsraten. Ich bin kein Anthropologe, ich hab gar keine Ahnung, ich schwafele einfach nur meinen Scheiss zusammen, aber Liebe bezahlt dir dein Brot nicht, Liebe löst nicht die Interessensgegensätze und Liebe lässt dich nur am Anfang deinen Stress übergehen. Später kommt er dann mit voller Wucht, weil die Illusion so langsam aber sicher aufgehoben wird.

Genau das ist meine rationale Einstellung zum Thema.

Aber Ronny und Mändy können das doch gar nicht sehen. Sie sind verliebt. Sie sehen gar keinen Grund dafür, dass es irgendwann Stress geben könnte- kein Hindernis ist zu groß für sie. Sie schaffen das schon.

Und vielleicht schaffen sie es wirklich.

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Gehirnmissbrauch

21/04/2007

Es ist nicht schwer, in die Schule zu gehen. Aufstehen, Sachen packen, fertig machen, hinfahren, sechs bis elf Stunden absitzen, nach Hause fahren, erleichtert sein.

Es ist echt nicht schwer.

Trotzdem schaff ich es jeden Tag, nachdem ich mich aufgerafft habe und hingefahren bin, nach zwei Stunden meine Sachen wieder zusammen zu kramen und mich nach Hause zu verpissen, in mein Bett, zum Fernseher, an den PC. Oder ich gehe mit Gleichgesinnten einen Kaffee trinken, im Endeffekt läuft es doch nur darauf hin hinaus, nicht in der Schule zu sein, selbst wenn ich mich stattdessen langweile.

Doch in letzter Zeit hängt es noch nicht mal mehr damit zusammen, dass ich keinen Bock auf Schule habe. Ich habe generell keinen Bock auf gar nichts. Ich möchte noch nicht mal mehr mit irgendwelchen Leuten abhängen. Ich will einfach nichts machen. Ich will auch nicht über die Zukunft nachdenken. Mein Abitur hab ich mir eh schon längst versaut. Nicht, dass ich es nicht packen könnte, das nicht. Aber ich werde ganz bestimmt nicht das erreichen, was ich erreichen wollte. Somit kann ich es auch genauso gut lassen. Am liebsten würde ich das Jahr jetzt noch fertig machen und dann auf ‘nem Schiff in der Antarktis eine Ausbildung zur Kombüsenköchin machen. Ein einfaches, monotones, untere Mittelschichtleben, nur dass ich mich dann sowieso umbringen werde, weil ich ein dekadentes Arschloch bin, zwar ohne Grund und handfeste Dinge, aber egal. Egal. Entweder alles oder nichts. Das “alles” habe ich schon verspielt, also gebe ich mich mit dem “nichts” zufrieden. Damit das “nichts” mich dann endgültig töten kann, weil ich es selbst ja nicht hinkriege. Ich krieg gar nichts hin.

Früher war es mir nicht egal, ein Versager zu sein. Vor ein paar Jahren war für mich alles noch ein Wettbewerb, ich wollte besser sein als meine Freunde, als meine Klassenkameraden, als alle möglichen Leute und zwar auf allen möglichen Ebenen. Da war zwar der Rest meines Lebens total für’n Arsch, aber es ist ja nicht so, als hätte sich da irgendetwas geändert- nur, dass es jetzt auch schulisch bergab geht. Mittlerweile kann ich mich noch nicht mal mehr an meinen ehemaligen Konkurrenten messen, sie sind mir egal. Ja und, dann sind sie halt besser, die sitzen ja auch in der Schule wie die Dummen. Und ich zieh die Arschkarte, weil ich mir meine Zukunft versaue. Und es ist mir egal, seht ihr, es ist mir egal. Ich will mich nicht mehr bemühen für irgendetwas, dass nicht stattfindet. Ich denk mir: Shit, ich will Geld haben, um mein Leben richtig zu genießen. Aber jetzt. Nicht irgendwann. Ich kann die Schule gerade überhaupt nicht gebrauchen. Ich will auf die Kacke hauen können. Ich will jeden Tag Party machen.

Nur dass mein psychischer Zustand gerade so zerbröckelt, dass ich selbst das nicht mehr will. Ich will mich einfach irgendwo hin hauen, die Augen zu machen, Musik hören, und vor mich hin dösen, in einem ewig langen Koma.. und wenn ich aufwache, hat sich alles erledigt, und ich bin nicht mehr müde, und schaffe es, irgendetwas zu tun, egal was… das kann doch nicht alles real sein, wie kann man nur so verzweifelt und dumm sein- es ist doch nicht wahr, oder? Es muss doch einen Grund für das alles geben, oder?

Oder gibt es echt keinen.

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Amok: Du bist Amerika!

17/04/2007

Tja, mal wieder ein Amoklauf. Diesmal trifft’s die Elite der Amerikaner: Die Super-Nerds und Geeks der Virginia Tech! Scheisse sowas.

Ich meine, abgesehen davon, dass wir die globale Klimaerwärmungskacke erst mal vergessen können, weil die Medien wahrscheinlich wieder von gewaltverherrlichen Spielen und Filmen anfangen werden und wir wahrscheinlich die nächsten 3 Jahre keine Ruhe vor irgendwelchen sinnenden Spastenpolitikern haben werden, muss ich sagen: Die Effizienz, mit der geschossen wird, hält sich in Grenzen.

Wie das zu verstehen ist? Nun ja, es ist doch so: Der Killer hat im ersten Augenblick kein Motiv, jedenfalls keines, dass wir zu verstehen gedenken, da wir ihn nicht kennen und er auch nicht mehr am Leben ist. Also geben wir ihm ein Motiv, sagen wir, es geht darum, dumme Menschen abzumetzeln. Er geht also an seine Lieblingsuniversität, zückt seine AK oder seine Uzi oder von mir aus seine Panzerfaust, ruft Parolen aus, sagen wir, “gegen Mehrwertsteuererhöhung!” und tötet wahllos Menschen, um ein Zeichen zu setzen. Dabei sucht er sich nicht die Menschen aus, die wirklich etwas damit zu tun haben, sondern verfolgt lediglich sein politisches Interesse, indem er die Aufmerksamkeit der verblödeten Welt auf sich und die Situation lenkt um damit sein Ziel zu vollenden.

Früher haben die Leute das noch in der High School gemacht, ich nehme an, das hatte auch noch was mit den Hormonen zu tun. Jetzt gehen wir also auf Colleges über, frei nach dem Motto: mehr erfolgreiche Spasten, schlimmere Verhältnisse in den sozialen Gruppen, freiere Auswahl an hässlichen Menschen die endlich sterben sollen.

So weit, so gut. Im Prinzip kann man auch ein Altersheim stürmen, nur dass da nicht die Elite dran glauben muss. Im ersten Augenblick hat der Killer da ja auch ganz gut gerechnet: Aha, wenn wir die Besten der Besten liquidieren, dann werden endlich die Minderheiten an die Macht kommen, stimmt’s? Ich sage: Falsch. Falsch! Absolut falsch. Das ist nicht der richtige Weg. Denn der gute Koreaner aus unserem Virginia Tech Beispiel, der hat total vergessen, dass seine Opfer schon geformte, gehirnverwaschene Menschen waren. Die hätten sowieso niemals etwas ausrichten können, jedenfalls nicht mehr als er. Nein, er sie kriegen, wenn sie frisch sind, ganz frisch.

Und so, anstatt sie da zu packen, wo sie am verwundbarsten sind, geht die Schießerei weiter, in High Schools und Colleges und Suppenküchen und Altersheimen. Wirklich effizient und damit auch politisch wichtig wird’s aber erst, wenn es um die Samen der Welt geht: Die Kinder.

Wer’s also richtig machen will, der krallt sich seinen Neffen des Vertrauens, drückt ihm eine zuverlässige Waffe in die Hand, zeigt ihm, wie man Cowboy spielt und tattöwiert ihm sein Motiv auf dem Rücken. Danach nur noch in den Kindergarten fahren und entsetzt in den Medien zusehen, wie die Welt zusammenbricht, weil Kleinkinder aus aller Welt sich die Pistole an die Stirn setzen und tatsächlich abdrücken.

So und nicht anders, sag ich euch. So kriegt man die Welt dazu, zuzuhören. Es mus schon schrecklich sein. Aber Amokläufe an Schulen und Unis? Die meisten schwänzen doch eh.

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Pour Oublier Je Dors

16/04/2007

Ich krame das alte Foto aus meiner noch älteren Brieftasche, die schon fast auseinanderfällt. Ich muss es erst suchen- das Foto. Es ist zwischen vielen anderen, zwischen Adressen, Geldscheinen, Notizen, Schecks, Karten, Quittungen, meine Brieftasche ist Schuld an der Regenwaldausrottung, so viel Papier steckt da drin. Aber ich finde es, und halte es zwischen meinen schmutzigen Fingern.

“Hier, da, das ist sie.”

Ich reiche ihm den alten Fetzen, dieses verknitterte Foto, dass ihr Gesicht fast schon bis zur Unkenntlichkeit entstellt hat. Aber das ist egal, ich würde es nie wegschmeissen, denn es ist das einzige, was ich je hatte. Und ich weiß auch nicht, ob ich je ein neues kriegen könnte. Woher auch.

“Mon Dieu”, sagt er, und pfeift durch die Zähne. Dann strahlen mich seine hellen Augen an, und er grinst von einem Ohr zum anderen. “Das ist echt ‘ne Bombe, die hätte ich gerne kennengelernt”.

Früher hätten mich solche Kommentare noch eifersüchtig gemacht, hätten mich innerlich vielleicht zerfetzt- immer sie, nie ich. Aber jetzt, wo ich so neben ihm in der Sonne liege, empfinde ich nur noch ein bisschen Wehmut, ein bisschen Sehnsucht, ein bisschen Nostalgie, ein bisschen Melancholie- alles überdeckt von einer großen Zufriedenheit, die es nicht zulässt, dass ich mich jetzt schlecht fühle. Nie wieder wegen ihr.

Er kneift die Augen zu, immer noch grinsend, und sieht aus wie ein Japaner auf dem Klo. Die Sonne ist von ihrem Wolkenmantel hervorgetreten, weshalb er eine Hand über unsere Gesichter hält.

“Erzähl mir etwas von ihr”, flüstert er. Dabei schaut er mich ernst an, als ob er wüsste, was dahinter stecken würde.

Ich hatte ihm bisher nur erzählt, dass sie jetzt dabei sein müsste, dass wir das zusammen geplant haben, und dass sie jetzt neben mir liegen müsste anstatt von ihm. Was könnte ich ihm noch sagen? Dass wir uns lange gekannt hatten, dass sie mein Engel war, mein Schutz, meine Freiheit, mein Traum in Fleisch und Blut? Dass unsere Wünsche und Anstrebungen identisch waren, dass wir uns auf unsere eigene, verquerte Art liebten und halfen, dass wir alles zusammen geteilt hatten, dass wir uns gegenseitig ergänzten, dass wir perfekt füreinander waren? Alles gelogen.

Zwei Staubkörner im Wind, zwei verrottete Blechdosen in der Mülltonne oder zwei Grashalme, die zufälligerweise nebeneinander standen. Das waren wir. Und die Planung, dass wir irgendwann so weit kamen, war lediglich das, was uns zusammenhielt.

Dass ich sie wirklich schätzte und auch wirklich liebte, das wurde mir erst klar, als wir uns zerstritten hatten, und ich durch die Gegend ging und so tat, als ob nichts wäre. Das passierte öfter, dass wir uns zerstritten. Wir schrien uns nicht an, wir kämpften nicht, wir diskutierten nicht einmal. Wir empfanden nur eine Kälte zwischen uns, die erst unerklärlich schien. Irgendwann würden wir darüber reden und es aus der Welt schaffen. So gingen wir an diesem Tag auseinander. Und ich saß zu Hause, und überlegte, was ich wohl essen sollte. Ich tat all das, was ich jeden Tag machte, wenn sie nicht da war, und wenn ich das schlechte Gefühl in mir überschatten wollte.

Aber ich konnte nicht. Ich fraß und stopfte alles in mich hinein, aß und aß und rauchte und kiffte und saufte und machte meine Hausaufgaben, und aß noch mehr, und hörte Musik, und lenkte mich ab, und guckte einen Film, und rief Freunde an, und aß. Mein Bauch tat weh, es schmerzte so sehr, ich dachte kein einziges Mal an sie, und doch war sie überall, und ich wusste in meinem Herzen, dass sie die gleichen Schmerzen empfand, dass sie jetzt da lag, blutüberströmt, da lag und diese Schmerzen empfand, weil wir nicht die Chancen genutzt hatten, die uns gegeben wurden. Ich wusste, dass sie nicht nach rechts geschaut hatte, als sie die Straße überqueren wollte, wusste, dass der Fahrer nicht rechtzeitig abbremsen konnte, wusste, dass der Krankenwagen im Stau stecken sollte, wusste, dass ihre Eltern erst viel später davon erfahren würden.

Doch ich dachte kein einziges Mal an sie, und so verging der restliche Tag, die Nacht, und ich sah sie am nächsten Tag, in meinem Traum, in meinen Gedanken, und so verging ein weiterer Tag, und ich rief sie nicht an, ich ignorierte sie, und es war mir egal. Ich spürte den Schmerz immer heftiger, wusste, dass es vorbei war. Wusste, dass ich nicht mehr weiter konnte.

Dann kam der Brief, die Beerdigung. Was sollte ich schon sagen? Wie konnte ich ihren Leuten gegenübertreten, die mich nicht kannten, die ich nicht kannte- was waren wir schon gewesen? Zwei Menschen, die sich für einen Augenblick lang betrachtet hatten, die sich gegenseitig benutzt hatten. Nichts waren wir, nur zwei Grashalme, die zufälligerweise nebeneinander standen. Ich erinnerte mich noch daran, wie wir das Foto gemacht hatten, sie ließ sich so gerne fotografieren, in den seltsamsten Posen, in den verrücktesten Klamotten. Doch auf diesem Foto lag sie auf der Wiese hinter meinem Haus, und sie lachte, weil ich ihr einen Witz erzählt hatte, und es war das erste Mal, dass ich ein Foto machen durfte, auf dem sie aussah wie sie selbst. Wir fanden es beide hässlich, sie war auch so keine Schönheit, aber ich bemerkte zum ersten Mal, dass sie wirklich überhaupt nichts Hübsches an sich hatte. Nicht auf dem Foto. Nicht in ihr selbst. Sie starb so, wie man sterben muss, wenn man innerlich tot ist, wenn man Ekel und Angst in sich trägt. Und da ist dieses alte, kaputte Foto, an den Seiten verknickt und zerrissen, und er konnte wirklich behaupten, dass sie hübsch war, obwohl ich genau weiß, dass es an seiner angeborenen Mentalität liegt- er muss es sagen. Sie war nicht hübsch.

An all das dachte ich nun, während er vor mir liegt, seine Hand immer noch über unsere Gesichter, mit dem Wind, der das Meer bewegt, und der Sand, der unter mir ein eigenes Leben führt. Ich bin so glücklich, hier zu sein, hier mit ihm, mit diesem schönen Mann, an diesem schönen Ort.

“Es gibt nichts zu erzählen. Wir waren ganz gut befreundet”, antworte ich. Ich weiß, sie wäre jetzt gerne hier. Ich drehe mich zur Seite, buddel ein Loch in den feuchten Sand, und stecke das Foto dort rein.

“Jetzt kannst du sogar für immer hier bleiben”, flüstere ich ihr zu, und schaufel wieder einen Haufen Sand auf das Bild. Er berührt mich an der Schulter, als ob er mich aufwecken möchte, zieht mein Gesicht an seines heran und ich weiß, dass er versteht.

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Sechzehn.

3/04/2007

“Sechzehn Euro ungefähr.”

Ach was, nur 16 €? Perfekt, dann kannst du mir ja auch noch die Haare stylen, wenn wir schon dabei sind.
Kopfmassage, Haarwäsche, schön das, was ich will und noch viel mehr.. sechzehn Euro, verträumt liege ich da, unterhalte mich mit den Praktikanten, die beruhigende Musik im Hintergrund… herrlich, sowas. Ich würd am liebsten jeden Tag zum Friseur.

Für nur 16 € krieg ich die Locken rausgezogen und die Haare gewaschen… der Rest ist natürlich Aufschlag, aber mein Gott, wie viel wird das wohl sein? Bis 30 € ist alles machbar. Ich hab zwar nur 20 dabei, aber das wird sie mir wohl verzeihen können- die restlichen 10 kann ich mir auch noch von meinem Bruder pumpen.

Am Ende, ganz relaxt, nach zwei Stunden super Pflege gibt sie mir die Rechnung in die Hand.

“Also, das wären dann 55 €.”

……
WAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAS?!

“Äh- 55? Ich dachte..”
“Ja, also sind nicht ganz 60 Euro… aber kannste doch froh drum sein.”

SECHZIG.

SECHZIG, meine lieben Menschen. Die Frau hatte SECHZIG gesagt.
Ich mein, ich bin ja kein geiziger Mensch.

ABER SECHZIG EURO UND MIR WURDEN DIE SCHEISS HAARE NOCH NICHT MAL GESCHNITTEN!
Ganz abgesehen davon, dass ich keine sechzig Euro HABE.

AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH.

Hier die Frage, die mich schon seit meiner Geburt quält: WARUM ICH?!

WARUM.
WARUM.
WARUM.

Ich sterbe.

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