Crazy/Beautiful
27/04/2007Über die Jahre hinweg bin ich immer der Meinung gewesen, ich würde mich in meiner Persönlichkeit steigern. Natürlich ins Positive. Ich würde mich den Probleme stellen, mich damit konfrontieren, meinem Schmerz nicht aus dem Weg gehen und vor allem: Ich würde nicht wegglaufen, so wie ich es gerne tun würde, immer und immer wieder.
Heute ist mir aufgefallen, dass das die größte Lüge ist, die ich mir je selbst erzählt habe. Schon immer habe ich mir einfach irgendwelche Ausreden ausgedacht, um all das zu rechtfertigen, was man generell als “falsch” bezeichnen könnte. Mittlerweile geht es so weit, dass ich mir eingestehe: Okay, ich bin depressiv. Ich bin krank. Ich habe eine Krankheit und ich muss zum Arzt und der muss dann irgendetwas tun oder mir etwas geben, damit es besser wird. Mein Kopf ist kaputt. Mein Herz ist kaputt. Und jetzt bitte die Pillen.
Und plötzlich wird mir klar, dass ich überhaupt nicht krank bin. Dafür brauch ich mir nur den Rest der Welt anzusehen: Menschen, die in ihren fruchtlosen Karrieren stecken, nicht wissen, was sie tun sollen, Schulden machen, um sich Spielzeuge anzuschaffen, für die sie sowieso keine Zeit haben, Scheidungen, Ehebrüche, der ganze Scheiss. Alle sind depressiv und brauchen ein Heilmittel.
Immer ist es das Serotonin. Scheisse, mein Gehirn macht nicht genügend Serotonin, ich bin krank! Ich bin krank! Verdammt, gib mir was, ich bin krank!
Das mag in manchen Fällen vielleicht sogar so sein, ich möchte es ja nicht bestreiten. Es gibt eine Krankheit, die sich Depression nennt. Es gibt viele psychische Krankheiten, und die Menschen, die diese Krankheit behandeln lassen um mit ihrem Leben richtig umgehen zu können, die will ich nicht verurteilen, im Gegenteil, ich bewundere sie dafür.
Aber jeder andere, darunter eben auch ich, flüchtet sich in einen Traum, den man ohne Pillen nicht träumen kann. Warum fühle ich mich so? Warum bin ich traurig, niedergeschlagen und völlig erschöpft so wie hoffnungslos? Vielleicht liegt es daran, dass mein Leben scheisse ist.
Vielleicht muss es einfach so sein. Es ist ein Symptom: etwas läuft schief. Genauso wie jemand, der sich ein Bein bricht, und behandelt werden muss, nur dass man in diesem Fall zu allererst selber nach den Ursachen suchen muss. Ich finde viele Ursachen, ich kann genau festnageln, warum die Dinge verkehrt laufen und warum ich mich so fühle. Natürlich gibt es auch Tage, an denen ich mich prinzipiell nicht erfreuen kann, aber im Moment ist mein Leben einfach für’n Arsch und die Aussicht auf etwas besseres gibt es einfach nicht.
Trotzdem flüchte ich mich weiter in die Vorstellung: Ich bin krank. Das ist nicht normal. Ich kann mit diesem Leben nicht umgehen. Aber eigentlich kann es doch keiner. Eigentlich rennen doch alle nur hin und her und haben keine Ahnung. Manchmal glaube ich, die Menschheit hat eine Gesellschaft aufgebaut, die überhaupt nicht für die Menschheit geeignet ist. Also warum der Scheiss? Ich erfinde doch auch keinen Sport, den ich nicht selber machen kann, weil ich physisch nicht dazu in der Lage bin.
Erstmal muss ich also mein Leben in den Griff kriegen. Und wenn es danach immer noch scheisse ist, kann ich darüber nachdenken, ob ich depressiv, borderline oder sonstirgendetwas bin. Und kein Arzt der Welt kann mir erzählen, dass mein Gehirn zu wenig Serotonin produziert: Wie könnte es auch? Ich habe gerade doch überhaupt keinen Grund, mich zu freuen.