Der langsame Tod
29/06/2007Ein vorwurfsvoller Blick. Na schön, den habe ich mir selbst eingehandelt. Wieder einmal zu lautstark gegröhlt. Und wieder einmal gehe ich auf die Nerven. Scheisse. Also, egal. Ich zucke mit den Schultern und bin ein bisschen empört von diesem Blick. Immerhin bin ja nicht ICH diejenige, die es sich aussucht, mit MIR befreundet zu sein. Also spart euch den Blick. Zwingt euch ja keiner. Schämt euch ruhig, war eure Entscheidung. Augenverdrehend wende ich mich ab und mache weiter. So ganz als ob es mir gefällt, anders zu sein. Ein Kasper zu sein. Rumzuhampeln. Am lautesten und am dümmsten zu schwätzen. Richtig so. Und wem’s nicht passt, der muss sich woanders zurecht finden. Verkappte Idioten.
Aber dieser Blick. Der hat sich in mir eingebrannt, in meine Augen, durch den Sehnerv bis in die letzte Faser meines Denkbunkers. Dieser einzige Blick voller Verachtung und Abschätzung. Ein Blick der sagt, “Oh mein Gott, du bist so peinlich!”, und ein Blick der nicht gefälscht werden kann. Ich bin besser als du. Ich mach das anders als du. Ich bin nicht du, und deshalb ist es schon mal gut. DAS ist so ein Blick. Der trennt dich dann von all den Menschen, die etwas wert sind. Dieser Blick, aus der Arroganz heraus geboren, ist es, der dich zu einem niederen Wesen macht.
Und ich stehe da und zucke mit den Schultern und versuche krampfhaft, so zu tun, als wäre ich glücklich damit, ein niederes Wesen zu sein. Als würde es mich nicht stören, nein im Gegenteil, als wäre ich innerlich überzeugt davon, dass ich KEIN niederes Wesen bin das mit Verachtung gestraft wird. ICH strafe mit meiner lässigen, unbekümmerten Art die anderen, nicht wahr? Aber wir beide und der Rest der Welt, wir alle wissen, dass es nicht so ist. Wir alle wissen, dass es höllische innere Qualen auslöst, und wir spüren, wie das Beil unsere Seele zertrennt und wir merken, dass wir uns selbst in den Tod treiben und sollten wir weiterleben, dann wollen wir sterben, denn ja, man schämt sich für uns. Für mich. Für diese Art. Für all das, es ist schrecklich. Ja, es sind Qualen und es tut verdammt weh und es fühlt sich an, als würde mein Herz weinen müssen, aber es erstickt an den Tränen.
Ich stehe einfach achselzuckend da und mache weiter, unfähig, zuzugeben dass es stimmt, obwohl ich genau weiß, dass alles stimmt, was man mir vorwirft, und dieser Blick, er brennt sich ein und macht mich fertig und bald bin ich sicherlich am Ende, denn mir ist absolut klar, dass ich eines dieser verdammten Ratten bin, die sich damit abfinden müssen, nicht ein vollwertiger, angenehmer Mensch zu sein. Nein, ich bin anstrengend, denn ich bin debil, behindert, ein Vollblutspastiker, jedenfalls was die geistigen Fähigkeiten angeht. Ja, genau das bin ich. Und die anderen sind viel besser als ich, aber das würde ich niemals zugeben wollen, niemals.
Das macht mich nämlich aus, das macht unsere Art aus. Wir geben es vor anderen nicht zu, aber ermordet werden wir trotzdem- von uns selbst.