Das Problem daran, kein Teil einer einheitlichen Masse zu sein, die sich fortwährend immer und beständig in eine Richtung bewegt und null Platz für Individualität bietet? Man ist kein Teil einer einheitlichen Masse.
Früher, als sich langsam die Wege der einzelnen Freundschaften und Beziehungen trennten, weil man zum zurechnungsfähigen Menschen geworden ist- man entdeckte die Musik, die einem lag, die Bücher, die man gerne las, ob man überhaupt gerne las, die Leute, mit denen man sich umgeben wollte - war es mir unheimlich wichtig, vielleicht das wichtige Ziel meines mickriegen Daseins überhaupt, so individuell und einzigartig wie möglich zu sein. Die Welt sollte meiner Kreativität zu Füßen liegen, und meine Coolness sollte das Trademark einer neuen Generation darstellen. Ich wollte so anders wie nur möglich werden, als ich erkannte, dass ja alle um mich herum sowieso gleich sind.
Ich erkannte aber früh, damit gegen eine Wand zu laufen. Jeder wollte anders sein, aber dieses Wollen verbindete wieder jeden, steckte jeden in seine ganz bestimmte “Anders” Gruppe, wo man sich mit “gleichgesinnten Anderen” zum Kaffee, Whiskey oder Pulsadernaufschneiden traf. Es war ein paradoxer, teuflischer und endloser Kreis, in dem ich mich befand. Irgendwann gab ich mein Ziel auf, hatte mir aber genug einschlägige Neurosen aus meiner “Anders” Phase aufgehoben um mich weiterhin von der breiten Masse abheben zu können.
Und jetzt sitz ich hier. Ich bin abgehoben, auch wenn nicht in einem so speziellen Sinne, wie ich es früher vielleicht wollte. Aber sogar das ist mir manchmal zu viel. Ich muss wirklich teilweise diesen inneren Rebell abschalten, der pampig und trotzig alles verneinen und schlecht machen möchte, was der breiten Masse zugänglich ist. Das ist scheisse. Das macht krank, weil man irgendwann nichts mehr findet, was einem alleine gehört. Es gibt nichts, was einem alleine gehört, und auch die abstrakten Dinge gehen langsam aus.
Diese Gedankgengänge und die Konsequenzen im Alter kann man bei vieler meiner Altersgenossen beobachten. Leute, die durchdrehen, weil sie trotz harter, ungnädiger Arbeit auf einmal doch zu einer bestimmten Gruppe gehören, weil man sie abstempeln kann, weil man auch für sie charakterbeschreibende Worte findet. Und wenn ich sage, sie drehen durch, dann meine ich das: Jeder will der beste sein, auf seine ganz individuelle Art und Weise. Alle wollen sie groß sein, alle wollen sie stark sein, alle dies, alle das, und sind doch alle gleich, ohne gleich sein zu wollen. So funktioniert das nicht, und diese Erkenntnis haut viele aus den Socken. Dann ist man also 24 Jahre alt und stellt fest, man ist doch kein großartiger Rockstar oder ein berühmter Politiker geworden, nein, man ist Bob der Baumeister und haut jeden Tag seine 8 Stunden Schicht raus um nach der Generation Praktikum noch sein Wohnklo und seine halbherzigen Beziehungen abzuleben. Und selbst diese Beziehungen haben nur die Daseinsberechtigung, weil man sich in ihnen so schön in den Mittelpunkt stellen kann. Indem man anders ist, natürlich.
Was mich betrifft- mein Gedanke von früher hat sich manifestiert. Es ging nicht mehr darum, einfach dem zu folgen, was man mochte, wonach man sich sehnte, es ging darum, krampfhaft jemand anderes zu sein, jemand, der wie eine Neonreklame im sonst eher tristen KZ hervorstach und den Tag verschönerte. Aber hauptsache nicht so wie du, oder sie, oder er. Sondern nur wie ich. Jetzt habe ich den Salat. Diesen Gedanken rauszukratzen ist schwierig, vor allem, weil es nicht mal mehr nur ein Gedanke, sondern Lebenseinstellung ist. In vielen Dingen konnte ich mich schon “verbessern”. Mit der Musik, zum Beispiel. Oder mit Filmen. Ich brauche nicht mehr so zu tun, als kenne ich alles, was keiner kennt. Oder das ich alles, was berühmt und beliebt ist, scheisse finde, nur weil es jeder so toll findet. Ich denke, das war ein Schritt, der mindestens ein Jahr gedauert hat, und weit gekommen bin ich nicht, aber es ist ein Anfang. Der Rest ist schwieriger. Ich glaube, wenn ich ausschließlich die Klamotten anziehen würde, die ICH geil und bequem finde, dann würde man mich nur noch in Jogginghose und Riffel-Tanktop sehen, was zwar im Playboy (dank extrem talentierter Photographen und photogener Topmodels) sexy aussehen mag, an mir aber eher wirkt wie “Ich steh morgens um 7:55 vor Kik und sing “It’s the Final Countdown”!”
Ein weiterer Nachteil, der diese Attitüde mit sich bringt, ist leider auch der Anspruch an andere Menschen, genau so zu sein. Und hier liegt das eigentliche Problem. Wer sich nicht zumindest mal irgendwo zurechtfindet oder eingliedern kann, der hat die Arschkarte gezogen. Der kann dann plötzlich nicht mehr mit allen Menschen umgehen, der muss eine bestimmte Sorte Menschen, eine spezielle Form dieses Lebewesens kennen lernen, um tatsächlich tiefere zwischenmenschliche Bindungen einzugehen. Ich würde fast behaupten, dass es spätestens dann zwar funktioniert- aber auch, dass man manchmal genau diese Menschen verfehlt, weil man überhaupt keine Ahnung hat, was man braucht oder was nicht. Ich meine, wenn ich sowieso den ganzen lieben langen Tag mit Scheuklappen durch die Welt gehe und mich gar nicht auf neue, “andere” (bzw “gleiche”, heh) Menschen einlassen kann, dann kann ich doch auch nicht wissen, wo die sind, die wie ich ticken. Wenn es die überhaupt gibt, mein ich.
Okay, anyway. Jedenfalls glaube ich, dass dieses Verhaltensdefizit die Ausgangslage alle meiner Probleme darstellt, die sich im zwischenmenschlichen Bereich ansiedeln. So wie eine Gehirnamputation, nur dass ich mein Gehirn noch habe und das immer und immer mehr in den Klauen meiner eigenen Behindertheit zersetzt wird.
(Das ist ja auch das Grausame daran: dass ich das alles weiß und erkenne und dagegen bin, aber irgendwie nicht bewusst etwas dagegen tun kann, damit es aufhört, damit es besser wird. Ich bin ja grundsätzlich gegen die Rechtfertigung “ich bin so, ich kann nix dafür, deshalb muss ich nix ändern”, aber manchmal sieht man sich ja doch am Ende der Einbahnstraße, da, wo die Mülltonnen mit den Leichen stehen, die Leichen derer, die auch nicht mehr wussten, wo sie hin sollen).
Ach, irgendwie ist es auch nicht so wichtig, glaube ich. Ich meine, wie ich ticke, und überhaupt. Vielleicht ist man tatsächlich nur “irgendwie” und “irgendwas”, eine wabbelnde Masse im Universum, nichts wert, nichts aussagend, überhaupt keine Bedeutung, und wir machen uns diesen obsessiven Stress nur, um uns selbst einzureden, wer oder was wir sind, dass wir überhaupt etwas sind. Ich weiß ja nicht mal, ob meine Gedankgengänge irgendwie Sinn machen, ob ich nicht nur ein grenzdebiles Schweinchen bin, dass sich für Albert Einstein der Geistesphysiologie hält. Und ich sage Geistesphysiologie, weil dieses Wort genau das ist, was mein Leben ist: Bitte alles so schön kompliziert wie es geht, denn wenn es leicht ist, ist es genau das, was alle anderen wollen, und das will ich nicht, und damit will ich genau das, was ihr wollt. Und fühle mich minderwertig.
Es läuft doch immer darauf hinaus, das man sich selbst auf ein Podest hebt, akzeptiert und ‘ne fette Party schmeisst. Alles.