Archive of published articles on Juli, 2008

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Ebay Massaker

29/07/2008

In dieser Konsumwelt, wo ein Embryo es schon im Mutterleib schafft, mit dem Magen um den größeren Anteil an Futter zu feilschen, muss man wahrscheinlich schon ein mental komplett ausgeschalteter Schwachmat sein, um bei Ebay ungefähr 30% mehr für etwas zu bezahlen als irgendwo anders.  Ladies und Gentlemen, ich präsentiere: Mich.

Das fängt immer damit an, dass ich irgendeine Newsletter von irgendeinem sauteuren Onlineshop bekomme, wo irgendwas ganz besonders laut nach meinem Namen schreit (meistens ist es bunt und kann an den Füßen getragen werden). Just in diesem Augenblick fallen mir achtzig andere Sachen ein, die ich unbedingt ganz dringend jetzt brauche und mir keineswegs leisten kann, und dann fällt mir ein, oh, vielleicht hab ich ja Glück bei Ebay, so wie beim ersten Mal, das war ganz toll, auch so ein Zufall! Die anderen, unzähligen Male, bei denen ich mich in einen Rausch klickte und nicht mehr aufhören konnte mitzubieten, werden von meinem Bewusstsein (partielle Steuerung bzw. manifestierte Gehirnstörung wird sowas genannt) sauber ausgeblendet. Verdrägung, liebe Leser und Leserinnen, ist eine sehr machtvolle Funktion eines suizidgefährdeten Körpers, lasst euch das gesagt sein.

Tja. Und weil ich ja nicht mitbiete, um so billig wie möglich wegzukommen, sondern weil ich unbedingt gewinnen will (aah, es tut so weh), habe ich heute für eine Haarkur ungefähr 30 Euro ausgegeben. Und für Batmanbettwäsche (immerhin neue) knapp 40. Und es kommen noch viele andere Sachen, bei denen ich mitbiete und es absolut nicht abhaben kann, wenn irgendein Arschloch da jetzt noch 30 Cent drauf knallen muss (”DREISSIG CENT! DASS ICH NICHT LACHE! HIER, MEINE ZEHN EURO ÜBERBIETEST DU EH NICHT, BAM!”), und bald folgt der Schufa-Eintrag und dann kann es bis zur Peter Zwegat Schuldenberatung auch nicht mehr weithin sein. Ach, alles geht den Bach runter.

Immerhin hat mich das jetzt mal dazu bewegt, Überflüssiges aus dem Schrank zu räumen und selbst bei Ebay für ungefähr nen scheiss schimmelnden Apfel und ein totes Huhn oder so zu verscherbeln. Wobei ich da jetzt gar keine Wahl mehr habe, irgendwie muss ich den ganzen Schrott ja bezahlen. Ich bin echt ein wirtschaftlicher Totalschaden. Kann mal bitte jemand mit dem Finger auf mich zeigen und mich für meinen Studienwunsch auslachen?

Jetzt nur noch hoffen dass ich den Job morgen kriege. Und wie gut, dass ich keinen Dispo habe.

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Meteorologie

28/07/2008

Arbeitslos sein ist toll. Ohne jegliche Vorwürfe kann man für einen Euro sechs Stunden lang bei 34 Grad am schönen See brutzeln, Guitar Hero Rock Band mit anderen Arbeitslosen zocken und abends dann auf Kabel 1 ganz besonders ausgetüftelte Reportagen von Ordnungsbeamten sehen, die dabei sind, Jugendliche in den Knast zu werfen weil sie harten Schnaps zu sich nehmen. Besonders eindrucksvoll war es, als Herr Müller, also der Beamte, einen 14-jährigen nach Hause schickte und eine Kassiererin zur Anzeige brachte, weil sie ihm Bier verkaufte. Mit welcher Authorität Herr Müller das rüberbrachte! Leider hatte er seine ganze Energie schon so ausgenutzt, dass es nicht mehr dafür reichte, dem Kleinen auch das Rauchen zu verbieten, und so qualmten sie nebeneinander her, der eine aus dem Mund, der andere aus dem Kopf.

So viel zu meinen Eindrücken aus dem Leben einer Arbeitslosen. Und weil es wirklich auch gar nicht unangenehm ist, keine Zukunftsperspektiven zu haben und pleite zu sein, könnte das ewig zu weiterlaufen. Wie schrecklich, dass ich mich vor einem Monat tatsächlich bei einer Universität in Berlin beworben habe! Hach ja, wie gut dass es nur eine war.. so kann ich fast sicher sein, nicht angenommen zu werden. Immerhin ein Garant für weitere gammlige Monate. Ich meine, wer muss schon studieren oder arbeiten oder sonstirgendwas. Wenn es meinen Eltern nicht passt, muss ich mich eben für ein zulassungsfreies Studienfach in Frankfurt einschreiben. Meterologie zum Beispiel. Ein ganz tolles Fach, und bestimmt nicht überfüllt. Da hat man doch direkt neue Freunde für’s Leben gefunden.

Ganz übel wird’s auch am Mittwoch, wo ich dann (horror!) ein Vorstellungsgespräch habe. Die genaue Fachbezeichnung für meine angehende Tätigkeit ist eigentlich “Verpacker/in”, aber ich nenne mich ganz professionell und liebevoll “Fachkraft für logistische Tätigkeiten im medizinischen Bereich”. Jawohl. Im Prinzip muss ich dann in einer 35 Stunden Woche Kartons falten. Ich weiß gar nicht, warum ich je auf die Idee gekommen bin, mir diese geistige Beanspruchung überhaupt anzutun. Das war bestimmt in einem schwachen Moment, als ich mich völlig hilflos und ausgestoßen von der arbeitenden Gesellschaft fühlte.

Ich werde mich jetzt mit meinem Leben aber wahrscheinlich sowieso zur Ruhe setzen. Immerhin war ich schon in der Schule, habe Abitur gemacht, hatte viel Spaß, bin fast schwanger geworden und durfte sogar wohltätige Arbeit verrichten. Jetzt, so mit dem Lebensabend in Aussicht, kann man ja mal anfangen an einem prächtigen Memoir zu arbeiten, in textueller Form selbstverständlich, dass ich meinen Nachkommen vermachen werde.

Damit fange ich aber erst morgen an. Heute, noch ein einziges Mal, werde ich mich auf die Couch werfen, sinnlos-TV gucken bis mein Gehirn für klinisch tot erklärt wird und mir billige Aldi-Chips in den Rachen werfen, die Durchfall herbeiführen. Hach ja, so ist das Leben schön.

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Schweine

27/07/2008

Frauen haben die seltsame Eigenart, sich in Gesellschaft anderer, ihnen bekannter und gegenüber wohlgestimmten Frauen, sich auf einmal wie die typischsten Schweine-Männer zu benehmen. Das fällt auf, wenn man auf einmal in der Wohnung einer guten Freundin ist, und plötzlich fallen alle bis dato gekannten Hemmungen ab- da wird das Fleisch auf den Grill gehauen, das Bier aufgezischt, innerhalb von 10 Minuten ca. 3,5 Kilo Fleisch (pro Person) vernichtet und im Anschluss gerülpst und Lose gezogen, wer als nächstes Kacken gehen darf.

Ich mach keinen Spaß. Das ist übel. Das ist der reinste Horror für jeden Menschen, der so wohlerzogen ist, dass er bei seinem eigenen Bäuerchen fast selber kotzen muss. Aber Frauen sind teilweise wirklich die klischeehafteren Männer, und meine Freundinnen kennen da echt kein Pardon. Vor Typen, mal so im Kontrast, sind sie die tussigsten Tussis diem an sich vorstellen kann- aber insgeheim schnurrt ein kleiner Dämon in jeder von ihnen, darauf wartend, wieder einen dreckigen Witz oder einen massenvernichtenden Furz zu lassen. Hin und wieder beschweren sie sich auch darüber, dass sie schwitzen wie die Tiere, dass man mit Männern nicht über Blasenentzündungen reden kann oder über die letzte Verstopfungsphase und mit welchen von Mamas Hausmitteln man dagegen ankam.

Ich dreh ab. In all meiner Zeit als nicht mädchenhaftes Mädchen, habe ich mit keinem Typen jemals solche Gespräche geführt oder zugehört (und glaubt mir, ich war schon ganz tief drin in den Männerkreisen). Gut, da redet man über Ärsche und Titten, aber daran ist ja nichts abartiges. Höchstens frauenfeindlich, aber das steht kaum zur Debatte. Klar, ich habe schon oft über Pornos und diverse Sexualpraktiken mit Männern gelacht und diskutiert, die vielleicht pervers und abartig waren, aber niemals über die eigene Verdauung oder gar zu einem Rülps-Contest aufgefordert, bei dem der Sieger den ersten Klogang gewann und keine Streichhölzer mitnehmen durfte damit der andere erstickte.

ICH MACH KEINEN SPASS! Viele Frauen werden sich jetzt denken: Oh mein Gott, erzähl das nicht, dass dürfen die Männer nie, NIEMALS erfahren! Aber ich bin ja selbst fast am verzweifeln! Bis zu einem bestimmten Grad ist es ja noch ganz lustig, sich wie ein 12-jähriger, pubertierender, halbstarker Bauer zu benehmen, aber spätestens wenn man fast an den Ausdünstungen anderer erstickt ist es vorbei, wirklich. Und da hilft auch nicht wenn im Hintergrund, ganz unschuldig und girlie-girl, Madonna mit “Holiday” läuft und man sich dabei die Fingernägel lackiert. Echt nicht.

Sehr bezeichnend ist es daher, dass ich zur Zeit nur noch Freundinnen um mich herum habe, die genau auf so etwas.. “abfahren” wäre jetzt eventuell etwas hochgegriffen, aber alter, die machen wirklich jedem Schwein Konkurrenz. Wie gesagt, es ist amüsant und es ist auch schön sich für nichts (aber auch wirklich nichts) schämen zu müssen, nur dass ich mir fest vorgenommen habe, so schnell nicht mehr mit denen zu grillen, wenn mir noch was an meinem Appetit liegt.

Übrigens kann man Frauen am ehesten kategorisieren, wenn man sie sich als Mann vorstellt. Meine Chefin zum Beispiel wäre ein übler, kurzgeratener Prolet mit platinblonden Haaren und tiefergelegtem VW-Golf mit Tribal-Sticker an der Heckscheibe und würde sich ständig an den Sack langen und dran ziehen. Meine beste Freundin hätte den winzigsten Penis aller Zeiten, deshalb total den Komplex und müsste sich ständig besaufen und mit anderen Prügeln. Ich persönlich wäre ein Nerd, mit Brille und einem Fetisch für Hentai, und außerdem wäre ich wie Dawson von Dawson’s Creek. Ihr wisst schon. Spasti, ein bisschen homo und leicht neurotisch, aber dafür immer für eine langweilige Episode voller Teenie-Problematik zu haben.

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Songwriter

4/07/2008

Er kam wie immer zwischendurch mal reingehüpft, um einige Filme abzugeben, mit einem Lächeln im Gesicht und guter Laune im Bauch. So sah er immer aus. Als würde er das Glück verkaufen. Als Finanzberater tat er das vielleicht auch ein bisschen, aber das waren nicht ihre Gedanken. Die flogen quer durch den Raum und sammelten sich an einem fernen Punkt in der rechten Ecke der Videothek, weit weg von ihrem Kopf, und sie beobachtete, wie sie sich bildeten, verstrickten, sich selbst erwürgten und wie Schleim von den Wänden tropften. Pure Apathie.

Er, reingehüpft und todesmutig, erschreckte sie mit seinem plötzlichen Auftreten. Unbewusst, aber immerhin doch sehr effektiv. Sie schreckte auf, er lachte, machte einen Witz, aber sie erwiderte nur gezwungen sein Lachen, irgendwie nicht in der Stimmung. Müde vom Tag, müde von der Arbeit, geschlaucht von vielen Kommunikationsproblemen mit wichtigen Menschen, vor allem überfordert, von diesem, von jedem, aber ohne Zuordnung, verworrene Stimmung. Sie machte bei seinen Faxen mit, ein bisschen herzlos, aber genug um - jedenfalls wie gewöhnlich - ihre zersprungene Gemütslage zu kaschieren. Sollte auch nicht so schwer sein, vor jemandem, den sie nur von Witzen und Sprüchen kannte, und gerade so beim Vornamen ansprach.

Er blickte sie stur an, als sie seine Filme abbuchte. Es machte sie nervös. Er suchte den Augenkontakt, aber sie wollte nicht darauf eingehen. Sie wusste nicht, was er wollte. Was sie wollte- dass er ging. Damit sie wieder in Ruhe an die Wand glotzen und tagträumen konnte, ohne schlechtes Gewissen.

Schließlich sagte er etwas. Er sagte es, ohne auf ihre Anweisungen, bitte die PIN einzugeben, zu reagieren. Er sagte es, während er sie anstarrte. Er sagte: Du siehst aus wie aus einem Song. Und sie guckte ihn an wie Auto. Verständnislos. Und obwohl ihr Magen sich langsam in eigener Säure zersetzte - warum auch immer - guckte sie weiter einfach doof. Und er ergänzte: Du siehst aus, als hätte ein Mann mal über ein Mädchen einen Song geschrieben, ein Mädchen mit den traurigsten Augen der Welt, das immer versucht zu lächeln und nett zu sein, sie dabei aber einfach völlig zerschmettert ist, und das sieht man in ihren Augen, die nicht weinen, aber auch niemals lachen- und dieses Mädchen hat er aus dem Song gezogen und sie an diese Theke gestellt. So sagte er das, ganz einfach. Und sie stand da und wusste nichts mehr, und die Gedanken kamen in ihren Kopf zurückgeflogen, in ihren Bauch, gruben sich tief ein, kotzten ihr den Hals hoch.

Schnell drehte er sich um und rannte raus, und sie stand immer noch da. Als hätte sie die Prophezeiung erwartet, aber nicht zu diesem Zeitpunkt. Ein sogenannter Kloß bildete sich in ihrem Hals, und sie spürte, wie irgendetwas hoch kam, die Gedankenkotze vielleicht, das Drama in ihren Eingeweiden. Bevor sie ihr Ziel erreichten, war er wieder da, stand grinsend vor ihr mit einem Eis-am-Stiel, Schokolade/Mandel mit Vanille, herrliches Zeug. Er stand da, grinste, und reichte es ihr, und sagte: Du musst mal wieder richtig lachen, und Eis macht glücklich, auch wenn es regnet. Er nahm sein Wechselgeld, drehte sich um, winkte nochmal mit dem Rücken zugewandt, und ging raus.

Sie schmiss das Eis in den Müll, ging nach hinten ins Büro, rauchte eine Zigarette, und fing einfach an zu weinen. Einfach so. Und wünschte sich, dieser Song wäre nie geschrieben worden.

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