Archive of published articles on September, 2008

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Durch und durch durchdacht

28/09/2008

Ich werde mich einmal wieder dazu erdreisten, über etwas zu schreiben, wovon ich keine Ahnung habe. Das macht mich höchstwahrscheinlich zu einer ignoranten, voreingenommenen Person. Aber verdammt nochmal, ich steh auch auf Schoko-Bananen-Shampoo ausm DM für 1,70 €. Da werd ich ja wohl mal auch so tun dürfen als ich wäre ich genau diese Person, die man sich am Regal sabbernd dabei vorstellt, wie sie sich zu Hause mit einem so wohlriechenden Duft einschäumt.

Jedenfalls.

Die Lust zu reisen sollte kein kulturelles Muss sein. Keine gesellschaftliche Pflicht. Sich den Rucksack umzuschnallen sollte etwas von Neugier haben, von Unruhe, von Intensität, von Abenteuer, von Ungewissheit, von Lust, von Temperament, von Größenwahn und außerdem machen Rucksackreisen wohl nur Spaß, wenn man dabei Pearl Jam im Hintergrund hören kann. Als eigener Film, sozusagen.

Aber das ist gelogen. Bei solchen Reisen, in fremde Welten, durch den Dschungel, sollte es nicht mal Pearl Jam geben, die einen dabei begleiten, wenn der Penisfisch sich schmerzhaft einnistet. An dieser Stelle gibt es nur Gott, einen kleinen, armen Mann, der sein Pipi nicht mehr halten konnte und einen machtbesessenen Penisfisch, dem ich jeden Respekt zolle, denn ich weiß, dass dieser Fisch sicher auch ein Pendant für die Weiblichkeit hat, und– naja, ihr wisst schon.

Wo das jetzt ausgesprochen ist, kann ich euch auch genau erklären, was ich überhaupt nicht ausstehen kann. Das sind Leute (insbesondere Typen, bei Frauen ist das mehr oder weniger entschuldigt weil sie ab und zu ihre Tage kriegen und emotionale Kriesen in dramatischen Ausführungen durchstehen müssen, schwanger werden und diesbezüglich sowieso unfähig sind irgendetwas richtig zu machen) , die ein Jahr im Vorraus sich erstmal 4 Monate frei nehmen vom Job. Dann sitzen sie mit ihrem Weib oder der Affäre des Tages oder irgendeiner anderen fickbaren Muschi am Esstisch zu Hause und überlegen, ob nicht Thailand die richtige Wahl wäre! Weil Mama und Papa auch gerne pampern, muss man sich gar nicht zurückhalten bei den Ausgaben- hier ein Hotel, da ein Hotel, da die Führung, da dies, da jenes, und weil das Budget eigentlich unbegrenzt ist, kann man doch gleich noch drei, vier andere angrenzende Länder mit einbeziehen. All inclusive, versteht sich.

Da werden Reiseführer studiert (und zwar nicht nur einer oder zwei zum jeweiligen Land; nein, man kauft sich auf jeden Fall mal von jedem wichtigen und von einem unwichtigen Verlag drei oder vier Ausgaben, um auch alles abgedeckt zu haben); Erfahrungsberichte werden auswendig gelernt und den Freunden, die es noch interessiert, zum Sonntagsbrötchen aufgetischt. Wusstet ihr, dass es in Vietnam keine asphaltierten Straßen gibt? (Anmerkung: Ich hab keine Ahnung, ob das stimmt, es soll nur meinem Beispiel dienen.) Nein? Ich weiß alles darüber!

Man tastet sich langsam an die Kultur heran, indem man schon alle lokalen Restaurants in der Umgebung ausprobiert, um eine Ahnung davon zu kriegen, woran man sich gewöhnen muss. Man packt die ganz wichtigen Medikamente natürlich ganz oben rein, man weiß ja, dass es am Anfang schwierig wird. Schließlich kauft sich unser Freund noch den richtig teuren Rucksack, die teueren Trekking Klamotten, die teuren Schuhe, die mittel-teure Uhr und die mittel-teure Sonnenbrille (könnte ja geklaut werden), noch eine richtig teure Digitalkamera (SPIEGELREFLEX), manchmal macht man davor am besten noch einen Crash-Fotokurs, einfach gut, einfach strukturiert, völlig geplant.

Kotzen.

Ja, ich krieg das Kotzen. Und ja, ich weiß dass ich noch nie so eine Reise gemacht habe, aber verdammt noch mal, wisst ihr, was das für Leute sind, die ihr Leben so aufziehen? Das sind Leute, die Golf spielen (nicht, weil es Spaß macht, das soll’s ja auch angeblich geben, sondern weil man sich dadurch ganz leicht das Gefühl geben kann, ein bisschen in die besser verdienende, schöner aussehende Klasse gerutscht zu sein)! Das sind Leute, die nicht mal in einer deutschen Großstadt einen Stadtplan oder irgendwelche Sehenswürdigkeiten in Erwägung ziehen würden, weil es Deutschland ist. Das sind Leute, die eine Reise machen, um eine Reise gemacht zu haben- um am Ende der Familie und den Freunden die Dias auf den Tisch zu knallen und die lustigen Geschichten zu erzählen.

Aber was für eine Art von Erfahrung ist das? Das sind Typen, die nicht ohne ihre Muschi reisen können, denn alleine macht’s keinen Spaß. Das sind Leute, die sich das nicht erarbeitet haben, sondern sich so eine “dreckige” Reise als Statussymbol, als ein Prestige gönnen- wow, sie haben sich dazu erniedrigt, mit dem einfachen Volk durch den Sumpf zu stampfen.

Und wenn mir dann auch noch jemand ganz stolz was davon erzählt, nur um es zu erzählen (da liegt der Knackpunkt)- dann beeindruckt mich das nicht. Erfahrungen sind nicht für andere. Die sind für einen selbst. Und dieser Reisewahn, dieser verfluchte Mainstream, dieses “Into-The-Wild”-Phänomen– alle wollen Aussteiger sein, alle wollen sich gesellschaftlich abheben, aber sehen sie denn nicht die Ironie dahinter? Diesen großen Witz, dass es eben nicht darum geht, mal woanders gewesen zu sein, und eine andere Kultur beobachtet zu haben, sondern dass man sie erlebt? Wirklich fühlt, so gut es geht, und den Konflikten nicht aus dem Weg geht sondern etwas neues zu finden, dass einen selbst bereichert..  der Reiseführer, die Bustouren und die finanzielle Ungebundheit (über die ich mich gerade eigentlich gar nicht beschweren will- ich stells mir nur nicht wirklich spannend vor, wenn man sich aus allem rauskaufen kann) lenken einen vom Wesentlichen ab. Das ist nicht nur in fremden Ländern so- es ist auch so wie im ersten Teil von Harry Potter, als Hermine feststellen musste, dass sie nur durch das Bücher wälzen niemals lernen wird, wie man einen Besen fliegt. Man muss sich darauf einlassen. Man muss darin aufgehen.

Wenn man das weder in Bremen, Darmstadt, Wanne-Eickel noch irgendeiner anderen Puffstadt kann, dann wird das in Alaska, Südafrika oder Bolivien wohl auch nichts mehr. Vielleicht bin ich ungerecht, voreilig, abstempelnd- vielleicht haben diese Menschen, die diese Sache so angehen, das gleiche Recht auf eine Rucksacktour wie der verdreckte Typ der es sich hart und mit leidenschaft erarbeitet hat. Dennoch bin ich nicht überzeugt davon, dass es die gleiche Qualität hat. Nun gut, vielleicht braucht es der eine mehr als der andere-  als Impuls und als Wegweiser.

Seht ihr, ich würde auch niemals einen belämmerten Club-Urlaub machen, oder nach Malotze an den Ballerman fahren um mal so richtig durchgetestet zu werden- oder an irgendeinen Strand in Ägypten mit All-Inclusive Paket für die ganze Familie, und das einzige, was man vom Land sieht ist die hässliche Wüste auf der Strecke Flughafen-Hotel. Es gibt aber Menschen, die machen das gerne, die wollen nicht mehr und nicht weniger und dagegen habe ich absolut nichts- jeder so, wie er es braucht. Aber diese verschissenen Lackaffen, die eigentlich genau in diesen Cluburlaub gehören, denken sich: Oh nein, oh nein! Cluburlaub ist was für die Mittelschicht (oder was weiß ich wie und ob das überhaupt rationalisiert wird)! Es ekelt mich an. Rucksackreisen für die Schickeria.. nicht ernst gemeint, nicht vom Herzen aus, sondern nur die Grundausbildung zum Posen..

Und deshalb können mich diese braungebrannten Gigolos in Polohemd und Tennisattitüde mal ganz dezent am Arsch lecken.

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So sieht’s aus.

23/09/2008

Wisst ihr, wann man einsam ist? Wenn plötzlich die bessere Hälfte eine andere bessere Hälfte hat. Ganz genau so ist es. Und dann sitzt man da auf ‘nem Stein und anstatt dass neben einem noch ein Depp sitzt der genauso nur dumm da hockt und nichts tut außer die Zweisamkeit zu genießen, sitzt man da alleine. So wahllos es klingen mag- meine bessere Hälfte hat zufälligerweise keinen Penis und ‘nen Waschbrettbauch, ist aber mein Kumpan in allen Lebenslagen seit gefühlten dreitausend Jahren, und jetzt- jetzt entwickelt sich alles ganz anders, als gedacht, und jetzt findet sie jemanden toll, der sie toll findet, den jeder toll findet, und ich weiß, ich sollte das nicht denken- aber ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass er ein Idiot ist, ein Arschloch, irgendwas,– aber stattdessen wird fröhlich vor sich hintelefoniert und gekichert und ich hör mir das an und ich kotze, kotze, kotze, und weiß nicht was abgeht bei mir, weiß nicht was noch passieren wird, habe Angst davor, weil dieser Stein echt krass abgelegen von allen anderen Steinen ist- der, auf dem ich rumhocke- und sie wird gehen, ich spüre es, alles ist so perfekt jetzt, für sie, und für mich - augenscheinlich - auch. Ist es aber nicht. Denn egal wie super toll geplant jetzt alles läuft und egal wie viele chaotisch-positiven Entscheidungen ich doch getroffen habe, ohne diese bessere Hälfte geht nichts. Gar nichts.

Ich bin der alleinste Mensch auf der ganzen scheiss beschissenen Welt.

Übrigens danke an alle, die mir zum Geburtstag gratuliert haben. War beschissen wie immer.

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Convenient, Mr. Officer. Very… Convenient.

21/09/2008

Ächz. Das war ja mal wieder klar. Gestern hat die Bullerei bei uns an der Haustür geklingelt, weil mein Auto eine Schramme hat. Ja, genau. Weil mein Auto eine Schramme hat.

Ich dachte auch zuerst denen wäre nun endgültig zu langweilig um ihren Beruf auszuüben, aber es stellte sich heraus dass irgendein feiner nagelneuer tiefschwarzer Porsche XY in der letzten Woche wohl ziemlich angedotzt wurde, es rote Lackspuren gab und ein Zeuge sehen konnte, wie ein roter Opel Astra mit quietschenden Reifen davon fuhr. Ich war’s nicht, ich sabber immer, wenn ich Porsche sehe, und würde nicht ums Verrecken auf die Idee kommen, Fahrerflucht zu begehen- schon gar nicht nach der Story, die mein Bruder abgezogen hatte vor einem Jahr (hat beim rückwärts fahren ein Auto umgehauen und ist einfach davongeflitzt. Dumm nur dass das genau bei seinem Arbeitsplatz passierte, und er ja desöfteren mal dahinmusste, um, naja, zu arbeiten. Gott, der Vollidiot). Nach unzähligen Sozialstunden und eine Millionen (oder so) Euro Schulden beim Anwalt war’s dann irgendwann gut, aber mir hat’s einiges beigebracht, nämlich dass man a) nicht einfach mal rückwärts fährt ohne nach hinten zu gucken und b) sich danach verpisst wenn’s direkt vor dem Ort passiert ist wo man ungefähr jeden Tag mindestens 9 Stunden rumparkt.

Anyway. Ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass ich es nicht war, zumal die Schramme meines Wissens nach schon immer da war (bei dem zerbeulten Auto ist es sowieso eine Kunst, diese kleine Schramme (übrigens mit schwarzen Spuren, aber kein Lack) zu erkennen).

Ich hab mir also nichts großartiges dabei gedacht, die Beamten tun ihre Arbeit und kriegen wahrscheinlich noch einen saftigen Finderlohn wenn sie den Täter ausfindig machen (sie haben mir stundenlang und sehr geduldig erklärt, dass die Vollkasko ohne Täter nichts zahlt, was für mich irgendwie keinen Sinn macht, aber nun gut).

Heute bin ich dann zu Mäcces gebrettert um was zu essen (ist ja vor Sonnenuntergang hier zu Hause ein Tabu, wie der aufmerksame Leser sicher weiß). Auf dem Rückweg kommt mir ein Polizeiauto entgegen. Es fährt ein paar Meter weiter, dreht und verfolgt mich.

OH ja. Verfolgt mich.

Ich hab die Pummelfeen schon gerochen ey. So eine Scheisse. Ich hab sofort nasse Hände bekommen und GEBETET dass sie an der Ampel abbiegen würden. Nixda. Das Problem is nämlich, dass ich seit fast zwei Jahren keinen Führerschein habe. Also, das Kartendingens, nicht die Erlaubnis. Mir wurde im März 2007 nämlich mein Geldbeutel geklaut und seitdem renn ich ohne den Scheiss rum. Hat bisher prächtig funktioniert. Nur leider nicht heute.

Heute hat der gute Beamte, nennen wir ihn Herr B., gemeint er hätte das Tatauto vom Porscheunfall entdeckt (hat sich bestimmt schon an die Eier gelangt und sich seine fette Gehaltserhöhung in Schinkenkilo vorgestellt), und mich einfach mal so aus dem Verkehr gewunken. Allgemeine Verkehrskontrolle, am Arsch allgemein. Dumm nur eben, dass ich keinen Führerschein hatte. Ich konnte ihm zwar den Wisch zeigen, den ich damals von der Polizei bekam, aber ich hätte echt lieber sagen sollen, dass ich ihn vergessen habe- denn jetzt muss ich den scheiss Führerschein, der mich ungefähr dreihunderfünfundsechzigmillionen Euro kostet, neu beantragen - bis nächste Woche. Und außerdem war der behinderte Verbandskasten voll abgelaufen, und ich glaube, die haben geglaubt, ich wäre irgendwie aus’m Arsch geboren und vollbekloppt weil ich von nix ne Ahnung hatte. Tja.

Es würde mich ja kaum ärgern, WENN ICH NICHT UNGEFÄHR ZWEI JAHRE LANG OHNE DIESES SCHEISS DING GUT GEFAHREN BIN UND NÄCHSTE WOCHE IN EINE GROSSSTADT ZIEHE WO ICH SOWIESO DIE NÄCHSTEN DREI JAHRE KEIN AUTO HABEN WERDE!!!!!
AAAAH.

Boah krieg ich nen Krampf grad.

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Walking on a Dream

19/09/2008

Was passiert, wenn Sara mal für einige Tage ihre gewohnte Umgebung verlässt? Genau, sie züchtet eine Pickelanlage im Gesicht, hat plötzlich Lippenschimmel und darf die nächsten drei Tage mit einer halbseitigen Gesichtslähmung verbringen, weil die Zähne langsam abfaulen und der Schmerz mit Drogen betäubt werden muss.

So viel zum Stress im Berlin, der mir meine letzten physischen Kräfte geraubt hat. Ich fühle mich elendig beschissen, insbesondere nach der anstrengenden Fahrt. Ich werde außerdem ab sofort auf Menschen hören, die mir einen Tipp zum Umgehen diverser Baustellen geben möchten. Fulda und die A66 ist ein Arschloch.

Berlin war unspektakulär, aber stressig. Durch das ganze rumgeier um von einer WG-Besichtung zur nächsten zu kommen, kenne ich mich in diversen Gegenden, oder zumindest auf dem Öffi-Plan so gut aus wie sonst keiner, der auch nicht in Berlin wohnt. Ich habe mir die Hacken wundgelaufen, für 10 Euro Sushi gegessen, Dönerbudenquartett gespielt und wie ein Stein geschlafen, wenn ich abends müde in meine Herbergs-WG kam. Ich habe mit meinen Freunden gekocht und mich totgelacht, aber ich hatte auch  3 Tage lang durchgehend Kopfschmerzen und durfte zu guter letzt auch nur noch veganisch frühstücken (Café Morgenrot, sehr empfehlenswert, am Prenzlauer Berg- tolles Brunch, man muss sich aber auf eine extreme Kommune einstellen, die sich da rumtollt).

Ich habe, um das Wichtigste zu erwähnen, die Abgründe der Menschheit gesehen. Das mit der WG-Suche hat sich als schwieriger herausgestellt, als ich dachte. Denn wenn man viel zu spät mit ungefähr 4 Millionen anderer deutscher oder nicht-deutscher Studenten nach Berlin ziehen möchte, kann es sein, dass der Ansturm auf die WG’s krass ist. Kann sein. Und in was für WG’s ich teilweise hausieren gegangen bin, war nicht mehr feierlich. Das war Gestank, das war Scham, das waren die größten und uncoolsten Nerds, und das waren Leute, die so cool waren, dass ich beim Eintritt in die Wohnung direkt erfroren bin. Und dann war da noch die eine Wohnung in der Fennstraße, die als “Mitte” betitelt wurde, aber eigentlich schon zu Wedding gehört- und in diese Wohnung, in dieses riesige DING habe ich mich verliebt, samt Besetzer, was natürlich ein Vorteil war. Und nach 3 Tagen des Bangens- naja, wohne ich wohl ab dem 1. Oktober dort. Genau dort.

Und wenn ich das so schreibe, bekomme ich eine Gänsehaut, weil ich es gar nicht wirklich glauben kann.

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Berlin, Berlin

15/09/2008

Ich bin quasi so gut wie im Auto nach Berlin. Die Sachen gepackt und voll getankt und Schlafsack im Kofferraum. Ich glaube, ich könnte mich mehr darauf freuen, wenn ich nicht wüsste dass ich die nächsten Tage gestresst durch das kalte Wetter marschieren und Leute darum anbetteln darf, bei ihnen zu wohnen. Hallo, mein Name ist Sara, ich bin zwanzig Jahre alt, stehe auf Knoblauch und werde mir ganz sicher nicht die Fusel aus dem Bauchnabel pulen wenn ihr dabei seid.

Wie soll das eigentlich noch weitergehen mit mir? Ich werde dann also wohl VWL und Russisch in Potsdam studieren und jeden Tag eine Millionen Stunden pendeln dürfen. Bafög wird’s wahrscheinlich erst Anfang Mai nächsten Jahres geben und das mit der Wohnung ist auch eher utopisch. Zeitweise liebäugle ich mit dem Gedanken, mich beim Auswärtigen Amt zum gehobenen Dienst zu bewerben und andererseits hoffe ich ja immer noch auf das Nachrückverfahren für Wirtschaftskommunikation.

Meine Mutter ist nur noch am Weinen, weil mein großer Bruder durch den Bund für einen Einsatz in den Kosovo musste. Aufbauhilfe, aber nichtsdestotrotz- und jetzt weint sie nur noch heftiger weil ich in zwei Wochen auch abdampfe, adios amigos, danke dass ihr mich großgezogen habt und jetzt tschüss. Ich bin mehr als dankbar, dass es meinen kleinen Bruder noch gibt, der sie die nächsten zwei Jahre zumindest auf Trab halten wird, und ich bin froh, dass sie selber Studentin und damit beschäftigt ist. Und trotzdem bricht es mir das Herz, mich verabschieden zu müssen, zumal sie mit dem guten alten, nebenbei erwähnt ziemlich exzentrischen, gestörten Vater noch mehr Zeit alleine verbringen muss als ihr wahrscheinlich lieb ist– naja, vielleicht muss auch einfach nur ICH lernen, von meiner Mutter abstand zu finden. Es ist fürchterlich, total das Mamakind zu sein.

Tja, alles philosophieren hilft jetzt wohl auch nix mehr- ich fahre nach Berlin, und ich werde dahin ziehen, und ich werde ein neues Leben beginnen, und es ist strange und gut und eine einzige Horrorvorstellung und ich glaube, ich bin genau das, was man einen phlegmatischen Träumer nennt- oh man, wünscht mir Glück.

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Drauf

9/09/2008

Ich kann mir selbst nicht helfen: es verlockt mich immer mehr dazu, Menschen auf die Fresse zu geben, bis sie bluten. Teilweise muss ich mich wirklich zusammenreißen, um nicht mit einem Kampfschrei auf die ganzen Idioten loszugehen. Mütter, die ihre Kinder im Supermarkt rumrennen lassen und sie dann anschreien, wenn sie was umstoßen oder kaputt machen. Die fetten Hausfrauen, die jeden anpöbeln müssen, nur weil sie wieder schlecht mit Horst gebumst haben. Die Omas, die sich über viel zu laute Musik beschweren, weil sie selbst die Töne nicht mehr unterscheiden können. Teenager, die kotzend über’m Zaun hängen und halbnackt frierend am Bahnhof stehen weil’s wieder viel zu viel war. Geleckte Schmasentypen, die der Kellnerin die Kreditkarte reichen und mit einem schleimigen Lächeln sagen: “Buch ab was du für richtig hälst, baby”. Pseudohedonistische Mittzwanziger, die ihr Leben nicht auf die Reihe kriegen aber ständig druff sind und wieder “den besten DJ der Welt getroffen” haben. Menschen, die versuchen, ihr Inneres durch ihr Äußeres auszudrücken und dabei immer noch so aussehen wie alle anderen Idioten. Die Macher vom Vice-Magazin, die nicht provokant oder künstlerisch sind, sondern schlichtweg geschmacklos. Überhebliche Arschlöcher, die bei jedem Gespräch grinsen und meinen, sie wüssten alles besser. Beamte, die einen in der Kälte stehen und warten lassen, weil sie sich zuerst den Spinat aus den Zähnen pulen müssen und gerne noch Milch im Kaffee hätten. Vierzehnjährige Mädchen, die in aller Öffentlichkeit mit zwanzig verschiedenen Typen rumknutschen, um zu beweisen, wie cool sie doch sind. Kiffer, die nur noch sabbern und keinen mehr hochkriegen und dann einfach weiterkiffen “weil sowieso alles scheisse ist”.

Ich falle von mir aus in jeder dieser Kategorien rein. Und vielleicht ist das auch der einzige Grund, warum es mich überhaupt so ankotzt. Aber trotz allem ist es das, was mich dazu bewegt, es zu ändern- mich zu ändern.

Ich bin ab nächste Woche Montag übrigens in Berlin, auf Wohnungssuche. Wer noch Tipps, Ideen oder Anregungen hat, Kontakte (leerstehende Zimmer, irgendwelche WG’s, blah blah blah), der darf gerne Bescheid sagen.

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Krankheit

2/09/2008

Mich interessiert niemand mehr. Ich erinnere mich nicht an Geburtstage, ich scheiss drauf ob ich anderen weh tue und verhalte mich so egozentrisch wie es mir nur möglich ist. Interessanterweise wurde mir dieses Verhaltensmuster vorgeworfen, als es nie so war, und jetzt- jetzt scheint es jedem genauso egal zu sein wie mir.

Seht ihr, es hat nichts mit antisozialen Charakterzügen zu tun- es ist nur die höchste, purste Ignoranz, die man sich wünschen kann. Ja, ich ignoriere den Weltschmerz, ja, ich ignoriere die Wirtschaftsflaute und ja, ich kümmere mich mit Vorliebe um mich selbst, auch wenn ich nicht Samantha Jones heisse und dreiundachtzig Dildos besitze. Und es bockt niemanden mehr! Mich macht es halbwegs glücklich, keine Tränen mehr vergießen zu müssen, weil mich sowieso nichts jucken kann, und den Rest langweilt es höchstens, meine apathischen Zustände zu ertragen.

Dabei ist der Schnaps mein bester Freund. Bald gesellen sich noch viele andere kleine Freunde hinzu, habe ich das Gefühl: abtöten, was noch da ist, um die letzte Phase nicht mehr ganz so schlimm in Gedanken zu haben, wenn es mal vorbei sein sollte. Ich bin der geborene Alkoholikher: Ich werde nicht traurig, ich werde nicht still, ich flippe auch nicht aus, nein, ich vergesse, und dabei hab ich schon viel mehr gewonnen als man denken mag.

Ich vergesse, was es heisst, schwach zu sein. Ich vergesse, wie es ist, mit Worten geschlagen zu werden. Ich vergesse, dass meine Träume je existiert haben, ich vergesse, dass Witze witzig sein müssen, damit man lachen kann, ich vergesse, wie ich heisse und damit auch mein Leben, ich vergesse meine Vergangenheit und das, was noch kommen wird, ich vergesse, dass Geld die Welt regiert und Ecstacy schlecht fürs Immunsystem ist.

Und das ist gut so. Ich kann den Tag verpennen, die Stirn runzeln wenn mir das Arschloch der Nation gegenübersteht, grummlig sein, hungover sein, jeden anfucken, der mir in den Weg kommt, so tun, als würde ich unter Depression leiden (dabei ist es nur ein Kater) und jedem den Fickfinger geben, der ihn sehen will- ohne gefragt zu werden, was los ist. Denn jeder hat Angst vor der Antwort, die dann kommen wird, die Antwort, die sie beschuldigt und selbst zum Täter macht, mich eingeschlossen, wohlgemerkt: Sich selbst zu schaden ist auch kein Opfer.

Ist ja auch egal. Darum geht es nicht. Es geht darum, dass nichts mehr interessiert, und man genauso gut den Tequila runterstürzen kann, wenn es erst mal soweit ist. Und hoffen, dass sich die wichtigen Dinge alleine regeln. Dass man einfach die Augen verschließen kann. Wenns gar nicht mehr geht, gibt es ja immer noch Heroin.

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