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Kapitel I: “Okay” ist auch gut.

1/12/2008

“Oh mein Gott, endlich zu Hause..”

— 12 Stunden früher —

Der Wecker klingelt. Laut dröhnt diese monotone Sirene in den Kopf unserer Protagonistin. Ächzend und stöhnend wälzt sie sich noch ein paar Mal im Bett, bevor sie völlig übermüdet und noch halb in ihrem Traum endlich den Wecker ausschaltet, sich zurückwirft und weitere fünf Minuten mit sich selbst kämpft, bevor sie tatsächlich aufsteht.

“So eine verfluchte…”

Halb sieben. Eine unchristliche Zeit für eine Zwanzigjährige. Schnaufend schleift sie sich ins Bad, wo sie ihren eigenen Anblick kaum ertragen kann. Es ist kalt. Keine Lust auf Duschen, auch wenn’s bitter nötig wäre.

Die Küche wird aufgesucht, wo der Freund ihres Mitbewohners schon Kaffee gekocht hat und ihr frühzeitiges Leid des Aufstehens teilt. “Wie schaffst du das nur jeden Tag?!”, fragt sie halb-murmelnd, halb erstaunt, als sie feststellt, dass er munter und fröhlich ist und keinerlei Anzeichen der Müdigkeit ausstrahlt. “Keine Ahnung”, antwortet er. “Wenn man das sechs oder acht Jahre lang so machen muss, bleibt einem ja auch nichts anderes mehr übrig, als sich daran zu gewöhnen.”

Mit dem Kaffee in der Hand und einer Schrippe im Mund geht sie in ihr Zimmer. Viel zu spät. Schnell was angezogen, Wetterbericht gecheckt, Musik ins Ohr und ab geht die Post. “Warum tu ich mir das nur an?”, fragt sie sich beim Rausgehen.

Aber als sie draußen steht, ist alles vergessen.

Sie atmet den Duft der Straße. Die Autos brausen an ihr vorbei. Die Menschen hetzen zu ihren Jobs. Es ist keine blaue Wolke am Himmel, es sieht stark nach Regen aus, es ist kalt, aber sie steht da, an der U-Bahn, und glaubt ihren eigenen Gefühlen nicht. Sie nimmt einen tiefen Zug von der Zigarette, lässt sich im Lärm ertränken, lässt sich anrempeln, riecht den Duft der nassen Luft, und stellt fest, dass es nicht Sommer und Strand sein muss, damit es gut ist.

Sie weiß wieder, warum sie welche Entscheidungen getroffen hat. Und lächelt. Steckt die Kopfhörer wieder ein und lässt sich treiben- in der U-Bahn, mit den Menschen. Und kommt eine Stunde zu früh an ihrem Reiseziel an.

“Herzlich Willkommen zum diesjährigen schriftlichen Eignungstest des Auswärtigen Amts.”

Sie blickt sich im Raum um. “Diese Fatzken sehen aus wie aus der Privatschule ausgeschissen”, denkt sie sich, und muss innerlich über sich selbst lachen. “Genau das richtige für mich..”

– 5 Stunden später –

Pfeifend verlässt sie den Raum. “Was habe ich mir nur dabei gedacht? Meine Leben verlassen für eine vorgegebene Streberlaufbahn, wie  diese Schafe, in Krawatte und Anzug und wissen, wie man Canapés zubereitet? Die perfekte Hausdame, die perfekte Konsulin oder, entschuldigung, Verwaltungsassistentin spielen? Scheisse, ich wünsch euch allen viel Glück, aber ich bin raus und lebe lieber unter ‘ner Brücke” Sie wusste ganz genau, dass sie das nur dachte, weil der Test besser lief als erwartet, und wollte sich vor der Enttäuschung bewahren, wenn es doch eine Absage war.

Entspannt und endlich frei von mathematischen, logischen und sonstigen Denkaufgaben setzt sie sich in die U-Bahn. Sie genießt die Fahrt, weiß, dass sie bald endlich zu Hause ist  - noch ein kleiner Spaziergang im Nieselregen, um die wichtigsten Einkäufe zu erledigen, damit der Monat finanziell endgültig zu Ende ist - und dann ab nach Hause.

Dachte sie. Tatsächlich stand sie auf, und ein fremdes Handy fiel ihr in den Schoß. Sie blickte sich fragend um, aber der Besitzer war nicht zu finden.

Zehn Minuten. Zehn Minuten kämpfte sie mit sich selbst. “Geb ich es zurück? Oh Gott, es hat eine 5-Megapixel-Kamera, OH GOTT, es ist mindestens 300 Euro wert, WARUM ICH?!” Ein Anruf ging ein. “Heb ich ab? Oh Gott, HEB ICH AB, GOTT, GIB MIR EIN ZEICHEN!!”

Gott gab ihr ein Zeichen. Sie rutschte mit dem vom Regen nassen Finger aus und drückte auf “Abnehmen”. Schicksal. Sie ging ran, versprach, vorbeizukommen und das Handy abzugeben, drehte auf dem Absatz um und stieg wieder in die U-Bahn.

Die darauffolgenden Ereignisse wären einerseits zu belanglos, andererseits zu kompliziert, um zu erklären. Aber als sie vier Stockwerke im dunklen Treppenhaus hochkraxelte,  und sogar an ihrer eigenen Tür vorbeilief, weil es viel zu dunkel war um etwas zu erkennen, betete sie nur, dass jetzt irgendjemand zu Hause war, um ihr Gesellschaft zu leisten und für ihren Tag zu loben.

Niemand war da, und sie lachte wieder einmal über sich selbst. Über das Leben, über diverse Situationen und darüber, dass ihr scheiss Brokkoli-Auflauf schon wieder nichts geworden ist.

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Sky & Sand

24/11/2008

Eigentlich hätte ich viel zu erzählen- von Partys, Drama, Bekanntschaften, Lacher, Uni, Einkäufen, kleinen Geschehnissen an der Ecke, Prügeleien im Netto,- ich weiß gar nicht, wo ich anfangen sollte.

Und deshalb erzähle ich davon nichts.

Es ist auch egal, denn es handelt sich dabei um mein Leben. Es ist endlich so, wie ich es mir schon immer vorgestellt habe. Natürlich ist nie alles cool und locker-flockig, aber es könnte schlimmer sein. Und ich bin jung, das merke ich jetzt. Mir wird bewusst, dass ich mich mein ganzes Leben lang alt gefühlt habe, viel zu weit fortgeschritten. Hier darf ich zwanzig Jahre alt sein, Atzenmusik hören und in der S-Bahn rumpöbeln, wenn ich besoffen bin. Ohne Angst zu haben.

Ich kann tagelang auf der Couch rumgammeln und nichts tun, wenn ich das will. Ich kann aber auch Verantwortung übernehmen und putzen, weil es sonst keiner für mich macht. Ich kann sagen: Ich bleibe zu Hause! Und zwar weil ich nicht gezwungen bin, jede Gelegenheit der Feierei zu nutzen, weil es die letzte sein könnte.

Noch wichtiger ist aber, dass ich erkenne, was ich nicht sein will. Stur oder trocken, zum Beispiel. Langweilig. Ich will meinen Alltag nicht planen, wenn ich nicht muss. Ich will keine Einkaufszettel schreiben, ich will keine sterile Wohnung und ich will keine perfekten Freunde. Ich will auch keinen Stress- aber es muss genug Chaos da sein, um mich wohlzufühlen.

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WeltRaumZeitFremd

29/10/2008

Man merkt tatsächlich erst wie klein man ist, wenn man den Bezug zu dem Großen aufgebaut hat. Riesen Hörsääle für 600 Leute, und da sitzt man zwischen vielen anderen anonymen Gesichtern. S-Bahn, U-Bahn- einer steigt ein, einer steigt aus, und alle tragen dieselbe situationsbedingte Maske, die unverkennbar: NICHTS! schreit.

Da merkt man, wie sehr man sich verschätzt hat in seiner eigenen Selbstkentniss- dass man doch nicht so offen und flexibel und zugänglich ist, wie man immer dachte, weil man sich erschreckt, wenn man auf offener Straße angesprochen wird. Weil man an einer so großen Institution wie der Universität nur drei Leute kennt, und langsam keine Ausreden mehr einfallen, wie man mehr ansprechen könnte.

So läuft das. Auf einmal ist das Ego ganz klein und man fährt alleine nach Hause und scheut sich, lachend und tanzend herumzuspringen, so wie man es normalerweise cool finden würde, weil man keinen Namen hat, der das rechtfertigen könnte. Man muss jetzt langsam selbst anfangen, sein Haus zu bauen, ein großes Reklameschild dranhängen, und nicht nur mit dem Geburtsstempel der Heimatstadt gesegnet sein.

Das ist Bürde, aber mehr als das ist es Freiheit- denn man wächst. Man wächst mit jedem Wort, dass man an Fremde richtet, und man lernt sich selbst kennen. Fängt an, Menschen zu dutzen, weil man das hier eben so tut, auch wenn die Etikette einem anderes sagt. Man macht sich locker, auch wenn man für “Zu Hause”-Verhältnisse eben verdammt locker war, und noch lockerer ist nur ein Haufen Schnee auf einer Erdnuss.

Die Nachbarn kennen lernen- spätestens, wenn sie das Paket nach einer Woche immer noch nicht abgegeben haben. Den Chinamann untem am Haus testen, auch wenn er extrem unfreundlich sein soll. Den Typen am Kiosk grüßen, wo man jeden Tag seine Kippen kauft. Schritt für Schritt, langsam, aber irgendwann kommt man da hin. Und dann gehört die Welt mir.

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L’Esprit D’Escalier

27/10/2008

Ich habe in meinen ewigen zwanzig Jahren nicht viel gelernt. Eigentlich gar nichts, außer dass man manchmal Klatschen verteilen muss, wenn man glücklich sein will. Und am Wochenende habe ich gelernt, dass es in Beziehungen immer einen kleinen, einzigartigen klärenden Moment gibt, den man ausnutzen sollte, selbst wenn es komisch ist. Selbst wen es der letzte Moment ist, den man hat.

Problematisch ist daran rein gar nichts außer die Angst, sich festzulegen. Was so armselig und feige klingt ist nichts anderes als Unsicherheit, fehlende Reflektion und Gedankenlosigkeit. Sich festlegen ist doch eigentlich genau das, worauf man sein ganzes verdammtes Leben wartet! Und endlich, wenn man die Entscheidung im Kopf getroffen hat, kommt etwas anderes im Bauch durch, das einem irgendwie vermitteln möchte: HALT. Es könnte ein Fehler sein.

Und so erklingt dieses Echo stundenlang durch den Kopf, bis die Tür wieder zu ist, der Puls runtergehen darf und das Adrenalin nicht mehr durch den Körper pumpt. Und hiermit bestätige ich mir selber, was ich die ganze Zeit ahnte: ES geht nicht. Beziehungen gehen nicht, nicht jetzt, nicht in näherer Zukunft. Denn egal wie ach-so-unabhängig und reif man zu meinen scheint, ich jedenfalls- da ist noch was anderes, was erst abgeschlossen werden muss. Etwas, dass nie ein Ende fand, nicht mehr existiert und sich doch noch in meinem Inneren fortpflanzt.

Es geht niemals darum, dass man sich anders entschieden hat. Es geht darum zu wissen dass man diesen Schritt, diese Entscheidung, dieses FESTLEGEN jetzt noch nicht bewältigen wird, nicht so, wie man es gerne hätte. Natürlich gehe ich das Risiko ein, dass es irgendwann zu spät sein könnte. Aber das zählt nicht. Es zählt nur die Zeit, die man sich nehmen muss, um den ganzen Sperrmüll aus dem Herzen entladen zu können um sich neu einrichten zu können. Ich will es nicht tun, um den Schmutz und den Schimmel zu überdecken und damit dem Nachrücker das Leben schwer zu machen. Ich will erstmal frei sein.

All das hätte man in diesem einen klärenden Moment noch erwähnen können, aber stattdessen steht man mit der Stirn an der kalten Wand und versucht nicht auf die schweren Schritte im Treppenhaus zu hören, versucht, nicht darüber nachzudenken was der andere gerade im Kopf hat, versucht alles, wie es ist, völlig in Ordnung zu finden. Versucht, das Gefühl der vielen Momente davor einfach einzusperren und niemals wieder rauszulassen.

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Easy Going

21/10/2008

Ich habe nie gewusst, wie schön es sein kann, einfach nur auf der Couch zu liegen und vor dem Fernseher abzugammeln. Jetzt werden böse Stimmen behaupten, ich hätte mein Leben lang sowieso nichts anderes gemacht, was vielleicht ganz rational gesehen auch stimmt, aber es geht um das FEELING, seht ihr, das FEELING.

Es geht darum, dass ich nicht auf der Couch gammeln müsste. Ich könnte jederzeit rausgehen und das ausgiebige Nachtleben genießen. Ich könnte auch einfach lernen oder aufräumen oder Geld ausgeben oder mich mit Freunden treffen oder Kunst machen, meinen Körper mit Schokolade beschmieren und die Ameisen zählen, die auf mir rumturnen- aber NEIN. Es muss gar nicht sein, jedenfalls nicht jeden Tag, denn gammeln mit den Mitbewohnern ist schon so entspannend genug, es ist einfach eine einzige Genugtuung.

Der Unterschied zu früher ist der Ort und die Freiheit, die ich dabei habe. Bei meinen Eltern musste ich gezwungenermaßen gammeln- gab ja nichts anderes zu tun. Der Job in der Videothek hat das natürlich mit kostenloser DVD-Berieselung unterstützt, Geldmangel war ein essentielles Problem in jeglicher Planung- ganz zu schweigen von der Entfernung von mir zu Hause bis zum nächsten Ort der Freizeitbeschäftigungen. Was konnte man anderes machen außer zum Launenkiffer und Ständigsäufer zu werden? Genau, nichts. Und unter der Furchtel der Erziehungsdrachen macht’s um so weniger Spaß.

Jetzt ist kochen, gammeln und hin und wieder mal abspasten angesagt, und ich glaube, ich habe tatsächlich die richtige Entscheidung getroffen (außer mit der Uni. Aber das besprechen wir ein andermal..).

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Vorglühgeschichten

19/10/2008

Die Kunst des Vorglühens ist mir definitiv nicht mit in die Wiege gelegt worden. Für mich lief das immer so ab: Fertig machen, zum Ort der Sünde gehen, abschießen, lachen, kotzen und ins Bett nach Hause. Mit 15 1/2 und drei Flaschen Vodka auf 20 Personen war das aber auch noch ziemlich leicht zu schaffen, der Abend dauerte nämlich nur knapp 3 Stunden und bezog sich sowieso größenteils auf ein pre-pubertierendes Paarungsritual. Juhu.

Heute, knapp 5 Jahre später, hat sich das natürlich alles geändert. Das erste Bier wird - am Wochenende - direkt um 4 Uhr nachmittags gekippt, die Abendplanung drei Tage vorher begonnen, und das Vorglühen ist ein fester Bestandteil des Nachtlebens. Man will ja zum Ausgehzeitpunkt (normalerweise nicht vor 2 Uhr morgens) gut gelaunt und voll dabei sein! Und so sitzt man also zu Hause, zu zweit oder zu zehnt, und säuft sich schon mal die Hucke voll, denn in Bars gehen ist teurer als eine Flasche Vodka, Sekt, Wein oder Äppler pro Person (wobei mir das Vorglühen mehr Spaß machen würde, wenn es hier tatsächlich Äppler gäbe, das ist nämlich das einzige Getränk, das mich nicht müde macht und von dem mir direkt schlecht wird).

Ich persönlich bin diesem Spaß gegenüber aber eher abgeneigt. Ein Abend wie gestern erklärt beispielsweise am besten, warum es keine gute Idee ist, mich vollends abzuschießen bevor ich in den Club gehe. Wir haben uns bei mir getroffen, essen gemacht und ein paar Bier gezischt. Den Club wollten wir aber erst um zwei Uhr ansteuern, das heisst um acht mussten wir noch einige Stunden totschlagen. Da fing das Saufgelage an. Nur dumm, dass es bei mir um 10 trotz mäßigem trinken (insgesamt ein dreiviertel Glas Vodka wahrscheinlich) einfach nicht mehr weiter ging. Lallend und fallend und voll müde wurde mir langsam schlecht und langweilig.

Das passiert im Club nicht, weil man tanzt, unterwegs ist, abgeht und Spaß hat. Da kann es zu Hause noch so lustig sein, irgendwie passt’s mir nicht, auch wenn’s wahrscheinlich auf diese Art und Weise ökonomischer ist, weil man weniger Geld im Club verprasst. Aber ganz abgesehen davon bin ich mittlerweile sowieso nicht mehr der Clubfan der ich einst mal war… lieber gehe ich auf Parties oder Outdoor-Events (schwierig wenn’s kalt ist, ich weiß), anstatt mich in abgedunkelten Räumen gegen schweißnasse und total abgedruffte Typen zu schmeissen weil es der Beat so will.

Trotzdem war gestern (oder viel eher, heute morgen) noch ein absolut geiler Abend, der dann mit einer ganzen Staffel Scrubs abklingen durfte (wobei, zugegeben, mein Mitbewohner und ich haben es nur bis zur 2. Folge geschafft und sind dann einstimmig eingepennt). Um 10 Uhr morgens gings dann offiziell ab ins Bett und ich bin vor ein paar Stunden erst aufgewacht und gammel den restlichen Abend noch vor dem Fernseher– morgen geht’s mit Uni los, ich bin gespannt, wie es wird und genieße Berlin wie nie sonst.

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Mitfahrgelegenheit

17/10/2008

Ich bin wieder zurück in Berlin. Und wie ich zurückgekommen bin, war eine der lustigsten und spannendsten Erfahrungen meines ganzen Mitfahrgelegenheitslebens.

Fünf völlig fremde Menschen auf engem Raum. Acht Stunden Fahrt, staubedingt, und endlose Diskussionen über die Gesellschaft, Banken, Machtverhältnisse- ein reiner Kopffick. Normalerweise bin ich froh, auszusteigen- diesmal konnte ich es nicht, ohne Nummern auszutauschen und High Fives zu verteilen. Achtzig Prozent Ausländeranteil, jeder aus einer ganz anderen Region, und was uns einte war die gute Musik, die jeder mal mit seinem MP3 Gerät auflegen durfte.

Nach zwei Stunden wurde dann eine Socke voller Weed Tüten ausgepackt, dann war’s endgültig vorbei. Alle dreiviertel Stunde wurde eine zwanghafte Pinkelpause eingelegt, gekifft, weitergefahren. Herrliches Abenteuer. Im Teufelstal den Fressflash bei BK erledigt, und ab ging die Post. Gegen Ende wurde es etwas ruhiger, die gesellschaftskritischen Stimmen wurden müde und belegt, und schließlich kam mir die Heimat so entspannend und berauschend entgegen, wie sie es nur sein konnte.

Es war gut, dass ich nochmal zu Hause war. Denn jetzt fühlt es sich endlich so an, als wäre ich angekommen. Und das ist verdammt noch mal gut.

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Pay TV

14/10/2008

Ich war bestimmt nicht älter als 6 oder 7 Jahre, als wir in Mainz oder Mannheim - ich bin mir nicht mehr sicher - mit der ganzen Familie auf einer arabischen Festfeier eingeladen waren. Weil meine Brüder und ich allerdings um 12 Uhr abends viel zu müde gewesen wären um daran teilzuhaben (und, geben wir es zu, wir waren schon damals nicht wirklich begeistert von arabischen Festivitäten wo gerne darüber philosophiert wurde welche Enkel mit welchen Cousinen später mal vermählt würden), wurden wir ins Hotel gesteckt, in unser eigenes Zimmer. Damit wir nicht dumm rumturnten und die anderen Gäste störten, gab’s sogar einen Disney Film auf Pay TV.

Pay TV.

Mein älterer Bruder, der damalige Dreikäsehoch von 9 Jahren ungefähr, hatte irgendwann die Nase voll von der 12. Runde Aladdin und die Wunderlampe und fing an durch die PayTV Kanäle zu zappen. Er landete bei einem Porno.

In Retroperspektive ein echt schlechter Porno.

Ich wusste damals natürlich nicht, was ein Porno ist. Ich wusste auch nicht, was Sex ist, jedenfalls nicht so explizit. Ob mein Bruder es wusste, kann ich nicht sagen, aber ich nehme es stark an. Mein kleiner Bruder, der damals gerade so sprechen und sabbern konnte, hatte sowieso keine Ahnung, war aber am gespanntesten.

Interessanterweise wussten wir aber alle drei sofort, dass wir das eigentlich nicht gucken dürften. Wir haben die Zimmertür abgeschlossen, und alle 10 Minuten ging einer raus um zu gucken ob nicht jemand, der wie ein Elternteil aussah, doch den Gang ranschlurfte.

Wir waren fasziniert davon, wie das alles aussah. Es war die reinste Kunst. Ich weiß noch, wie schön ich es fande, dass es so Klatschgeräusche machte. Und mein kleiner Bruder zeigte bei einer Fellatio-Szene mit dem Finger auf die Frau und sagte: Oh, das ist ja wie Eis essen! An mehr erinnere ich mich nicht. Ich weiß nicht, ob wir erwischt wurden, oder ob wir einfach mit versauten Träumen ins Bett gegangen sind. Ich hab niemals mit meinen Brüdern darüber geredet, bezweifle, dass sich einer von ihnen auch noch daran erinnert.

Manchmal glaube ich, dass das der Grund für alles ist. Dass dieser eine Porno, den ich mit 6 oder 7 Jahre in Mainz oder Mannheim geguckt habe, der Grund für alles ist, was später in meinem Leben passierte. Ich bin nicht stolz drauf. Aber hin und wieder wünsche ich mir, dass mehr Eltern ihren Kindern mal ‘nen Porno zeigen, damit es weniger Arschlochmenschen auf der Welt gibt, die alles über Sex definieren und diesen Akt zu einem Gott erheben der seinesgleichen sucht.

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Sieben Tage Wach

9/10/2008

Ich muss sagen, diese Woche hat mich echt gut gepackt. Vom Umzug über Großstadt bis Uni ist ungefähr alles mit drin gewesen, inklusive der Tatsache dass ich die letzten 4 Tage insgesamt bestimmt 13 Promille hatte und unter einem enormen Schlafmangel leide. Macht aber alles nichts, schließlich ist man nur einmal jung.

Trotzdem bin ich fast am Rande des Tränenausbruchs. Erstens ist die Wohnung, die WG, auf einmal leer- Jules ist nach Hause gefahren, mein einziger Berlin-Kontakt ist gleich mitreingesprungen, und der lustige Teil meiner Wohngemeinschaft ist auch auf Heimspiel. Es ist durchaus etwas anderes, wenn man umzieht, so weit weg von seiner gewohnten Umgebung, wenn die beste Freundin dabei ist, und seit heute morgen ist sie nun weg und ich hab nichts besseres zu tun als zu putzen und mich um bürokratischen Scheiss zu kümmern und Itunes neu zu installieren, was ich sonst nie, NIEMALS machen würde, weil es mich nicht bockt.

Und dabei ist es erst nachmittag.

Vielleicht wird es einfach mal Zeit, loszulassen. Von allem, was man kennt, auch von den guten Dingen. Trotzdem fühlt es sich sehr strange an, alleine zu sein, niemanden anrufen zu können um spontan was zu unternehmen. Und am meisten stört es wenn ich mir überlege wie die jetzt alle daheim Party machen und ich hier sitze. Okay. Ein paar Tage noch, dann ist das auch rum. Hoffentlich.

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Hauptstadt

4/10/2008

Ich habe lange überlegt, warum ich eigentlich nach Berlin wollte. Gestern sind mir diese Gründe alle auf einmal wieder eingefallen- und das, nachdem ich schon in Panik und Verzweiflung wochenlang glaubte, dass ich die falsche Entscheidung getroffen hätte.

Das erste Mal, als ich Berlin besuchte, war ich 14 Jahre alt und mit meiner Mutter zu einem ihrer Religions-Seminare unterwegs. Da sie den ganzen Tag beschäftigt war, konnte ich mich in irgendwelche Busse oder U-Bahnen setzen und durch die Stadt düsen. Ich hatte damals erst ganz frisch noch einen Film über Hitler, den zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit gesehen, irgendein grottenschlechter Spielfilm. Aber dennoch blieben die Bilder im Kopf- und als ich in Berlin war, spürte ich genau, was dieser Film versucht hatte zu sagen.

Berlin ist eine historische Stadt- aber so frisch die Wunden und Narben, dass man die Geister der Vergangenheit an jeder Ecke spürt. Reichstag, Siegessäule, Brandenburger Tor- das sind zwar nicht unbedingt die Orte, an denen ich mich jetzt aufhalte, aber es sind die Stellen, die einen immer wieder faszinieren, daran erinnern, was passierte. Das Grundgesetz ist auf jedem wichtigen Gebäude abgedruckt oder erwähnt, die anti-faschistische Szene in Demos so präsent, dass man kaum weggucken könnte. Selbst wenn man es wollte.

Es hat mich erschlagen, aber nicht negativ. Nach der ganzen Tourirunde fühlte ich mich auf einmal belebt, wenn teilweise auch depressiv und vom Weltschmerz überkommen. Aber es war gut- denn Berlin zeigt dir nicht, wo die Moderne liegt, nicht irgendeine außergewöhnliche Schönheit, sondern klipp und klar das, was eine europäische Großstadt einfach ist- dreckig, laut, und voller Geschichte. Das packt mich, das fesselt mich.

Aber so einen Strebergrund brauch noch nicht mal ich, um Berlin gut zu finden. Natürlich gibt’s ranzige, unsympathische Orte und Seiten- aber größenteils ist diese Stadt einfach der Inbegriff von Freiheit und Ausbruch aus schrecklichen Systemen, jedenfalls für mich. Da gibt’s noch eine gewisse Undergroundszene an Kunst und Musik, an Gruppierungen und Lokalitäten, die ich entdecken möchte. Klar gibt’s das auch in Frankfurt- aber nicht in diesen Ausmaßen. Im Übrigen ist Frankfurt auch viel schöner und hat einen klareren Großstadtflair, wohl wegen der Skyline. Auch das Mainufer ist gepflegter. Nur ist es niemals so entspannt und doch gereizt und gefährlich.

Es gibt noch viele andere Gründe dafür, warum ich hier bin. Die sind allerdings nicht mal im Ansatz nachvollziehbar, muss auch nicht sein. Mir geht’s grad gut, und ich hoffe nur, dass es für eine Weile auch so bleibt.

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