Archive of articles classified as' "Nicht Wütend"

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Pay TV

14/10/2008

Ich war bestimmt nicht älter als 6 oder 7 Jahre, als wir in Mainz oder Mannheim - ich bin mir nicht mehr sicher - mit der ganzen Familie auf einer arabischen Festfeier eingeladen waren. Weil meine Brüder und ich allerdings um 12 Uhr abends viel zu müde gewesen wären um daran teilzuhaben (und, geben wir es zu, wir waren schon damals nicht wirklich begeistert von arabischen Festivitäten wo gerne darüber philosophiert wurde welche Enkel mit welchen Cousinen später mal vermählt würden), wurden wir ins Hotel gesteckt, in unser eigenes Zimmer. Damit wir nicht dumm rumturnten und die anderen Gäste störten, gab’s sogar einen Disney Film auf Pay TV.

Pay TV.

Mein älterer Bruder, der damalige Dreikäsehoch von 9 Jahren ungefähr, hatte irgendwann die Nase voll von der 12. Runde Aladdin und die Wunderlampe und fing an durch die PayTV Kanäle zu zappen. Er landete bei einem Porno.

In Retroperspektive ein echt schlechter Porno.

Ich wusste damals natürlich nicht, was ein Porno ist. Ich wusste auch nicht, was Sex ist, jedenfalls nicht so explizit. Ob mein Bruder es wusste, kann ich nicht sagen, aber ich nehme es stark an. Mein kleiner Bruder, der damals gerade so sprechen und sabbern konnte, hatte sowieso keine Ahnung, war aber am gespanntesten.

Interessanterweise wussten wir aber alle drei sofort, dass wir das eigentlich nicht gucken dürften. Wir haben die Zimmertür abgeschlossen, und alle 10 Minuten ging einer raus um zu gucken ob nicht jemand, der wie ein Elternteil aussah, doch den Gang ranschlurfte.

Wir waren fasziniert davon, wie das alles aussah. Es war die reinste Kunst. Ich weiß noch, wie schön ich es fande, dass es so Klatschgeräusche machte. Und mein kleiner Bruder zeigte bei einer Fellatio-Szene mit dem Finger auf die Frau und sagte: Oh, das ist ja wie Eis essen! An mehr erinnere ich mich nicht. Ich weiß nicht, ob wir erwischt wurden, oder ob wir einfach mit versauten Träumen ins Bett gegangen sind. Ich hab niemals mit meinen Brüdern darüber geredet, bezweifle, dass sich einer von ihnen auch noch daran erinnert.

Manchmal glaube ich, dass das der Grund für alles ist. Dass dieser eine Porno, den ich mit 6 oder 7 Jahre in Mainz oder Mannheim geguckt habe, der Grund für alles ist, was später in meinem Leben passierte. Ich bin nicht stolz drauf. Aber hin und wieder wünsche ich mir, dass mehr Eltern ihren Kindern mal ‘nen Porno zeigen, damit es weniger Arschlochmenschen auf der Welt gibt, die alles über Sex definieren und diesen Akt zu einem Gott erheben der seinesgleichen sucht.

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Sieben Tage Wach

9/10/2008

Ich muss sagen, diese Woche hat mich echt gut gepackt. Vom Umzug über Großstadt bis Uni ist ungefähr alles mit drin gewesen, inklusive der Tatsache dass ich die letzten 4 Tage insgesamt bestimmt 13 Promille hatte und unter einem enormen Schlafmangel leide. Macht aber alles nichts, schließlich ist man nur einmal jung.

Trotzdem bin ich fast am Rande des Tränenausbruchs. Erstens ist die Wohnung, die WG, auf einmal leer- Jules ist nach Hause gefahren, mein einziger Berlin-Kontakt ist gleich mitreingesprungen, und der lustige Teil meiner Wohngemeinschaft ist auch auf Heimspiel. Es ist durchaus etwas anderes, wenn man umzieht, so weit weg von seiner gewohnten Umgebung, wenn die beste Freundin dabei ist, und seit heute morgen ist sie nun weg und ich hab nichts besseres zu tun als zu putzen und mich um bürokratischen Scheiss zu kümmern und Itunes neu zu installieren, was ich sonst nie, NIEMALS machen würde, weil es mich nicht bockt.

Und dabei ist es erst nachmittag.

Vielleicht wird es einfach mal Zeit, loszulassen. Von allem, was man kennt, auch von den guten Dingen. Trotzdem fühlt es sich sehr strange an, alleine zu sein, niemanden anrufen zu können um spontan was zu unternehmen. Und am meisten stört es wenn ich mir überlege wie die jetzt alle daheim Party machen und ich hier sitze. Okay. Ein paar Tage noch, dann ist das auch rum. Hoffentlich.

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Hauptstadt

4/10/2008

Ich habe lange überlegt, warum ich eigentlich nach Berlin wollte. Gestern sind mir diese Gründe alle auf einmal wieder eingefallen- und das, nachdem ich schon in Panik und Verzweiflung wochenlang glaubte, dass ich die falsche Entscheidung getroffen hätte.

Das erste Mal, als ich Berlin besuchte, war ich 14 Jahre alt und mit meiner Mutter zu einem ihrer Religions-Seminare unterwegs. Da sie den ganzen Tag beschäftigt war, konnte ich mich in irgendwelche Busse oder U-Bahnen setzen und durch die Stadt düsen. Ich hatte damals erst ganz frisch noch einen Film über Hitler, den zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit gesehen, irgendein grottenschlechter Spielfilm. Aber dennoch blieben die Bilder im Kopf- und als ich in Berlin war, spürte ich genau, was dieser Film versucht hatte zu sagen.

Berlin ist eine historische Stadt- aber so frisch die Wunden und Narben, dass man die Geister der Vergangenheit an jeder Ecke spürt. Reichstag, Siegessäule, Brandenburger Tor- das sind zwar nicht unbedingt die Orte, an denen ich mich jetzt aufhalte, aber es sind die Stellen, die einen immer wieder faszinieren, daran erinnern, was passierte. Das Grundgesetz ist auf jedem wichtigen Gebäude abgedruckt oder erwähnt, die anti-faschistische Szene in Demos so präsent, dass man kaum weggucken könnte. Selbst wenn man es wollte.

Es hat mich erschlagen, aber nicht negativ. Nach der ganzen Tourirunde fühlte ich mich auf einmal belebt, wenn teilweise auch depressiv und vom Weltschmerz überkommen. Aber es war gut- denn Berlin zeigt dir nicht, wo die Moderne liegt, nicht irgendeine außergewöhnliche Schönheit, sondern klipp und klar das, was eine europäische Großstadt einfach ist- dreckig, laut, und voller Geschichte. Das packt mich, das fesselt mich.

Aber so einen Strebergrund brauch noch nicht mal ich, um Berlin gut zu finden. Natürlich gibt’s ranzige, unsympathische Orte und Seiten- aber größenteils ist diese Stadt einfach der Inbegriff von Freiheit und Ausbruch aus schrecklichen Systemen, jedenfalls für mich. Da gibt’s noch eine gewisse Undergroundszene an Kunst und Musik, an Gruppierungen und Lokalitäten, die ich entdecken möchte. Klar gibt’s das auch in Frankfurt- aber nicht in diesen Ausmaßen. Im Übrigen ist Frankfurt auch viel schöner und hat einen klareren Großstadtflair, wohl wegen der Skyline. Auch das Mainufer ist gepflegter. Nur ist es niemals so entspannt und doch gereizt und gefährlich.

Es gibt noch viele andere Gründe dafür, warum ich hier bin. Die sind allerdings nicht mal im Ansatz nachvollziehbar, muss auch nicht sein. Mir geht’s grad gut, und ich hoffe nur, dass es für eine Weile auch so bleibt.

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Lebensbahn

3/10/2008

Es fängt an mit dem schwarzen, frisch geborenen Morgen, der sich im Laufe der Zeit zu einem grauen Matsch entwickeln wird. Mit einigen spärlichen Sonnenstrahlen, die im Auge schmerzen. Mit unserer Müdigkeit, die durch die Spannung weggedrängt wird. Wir machen uns auf den Weg- wir haben uns, wir haben den Weg, und wir haben ein Rätsel. Warum haben die meisten Münchener, die unterwegs sind, die Kennzeichen M-OR oder M-OS?

Und so rasen wir in einem Netzwerk von Asphalt und Landschaft neben anderen Autos entlang, jedes mit seiner eigenen Geschichte, genauso wie unsere und doch völlig anders. Jeder mit einer anderen Schnelligkeit, einem anderen Ziel. Wie ein Blutnetz, Adern, die ineinander  verstrickt sind, Blutbahnen, die Leben entlangpumpen. Wir genießen diese letzten Minuten im Niemandsland- denn noch haben wir Zeit, unsere Geschichten von außen zu betrachten, bevor wir an unserem Ziel in sie reinspringen müssen.

Dabei kommt die Frage der Gerechtigkeit auf- wieso manche Menschen, mit Leidenschaft und Hunger, es niemals schaffen, an ein Ziel zu kommen, dass sie sich schon immer gewünscht haben. Warum andere, die sich nie danach verzehrt haben, jedesmal die Träume anderer leben, ohne die ausstehende Befriedigung, sondern lediglich mit der Sehnsucht nach mehr, nach einem eigenen Traum. Aber diese Fragen darf man sich nicht stellen. Es gibt keine Gerechtigkeit. Manchmal ist man eben kein M-OS, und kein M-OR. Manchmal ist man einfach nur M-XY. Und das muss reichen.

Ein Auto, zwei Geschichten. Ich? Ich bin gut angekommen, in meinem neuen Leben- nach einer schnellen, anstrengenden Fahrt. Aber der andere Protagnoist irrt immer noch am Straßenrand, Daumen ausgestreckt, um jemanden zu finden, der ihn mitnehmen würde. Denn er ist nur auf Durchreise hier. Und traut sich nicht, seinen eigenen Unfall zu bauen.

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Abschied

1/10/2008

Es musste sich etwas ändern. Hier, und auch im wahren Leben. Keine Ausflüchte mehr, keine Kompromisse- Konzentration und Disziplin. Ja, auch beim Schreiben.

Ich wucherte meinen Blog zu mit unbeschreiblich grausamen Worten, wahllosen, peinlichen Worten. Mit viel Müll, einfach, um etwas gesagt zu haben. Aber das muss sich jetzt einfach ändern. Ich muss lernen, dass Änderungen nicht unbedingt schlecht sind, dass das, was man mochte, nicht unbedingt gut für einen war und dass man das nicht nur auf einen kleinen Teil des Lebens beziehen kann, sondern auf alles.

Es wird den Anschein haben, als ob alles beim Alten bleibt. Genauso wie die Kartons in meinem Zimmer, die zwar alle prall gefüllt mit Teilen von mir sind, aber nichts daran ändern, dass das Zimmer genauso aussieht wie vorher- die Möbel sind noch da, die Poster hängen, auf den Regalen stehen Bücher. Ich nehm nämlich nur das mit, was ich wirklich brauche. Keine Links, keine Schnörkel, keine Werbung, keine Tags, keine unnötigen Kategorien, keine nervigen Twitterupdates, keine Biographien.

Und so sieht’s aus. Das, was ich brauche, ist nicht das, was ich habe. Und wenn ich es nicht ändern kann- nicht jetzt, wenn es sowieso Abschied heisst- dann weiß ich nicht, wie es jemals besser werden soll.

Es muss besser werden. Wir sehen uns in Berlin wieder.

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Walking on a Dream

19/09/2008

Was passiert, wenn Sara mal für einige Tage ihre gewohnte Umgebung verlässt? Genau, sie züchtet eine Pickelanlage im Gesicht, hat plötzlich Lippenschimmel und darf die nächsten drei Tage mit einer halbseitigen Gesichtslähmung verbringen, weil die Zähne langsam abfaulen und der Schmerz mit Drogen betäubt werden muss.

So viel zum Stress im Berlin, der mir meine letzten physischen Kräfte geraubt hat. Ich fühle mich elendig beschissen, insbesondere nach der anstrengenden Fahrt. Ich werde außerdem ab sofort auf Menschen hören, die mir einen Tipp zum Umgehen diverser Baustellen geben möchten. Fulda und die A66 ist ein Arschloch.

Berlin war unspektakulär, aber stressig. Durch das ganze rumgeier um von einer WG-Besichtung zur nächsten zu kommen, kenne ich mich in diversen Gegenden, oder zumindest auf dem Öffi-Plan so gut aus wie sonst keiner, der auch nicht in Berlin wohnt. Ich habe mir die Hacken wundgelaufen, für 10 Euro Sushi gegessen, Dönerbudenquartett gespielt und wie ein Stein geschlafen, wenn ich abends müde in meine Herbergs-WG kam. Ich habe mit meinen Freunden gekocht und mich totgelacht, aber ich hatte auch  3 Tage lang durchgehend Kopfschmerzen und durfte zu guter letzt auch nur noch veganisch frühstücken (Café Morgenrot, sehr empfehlenswert, am Prenzlauer Berg- tolles Brunch, man muss sich aber auf eine extreme Kommune einstellen, die sich da rumtollt).

Ich habe, um das Wichtigste zu erwähnen, die Abgründe der Menschheit gesehen. Das mit der WG-Suche hat sich als schwieriger herausgestellt, als ich dachte. Denn wenn man viel zu spät mit ungefähr 4 Millionen anderer deutscher oder nicht-deutscher Studenten nach Berlin ziehen möchte, kann es sein, dass der Ansturm auf die WG’s krass ist. Kann sein. Und in was für WG’s ich teilweise hausieren gegangen bin, war nicht mehr feierlich. Das war Gestank, das war Scham, das waren die größten und uncoolsten Nerds, und das waren Leute, die so cool waren, dass ich beim Eintritt in die Wohnung direkt erfroren bin. Und dann war da noch die eine Wohnung in der Fennstraße, die als “Mitte” betitelt wurde, aber eigentlich schon zu Wedding gehört- und in diese Wohnung, in dieses riesige DING habe ich mich verliebt, samt Besetzer, was natürlich ein Vorteil war. Und nach 3 Tagen des Bangens- naja, wohne ich wohl ab dem 1. Oktober dort. Genau dort.

Und wenn ich das so schreibe, bekomme ich eine Gänsehaut, weil ich es gar nicht wirklich glauben kann.

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Die ganze Wahrheit

30/08/2008

Ich dachte ja immer, ich wäre ein süßes Kind gewesen. Als Baby mag das durchaus zugetroffen haben. Ich war ein süßes, wenn auch debiles, fettes und ein bisschen Chinesisch-aussehendes, FETTES Kind, das ständig gesabbert hat, nicht richtig krabbeln oder laufen konnte und sich die meiste Zeit ein komisches Plastiktelefon gegen den Kopf gehämmert hat. Das habe ich jedenfalls letztens entdecken können, als ich ca. dreitausend von Video auf DVD übertragene Kindheitserinnerungen fand. Ich dachte erst, es wären “versteckte” Pornos oder so, weil mir nicht bewusst war, dass sich irgendwer in der Familie mal die Mühe gemacht hat, irgendwas auf DVD zu übertragen. Aber ich lag falsch, und statt nackter Haut begegnete mir meine eigene kleine Wonneproppenfresse, minus Wonneproppen.

Schön und gut, als Baby, das kann man noch vertreten. Aber als ich das Video von 1993 fand - mein kleiner Bruder, das mit Abstand süßeste, goldigste, und hübscheste Baby auf der ganzen Welt, war schon ein Jahr alt - bin ich aufgesprungen, habe geschrien, war wütend, habe mich wieder hingesetzt, die Tränen fielen von meinen Wangen und ich musste mich für mich selbst schämen. Ich war nicht nur einfach hässlich, nein, ich war auch ein Arschlochkind. Ich war so eine kleine Nervensägescheisserarschlochmuschi! UND DAS SCHON MIT VIER JAHREN! Kein Wunder, dass ich so traumatisiert bin, wie ich bin. Und die Frisur erst. Ich hatte einen Lockenfokuhila, das möchte man sich mal vorstellen. U nd jetzt wundert mich auch nicht mehr, warum es eigentlich bis zu meinem 16. Lebensjahr kaum Fotos von mir gibt; entweder, meine Mutter hat sie in einem manischen Anfall der Verleugnung zerrissen, oder niemand konnte mich jemals überhaupt fotographieren, weil man vorher an seiner eigenen Kotze ersticken musste.

Yap, das ist sie, die ganze Wahrheit. Selbst auf den Videos, auf denen ich zu sehen bin, merkt man, dass man krampfhaft lieber die anderen Geschwister auf Kamera möchte. Und eigentlich hätte es mich kaum gewundert, wenn man mich ständig angeschrien hätte. Ich würd’s auch nachvollziehen, wenn die mich in nen Sack mit Welpen gepackt und ins Meer geworfen hätten, wirklich. So ein Kind kann man nicht tolerieren, man kann es nur umbringen, einsperren oder für immer so tun, als wäre man blind.

Wie meine Eltern das ausgehalten haben, ist bis heute fraglich. Ich muss sagen, ich habe mich durchaus weiterentwickelt. Entweder das, oder ich habe mich schon viel zu sehr an mich selbst gewöhnt. In diesem Falle müsste ich mich jetzt sofort selbst zerstören.

Die Frisur war echt grausam. Nicht mal die 80er oder 90er können das rechtfertigen. Ich bin für immer geschädigt. Und es wäre alles nicht halb so schlimm gewesen, wenn nicht mein kleiner Bruder im Kontrast einfach so ein kleiner Engel gewesen wäre (ich habe ihn übrigens als total hässliches Kind in Erinnerung), und wenn die mir nicht alle immer erzählt hätten, ich wäre das süßeste Kind der Welt gewesen. Unglaublich, was Lügen alles machen können.

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Griechischer Unterricht

1/08/2008

Ich bin immer wieder überrascht, wie leicht man sich selbst täuschen kann. Vor einiger Zeit habe ich einen jungen Mann kennengelernt (damit fängt alles an, und nein, ich bin nicht schwanger), an einer Studentenparty. Interessanterweise sind wir beide keine Studenten und hatten auch nichts miteinander zu tun. Ich weiß noch, wie ich, völlig betrunken, am Anfang des Abends in der Ecke stand mit zwei meiner Freundinnen, und ihn sah. Ich bekam einen Stoß in die Rippen und meine Freundin fing an davon zu kichern, dass dieser Typ total das Brett sei und unglaublich gut aussähe, und so weiter und so fort. Fand ich natürlich auch. Und nachdem wir dann genug aus der Ferne geglotzt hatten, drehten wir uns um und beschäftigten uns mit der Fleischwarentheke unserer Liga.

Und da haben wir es schon. Unsere Liga. Der Fehler jeder Frau ist es zu glauben, Männer seien genauso strunzdumm und auf Aussehen begrenzt wie Frauen selbst. Das mag jetzt paradox und anti-Klischee klingen, und wir wissen alle, wie sehr ich auf Klischees stehe und sie tagtäglich für jegliche Selbstbestätigungszwecke verwende- aber in diesem Fall ist es einfach ganz anders. Männer gehen viel behutsamer mit Frauen um, als man zu meinen glaubt, sie sind viel ehrlicher, und auch viel interessierter an dem, was hinter der Fassade abgeht. Ich kenne ganz, ganz wenige Männer, die wirklich auf den “STYLE” von Frauen bedacht sind, d.h. tatsächlich auf die Schuhe oder Taschen gucken und danach bewerten, wie teuer die Marke ist. Es gibt wahrscheinlich mehr Männer, die auf Frauen mit Birkenstocks stehen, als andersherum, und das ist so, weil Frauen einfach konkurrenzgeile Schlampen sind die befruchtet werden wollen.

Jawohl. Und nur weil unsere hochtrabende und übermütige Rasse jeden Typen direkt in eine Kategorie einordnet (1- Sieht gut aus, 2- Sieht okay aus, 3- Desperate Fuck, 4 - Niemals werde ich diesen Kerl anfassen), glauben wir, es wäre andersherum genauso. Dabei sind, meiner wertlosen Erfahrung nach jedenfalls, Männer nur in zweiter Linie auf der Suche nach einem Ende mit Hüftschwung. In erster Linie sind sie mit ihren Kumpels da und wollen feiern, egal was. Und wenn sich ein paar Ladies zur Begleitung finden, mit denen man Spaß haben kann, ist das gut. Und wenn die auch noch gut aussehen, ist das extrem cool. Und wenn die jetzt auch noch so lustig und charmant und whatever sind, dann, alles klar, lass ballern gehen.

Oder so.

Aber der Spaß steht im Vordergrund. Das raffen Frauen nicht. Wenn ich mit Frauen weggehe, dreht es sich drei Stunden darum, welcher der Ex-Freunde den längsten hatte, warum man zur Zeit Single ist, und welcher Typ im Radius von 30 Metern der bestaussehenste ist. Etcetera. Nach 2 Bembeln Äppler wird das ganze sehr absurd, aber auch sehr amüsant. Und trotzdem: Sobald man einen Mann kennen lernt, angesprochen wird oder selber seinen Mut zusammen nimmt, geht es nur darum, dass man diesen Menschen so gutaussehend findet, dass man sich vorstellen kann, irgendwann mit ihm Kinder zu kriegen. Und wenn nicht, dann muss man sich wenigstens nicht schämen wenn man sturzbetrunken mit ihm in der Kiste landet.

Aber zurück zu dem jungen Mann, von dem ich eigentlich erzählen wollte: Er war also in einer anderen Liga. In der Kategorie 1- Sieht extrem gut aus, hat ein richtig gutes Auftreten ohne arrogant zu wirken, und ist sogar in der gesetzten Altersgrenze, aber leider sind das alles Kriterien, die mich völlig uninteressant für IHN machen.

Naja, und wenn man weiß, dass da nichts geht, braucht man sich auch nicht darum zu kümmern, richtig? Richtig. Irgendwann haben wir ein paar Pappnasen, die ungefähr alle 3 Jahre jünger waren als wir, auf dieser Party getroffen, die uns schamlos und dreist angebaggert haben. Es war ziemlich lustig, und die Jungs die größten Nervensägen die man sich vorstellen kann, aber hey, wir haben endlos viel gelacht. Auf einmal stößt der besagte Adonis zu uns, guckt mich ungefähr 10 Sekunden lang an und sagt: Ich musste jetzt lange genug zugucken, wie du dich von meinen betrunkenen Idiotenfreunden zutexten lassen musstest, können wir jetzt bitte heiraten?

Hey, ICH musste lachen, okay. Und ich möchte jetzt nicht viel darüber verlieren, dass der folgende Trip durch die Nacht extrem genial wurde und wir einfach wieder ein Gespann von fremden Nachtmenschen waren- ich möchte einfach nur sagen, dass es manchmal nichts mit Selbstvertrauen zu tun hat, wenn man glaubt, dass man nicht in der Liga eines anderen sei. Es hat viel eher was damit zu tun, dass uns Barbie und Ken vormachen, dass zwei wirklich bodenlos unanständig geile Menschen zusammengehören. Dabei kann es auch gut sein, dass nur einer von ihnen richtig geil ist, der andere aber genau das vorzuweisen hat, was diese Person gerade sucht.

Übrigens habe ich mich prächtig mit dem jungen Mann verstanden, und werde mich heute abend wieder mit ihm treffen. Nicht, um Kinder zu kriegen, sondern einfach nur um Spaß zu haben, und wieder eine wahllose Nacht in der Großstadt zu verbringen, die vielleicht zwei fremde Menschen in Sachen seltsames Aussehen näher bringt. Und ich werde definitiv nicht mehr in Kategorien denken, das hilft nicht. Einfach alles zulassen, nicht in Statistiken denken, und schon ist man in einer ganz anderen Welt,die um einiges mehr Spaß macht als das, was man vorher kannte.

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