Es ist mal wieder so weit, eine legendäre Kurzschluss Ausgabe ist am Start und die legendäre Franzi S., auch bekannt für ihren Super-Blog “Patsy Jones” (den es seit irgendwann nicht mehr gibt; ist euch aufgefallen, dass genau um die Zeit herum die Finanzkrise anfing, diverse Kriege gestartet wurden und die Welt generell nicht mehr schön ist?), hat einen Beitrag dazu verfasst. Mir gebührt die Ehre, diesen Beitrag hier zu präsentieren. Lasst uns nun beten dass Franzi bald wieder ihre eigene Plattform dafür hat und diese Erde wieder einen Grund zum Leben findet.
—Die heutige und bislang 4.Ausgabe von Kurzschluss behandelt das Thema Befreiung. Im folgenden Text steckt Wahrheit. Weitere Beiträge dieser Ausgabe findet ihr bei Bea, Cassiopeia (Gastbeitrag auf dem Neubaublog), Anna Licht und Patsy Jones (Gastbeitrag bei saripari’s septemberRave).—
Befreiung
„Weist du was das Tückische ist?“ Sie nahm einen Schluck aus ihrem Becher. Er war mit Wasser gefüllt. Er wunderte sich dass sie Wasser trank. Oder nein, vielleicht wunderte es ihn doch nicht.
“Was?“
“Solange du es versuchst, schaffst du es nicht. Es ist eine der wenigen Dinge im Leben die niemals gelingen, solange du es versuchst.“
Durch das milchige Glas der Tür erlebte er die Party ohne wirklich dabei zu sein. Er verlagerte sein Gewicht vom einen Bein aufs andere, es war ungemütlich auf der alten Holztreppe.
“Ich finde, man sollte es immer versuchen. Du kannst doch nicht ernsthaft glauben, dass Dinge sich automatisch regeln oder dass du wie von selbst zu einer anderen Person wirst.“
“Warum denn nicht?“ Sie schaute zu ihm hoch, während der Zeigefinger ihrer rechten Hand am Becherrand herumfummelte.
Er zuckte die Schultern. Was sollte er darauf jetzt sagen?
“Ich hab es so oft versucht.“ Sie schaute in die Ferne, als schien zwischen ihr und dem was da draußen war nichts zu sein, auch nicht die hohe, kalte Mauer, die sie mit ihren Augen beiseite zu schieben schien. „Alles was ich geschafft habe ist, dass ich wie angewurzelt stehen geblieben bin. Und wenn die Leute mir gesagt haben ´Trink ein Bier, dann wirst du lockerer´, dann hab ich innerlich genickt und gedacht wie Recht sie doch haben.“ Er schaute sie schweigend an. Ihr wortloser Blick, der hundertmal in einer Sekunde seine Aussage änderte – Sie hatte keine Ahnung wie sehr dieser Blick ihm gefiel.
Dann sah sie hoch, ihm direkt in die Augen und es erschreckte ihn, weil es nicht oft vorkam. Wenn er ehrlich war, lebte sie nur für sich. Für sich und die anderen sich´s drumherum, die ihr ähnlich waren. Oder es war eine falsche Annahme ähnlich all der anderen falschen Annahmen, die die Leute oft zu treffen schienen. „Ich seh es als Test mittlerweile.“ Sie lächelte. „Ich seh es als Test und wenn man es irgendwann schafft, nur noch sporadisch drüber nachzudenken… ich mein, über das was sie mir manchmal sagen – dann habe ich den Test bestanden. Und ich bin besser geworden.“
“Deine Selbstreflexion ist kein Nachteil.“
“Aber auch kein Vorteil. Weist du was beschissen ist? Man hat immer den verdammten Drang danach eine bestimmte Richtung einschlagen zu müssen. Wenn sie dir sagen, sei witzig, bist du witzig. Wenn sie dir sagen, hab Spaß, dann hast du Spaß. Wenn sie dir sagen, sei locker, dann bist du locker. Aber in jedem anderen Moment bist du witziger und lockerer und hast mehr Spaß als in diesem einen Moment. Du verarscht dich selbst, dein Leben lang.“
Wie Recht sie hatte, zumindest manchmal.
Er wollte irgendwas sagen, auch wenn er nicht so genau wusste, was seine Meinung war und ob es überhaupt nötig war eine Meinung über etwas zu haben was man ohnehin nicht aus der Welt schaffen konnte. Er hatte nur sein Leben lang daran geglaubt, dass man es versuchen muss. Versuchen, es den Leuten zumindest teilweise recht zu machen, ihnen irgendwie entgegen zu kommen. Es war einfach richtig. Er wollte nicht dazu gehören, nicht immer, nicht unbedingt. Aber es war richtig es so zu machen.
Sie dachte anders. Aus einer Mischung aus Bequemlichkeit, Resignation und Erfahrung dachte sie anders.
Dann lachte sie. Ein leises Lachen. Lachte sie sich selbst aus? Lachte sie die anderen aus?
„Ich schaffe es ungefähr drei oder vier Minuten lang so zu sein wie andere mich haben wollen.“, sagte sie leise. Entweder klang es traurig oder zynisch. „Und diese drei oder vier Minuten rauben einem eine Menge Kraft. In dem Moment wo du etwas anderes darstellen willst, brauchst du Energie. Künstliche Energie. Die du nicht hast. Nennen wir es mal so.“ Sie nahm einen Schluck von dem Wasser, dass sie sich zuvor aus dem Kran in der Küche in den Plastikbecher gefüllt hatte. Mittlerweile musste sie wieder nüchtern sein.
Da fiel ihm ein dass sie gar nicht besoffen gewesen war. Sie war es oft nicht. Aber die anderen waren es bestimmt mittlerweile.
Sie zog ein Gesicht als würde sie gleich irgendetwas weltbewegendes sagen. Manchmal erkannte er an ihrem Gesicht, dass es ihr peinlich war, wenn sie mal irgendetwas sagte, was zumindest in diese Richtung ging.
„Das Geheimnis des Lebens ist nicht, dass man ihm einen Sinn gibt. Das sagen sie immer alle. Mit dreizehn hab ich das auch gesagt. Ein Buch wollte ich schreiben und den Sinn des Lebens finden. Ich glaube den einzigen Schritt, den man im Leben zu gehen hat, ist der, dass man sich von anderen befreien muss. Von ihren Ansprüchen. Und es sind noch nichtmal richtige Ansprüche. Es ist manchmal nur so dahergesagt. Es ist die Gesellschaft… weist du. Es kotzt mich an. Aber sie meinen´s nicht böse.“
“Ich respektiere das, auch wenn ich selbst einer von ihnen bin.“ Sie nickte und murmelte etwas das er nicht verstand. „Glaub nicht, dass du weniger wert bist.“
“Nein, schon gut.“ Sie hatte den Kopf gesenkt. Er wusste nicht ob sie müde war oder weinte oder ihn nur einfach so gesenkt hatte. Manchmal hielt sie ihn einfach nur so gesenkt. Demütig und schüchtern. Eine Unsichtbare zwischen vielen Nichtvorhandenen.
“Jedenfalls ist es das.“, murmelte sie. „Und je älter ich werde desto besser ist mein Testergebnis. Und auch meine Meinung über die Leute. Eine Befreiung ist es nicht nur, auf die Ansprüche der anderen manchmal nicht mehr einzugehen. Es ist auch eine Befreiung, eine Hälfte der Schuld auf sich zu nehmen in allem was falsch läuft. Egal ob das gerecht ist oder nicht. Scheißegal.“ Zum zweiten Mal an diesem Abend ging ihr Blick durch die Wand hindurch. „Und ich gönne mir das, weist du? Ich gönne mir das, auf die dummen Wünsche und Ansprüche und die gesellschaftlichen Zwänge meiner Mitmenschen, meiner FREUNDE und meiner Familie nicht eingehen zu müssen aber ihnen gleichzeitig die Hälfte der Schuld abnehmen zu können. Man muss…“ Sie überlegte kurz. „Man muss ein Arschloch sein um ihnen an anderer Stelle wieder die Hände reichen zu können. Zumindest versuche ich das.“
Sie lächelte wieder. Dann stand sie auf und ging langsam die Treppe runter in Richtung Tür. Durch das milchige Glas der Tür erlebten sie die Party ohne wirklich dabei zu sein.
Ihr findet den Rest der glorreichen Kurzschlussbeitrage bei Herrn Hpunkt, besser bekannt als BastiH, dem Genie hinter diesem Projekt. Viel Spaß!