Archive of articles classified as' "Realitätsnah"

Back home

Naturgesetz

2/11/2008

Ich bin wie ein kleines Kind. Man muss mich einfach vor langen Fahrten zwingen, auf’s Klo zu gehen.

Bei genauerem Überlegen müsste man mich eigentlich vor allen Dingen des Lebens vorher zwingen, auf’s Klo zu gehen. So zum Beispiel jeden Abend, bevor ich mühevoll und betrunken auf mein Hochbett kletter, nur um 4 Minuten später völlig besiegt und entmächtigt wieder runterzukriechen um meine Blase zu erleichtern. Oder vor 5-stündigen Vorlesungen, wo ich eingekeilt zwischen 60 Komillitionen sitze und ein Aufstehen für eine halbstündige Unterbrechung sorgen würde.

Die meiste Zeit verbringe ich deshalb bettelnd und flehend, dass bald die Höllenzeit des Drucks rum ist und ich endlich die Erleichterung spüren darf (immerhin gibt es für mich täglich etwas, auf dass ich mich freuen darf, auch eine Art, sich selbst zu belohnen). Wir sind dieses Wochenende zu Freunden nach Hamburg gefahren, und original 4 Minuten nachdem ich ins Auto gestiegen bin (und wir waren sowieso schon tausend Jahre zu spät), verspüre ich nicht etwa einen ganz leichten Fieps, sondern den krassesten Drang seit Entstehung der Menschheit. Das liegt vor allem auch daran, dass ich Experte darin bin, einfach nicht die Toilette aufzusuchen, wenn ich nicht ganz dringend muss. Ich habe keine Ahnung, wieso. Und jedes verdammte Mal, wenn ich denke, “die paar Stunden hälst du das noch locker aus”, liege ich falsch und zittere vor Anspannung.

Das war auf der Rückfahrt eben auch nicht anders. Ich hab über den Tag verteilt mit Sicherheit sechs Liter Wasser, Glühwein, Kaffee, Tee und Bier abgepumpt, und die ganze Zeit (aus Faulheit) keinen Bedarf an Toilettengang gehabt. IN DEM AUGENBLICK WO WIR LOSFAHREN UND ICH ENTSPANNT DIE AUTOFAHRT GENIESSEN WILL, FÄNGT DIE PISSE AN NACH FREIHEIT ZU SCHREIEN. Ein verdammtes Naturgesetz. Und weil es mir so peinlich ist, die Fahrer ständig zu fragen, ob sie bitte mal anhalten könnten, muss ich dann auch jeden einzelnen Umweg mit Tränen in Kauf nehmen und hoffen, es doch rechtzeitig zu schaffen und mich nicht zu demütigen.

Bisher hat das wunderbar funktioniert, und ihr wisst gar nicht, wie gut es mir gerade geht.

6 Comments

WeltRaumZeitFremd

29/10/2008

Man merkt tatsächlich erst wie klein man ist, wenn man den Bezug zu dem Großen aufgebaut hat. Riesen Hörsääle für 600 Leute, und da sitzt man zwischen vielen anderen anonymen Gesichtern. S-Bahn, U-Bahn- einer steigt ein, einer steigt aus, und alle tragen dieselbe situationsbedingte Maske, die unverkennbar: NICHTS! schreit.

Da merkt man, wie sehr man sich verschätzt hat in seiner eigenen Selbstkentniss- dass man doch nicht so offen und flexibel und zugänglich ist, wie man immer dachte, weil man sich erschreckt, wenn man auf offener Straße angesprochen wird. Weil man an einer so großen Institution wie der Universität nur drei Leute kennt, und langsam keine Ausreden mehr einfallen, wie man mehr ansprechen könnte.

So läuft das. Auf einmal ist das Ego ganz klein und man fährt alleine nach Hause und scheut sich, lachend und tanzend herumzuspringen, so wie man es normalerweise cool finden würde, weil man keinen Namen hat, der das rechtfertigen könnte. Man muss jetzt langsam selbst anfangen, sein Haus zu bauen, ein großes Reklameschild dranhängen, und nicht nur mit dem Geburtsstempel der Heimatstadt gesegnet sein.

Das ist Bürde, aber mehr als das ist es Freiheit- denn man wächst. Man wächst mit jedem Wort, dass man an Fremde richtet, und man lernt sich selbst kennen. Fängt an, Menschen zu dutzen, weil man das hier eben so tut, auch wenn die Etikette einem anderes sagt. Man macht sich locker, auch wenn man für “Zu Hause”-Verhältnisse eben verdammt locker war, und noch lockerer ist nur ein Haufen Schnee auf einer Erdnuss.

Die Nachbarn kennen lernen- spätestens, wenn sie das Paket nach einer Woche immer noch nicht abgegeben haben. Den Chinamann untem am Haus testen, auch wenn er extrem unfreundlich sein soll. Den Typen am Kiosk grüßen, wo man jeden Tag seine Kippen kauft. Schritt für Schritt, langsam, aber irgendwann kommt man da hin. Und dann gehört die Welt mir.

11 Comments

L’Esprit D’Escalier

27/10/2008

Ich habe in meinen ewigen zwanzig Jahren nicht viel gelernt. Eigentlich gar nichts, außer dass man manchmal Klatschen verteilen muss, wenn man glücklich sein will. Und am Wochenende habe ich gelernt, dass es in Beziehungen immer einen kleinen, einzigartigen klärenden Moment gibt, den man ausnutzen sollte, selbst wenn es komisch ist. Selbst wen es der letzte Moment ist, den man hat.

Problematisch ist daran rein gar nichts außer die Angst, sich festzulegen. Was so armselig und feige klingt ist nichts anderes als Unsicherheit, fehlende Reflektion und Gedankenlosigkeit. Sich festlegen ist doch eigentlich genau das, worauf man sein ganzes verdammtes Leben wartet! Und endlich, wenn man die Entscheidung im Kopf getroffen hat, kommt etwas anderes im Bauch durch, das einem irgendwie vermitteln möchte: HALT. Es könnte ein Fehler sein.

Und so erklingt dieses Echo stundenlang durch den Kopf, bis die Tür wieder zu ist, der Puls runtergehen darf und das Adrenalin nicht mehr durch den Körper pumpt. Und hiermit bestätige ich mir selber, was ich die ganze Zeit ahnte: ES geht nicht. Beziehungen gehen nicht, nicht jetzt, nicht in näherer Zukunft. Denn egal wie ach-so-unabhängig und reif man zu meinen scheint, ich jedenfalls- da ist noch was anderes, was erst abgeschlossen werden muss. Etwas, dass nie ein Ende fand, nicht mehr existiert und sich doch noch in meinem Inneren fortpflanzt.

Es geht niemals darum, dass man sich anders entschieden hat. Es geht darum zu wissen dass man diesen Schritt, diese Entscheidung, dieses FESTLEGEN jetzt noch nicht bewältigen wird, nicht so, wie man es gerne hätte. Natürlich gehe ich das Risiko ein, dass es irgendwann zu spät sein könnte. Aber das zählt nicht. Es zählt nur die Zeit, die man sich nehmen muss, um den ganzen Sperrmüll aus dem Herzen entladen zu können um sich neu einrichten zu können. Ich will es nicht tun, um den Schmutz und den Schimmel zu überdecken und damit dem Nachrücker das Leben schwer zu machen. Ich will erstmal frei sein.

All das hätte man in diesem einen klärenden Moment noch erwähnen können, aber stattdessen steht man mit der Stirn an der kalten Wand und versucht nicht auf die schweren Schritte im Treppenhaus zu hören, versucht, nicht darüber nachzudenken was der andere gerade im Kopf hat, versucht alles, wie es ist, völlig in Ordnung zu finden. Versucht, das Gefühl der vielen Momente davor einfach einzusperren und niemals wieder rauszulassen.

5 Comments

Wirtschaft

23/10/2008

 Anmerkung: Bei erneutem Durchlesen fiel mir auf wie viele Rechtschreibfehler in diesem Text sind (also mehr als gewöhnlich, vor allem Groß und Kleinschreibung). Ich hab keinen Bock es zu editieren. Vielen Dank für euer Verständnis.

Vor noch ein paar Jahren hätte ich mir im Leben nicht vorstellen können, dass ich mich dazu entschließen würde, etwas wirtschaftswissenschaftliches zu Studieren. Und, geben wir es zu, genau das hätte ich sowieso getan, selbst wenn Potsdam andere zulassungsunbeschränkte Fächer angeboten hätte. Damals habe ich gedacht, ich würde schreiben, oder in irgendeiner anderen Form etwas freies, kreatives ausüben. Scheisse, es gab eine Phase, da wollte ich Tauchlehrerin auf einer Insel werden! Und jetzt sitze ich vor einem Dozent, der mir etwas über ein Buch erzählt, dass er Verkaufen will, und in vier Stunden Vorlesung dabei mindesten dreihundertmillionen Paragraphen aus dem BGB auflistet, die diesen Vorgang einschränken, ausweiten, niedertreten und völlig in Luft auflösen.

So ist das. Und wenn ich mich im Hörsaal umschaue, der auch nur so voll ist, weil mindestens 400 andere Idioten auch keine andere Universität außer Potsdam als Lösung ihrer studentischen Probleme sahen und sich nun mehr oder weniger glücklich für VWL (und Russistik) eingeschrieben haben, dann glaube ich kaum, dass viele von denen schon immer den Wunsch hatten, in Richtung Wirtschaft zu gehen.

Ich meine, als Kind oder Teenager hat man die Vorstellung von einem praktikablen Beruf. Arzt, Feuerwehrmann, Rockstar. Das sind die Dinge, die man greifen, sehen kann, die einen Ruf haben, gut oder schlecht. Wer in die Wirtschaft geht - als Berater, Unternehmer, Fachidiot vom Dienst - der hat entweder keine Vorstellung von dem gehabt, was er wollte, keine anderen Möglichkeiten gesehen, weil seine Leistungen zu schlecht waren, oder …

Oder man will eigentlich in einen ganz anderen Bereich, sieht die Wirtschaftswissenschaften allerdings als beste Einstiegsmöglichkeit dafür.

Und an dieser Stelle lachen mich 400 Idioten aus, weil wir alle zusammen wissen, wie verdammt utopisch diese Vorstellung eigentlich ist. Unsere Dozenten nehmen sich auch nicht genug dabei zurück, uns genau das unter die Nase zu halten. Wer VWL studiert, hat verloren. Oder man ist ein sehr idealistischer Weltenveränderer, der erst die Macht ergreifen und dann die Revolution kontrollieren will. Aber da sehe ich mich überhaupt nicht.

Ich sehe mich auch nicht als stinkreiche, herzlose Managementschlampe, Bankentussi oder.. sonstirgendwas.

Ich wollte sozusagen der Feuerwehrmann sein, und sitze genau da, wo ich mir als 10-jährige die alten, langweiligen Spießer vorgestellt habe. Wollt ihr was wissen? Sie sind auch tatsächlich so. Die Professoren, die Tutoren (oh Gott, ich weiß nicht, ob es an Potsdam, Brandenburg, VWL, Wirtschaft, Studium, Uni, oder dem Alter liegt, aber das Klischee NERD ist von meinen Tutoren in einem Umfang unterstützt worden, dass es fast schon beängstigend ist), die Komillitionen, die Fetzen an der Pinnwand und das Essen in der Mensa- langweilig, fade, spießig, hässlich und völlig abseits vom Leben.

So abseits, dass ich heute tatsächlich auf das Pornofestival verzichtet habe, weil ich morgen früh aufstehen muss- Makroökonomik.

Das alles hört sich an wie klägliches Rumgeheule, den Eindruck wollte ich gar nicht vermitteln. Ich interessiere mich - auf ehrliche Weise- wirklich für die Wirtschaft. Wirtschaft ist so human gesteuert, und als Sozialwissenschaft so völlig nichtig. Für mich nicht. Für mich äußert sich im Kapitalismus mehr als in der Psychologie, die Systeme, die Theorien- all das macht für mir Spaß. Nur die Verpackung und der Werdegang- und meine wirtschaftliche Zukunft, wo wir schon dabei sind- sind die Sachen, die mir den Kopf zerbrechen. Und schließlich muss man ja auch mit dem klarkommen, was man sich ausgesucht hat, wenn man jahrzehnte lang ein beschissenes Bild davon hatte UND ES DANN AUCH NOCH BESTÄTIGT BEKOMMT (ist in etwa so wie mit vierzig festzustellen, dass man homosexuell ist, obwohl man es immer ekelhaft fand).

Aber so ist es jetzt, und vielleicht ist es auch gar nicht so schlecht wie es immer aussieht.

12 Comments

Easy Going

21/10/2008

Ich habe nie gewusst, wie schön es sein kann, einfach nur auf der Couch zu liegen und vor dem Fernseher abzugammeln. Jetzt werden böse Stimmen behaupten, ich hätte mein Leben lang sowieso nichts anderes gemacht, was vielleicht ganz rational gesehen auch stimmt, aber es geht um das FEELING, seht ihr, das FEELING.

Es geht darum, dass ich nicht auf der Couch gammeln müsste. Ich könnte jederzeit rausgehen und das ausgiebige Nachtleben genießen. Ich könnte auch einfach lernen oder aufräumen oder Geld ausgeben oder mich mit Freunden treffen oder Kunst machen, meinen Körper mit Schokolade beschmieren und die Ameisen zählen, die auf mir rumturnen- aber NEIN. Es muss gar nicht sein, jedenfalls nicht jeden Tag, denn gammeln mit den Mitbewohnern ist schon so entspannend genug, es ist einfach eine einzige Genugtuung.

Der Unterschied zu früher ist der Ort und die Freiheit, die ich dabei habe. Bei meinen Eltern musste ich gezwungenermaßen gammeln- gab ja nichts anderes zu tun. Der Job in der Videothek hat das natürlich mit kostenloser DVD-Berieselung unterstützt, Geldmangel war ein essentielles Problem in jeglicher Planung- ganz zu schweigen von der Entfernung von mir zu Hause bis zum nächsten Ort der Freizeitbeschäftigungen. Was konnte man anderes machen außer zum Launenkiffer und Ständigsäufer zu werden? Genau, nichts. Und unter der Furchtel der Erziehungsdrachen macht’s um so weniger Spaß.

Jetzt ist kochen, gammeln und hin und wieder mal abspasten angesagt, und ich glaube, ich habe tatsächlich die richtige Entscheidung getroffen (außer mit der Uni. Aber das besprechen wir ein andermal..).

5 Comments

Mitfahrgelegenheit

17/10/2008

Ich bin wieder zurück in Berlin. Und wie ich zurückgekommen bin, war eine der lustigsten und spannendsten Erfahrungen meines ganzen Mitfahrgelegenheitslebens.

Fünf völlig fremde Menschen auf engem Raum. Acht Stunden Fahrt, staubedingt, und endlose Diskussionen über die Gesellschaft, Banken, Machtverhältnisse- ein reiner Kopffick. Normalerweise bin ich froh, auszusteigen- diesmal konnte ich es nicht, ohne Nummern auszutauschen und High Fives zu verteilen. Achtzig Prozent Ausländeranteil, jeder aus einer ganz anderen Region, und was uns einte war die gute Musik, die jeder mal mit seinem MP3 Gerät auflegen durfte.

Nach zwei Stunden wurde dann eine Socke voller Weed Tüten ausgepackt, dann war’s endgültig vorbei. Alle dreiviertel Stunde wurde eine zwanghafte Pinkelpause eingelegt, gekifft, weitergefahren. Herrliches Abenteuer. Im Teufelstal den Fressflash bei BK erledigt, und ab ging die Post. Gegen Ende wurde es etwas ruhiger, die gesellschaftskritischen Stimmen wurden müde und belegt, und schließlich kam mir die Heimat so entspannend und berauschend entgegen, wie sie es nur sein konnte.

Es war gut, dass ich nochmal zu Hause war. Denn jetzt fühlt es sich endlich so an, als wäre ich angekommen. Und das ist verdammt noch mal gut.

8 Comments

Sieben Tage Wach

9/10/2008

Ich muss sagen, diese Woche hat mich echt gut gepackt. Vom Umzug über Großstadt bis Uni ist ungefähr alles mit drin gewesen, inklusive der Tatsache dass ich die letzten 4 Tage insgesamt bestimmt 13 Promille hatte und unter einem enormen Schlafmangel leide. Macht aber alles nichts, schließlich ist man nur einmal jung.

Trotzdem bin ich fast am Rande des Tränenausbruchs. Erstens ist die Wohnung, die WG, auf einmal leer- Jules ist nach Hause gefahren, mein einziger Berlin-Kontakt ist gleich mitreingesprungen, und der lustige Teil meiner Wohngemeinschaft ist auch auf Heimspiel. Es ist durchaus etwas anderes, wenn man umzieht, so weit weg von seiner gewohnten Umgebung, wenn die beste Freundin dabei ist, und seit heute morgen ist sie nun weg und ich hab nichts besseres zu tun als zu putzen und mich um bürokratischen Scheiss zu kümmern und Itunes neu zu installieren, was ich sonst nie, NIEMALS machen würde, weil es mich nicht bockt.

Und dabei ist es erst nachmittag.

Vielleicht wird es einfach mal Zeit, loszulassen. Von allem, was man kennt, auch von den guten Dingen. Trotzdem fühlt es sich sehr strange an, alleine zu sein, niemanden anrufen zu können um spontan was zu unternehmen. Und am meisten stört es wenn ich mir überlege wie die jetzt alle daheim Party machen und ich hier sitze. Okay. Ein paar Tage noch, dann ist das auch rum. Hoffentlich.

7 Comments

Hauptstadt

4/10/2008

Ich habe lange überlegt, warum ich eigentlich nach Berlin wollte. Gestern sind mir diese Gründe alle auf einmal wieder eingefallen- und das, nachdem ich schon in Panik und Verzweiflung wochenlang glaubte, dass ich die falsche Entscheidung getroffen hätte.

Das erste Mal, als ich Berlin besuchte, war ich 14 Jahre alt und mit meiner Mutter zu einem ihrer Religions-Seminare unterwegs. Da sie den ganzen Tag beschäftigt war, konnte ich mich in irgendwelche Busse oder U-Bahnen setzen und durch die Stadt düsen. Ich hatte damals erst ganz frisch noch einen Film über Hitler, den zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit gesehen, irgendein grottenschlechter Spielfilm. Aber dennoch blieben die Bilder im Kopf- und als ich in Berlin war, spürte ich genau, was dieser Film versucht hatte zu sagen.

Berlin ist eine historische Stadt- aber so frisch die Wunden und Narben, dass man die Geister der Vergangenheit an jeder Ecke spürt. Reichstag, Siegessäule, Brandenburger Tor- das sind zwar nicht unbedingt die Orte, an denen ich mich jetzt aufhalte, aber es sind die Stellen, die einen immer wieder faszinieren, daran erinnern, was passierte. Das Grundgesetz ist auf jedem wichtigen Gebäude abgedruckt oder erwähnt, die anti-faschistische Szene in Demos so präsent, dass man kaum weggucken könnte. Selbst wenn man es wollte.

Es hat mich erschlagen, aber nicht negativ. Nach der ganzen Tourirunde fühlte ich mich auf einmal belebt, wenn teilweise auch depressiv und vom Weltschmerz überkommen. Aber es war gut- denn Berlin zeigt dir nicht, wo die Moderne liegt, nicht irgendeine außergewöhnliche Schönheit, sondern klipp und klar das, was eine europäische Großstadt einfach ist- dreckig, laut, und voller Geschichte. Das packt mich, das fesselt mich.

Aber so einen Strebergrund brauch noch nicht mal ich, um Berlin gut zu finden. Natürlich gibt’s ranzige, unsympathische Orte und Seiten- aber größenteils ist diese Stadt einfach der Inbegriff von Freiheit und Ausbruch aus schrecklichen Systemen, jedenfalls für mich. Da gibt’s noch eine gewisse Undergroundszene an Kunst und Musik, an Gruppierungen und Lokalitäten, die ich entdecken möchte. Klar gibt’s das auch in Frankfurt- aber nicht in diesen Ausmaßen. Im Übrigen ist Frankfurt auch viel schöner und hat einen klareren Großstadtflair, wohl wegen der Skyline. Auch das Mainufer ist gepflegter. Nur ist es niemals so entspannt und doch gereizt und gefährlich.

Es gibt noch viele andere Gründe dafür, warum ich hier bin. Die sind allerdings nicht mal im Ansatz nachvollziehbar, muss auch nicht sein. Mir geht’s grad gut, und ich hoffe nur, dass es für eine Weile auch so bleibt.

8 Comments

Walking on a Dream

19/09/2008

Was passiert, wenn Sara mal für einige Tage ihre gewohnte Umgebung verlässt? Genau, sie züchtet eine Pickelanlage im Gesicht, hat plötzlich Lippenschimmel und darf die nächsten drei Tage mit einer halbseitigen Gesichtslähmung verbringen, weil die Zähne langsam abfaulen und der Schmerz mit Drogen betäubt werden muss.

So viel zum Stress im Berlin, der mir meine letzten physischen Kräfte geraubt hat. Ich fühle mich elendig beschissen, insbesondere nach der anstrengenden Fahrt. Ich werde außerdem ab sofort auf Menschen hören, die mir einen Tipp zum Umgehen diverser Baustellen geben möchten. Fulda und die A66 ist ein Arschloch.

Berlin war unspektakulär, aber stressig. Durch das ganze rumgeier um von einer WG-Besichtung zur nächsten zu kommen, kenne ich mich in diversen Gegenden, oder zumindest auf dem Öffi-Plan so gut aus wie sonst keiner, der auch nicht in Berlin wohnt. Ich habe mir die Hacken wundgelaufen, für 10 Euro Sushi gegessen, Dönerbudenquartett gespielt und wie ein Stein geschlafen, wenn ich abends müde in meine Herbergs-WG kam. Ich habe mit meinen Freunden gekocht und mich totgelacht, aber ich hatte auch  3 Tage lang durchgehend Kopfschmerzen und durfte zu guter letzt auch nur noch veganisch frühstücken (Café Morgenrot, sehr empfehlenswert, am Prenzlauer Berg- tolles Brunch, man muss sich aber auf eine extreme Kommune einstellen, die sich da rumtollt).

Ich habe, um das Wichtigste zu erwähnen, die Abgründe der Menschheit gesehen. Das mit der WG-Suche hat sich als schwieriger herausgestellt, als ich dachte. Denn wenn man viel zu spät mit ungefähr 4 Millionen anderer deutscher oder nicht-deutscher Studenten nach Berlin ziehen möchte, kann es sein, dass der Ansturm auf die WG’s krass ist. Kann sein. Und in was für WG’s ich teilweise hausieren gegangen bin, war nicht mehr feierlich. Das war Gestank, das war Scham, das waren die größten und uncoolsten Nerds, und das waren Leute, die so cool waren, dass ich beim Eintritt in die Wohnung direkt erfroren bin. Und dann war da noch die eine Wohnung in der Fennstraße, die als “Mitte” betitelt wurde, aber eigentlich schon zu Wedding gehört- und in diese Wohnung, in dieses riesige DING habe ich mich verliebt, samt Besetzer, was natürlich ein Vorteil war. Und nach 3 Tagen des Bangens- naja, wohne ich wohl ab dem 1. Oktober dort. Genau dort.

Und wenn ich das so schreibe, bekomme ich eine Gänsehaut, weil ich es gar nicht wirklich glauben kann.

10 Comments

Berlin, Berlin

15/09/2008

Ich bin quasi so gut wie im Auto nach Berlin. Die Sachen gepackt und voll getankt und Schlafsack im Kofferraum. Ich glaube, ich könnte mich mehr darauf freuen, wenn ich nicht wüsste dass ich die nächsten Tage gestresst durch das kalte Wetter marschieren und Leute darum anbetteln darf, bei ihnen zu wohnen. Hallo, mein Name ist Sara, ich bin zwanzig Jahre alt, stehe auf Knoblauch und werde mir ganz sicher nicht die Fusel aus dem Bauchnabel pulen wenn ihr dabei seid.

Wie soll das eigentlich noch weitergehen mit mir? Ich werde dann also wohl VWL und Russisch in Potsdam studieren und jeden Tag eine Millionen Stunden pendeln dürfen. Bafög wird’s wahrscheinlich erst Anfang Mai nächsten Jahres geben und das mit der Wohnung ist auch eher utopisch. Zeitweise liebäugle ich mit dem Gedanken, mich beim Auswärtigen Amt zum gehobenen Dienst zu bewerben und andererseits hoffe ich ja immer noch auf das Nachrückverfahren für Wirtschaftskommunikation.

Meine Mutter ist nur noch am Weinen, weil mein großer Bruder durch den Bund für einen Einsatz in den Kosovo musste. Aufbauhilfe, aber nichtsdestotrotz- und jetzt weint sie nur noch heftiger weil ich in zwei Wochen auch abdampfe, adios amigos, danke dass ihr mich großgezogen habt und jetzt tschüss. Ich bin mehr als dankbar, dass es meinen kleinen Bruder noch gibt, der sie die nächsten zwei Jahre zumindest auf Trab halten wird, und ich bin froh, dass sie selber Studentin und damit beschäftigt ist. Und trotzdem bricht es mir das Herz, mich verabschieden zu müssen, zumal sie mit dem guten alten, nebenbei erwähnt ziemlich exzentrischen, gestörten Vater noch mehr Zeit alleine verbringen muss als ihr wahrscheinlich lieb ist– naja, vielleicht muss auch einfach nur ICH lernen, von meiner Mutter abstand zu finden. Es ist fürchterlich, total das Mamakind zu sein.

Tja, alles philosophieren hilft jetzt wohl auch nix mehr- ich fahre nach Berlin, und ich werde dahin ziehen, und ich werde ein neues Leben beginnen, und es ist strange und gut und eine einzige Horrorvorstellung und ich glaube, ich bin genau das, was man einen phlegmatischen Träumer nennt- oh man, wünscht mir Glück.

11 Comments
Close
E-mail It