Es ist nicht vorbei, es klingt nur anders.
Posted: July 13th, 2009 | Author: septemberRAVEr | Filed under: Kopfschuss, Weltkulturerbe | 10 Comments »

Achtundvierzig.

Ich dachte ja dass die Zahl des Jahres “Zehn” sei (zehn Kilo mehr braucht es, um bei mir Ohnmachtsanfälle auf dem Stepper zu verursachen). Ich irrte mich. Achtundvierzig.

Achtundvierzig Mückenstiche in zwei Wochen. An Armen und Beinen, unter den Achseln, zwischen den Arschbacken, auf der Kopfhaut, unter den Füßen und an unerreichbaren Stellen am Rücken. Und das sind auch nur die, die ich bisher gezählt habe.

Achtundfuckingvierzig.

Das war Gottes Rache dafür, dass ich vor zehn Jahren meinen fünfjährigen Cousin der vorzeitigen Völlerei einer Hochzeitstorte beschuldigt hatte, die auf meine eigene Sündenliste ging. So ist das.

Ich kann keine kurzen Hosen mehr anziehen, weil die Leute denken ich hätte eine tödliche Krankheit. Meine Arme sehen aus wie Leprabefallen, ich kann nachts nicht schlafen weil ich mit Cowboyhut und Peitsche bewaffnet die Ecken meines Zimmers durchjage. Literweise Blut habe ich bisher verloren. Sie nennen mich die Quaddel-Queen.

Ameisen! Von mir aus, Ameisen kann man wenigstens ignorieren, oder EIDECHSEN, verdammte scheisse lieber Gott, GIB MIR EIDECHSEN WENN ICH NUR DIESE VERDAMMTEN MÜCKEN LOSWERDE! Andere Leute haben da mehr Glück als ich, die kriegen wenigstens noch sone coole Fledermäuse ab, die sie dann als Maskottchen im Schrank behalten dürfen. Währenddessen muss ich nacht für nacht bei gefühlten sechshundert Grad Außentemperatur im Schatten einen Frottee-Schlafanzug und Anti-Rutsch Socken anziehen um den nächsten Tag noch zu erleben. SOCKEN! BEIM! SCHLAFEN!

Und dann dieses Gesurre! Nicht, dass ich sowieso schon genug zu tun hätte und jeden Tag ins Bett kollabiere; in dem Augenblick, wo ich ins wohlverdiente Koma entgleite, fängt es an. Surrrrrr… und das im Doppler Effekt. Klatsch. Mein Ohr ist mittlerweile halbverstümmmelt von meinen nächtlichen Fehlschlägen. Aber das ist alles nur Ablenkung. Während ich mich mit den zwei todesmutigen Mücken in meiner Gesichtsgegend herumschlage, vergewaltigen zwölf andere meine Waden, Schenkel und die Haut zwischen meinen Fußzehen. Ich sehe aus als wäre ich von einer Cellullite-Seuche befallen weil die Narben Krater hinterlassen haben die der Kartographie eines außerirdischen Planeten entsprechen.

Und dann kommt sie, die Mutter-Mücke, und sticht mir, während ich in Späher-Position auf meinem Bett stehe und wie bekloppt in die Hände klatsche, direkt zwischen die Augen. Da tankt die Alte erstmal so viel dass ich ein bisschen ohnmächtig werde.

Das schlimmste: es ist kein Ende in Sicht! SIE SIND UNBESIEGBAR! Diese Steckdosenteile, eine Farce! Einen Vorrat habe ich mir gekauft, und was ist? Sie funktionieren nicht! SIE FUNKTIONIEREN NICHT!!!!!! Die Viecher tanzen drumherum als wären sie Diskokugeln, und den Suff ihres Lebens haben sie AN MEINEM WUNDERSCHÖNEN PRACHTKÖRPER.

Hausmittel, Schmausmittel! Alles habe ich ausprobiert, SOGAR NELKEN HABE ICH GEKAUFT, NELKEN! WAS MACHT MAN MIT DREIHUNDERTGRAMM NELKEN WENN SIE NICHT GEGEN MÜCKEN WIRKEN, HÄÄ, HÄÄ, KANN MIR DAS MAL JEMAND SAGEN????

Die Lotionen und Cremes– ich weiß nicht, ob sie an den Mücken funktionieren, ICH wäre allerdings fast selbst daran erstickt. Wenn ich es mir recht überlege, ziehe ich den Tod langsam sogar vor, wenn es so weiter geht. Mal unabhängig von dieser körperlichen Misshandlung, die mir nacht zu nacht vor den Augen der Welt zugefügt wird- ich kratze mich den ganzen Tag als hätte ich die übelste Sorte Geschlechtskrankheiten dreimal abbekommen und sehe dazu an den Armen auch noch so aus als käme ich gerade vom Nadelstrich für ‘nen neuen Schuss, weil die Stiche blutig sind. Wobei, zugegeben: mittlerweile wurde ich so oft gestochen dass mein Körper kaum noch Jucken signalisiert. Ein Anti-Allergen. Die Mücken und ich: wir werden eins.

Kein Licht mehr, schwitzend unter meiner Bettdecke, kotzend vor Nervosität, lauernd auf den Feind; so ist es im Krieg.

Ich habe Angst.


Posted: May 21st, 2009 | Author: septemberRAVEr | Filed under: Sperrmüll, Weltkulturerbe | 12 Comments »

Weil ich vor einigen Nächten im komatösen Zustand mein Mobiltelefon regelrecht von innen heraus zerfetzt habe*, musste ich mir übergangsweise ein altes Nokia-Feuerzeugfake ausleihen. Das aber auch hoffentlich nur bis nächste Woche, da müsste mein Sony Ericsson nämlich ankommen (nachdem mir die kleine ostsibirische Trümmerlotte von T-Mobile eigentlich ein iPhone zu traumhaften Konditionen versprach, nur um mich am nächsten Tag vom Rindvieh-Kollegen anzurufen und das Angebot zurückzuziehen, weil “ein interner Fehler vorlag”).

Anyway. Das Nokia Feuerzeug Modell ist ein Urgestein aus der Zeit des Handy-Hypes unter Jugendlichen, Kleinkindern, Yuppies und BCL**. Außerdem habe ich es nun so getauft, weil es tatsächlich Feuerzeuge in dieser Form gab (oder schändlicherweise irgendwo, vermutlich in Korea oder Taiwan, immer noch gibt) und ich im Übrigen keine Ahnung habe, wie das Teil wirklich heisst.

Da ist Snake drauf! SNAKE! Ich habe das letzte Mal Snake gespielt, da gab es noch nicht mal den Euro (achtung, hier wird schamlos übertrieben)! Und ich meine nicht das schäbige und völlig überbewertete Snake II, nein, ich meine das Originale Snake, das Snake. SNAKE! Ich raste gleich aus vor Freude!

Snake, man. Reiht sich direkt in die glorreiche Reihe der Spiele, die zu langen Toilettensessions führen: Tetris, Pacman, Minesweeper… Legenden in einer Jugendkultur, ein Muss für alle, die sich keine “richtigen” Konsolen (N64, ach du scheisse) leisten konnten… Ein Rekord nach dem anderen wurde im trägen Unterricht der achten Klasse geknackt, eine Liga der Profis, Freundschaften zerbrachen an dem riesigen Erfolgsdruck.
Jeder trug seine Zahl stolz auf der Brust. In den 69ern wurde mit Gewalt rebelliert. Wir erschufen neue Dimensionen der Langweile.

Als eben eine SMS ankam und dieser berühmte Nokia SMS Ton erklang, fühlte ich mich sekundenlang wieder wie fünfzehn: ich liege in der Sonne am örtlichen Skate Park, unter der Quarter Pipe, neben mir die Bong und meine Freunde, in meinem Gesicht ein verzocktes Grinsen und in meinem Magen absoluter Hunger-Aufstand. Die Skater skaten, wir rauchen und trinken, aus den Boxen dröhnt Ska- und Punk Musik oder die neue Aggro Platte (ich höre sie tatsächlich noch gröhlen… “Westberlin, West-West-Berlin”, “Wer hat das Gras weggeraucht? Der Neeee..”, “Dapdapapadaaadaaaa, dapdapapadapaaaaadaaa”, “Carlo Coxxx Nutten, du Opfer musst dich ducken”, “Ich mach dich nebenbei klar wie Snake, da wird gar nicht überlegt..”), und ich überlegte mir, welchen verpickelten Teenager-Typen ich wohl heute gut fand.

Es ist schon seltsam, was dieses Handy eben mit mir angerichtet hat. Eine verrückte Zeitreise in meine Vergangenheit; vielleicht das erste Mal, dass mir das bewusst passiert. Klar habe ich eine Vergangenheit, aber das mieste, an das ich mich erinnere, liegt nicht so weit zurück. Ein paar Jahre. Diese ganz besondere Erinnerung, an eine völlig andere Zeit, die ist irgendwie anders. Das ist nicht wie “letztes Jahr”, wo man sich noch in die Situation reinversetzen kann, nee. Das ist wie, als würde man sich selbst von außen betrachten, ohne wirklich einen Einblick zu haben.

Das ist einerseits schade, weil man tatsächlich nie wieder jung sein wird. Weil man doch nicht seine Versprechen sich selbst gegenüber hält- weil man irgendwann halt so wird wie seine Eltern, weil man doch nicht so cool ist, weil man nicht bis man 40 wird nur von Cornflakes zum Frühstück lebt und weil man nicht Skateboarder, Rockstar oder Tauchlehrer wurde. Sucks.

Aber es ist auch irgendwie gut. Tatsächlich erinnere ich mich nur noch an ein bestimmtes Bild, aber es ist ein schönes Bild. Weil ich mich selbst kenne, weiß ich dass es nicht so idyllisch gewesen sein kann. Trotzdem fühle ich das nicht. Und das heisst, ich bin nicht unzufrieden mit dem, was war. Und das heisst, dass ich vielleicht heute wegen etwas scheisse drauf bin, mich aber in vier Jahren nur noch an die guten Momente erinnere, oder zumindest an die, die es wert sind. Eine Ansammlung an Dingen, in denen die guten überwiegen und die schlechten vergessen lassen. Ein Freifahrtsschein zum Scheisse bauen.

Dieses Handy schickt mich echt auf Drogen. Jeder bräuchte mal in seinem Leben ein kleines und unbedeutendes Nokia, dass für einen Moment den Boden komplett wegzieht, einem ‘ne dicke Tüte in die Hand drückt (mit VORgebauten Blunts… VORGEBAUT!), einen falschen Ausweis in die Hosentasche steckt und Schule schwänzen lässt.

Tütütüt-tütüt, tütütüt.

*im Halbschlaf schön das Aufladekabel falschherum in das Handy gesteckt. Nachdem ich merkte, dass das Teil nicht richtig reinpasst, hab ich es einfach mit Anlauf bis zum Anschlag reingeballert. Das Kabel ist ganz, das Telefon ist quasi völlig traumatisiert nach diesem Angriff.

**Besonders Coole Leute


Posted: May 18th, 2009 | Author: septemberRAVEr | Filed under: Lärmforschung, Metropolis, Weltkulturerbe | 4 Comments »

Gestern habe ich mir, als ungefähr letzter Mensch auf diesem Planeten, auch endlich mal Berlin Calling angesehen. Nachdem ich ja schon seit Monaten den (überaus) großartigen Soundtrack besitze und Paul Kalkbrenner schon live erlebt habe, kam die Gelegenheit per Instant Messenger und einem Wochenende in Langweile zu Hause.

Um es kurz und knackig zu machen: So genau verstehe ich den Hype nicht. Lernt man einen Cineasten, Druffie oder einfach nur Berliner kennen, alle sind sich einig, dass dieser Film eine gewisse Bedeutung für die Berliner Techno-Subkultur trägt. Ich vermute dahinter allerdings blinde Loyalität zu einer sehr gerne gesehenen und vor allem auch erlebten Bewegung. Egal ob in den Clubs, auf den diversen Freiluft-Raves oder in der U-Bahn. Die Kids wollen Techno, auch wenn ich mich manchmal frage, ob sie es wollen, um eine Rechtfertigung für chemische Zusatzstoffe zu haben oder ob diese tatsächlich nur ein Mittel zum Zweck sind. Die Grenzen verschwimmen da sehr häufig.

Und so ging es mir auch mit diesem Film. Zugegeben, er war mir nicht unsympathisch, was wohl an der beruhigenden Deutsch-Film-Dramatik liegt, die nicht versucht, etwas aufzubauschen, das es nicht gibt (wie es etwa die amerikanischen Dramen gerne tun). Nein, die Geschichte war eigentlich recht langweilig, unspektakulär und vor allem: nichtsaussagend. Oder?

Noch mal von vorne: DJ Ickarus schiebt sich ein paar böse Teile in der Produktionszeit seines neuen Albums. Man sieht ihn in der Klapse auf einem Egotrip, er versaut sich seine Freundin, sein Label, sein Leben. Nach der Intervention seiner Familie und Freunde (die im Film recht kurz, bündig und selbstverständlich abläuft) geht es aber wieder bergauf, er stellt sein Album fertig und rockt alle weg. Und wenn ich das jetzt so trocken erzähle, dann nicht, weil ich zu einem Punkt kommen will, sondern weil der Film tatsächlich genau so gerade erzählt wurde. Drei Sätze. Das war es eigentlich auch schon.

Der Film überzeugt in seiner Schönheit, aus seiner Perspektive; ein Film, der auch ein großes Bild sein könnte. Auch wenn der Unterhaltungsgrad bei Berlin Calling nicht wirklich existent war, geben die Bilder vielleicht ein bisschen das Spiegelbild einer hedonistisch-ausgelassenen Kultur wider, welches sogar recht akkurat ist. Welche Stadt könnte da am ehesten als Sammelbecken für etwas so großes/gefährliches dienen?

Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte- man hätte auch beim Soundtrack bleiben können. Paul Kalkbrenner tanzt morgens wie in Trance zu Sky & Sand. Diese Szene alleine kompensiert die Schlichtheit des Filmes und ergreift mit einer Sehnsucht das Herz jedes Nachtmenschen, der sich für den Moment fallen lassen kann. Deshalb lege ich Berlin Calling denjenigen ans Herz, die beim Feiern mal ganz kurz die Luft anhalten sollten, bevor der Beat wieder losgeht.


Posted: May 13th, 2009 | Author: septemberRAVEr | Filed under: Sperrmüll, Weltkulturerbe | 6 Comments »

Ich bin süchtig.

Wer mich kennt, weiß ja, dass ich absolut markenresistent und völlig nach Bedarf einkaufe (ahem). Deshalb kommen solche Momente, in denen ich mich einem Konsumgegenstand vollständig und lückenlos hingebe, eher selten vor (ahem).

Wenn ich allerdings so weit bin, bringt mich nichts mehr von meiner Abhängigkeit runter. So ist das. Deshalb werde ich auch niemals Heroin spritzen, so naiv war ich schon einmal (beim Nikotin. Zugegeben, die Nach- und Vorteile der jeweiligen Drogen dürften riesige Unterschied aufzeigen, auf das Wesentliche beschränkt handelt es sich aber dann doch wieder um das Gleiche).

Und nun hat es mich wieder gepackt. Nie durfte meine Zunge etwas wohlschmeckenderes erspüren, nie hat es so geprickelt in meine Mundraum. Das Design der Verpackung, die ansprechenden Sommerfarben, der schlichte Duft der Chemie, der aus der Flasche tritt…

Ein Gaumenfick, ohne Zweifel, dieses Fritz-Limo Melonenbrause. MELONENBRAUSE! Allein dieser bodenständige Name,  der durch seine realitätstreue Aussage zu überzeugen weiß. Grün! Woher wussten die, dass ich auf grün stehe! Aufgewachsen mit Cornflakes, Snickers und Coca-Cola, DIE WUSSTEN DOCH DASS ICH AUF KÜNSTLICHE GESCHMACKSRICHTUNGEN ABFAHRE!

Tatsächlich: Ein Verbrechen an meiner Selbstbestimmung, ist das. Und damit verbleibe ich, bis ich das nächste Mal die Zeit finde, etwas mehr von meinen alltäglichen Aktivitäten schriftlich niederzulegen.

large Brauseparty

PS: Das Foto ändert sich bei jedem neuen Dailybooth Shot. Ich überlege, ob ich das in meinen Blog implementieren soll, aber da ich sowieso maximal alle vier Monate ein Bild machen werde, erübrigt sich das vielleicht.

Update: Beck’s macht jetzt Schleichwerbung, nämlich auf anderen Flaschen. Wie zum Beispiel Fritz-Limo Melonenbrause. Ich trink jetzt auch keinen Kaffee mehr weil ich vom ganzen Zucker hyperaktiv werde. Yeeha Cowboy!


Posted: April 8th, 2009 | Author: septemberRAVEr | Filed under: Metropolis, Weltkulturerbe | 5 Comments »

So, Musik zum Auf-der-Wiese chillaxen (das beste Wort, das BastiH je erfunden hat). Übrigens hab ich das Video jetzt doch wieder mit dem Movie Maker gemacht, weil ich mich in die anderen Programme (danke für die Empfehlungen!) noch einlesen muss. Außerdem ist es langweilig, aber die Musik ist da, also whatever.


Posted: March 12th, 2009 | Author: septemberRAVEr | Filed under: Weltkulturerbe | 8 Comments »

Entrüstung, Aufruhr, politische Phrasendrescherei und kleine Amokläufe in den Redaktionen: So oder so ähnlich wollte ich meinen persönlichen Winneden-Spektakel-Tag über mich ergehen lassen, nämlich nur vollgespamt mit hirn- und herzlosen Kommentaren von Schaulustigen und Klugscheissern, die mit ihrer moralischen Schwertspitzen jetzt die jugendliche Szene mit ihren Gewaltfilmen, Gewaltspielen und Gewalattitüden zerreissen möchte.

Herzlichen Glückwunsch. Jetzt redet man über verschärfte Kontrollen an deutschen Schulen, während U.S. Amerikaner sich wohl ein bisschen ins Fäustchen lachen, weil das Ausland sie immer für ihre unkontrollierbaren Kinder kritisiert hat. “Guckt euch erstmal selbst an”, werden sie sagen, “eure Waffengesetze haben euch auch nichts gebracht!”.

Tja, und jetzt gucken die ganzen Rentner und Pseudo-Intellektuellen (inkl. meine Wenigkeit) ohne jegliche Kritik in den Augen solch wahnsinnig aufklärende Sendungen wie “HartaberFair” oder die SternTV EXTRA EXTRA Reportage. Was will die Politik nun tun? Wie kann man den Täter “profilen”? Charakteristiken, Statistiken, Konsequenzen, Wortkotze von verkotzten Menschen.

Statements, die ich gerne korrigieren würde mit anderen Statements (wenn sie nicht von mir sind, dann kenne ich zumindest keine Quellen):

“Gewalttätige Videospiele müssen verboten werden. Natürlich wird nicht jeder, der Counter Strike spielt, zu einem Amokläufer- aber die labilen, schwachen und abgeschotteten Menschen unter denen werden es sein.”

Wenn es keine Spiele wären, wären es die Filme. Oder die Musik. Oder vielleicht auch die Küchenmesserdauerwerbesendung, die mich Tag für Tag daran erinnert, was das hier eigentlich für ein Drecksladen ist.

Wer labil genug ist, um jemanden umzubringen, braucht mit Sicherheit keine Inspiration mehr durch Spiele, weil er sich in die Rolle versetzen kann; der wird nämlich alternativ dazu auch einfach malen, wie er Leute umbringt, oder Cowboy & Indianer spielen, oder Katzen quälen. Aber es war ja bisher immer hilfreich, beim letzten, anstatt beim ersten Dominostein anzufangen.

Und von wegen, Counter Strike verführt zu Gewalttaten: Stellt euch vor, die dicken und hässlichen würden kein Counter Strike spielen! Wie würden die denn ihren Frust abbauen? Wir sollten uns eigentlich dafür bei den Produzenten bedanken! DANKE, Valve, dass ihr den Jungs virtuelle Knarren in die Hand drückt, um dem Großteil der abgesonderten und labilen Typen wenigstens im Internet ein zu Hause zu geben!

“Amokläufe passieren nur in Nordeuropa und Nordamerika, sonst nirgendwo. Das liegt daran, dass die Südmenschen (!!) ihre Emotionen rauslassen können, während wir darauf getrimmt werden, dies nicht zu tun.”

Genau. Südmenschen sprengen ja auch keine Häuser in die Luft, oder töten sich einfach TÄGLICH auf der Straße. Woran das liegen könnte? Gesellschaftliche Zustände. Oder politische (siehe Afrika?). Könnte sowas hier auch der Fall sein? Empörter Aufschrei! Niemals! Wir sind doch zivilisiert. Man beachte bitte nicht die zunehmende Individualisierung (ja, das konnte es unter Hitler noch nicht geben, weil es auch keine Außenseiter gab. Und wenn doch, dann gab es die jedenfalls bald nicht mehr).

Entschuldigung, wo haben diese Typen ihre Informationen her? Aus dem Erfurter “oh wir sind so schockiert” Müll, der seit 2003 noch aufbewahrt wird? Vielleicht liegt es an dieser ganzen Medienaufpeitscherei, dass hier weiterhin Amokläufe stattfinden. Klar haben sich die Täter an Vorbildern á la Columbine orientiert, oder an Erfurt, oder den zig anderen Amokläufen. Haben sich das angeguckt, haben sich irgendwie Waffen besorgt, und sind zu genau dem gleichen traurigen Ruhm aufgestiegen- sind ein Mysterium für die Ewigkeit geworden, die Hall of Fame der unverstandenen Generation. Unser Kandidat dieses Jahr hat sich das ganze auch noch zum Spaß gemacht und sich seine eigene Real-Life-Map erstellt (wo wir wieder bei Videospielen wären)- ist durch die ganze Stadt gerannt, hat Leute abgemetzelt als wäre es ein einziges Abenteuer, und dachte sich bestimmt: “Ich knack den Rekord, ich hau mehr um!”.

Falsche Idole, die wir erschaffen haben. Wie wäre es denn, wenn man von einem Amoklauf berichtet, ohne den Namen des Täters zu nennen, ohne ihn zu charaktersieren. Ohne übertriebene Berichterstattungen? Ohne dieses ganze “WARUM?” (übrigens mit ziemlicher Sicherheit ein Relikt aus Journalistenspässchen, diese ganzen Zettel und Kerzchen am Tatort- wer zur Hölle ist davon denn so unbetroffen, dass er da eiskalt einfach Stunden damit verbringt, ein Blutbad zu dekorieren?), ohne die Schreie, die Nacherzählungen und das Echo, das jedes VERDAMMTE Mal folgt.

Ich sage nicht, dass es damit vorbei wäre- ja, vielleicht gibt es in Zukunft Drive-By Shootings, oder andersweitig tragische Situationen. Aber letztendlich wäre dieser Ruhm kein Anlass mehr, sich zum Opfer und Täter seiner eigenen Gesellschaft zu degradieren. Dieser Typ, der diese Waffen nahm und damit seine ehemaligen Mitschüler und Lehrer abknallte um dann seinem eigenen Leben ein Ende zu machen- ist jetzt unsterblich geworden. Und dafür sind nur wir selbst verantwortlich zu machen.

Videospiele sind der Sündenbock für die Politik, die augenscheinlich nichts falsch gemacht hat. Die ganzen Hetzer werden jetzt auf “diese verkommene junge Kultur” blicken und sich fragen, was eigentlich in unseren (ja, in UNSEREN, immerhin gehöre ich auch noch in die Reihe verdorbener Jugendlicher) Köpfen vorgeht, was schief geht.

Ich weiß es nicht. Aber ich will es mir auch gar nicht anmaßen, irgendwelche Interpretationen rauszuhauen. Letztendlich kann das auf so viele Dinge zurückführen, die wir alle nicht verstehen können. Aber wenn wir es schon zulassen, dass so viel darüber geredet wird, dann müssen wir es uns auch eingestehen, dass jeder genau das bekommen hat, was er wollte.

Außer die Toten.


Posted: February 15th, 2009 | Author: septemberRAVEr | Filed under: Weltkulturerbe | 6 Comments »

Ich war mit fünfzehn jungen Jahren mal in einem üblen Schuppen, wo ich das erste Mal etwas vom Genre “Indietronix” hörte und mich der rockig-punkigen Stimmung auf tanzbarem Hintergrund hingab. Trotz des Schweißes, trotz des Gestanks (wobei damals kein Rauchverbot herrschte und es deshalb angenehm genug war), trotz der rumspringenden Menschen (wer wusste mit 15 schon, wie getanzt wird?), trotz der Bierfahnen und der Tränen in den Augen vor Extase.

Wir hatten keine Kameras, wir sahen alle scheisse aus in zerfledderten Jeans und Pullovern, wir waren bei weitem nicht die Ältesten und bei weitem nicht die Jüngsten, wir haben nur Bier getrunken weil es nichts anderes gab, unsere Jacken lagen irgendwo in der Ecke des Clubs übereinandergestapelt weil Gaderoben überbewertet wurden, gepinkelt wurde hinterm Busch, acht Stunden später gekotzt und irgendwann torkelte man dann mit zitterenden Händen nach Hause. DJ’s gabs damals irgendwie auch nicht.

Ich war vor einigen Tagen in einem “Club” in Friedrichshain der in etwa genau das aussagen wollte, was ich vor Jahren selber gespürt hatte- nur leider nicht konnte. Und obwohl ich heute solche Musik nicht zum Tanzen sondern zum Autofahren bevorzuge und die Location alles andere als praktikabel für meinen geradegeschnittenen Pony ist, fand ich es trotzdem gut, weil ich mit meinen wunderbaren Freunden da war und Spaß haben durfte. Aber irgendwas war anders. Ich habe mich beobachtet gefühlt, als hätte ich mein Leben bei HotOrNot.com abgegeben und darauf gewartet, von Gleichgesinnten bewertet zu werden. Frei nach dem Motto: Wer kann am besten wild, dreckig und beschissen aussehen? Ja, klar- eine Beobachtung aus dem Augenwinkel, ein hintergründiger Gedanke ohne tatsächliche Bedeutung, wenn da nicht dieser Artikel gewesen wäre.

Ich hatte meinen Spaß im Club, aber ich habe vor einigen Tagen einen Artikel gelesen (danke an R.), der das ganze wieder auf den Boden der Tatsachen brachte. Der Tod der westlichen Kultur- der Hipster-Zombie. Und jetzt fiel es mir auf: Es reihte sich eine Röhre neben der nächsten, eine 70er Jahre Brille nach der anderen, in Reihenfolge wurde jeder gegen die Wand abgelichtet, sie sahen gleich aus aber anders, unterhielten sich über “The Indie Shit of the Month”, über die neuesten Insider Trends in Sachen Berliner Boutiquen, über Sushi über American Apparell über Vice über Apathie über Electro über neue Hi-Tops über Anti-Frisuren über KOTZ.

Mir war das vorher nicht bewusst. Mir war nicht bewusst, dass diese Welle des ätzendsten Trends aller Zeiten jetzt auch Deutschland erreicht hat. Ja, in den USA gibt es sowas- in den USA nennt es sich “White Trash Movement”, jedenfalls betitel ich es als genau das- in den USA gibt es sowieso alles im Überfluss. Von mir aus auch in der Neo-Hippie Hochburg Barcelona, maybe in Paris, wo man das neue Elektro erfand. Aber jetzt ist das Fotografieren mit der analogen Kamera eben doch nicht mehr so einfach wie noch vor einigen Wochen, nicht mehr so belanglos, nebensächlich- meine analoge Kamera hat eine exorbitante Bedeutung, für die ich mich im Prinzip rechtfertigen müsste.

“Ich bin kein Hipster”, würde ich gerne sagen, aber wenn man mich so gesehen hätte, in diesem Schuppen- Leggings, langes Oberteil, Red Bull in der Hand, scheiss Pony mit dem ich aussehe wie eine Trompete, High-Tops, Lederjacke. Dann die analoge Kamera in der Tasche, der ausgeleierte Techno-Tanzstil der überhaupt nicht geht und das disaströse Mitgröhl-Fieber, dass einen eben bei Indie-Musik packt. Die Fluppe im Maul, diese hemmungslose Apathie, wenn es sowas gibt.

Ich bin zerstört, innerlich, weil ich der Überzeugung bin, dass ich so Aussehe, wie ich eben aussehen will- weil es mir steht oder eben auch nicht. Ich weiß, dass ich High Tops auch früher gut fand und früher auch welche hatte- aber hatte ich so viele Paare? Ich weiß, ich habe Röhrenjeans gehasst, jetzt hab ich drei, plus ungefähr zweiundachtzig Leggings. Ja, der iPod war auch schon vor 4 Jahren da, die Lederjacke auch– aber die analoge Kamera nicht, und der pinke Nagellack auch nicht, und die gerafften Kleidchen auch nicht.

Ein 360° Blick sagt aber alles- war es bei ihnen vielleicht nicht genauso? Ich verurteile keine Trends, nur Leute, die ihnen blind und ohne Ansporn hinterherrennen. Wenn Leute nicht raffen, warum es den Trend gibt, wie er entstand, sondern einfach meinen: Hey das sieht gut aus so bin ich jetzt auch. Okay, fand ich ätzend, und ich bin immer der Meinung gewesen, ich müsste ihnen einfach nur nicht folgen. In Retroperspektive betrachtet habe ich mir meistens das Beste rausgenommen und es für mich verwertet. Diesmal ist es anders. Diesmals passe ich so perfekt in dieses Bild rein. Diesmal muss ich mir die Frage stellen: Bin ich so, weil ich so bin, oder bin ich so, weil ich so wurde?

Da streife ich in meiner Überheblichkeit also monatelang durch das Gefilde der Hipster und verurteile sie gleichermaßen ohne einen Moment stehen zu bleiben und darüber nachzudenken, ob das, was ich tue, nicht schon wieder einfach fremdbestimmt ist.

Habe ich ein Problem damit, dass ich (schon wieder) zu einer Masse gehöre, die blind irgendwelchen hedonistischen Prinzipien verfolgt ohne jegliche essentielle Motivation? Ich glaube nicht. Ich glaube, ich fühle mich sogar eher wohl, wenn andere so sind wie ich oder ich mich dazugehörig fühlen kann. Das mag man verurteilen, wie man will, ich brauche nicht anders zu sein, weil ich das schon mal hatte und mich darin scheisse fühle. Mein Problem ist, dass der Sinn dahinter nicht besteht, dass ich keiner Gruppierung zugehöre, die Iros auf dem Kopf trägt als Symbol für eine Bewegung- politisch, musikalisch, naturwissenschaftlich, scheisse. Ich glaube, ich gehöre einer Gruppe von Menschen an, die sich in Stil- und Stillosigkeit verirrt. Ich gehöre zur Null-Kultur. Ich gehöre in die ganzen pseudo-ranzigen Clubs, die eine hammerharte Techno Line-Up haben. Ich gehöre auf ein MGMT Konzert, ich gehöre in die MySpace/Facebook “Ich zähle meine Freunde” Gruppe, und wenn man mich sieht, dann fragt man sich am liebsten: Scheisse, wo hat die eigentlich diese geilen Schuhe her?

Leider ist das hier nicht Fight Club, das ist nicht etwas, dass man ausspucken und bekämpfen und verachten und ignorieren kann. Das hier ist nichts mehr, von dem ich mich distanzieren und belächeln kann. Ich gehöre jetzt da rein, gewollt oder ungewollt, und muss sich mit einer grundlegenden Frage rumschlagen: Wo bin ich gelandet?

Vielleicht wäre aber eine andere Frage viel wichtiger: Warum störe ich mich so sehr daran? Es stört mich doch auch nicht wenn ich die Brandenburgkarrieren sehe- die Jacquelines mit den weißen Stiefeln und der Solariumbräune und den Machofreunden und dem aufgesetzten IschNixDeutsch und die blondieren schwarzen Haare mit Ansatz und Extensions und Oberlippenpiercings. Nicht unbedingt meine persönliche Augenweide, aber ich kann sie hinnehmen, akzeptieren, tolerieren und in manchen Fällen sogar ganz gut damit klarkommen, habe Freunde, die so sind, ohne sie zu verurteilen. “Die sind halt so”, und ich glaube es ihnen auch.

Wenn ich aber jemanden sehe, der Creolen trägt, American Apparel XS Kleidchen auf lila Leggings mit Nike High Tops, Kippen aus dem Softpack in der Hand hält und Blümchenmusterfahrrad fährt, dann möchte ich aufschreien und kotze ein bisschen vor mich ihn. Ich will hingehen und sie am Kragen packen und fragen, warum sie so aussehen, warum sie das cool finden, warum ICH das cool finde, warum die nichts mehr auf die Reihe kriegen, warum ich nichts mehr hinbekomme, warum das jetzt auf einmal In ist, so zu sein–

Ich passe da so wunderbar rein, in dieses Bild, und ich wüsste einfach so gerne, wieso. Das ist alles.

Update: Link funktioniert jetzt! Lest den inspirierenden Artikel hier.


Posted: January 30th, 2009 | Author: septemberRAVEr | Filed under: Weltkulturerbe | 9 Comments »

Ich hab nicht viel zu sagen, weil alles, was ich sagen würde, mich und andere in tiefe Depressionen stürzen würde. Das, oder ich kann es einfach nur nicht formulieren, was irgendwie für mich das Gleiche ist.

Ich hab mir in meinem Leben eigentlich nicht viel gewünscht; tatsächlich habe ich nie irgendwas von irgendwem verlangt, materiell gesehen. Aufmerksamkeit, Musik und einige geringe Kalorien reichen, um meine Existenz abzusichern. Momentan keine wirklich besondere Existenz.

Aber wenn es eines gab, was ich mein Leben lang wollte, dann war das ein Begleiter, der mich mental festigt. Kein Hund, auch keine Katze- die würde ich sehr schnell wahrscheinlich töten.

Ich wollte schon immer eine Schildkröte. Einen Opa-Ersatz. Ein Tier, das mich mit Weisheit gegen die Wand klatscht. Eines, dass ich nicht auf seinen Knuddelwert reduziere, sondern in seiner ganzen Form wahrnehmen kann. Ich weiß nicht, wieso, ich weiß nicht, wie es kam. Ich weiß nur, wenn ich das sehe, muss ich weinen, und zwar ganz stark, und kann mich auf nichts mehr konzentrieren, und bin wieder ein kleines Mädchen mit unheimlich viel Liebe in mir.


Posted: October 29th, 2008 | Author: septemberRAVEr | Filed under: Weltkulturerbe | 11 Comments »

Man merkt tatsächlich erst wie klein man ist, wenn man den Bezug zu dem Großen aufgebaut hat. Riesen Hörsääle für 600 Leute, und da sitzt man zwischen vielen anderen anonymen Gesichtern. S-Bahn, U-Bahn- einer steigt ein, einer steigt aus, und alle tragen dieselbe situationsbedingte Maske, die unverkennbar: NICHTS! schreit.

Da merkt man, wie sehr man sich verschätzt hat in seiner eigenen Selbstkentniss- dass man doch nicht so offen und flexibel und zugänglich ist, wie man immer dachte, weil man sich erschreckt, wenn man auf offener Straße angesprochen wird. Weil man an einer so großen Institution wie der Universität nur drei Leute kennt, und langsam keine Ausreden mehr einfallen, wie man mehr ansprechen könnte.

So läuft das. Auf einmal ist das Ego ganz klein und man fährt alleine nach Hause und scheut sich, lachend und tanzend herumzuspringen, so wie man es normalerweise cool finden würde, weil man keinen Namen hat, der das rechtfertigen könnte. Man muss jetzt langsam selbst anfangen, sein Haus zu bauen, ein großes Reklameschild dranhängen, und nicht nur mit dem Geburtsstempel der Heimatstadt gesegnet sein.

Das ist Bürde, aber mehr als das ist es Freiheit- denn man wächst. Man wächst mit jedem Wort, dass man an Fremde richtet, und man lernt sich selbst kennen. Fängt an, Menschen zu dutzen, weil man das hier eben so tut, auch wenn die Etikette einem anderes sagt. Man macht sich locker, auch wenn man für “Zu Hause”-Verhältnisse eben verdammt locker war, und noch lockerer ist nur ein Haufen Schnee auf einer Erdnuss.

Die Nachbarn kennen lernen- spätestens, wenn sie das Paket nach einer Woche immer noch nicht abgegeben haben. Den Chinamann untem am Haus testen, auch wenn er extrem unfreundlich sein soll. Den Typen am Kiosk grüßen, wo man jeden Tag seine Kippen kauft. Schritt für Schritt, langsam, aber irgendwann kommt man da hin. Und dann gehört die Welt mir.


Posted: October 4th, 2008 | Author: septemberRAVEr | Filed under: Weltkulturerbe | 8 Comments »

Ich habe lange überlegt, warum ich eigentlich nach Berlin wollte. Gestern sind mir diese Gründe alle auf einmal wieder eingefallen- und das, nachdem ich schon in Panik und Verzweiflung wochenlang glaubte, dass ich die falsche Entscheidung getroffen hätte.

Das erste Mal, als ich Berlin besuchte, war ich 14 Jahre alt und mit meiner Mutter zu einem ihrer Religions-Seminare unterwegs. Da sie den ganzen Tag beschäftigt war, konnte ich mich in irgendwelche Busse oder U-Bahnen setzen und durch die Stadt düsen. Ich hatte damals erst ganz frisch noch einen Film über Hitler, den zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit gesehen, irgendein grottenschlechter Spielfilm. Aber dennoch blieben die Bilder im Kopf- und als ich in Berlin war, spürte ich genau, was dieser Film versucht hatte zu sagen.

Berlin ist eine historische Stadt- aber so frisch die Wunden und Narben, dass man die Geister der Vergangenheit an jeder Ecke spürt. Reichstag, Siegessäule, Brandenburger Tor- das sind zwar nicht unbedingt die Orte, an denen ich mich jetzt aufhalte, aber es sind die Stellen, die einen immer wieder faszinieren, daran erinnern, was passierte. Das Grundgesetz ist auf jedem wichtigen Gebäude abgedruckt oder erwähnt, die anti-faschistische Szene in Demos so präsent, dass man kaum weggucken könnte. Selbst wenn man es wollte.

Es hat mich erschlagen, aber nicht negativ. Nach der ganzen Tourirunde fühlte ich mich auf einmal belebt, wenn teilweise auch depressiv und vom Weltschmerz überkommen. Aber es war gut- denn Berlin zeigt dir nicht, wo die Moderne liegt, nicht irgendeine außergewöhnliche Schönheit, sondern klipp und klar das, was eine europäische Großstadt einfach ist- dreckig, laut, und voller Geschichte. Das packt mich, das fesselt mich.

Aber so einen Strebergrund brauch noch nicht mal ich, um Berlin gut zu finden. Natürlich gibt’s ranzige, unsympathische Orte und Seiten- aber größenteils ist diese Stadt einfach der Inbegriff von Freiheit und Ausbruch aus schrecklichen Systemen, jedenfalls für mich. Da gibt’s noch eine gewisse Undergroundszene an Kunst und Musik, an Gruppierungen und Lokalitäten, die ich entdecken möchte. Klar gibt’s das auch in Frankfurt- aber nicht in diesen Ausmaßen. Im Übrigen ist Frankfurt auch viel schöner und hat einen klareren Großstadtflair, wohl wegen der Skyline. Auch das Mainufer ist gepflegter. Nur ist es niemals so entspannt und doch gereizt und gefährlich.

Es gibt noch viele andere Gründe dafür, warum ich hier bin. Die sind allerdings nicht mal im Ansatz nachvollziehbar, muss auch nicht sein. Mir geht’s grad gut, und ich hoffe nur, dass es für eine Weile auch so bleibt.