Raven
Posted: February 15th, 2009 | Author: septemberRAVEr | Filed under: Weltkulturerbe | 6 Comments »Ich war mit fünfzehn jungen Jahren mal in einem üblen Schuppen, wo ich das erste Mal etwas vom Genre “Indietronix” hörte und mich der rockig-punkigen Stimmung auf tanzbarem Hintergrund hingab. Trotz des Schweißes, trotz des Gestanks (wobei damals kein Rauchverbot herrschte und es deshalb angenehm genug war), trotz der rumspringenden Menschen (wer wusste mit 15 schon, wie getanzt wird?), trotz der Bierfahnen und der Tränen in den Augen vor Extase.
Wir hatten keine Kameras, wir sahen alle scheisse aus in zerfledderten Jeans und Pullovern, wir waren bei weitem nicht die Ältesten und bei weitem nicht die Jüngsten, wir haben nur Bier getrunken weil es nichts anderes gab, unsere Jacken lagen irgendwo in der Ecke des Clubs übereinandergestapelt weil Gaderoben überbewertet wurden, gepinkelt wurde hinterm Busch, acht Stunden später gekotzt und irgendwann torkelte man dann mit zitterenden Händen nach Hause. DJ’s gabs damals irgendwie auch nicht.
Ich war vor einigen Tagen in einem “Club” in Friedrichshain der in etwa genau das aussagen wollte, was ich vor Jahren selber gespürt hatte- nur leider nicht konnte. Und obwohl ich heute solche Musik nicht zum Tanzen sondern zum Autofahren bevorzuge und die Location alles andere als praktikabel für meinen geradegeschnittenen Pony ist, fand ich es trotzdem gut, weil ich mit meinen wunderbaren Freunden da war und Spaß haben durfte. Aber irgendwas war anders. Ich habe mich beobachtet gefühlt, als hätte ich mein Leben bei HotOrNot.com abgegeben und darauf gewartet, von Gleichgesinnten bewertet zu werden. Frei nach dem Motto: Wer kann am besten wild, dreckig und beschissen aussehen? Ja, klar- eine Beobachtung aus dem Augenwinkel, ein hintergründiger Gedanke ohne tatsächliche Bedeutung, wenn da nicht dieser Artikel gewesen wäre.
Ich hatte meinen Spaß im Club, aber ich habe vor einigen Tagen einen Artikel gelesen (danke an R.), der das ganze wieder auf den Boden der Tatsachen brachte. Der Tod der westlichen Kultur- der Hipster-Zombie. Und jetzt fiel es mir auf: Es reihte sich eine Röhre neben der nächsten, eine 70er Jahre Brille nach der anderen, in Reihenfolge wurde jeder gegen die Wand abgelichtet, sie sahen gleich aus aber anders, unterhielten sich über “The Indie Shit of the Month”, über die neuesten Insider Trends in Sachen Berliner Boutiquen, über Sushi über American Apparell über Vice über Apathie über Electro über neue Hi-Tops über Anti-Frisuren über KOTZ.
Mir war das vorher nicht bewusst. Mir war nicht bewusst, dass diese Welle des ätzendsten Trends aller Zeiten jetzt auch Deutschland erreicht hat. Ja, in den USA gibt es sowas- in den USA nennt es sich “White Trash Movement”, jedenfalls betitel ich es als genau das- in den USA gibt es sowieso alles im Überfluss. Von mir aus auch in der Neo-Hippie Hochburg Barcelona, maybe in Paris, wo man das neue Elektro erfand. Aber jetzt ist das Fotografieren mit der analogen Kamera eben doch nicht mehr so einfach wie noch vor einigen Wochen, nicht mehr so belanglos, nebensächlich- meine analoge Kamera hat eine exorbitante Bedeutung, für die ich mich im Prinzip rechtfertigen müsste.
“Ich bin kein Hipster”, würde ich gerne sagen, aber wenn man mich so gesehen hätte, in diesem Schuppen- Leggings, langes Oberteil, Red Bull in der Hand, scheiss Pony mit dem ich aussehe wie eine Trompete, High-Tops, Lederjacke. Dann die analoge Kamera in der Tasche, der ausgeleierte Techno-Tanzstil der überhaupt nicht geht und das disaströse Mitgröhl-Fieber, dass einen eben bei Indie-Musik packt. Die Fluppe im Maul, diese hemmungslose Apathie, wenn es sowas gibt.
Ich bin zerstört, innerlich, weil ich der Überzeugung bin, dass ich so Aussehe, wie ich eben aussehen will- weil es mir steht oder eben auch nicht. Ich weiß, dass ich High Tops auch früher gut fand und früher auch welche hatte- aber hatte ich so viele Paare? Ich weiß, ich habe Röhrenjeans gehasst, jetzt hab ich drei, plus ungefähr zweiundachtzig Leggings. Ja, der iPod war auch schon vor 4 Jahren da, die Lederjacke auch– aber die analoge Kamera nicht, und der pinke Nagellack auch nicht, und die gerafften Kleidchen auch nicht.
Ein 360° Blick sagt aber alles- war es bei ihnen vielleicht nicht genauso? Ich verurteile keine Trends, nur Leute, die ihnen blind und ohne Ansporn hinterherrennen. Wenn Leute nicht raffen, warum es den Trend gibt, wie er entstand, sondern einfach meinen: Hey das sieht gut aus so bin ich jetzt auch. Okay, fand ich ätzend, und ich bin immer der Meinung gewesen, ich müsste ihnen einfach nur nicht folgen. In Retroperspektive betrachtet habe ich mir meistens das Beste rausgenommen und es für mich verwertet. Diesmal ist es anders. Diesmals passe ich so perfekt in dieses Bild rein. Diesmal muss ich mir die Frage stellen: Bin ich so, weil ich so bin, oder bin ich so, weil ich so wurde?
Da streife ich in meiner Überheblichkeit also monatelang durch das Gefilde der Hipster und verurteile sie gleichermaßen ohne einen Moment stehen zu bleiben und darüber nachzudenken, ob das, was ich tue, nicht schon wieder einfach fremdbestimmt ist.
Habe ich ein Problem damit, dass ich (schon wieder) zu einer Masse gehöre, die blind irgendwelchen hedonistischen Prinzipien verfolgt ohne jegliche essentielle Motivation? Ich glaube nicht. Ich glaube, ich fühle mich sogar eher wohl, wenn andere so sind wie ich oder ich mich dazugehörig fühlen kann. Das mag man verurteilen, wie man will, ich brauche nicht anders zu sein, weil ich das schon mal hatte und mich darin scheisse fühle. Mein Problem ist, dass der Sinn dahinter nicht besteht, dass ich keiner Gruppierung zugehöre, die Iros auf dem Kopf trägt als Symbol für eine Bewegung- politisch, musikalisch, naturwissenschaftlich, scheisse. Ich glaube, ich gehöre einer Gruppe von Menschen an, die sich in Stil- und Stillosigkeit verirrt. Ich gehöre zur Null-Kultur. Ich gehöre in die ganzen pseudo-ranzigen Clubs, die eine hammerharte Techno Line-Up haben. Ich gehöre auf ein MGMT Konzert, ich gehöre in die MySpace/Facebook “Ich zähle meine Freunde” Gruppe, und wenn man mich sieht, dann fragt man sich am liebsten: Scheisse, wo hat die eigentlich diese geilen Schuhe her?
Leider ist das hier nicht Fight Club, das ist nicht etwas, dass man ausspucken und bekämpfen und verachten und ignorieren kann. Das hier ist nichts mehr, von dem ich mich distanzieren und belächeln kann. Ich gehöre jetzt da rein, gewollt oder ungewollt, und muss sich mit einer grundlegenden Frage rumschlagen: Wo bin ich gelandet?
Vielleicht wäre aber eine andere Frage viel wichtiger: Warum störe ich mich so sehr daran? Es stört mich doch auch nicht wenn ich die Brandenburgkarrieren sehe- die Jacquelines mit den weißen Stiefeln und der Solariumbräune und den Machofreunden und dem aufgesetzten IschNixDeutsch und die blondieren schwarzen Haare mit Ansatz und Extensions und Oberlippenpiercings. Nicht unbedingt meine persönliche Augenweide, aber ich kann sie hinnehmen, akzeptieren, tolerieren und in manchen Fällen sogar ganz gut damit klarkommen, habe Freunde, die so sind, ohne sie zu verurteilen. “Die sind halt so”, und ich glaube es ihnen auch.
Wenn ich aber jemanden sehe, der Creolen trägt, American Apparel XS Kleidchen auf lila Leggings mit Nike High Tops, Kippen aus dem Softpack in der Hand hält und Blümchenmusterfahrrad fährt, dann möchte ich aufschreien und kotze ein bisschen vor mich ihn. Ich will hingehen und sie am Kragen packen und fragen, warum sie so aussehen, warum sie das cool finden, warum ICH das cool finde, warum die nichts mehr auf die Reihe kriegen, warum ich nichts mehr hinbekomme, warum das jetzt auf einmal In ist, so zu sein–
Ich passe da so wunderbar rein, in dieses Bild, und ich wüsste einfach so gerne, wieso. Das ist alles.
Update: Link funktioniert jetzt! Lest den inspirierenden Artikel hier.
Schön geschrieben, darüber hab ich mir auch schon viele Gedanken gemacht. Man findet Sachen anscheinend immer gleichzeitig mit vielen anderen plötzlich schön, oder auch veraltet. Man versucht Individuell zu sein und eifert dohc wieder anderen nach, meist ohne es zu merken. Mode und Geschmack sind manchmal so unglaublich komische Dinge. Man denkt man hat seinen eigenen Geschmack und ist unabhängig von anderen und doch lässt man sich trotzdem von der Gesellschaft beeinflussen. Wenn man sich on der Masse abgrenzt landet man doch wieder in einer anderen Gruppe der Nicht-Individualität. Ich bin jetzt langsam über den Punkt hinaus, immer zwanghaft “individuell” zu sein, das hat irgendwie alles keinen Sinn.
Was ist den am Ende das Problem dabei? Man möchte zwar nicht zur Masse gehören aber allein sein will man dann doch nicht. Man möchte nicht so sein wie alle und lässt sich doch von anderen inspirieren. Das liegt wohl einfach in der menschlichen Natur. Der Mensch sucht Anerkennung, und dafür gleicht er sich seinen Artgenossen an. Wenn man es sich so überlegt, woher soll man(bzw. das Unterbewusstsein) denn teilweise auch wissen was “schön” ist? Schlaghosen fanden die Leute auch mal schön, in ein paar Jahren sicher wieder. Und wer weiß, ich und du vielleicht auch. Im Endeffekt mag man das, was andere auch mögen.
Das sind nur ein paar Gedankengänge von mir, über dieses Thema könnte man ewig philosophieren aber richtig erheiternd ist es nicht. Manchmal hätte ich Lust Einsiedler auf einem einsamen Berg zu werden, ohne Mode, Gesellschaft, Geschmack, den ganzen Scheiß, aber irgendwie geht das dann doch gegen die eigene Natur.
Im Moment versuche ich einfach nicht darüber nachzudenken, so weitermachen wie vorher, das machen was mir gefällt, ob ich da jetzt beeinflusst werde von außen oder nicht.
Aber den inneren Frieden hab ich in dem Punkt noch nicht gefunden.
Achja: der Link funktioniert irgendwie nicht, komme ich zu irgendner GMail Seite…
und kurz fassen kann man sich zu so nem Thema auch nie, obwohl ich das Gefühl habe, noch tausende Dinge dazu sagen zu können…
wow. i’m blown away.
ich finde, dass ist der mit abstand beste text, den du bis jetzt verfasst hast. zugegeben, ich lese noch nicht sooo lange hier und langzeit-blogger mögen das anders beurteilen, aber diese abgrundtiefe ehrlichkeit/selbstkritik… holy shit.
ps. vielleicht kannst du mit den ‘brandenburgkarrieren’ (sehr schönes wort übrigens) deswegen klarkommen cause they keep it real, im wahrsten sinne. die finden ihren proll style ehrlich gut. die tragen ihre klammotten und fahren ihre autos, weil sie es einfach, banal ausgedrückt, ’schön’ finden.
bei den indie stylern hat man hingegen den eindruck, dass sie eigentlich nicht wissen wo sie hingehören. wenn in 5 jahren auf einmal batik shirts und bandanas in berlin ‘in’ sind, werden sie auch das tragen, egal wie sehr sich vor (und nach) dem trend darüber schlappgelacht hätten.
ich deine innere zerrissenheit sehr gut verstehen, wenn man zu 100% hinter seinem eigenen stil steht, weil man ihn, wie die prolls, einfach und ehrlich mag, sich damit aber inmitten aufgesetzter trendhuren (falls sie, wie du schon richtig bemerkt hast, es denn wirklich sind – wovon ich aber in 90% der fälle ausgehe) wiederfindet.
ich trage übrigens immernoch den gleichen, leicht-baggy, leicht-angeranzten surfer/skater style den ich vor knapp 10 jahren schon cool fand (ein paar abweichungen in puncto farben) und fühl mich sauwohl dabei :)
Wir mussten unsere schwarzen Mäntel entsorgen, als Blade und Matrix rauskamen. Es sah komplett lächerlich aus, wir wussten es, alle wussten es. Immerhin waren wir 12, mit 12 trägt niemand Mäntel und es war schwer genug überhaupt Mäntel für so kleine Menschen wie uns zu finden. Wir wollten uns nur abgrenzen, anders sein.
Es wurde Trend, wir waren unbeteiligt daran. Alle liefen mit diesen Mänteln herum. Seitdem hab ich nicht wieder probiert anders zu sein. Individualität ist mittlerweile unmöglich.
(Ich hab’ den Mantel mit 16 oder 17 noch mal eine zeitlang ausgegraben, weil er praktisch und warm war – und mir war es mittlerweile total egal, was man über meinen Stil sagt.)
Freakatronic – T-Shirts, die man nicht mehr tragen kann, weil der Hype losgeht
Könnte es einfach der Wunsch sein aufzufallen? Persönlich fühle ich mich wohl, wenn ich in der Masse untergehe. Ich liebe diese Form der Anonymität.
Mein Charakter definiert sich nur zu einem Teil über mein äusseres Auftreten. Individualität braucht keine Abhebung von der Masse, Individualität ist definiert sich auch durch Eigenschaften die sicherlich auch bei anderen Menschen zu finden sind, aber eben nicht in dieser Kombination. Das gleiche Problem hatte Marty aus dem jüngeren Madagascar-Film auch (er war aber halt das schwarze Zebra mit den weißen Streifen, während alle anderen Zebras weiß mit schwarzen Streifen waren [oder umgekehrt] wie Alex vernunftbegabt angemerkt hat).