Es ist nicht vorbei, es klingt nur anders.

WeltRaumZeitFremd

Posted: October 29th, 2008 | Author: septemberRAVEr | Filed under: Weltkulturerbe | 11 Comments »

Man merkt tatsächlich erst wie klein man ist, wenn man den Bezug zu dem Großen aufgebaut hat. Riesen Hörsääle für 600 Leute, und da sitzt man zwischen vielen anderen anonymen Gesichtern. S-Bahn, U-Bahn- einer steigt ein, einer steigt aus, und alle tragen dieselbe situationsbedingte Maske, die unverkennbar: NICHTS! schreit.

Da merkt man, wie sehr man sich verschätzt hat in seiner eigenen Selbstkentniss- dass man doch nicht so offen und flexibel und zugänglich ist, wie man immer dachte, weil man sich erschreckt, wenn man auf offener Straße angesprochen wird. Weil man an einer so großen Institution wie der Universität nur drei Leute kennt, und langsam keine Ausreden mehr einfallen, wie man mehr ansprechen könnte.

So läuft das. Auf einmal ist das Ego ganz klein und man fährt alleine nach Hause und scheut sich, lachend und tanzend herumzuspringen, so wie man es normalerweise cool finden würde, weil man keinen Namen hat, der das rechtfertigen könnte. Man muss jetzt langsam selbst anfangen, sein Haus zu bauen, ein großes Reklameschild dranhängen, und nicht nur mit dem Geburtsstempel der Heimatstadt gesegnet sein.

Das ist Bürde, aber mehr als das ist es Freiheit- denn man wächst. Man wächst mit jedem Wort, dass man an Fremde richtet, und man lernt sich selbst kennen. Fängt an, Menschen zu dutzen, weil man das hier eben so tut, auch wenn die Etikette einem anderes sagt. Man macht sich locker, auch wenn man für “Zu Hause”-Verhältnisse eben verdammt locker war, und noch lockerer ist nur ein Haufen Schnee auf einer Erdnuss.

Die Nachbarn kennen lernen- spätestens, wenn sie das Paket nach einer Woche immer noch nicht abgegeben haben. Den Chinamann untem am Haus testen, auch wenn er extrem unfreundlich sein soll. Den Typen am Kiosk grüßen, wo man jeden Tag seine Kippen kauft. Schritt für Schritt, langsam, aber irgendwann kommt man da hin. Und dann gehört die Welt mir.


11 Comments on “WeltRaumZeitFremd”

  1. 1 Marcel said at 5:13 pm on October 29th, 2008:

    Berlin ist erschreckend groß und anonym. Hab Geduld, dann öffnen sich für dich immer mehr die Menschen und die Stadt selbst.

  2. 2 bastih said at 5:44 pm on October 29th, 2008:

    all das von berlin, was man sich immer herbeigesehnt hat, von außerhalb, wirkt riesig und kalt und extrem extrovertiert. es ist nicht die stadt und es sind auch nicht die menschen. es gibt nicht mehr allzu viele berliner in berlin. die stadt ist aufgerissen worden von allem. sie ist groß geworden und wird immer ein ungewöhnliches ungetüm bleiben. das ist berlin auch nach mehr als 20 jahren für mich geblieben. es ist meine heimat.

    und all jene, die es zu ihrer heimat machen wollen, es dauert keine paar monate und auch kein jahr. es dauert jahrzehnte. klar kann man sich ein “zuhause” in berlin schaffen, aber heimat? nein! und was ich auch noch sagen will. du öffnest dich dieser stadt, sara, ja. und komm dir nicht klein vor oder eingeschüchtert. 3,5 millionen sind viel. und du wirst eine unsicherheit niemals ablegen in dieser metropole. das geht einfach nicht. du machst die richtigen schritte, der chinamann, der kiosk-typ, der nachbar. und langsam dehnt sich das.

    alleine ist das härter. du gewöhnst dich an dieses merkwürdige gefühl in berlin. und dann durchfließt es dich irgendwann und dann lebst du damit und dann bist du wirklich zufrieden. anonymität und größe sind nur große tore. und sie sind so groß, damit alle durchpassen. wieso will man da auffallen. einen wechsel zu einer neuen identität ist doch eigentlich unsinn. saras rodgau skills passen optimal in berlin rein. du musst dich nicht ändern, wegen scheiß berlin, wegen den menschen. alle sind angekommen. manche gehen wieder. du bist schon solange geistig in berlin. also sei da so, wie du es willst. alles dauert eben. genauso wie ein großes batman-kinoPLAKAT ZU BEKOM…. AAAAAAAAH :D.

    b

  3. 3 torschtl said at 6:36 pm on October 29th, 2008:

    hey sara,
    mit dem problem bist du nicht allein. Kontakt knüpfen ist extrem schwierig, wenn man nicht ganz so extrovertiert ist. Ich bin es nicht und da niemand, den ich schon von der Schule kannte zusammen mit mir das gleiche Studium begonnen hat, wird es auch noch ein wenig dauern, bis ich wirklichen Anschluss gefunden habe. Noch dazu kommt, dass viele entweder einen Freund/in schon mitbringen oder – im Gegensatz zu mir – in einem Wohnheim wohnen und den ganzen Tag zusammenhängen und sich deshalb kennen lernen…

    time will tell.

  4. 4 cassiopeia said at 7:09 pm on October 29th, 2008:

    der tortschtl hat’s ja schon gesagt: “Noch dazu kommt, dass viele entweder einen Freund/in schon mitbringen…” richtig schnell findet man nur “guten” anschluss, wenn es allen gleich geht, wenn alle gleich in der “fremde” sind. so hat’s mir zumindest meine erfahrung gezeigt. in frankfurt habe ich ungefähr drei jahre gebraucht, um sagen zu können, ja ich hab da sowas wie freunde gefunden, weil ebend alle anderen dort schon ihren freundeskreis hatten und sich um einen nicht gescheert ham.
    da, wo ich jetzt bin, sind alle von “woanders” her und ich fühle mich so wohl wie die ganzen letzten zwei jahre in meiner letzten wahlheimat nicht. ich weeß, es frustet, wenn man so viel alleine ist. aber mittlerweile finde ich das überhaupt nicht mehr schlimm alleine durch die stadt zu ziehen (außer jetzt vielleicht abends weggehen. das fänd ich irgendwie sinnfrei. so alleine.) ich mag das total für mich zu sein. halt in einem gewissen maß. ja ähm, gut, das liegt vielleicht nicht jedem.
    ich wünsch dir, dass du bald zufriedener wirst…

  5. 5 Katharina said at 8:09 pm on October 29th, 2008:

    “Weil man an einer so großen Institution wie der Universität nur drei Leute kennt, und langsam keine Ausreden mehr einfallen, wie man mehr ansprechen könnte.”

    Danke. Danke! Mir geht es haargenauso! Nur in einer anderen Stadt. Haargenauso!

  6. 6 kid yeah! said at 2:55 am on October 30th, 2008:

    “ein Haufen Schnee auf einer Erdnuss?” wtf?!

    Anyways. Um Anschluß zu knüpfen hat bei mir immer geholfen: in eine große WG ziehen. Hab in vier Jahren vier mal die Stadt gewechselt, hat immer geklappt. Hatte allerdings auch immer das Glück, an coole Leute geraten zu sein. Aber von so richtigen Arschloch-Wohngemeinschaften hab ich bis jetzt auch noch nix gehört…

    Zu Berlin: Zum feiern gibt es momentan weltweit keine besser Stadt. Ab und zu für ein Wochenende durch die Clubs ziehen, gerne. Wohnen würde ich dort z.Zt. allerdings auf keinsten Fall wollen. BastiH hat es sehr gut gesagt, es würde eine Ewigkeit dauern, es als Heimat zu bezeichnen und das brauche ich, wenn ich mich wirklich wohlfühlen will.

    Der Stadt fehlt in meinen Augen ‘Charakter’ – weil ihr ein Menschenschlag verloren gegangen ist. Hamburg ist nun mal voll von unterkühlten Indiepoppern und Werbern, Frankfurt von Bankern und Assis, München von Schickis und kiffenden Surferboys (Klischees, ich weiß, aber eben gerade deswegen…). Jedoch verbindet diese Menschen zumindest die Identifikation zu ihrer Stadt, eine Art kollektives, auch regional beeinflusstes Lebensgefühl. Das fehlt in Berlin. Der großmäulige, ‘echte’ Berliner wurde ersetzt durch Hundertschaften zugezogener Hipster auf der Suche nach dem heiligen Gral. Here we are now, entertain us. Warum Berlin? Ja, weil es eben Berlin ist. Weil da alle hingehen. Weils da grad abgeht, Alter! Großstadt. Party. Aufbruchstimmung. Endlich leben. Nur, wie will man sich mit einem Melting Pot identifizieren, der, umgeben von nichts, selbst noch nicht weiß, wohin die Reise gehen soll?

    Frag mal einen echten Berliner – vielen geht diese ‘feindliche Übernahme’ ziemlich auf den Keks. Vor allem, wenn dir jemand, der dort noch im Hostel wohnt, weil er keine Wohnung gefunden hat, in breitestem schwäbisch auf die Frage, woher er denn herkomme, mit “Hajoo, ausch Berliiin!” antwortet…

    Ich geb dem ganzen Hype noch 10 Jahre bis der ziellose, hungrige Mob die Stadt an der Spree leergesaugt und eine neue Lieblingscity gefunden hat. Dem aktuellen geographischen Trend zufolge müsste das dann Moskau werden. Oder mal wieder der Klassiker London.

    Warum genau wolltest du eigentlich nochmal dahin?

  7. 7 saripari said at 8:03 am on October 30th, 2008:

    Ich glaube, meine Situation wurde völlig falsch aufgefasst. Ich habe mich niemals darüber beschwert, wie es gerade ist- im Gegenteil, ich gehe voll darin auf. Dass es anders ist und vielleicht auch anders als erwartet ist das, was ich hier so darstellen will. Ich will mich gar nicht beklagen.

    KidYeah- du pauschalisierst hier wie kein anderer. Das, was ich über Berlin schreibe, hätte ich auch über Buxtehude schreiben können. Es geht nicht um die Stadt an sich, sondern um das Erlebnis, in einer fremden Stadt zu sein- was natürlich um einiges intensiver wird, wenn es eine Großstadt ist. Wie “verkommen” Berlin ist durch den Zuwachs Millionen anderer- das ist eine ganz andere Sache, die man im Übrigen auch über ganz andere Städte sagen könnte- vielleicht nicht unbedingt in Deutschland, aber ich würde mal behaupten, dass Städte wie New York oder Tel Aviv genau deshalb so beliebt sind, WEIL sie so überrannt wurden von großen “Mobs”. Ich glaube, ich habe genug Gründe in diesem Blog aufgeführt, warum ich nach Berlin wollte- ist es, weil ich keine andere Stadt kenne? Ist es, weil sie mir am besten gefällt? Ist es, weil ich alle Städte kenne und sie mir am besten gefällt? Ist es, weil ich hier Freunde habe? Ist es, weil ich hier keine Freunde habe? Ist es wegen dem Studium? Ist es die einzige Stadt, in der ich es mir leisten kann, zu wohnen? Ist es, weil es alle machen? Ist es, weil sie so einladend, oder ausladend ist? Ist es, weil ich mich auch im Hype suhlen möchte? Ist es weil ich so dumm bin darauf reinzufallen, weil jeder so dumm ist reinzufallen?

    Ich werde mich jedenfalls hüten, die noch dümmere Sache zu begehen, irgendwoanders hinzugehen, nur weil es nicht mehr “cool” ist, nach Berlin zu ziehen- weil es alle tun oder sonstirgendwas. Mir gefällt Berlin, mehr gibt es nicht zu sagen, und ich lebe gerne hier. Wenn du nicht dort leben willst weil du Jetsetter bist und eine Millionen anderer, viel COOLERE Städte gesehen hast, hab ich wohl Pech gehabt. Aber das ändert rein gar nichts an meiner subjektiven Auffassung.

    Trends werden geboren und sterben irgendwann. Davon beeinflusst werden wir in jeglicher Hinsicht, es stellt sich allerdings die Frage, ob man darauf reagiert oder nicht- und wenn man darauf reagiert, ob man sich breitbeinig und mit verschränkten Armen dagegen stellt weil man ein trotziger Rebell ist oder ob man dem Drang nachgeht und seine eigenen Wünsche beachtet unabhängig davon was der Rest der Masse tut.

    Außerdem hab ich keinen Bock mehr mich zu rechtfertigen, Leute. Ihr geht mir alle aufn Sack.

  8. 8 pulsiv said at 8:24 am on October 30th, 2008:

    ej… bloß nich zuviel auf jeden kommentar geben!
    ich finds wie immer schön geschroben, und möchte wieder mal einen schmalzigen spruch da lassen, der natürlich auch wieder nicht von mir ist:

    “heimat ist ein großes wort. so richtig erkennt man es erst aus der ferne. so riesig stehen die buchstaben am horizont.”

    wer die heimat nicht sieht, müsste also quasi zuhause sein. :)

  9. 9 Mone said at 8:49 am on October 30th, 2008:

    Hab die andere Kommentare jetzt nicht durchgelesen, aber es ist total aufregend “neu anzufangen” (man beachte die Anführungszeichen!). Man muss sich Stück für Stück (neu) einleben und könnte sich auch als ganz anderer Typ verkaufen. Have fun! :D

  10. 10 kid yeah! said at 9:17 am on October 30th, 2008:

    heyheyhey, mach mal low. so böse war das gar nicht gemeint, zumindest nicht gegen dich :D

    die frage zum schluß war wirklich ernst und sollte kein affront sein. ich lese deinen blog nicht jeden tag und selbst wenn, kann ich mich leider auch nicht an alles erinnern was du schreibst. wollte wirklich nur nochmal hören was deine eigentlichen beweggründe waren dort hinzuziehen, ‘in a nutshell’ sozusagen. daher war es auch nicht mein anliegen, dich mit ‘all den anderen’ zu vergleichen (ok, vielleicht ein bisschen ;) ), weil ich eben nicht weiß, was genau du dort zu finden suchst.

    aber natürlich pauschalisiere ich. es ist eine eindruck, den ich von der stadt habe, gebildet aus besuchen, gesprächen mit ‘echten’ berlinern und gesprächen mit zugezogenen. länger als ein paar tage hab ich mich noch nie dort aufgehalten. ich will hier jetzt auch nicht zurückrudern, ich steh zu meiner ansicht. ich verstehe den hype eben einfach im falle berlin nicht (mehr). es fehlt mir, wie gesagt, irgendwie eine gewachsene seele dort.

    aber das bin nur ich, und ich wollte mit meinem kommentar auf keinen fall deine erlebnisse dort schlecht machen oder in den dreck ziehen. hoffe, das ist jetzt angekommen…

  11. 11 saripari said at 11:43 am on October 30th, 2008:

    Ich weiß dass du an und für sich nichts in den Dreck ziehen willst, aber deine Art etwas zu belächeln und zu pauschalisieren kann leider manchmal missverstanden werden- wenn du nämlich pauschalisierst schließt du alle mit ein, inklusive meiner Wenigkeit.

    Das mit dem Hype um Berlin verstehe ich allerdings auch nicht. Ich meine, ich weiß warum ICH nach Berlin wollte, aus verschiedenen Gründen, die ungefähr so aussehen: Großtstadt, weit von zu Hause weg, Party, Uni/FH, Sympathie der Stadt und Finanzen. Natürlich hängt da überall noch ein bisschen mehr hinten dran, aber im Grunde genommen ist es genau das. Ich bin mit Sicherheit nicht nach Berlin gezogen um hier etwas erleben was ich NUR hier erwarten kann. Berlin hat sicherlich seine einzigartigen Seiten, sei es um die Armut, sei es um den Stil, sei es um die ganzen Trend-begeisterten Leute die den Berlinern aufn Sack gehen, aber ich bin nicht wegen dem ganzen Kram hier. Ich bin hier weil es mir gefällt, und ich denke, das ist alles, was man wissen muss.